WAS IST WAS für Zwillingseltern: Sichtweisen einer Mutter

Leben mit Zwillingen – wie läuft das eigentlich bei euch? Zwillingspapa und Buchautor  Tillmann Schulze hat euren Fragen vor einiger Zeit Rede und Antwortgestanden. Jetzt folgt die zwillingsmütterliche Sicht der Dinge – meine. Wie war das bei uns mit der Elternzeit, welche Kommentare zu den Zwillingen lassen mich am stärksten die Augen verdrehen, wie waren die ersten Nächte zu viert und vieles mehr erfahrt ihr hier…

Papa mischt mit.

Wie hat bei euch der Zwillingspapa die Möglichkeit der Elternzeit genutzt, und würdet ihr es wieder so machen?Mein Mann hatte vor meiner Zwillingsschwangerschaft noch einmal angefangen zu studieren. Eigentlich wollte er direkt nach der Geburt seine Bachelor-Arbeit schreiben. Haha. Das hat er angesichts des Chaos’, das im Doppelpack über uns hereinbrach, vorerst an den Nagel gehängt. Er hat die letzten, nötigsten Seminare gemacht und wir haben knapp ein Jahr lang von unseren Ersparnissen und meinem Elterngeld gelebt. Das hat super funktioniert, da ich vorher gut verdient habe und es für uns vier tausend Mal besser war, uns finanziell einzuschränken und wir dafür dieses erste Jahr weitgehend gemeinsam meistern konnten. Seine Arbeit hat er dann geschrieben, als die Jungs sieben Monate alt waren. Dabei war er aber noch etwas flexibler als in der Stelle, die er anschließend angetreten hat. Wenn es Familien irgendwie möglich ist – insbesondere nach Zwillingsgeburten, kann ich eine lange gemeinsame Elternzeit nur empfehlen. Insbesondere, wenn man wie wir so gut wie keine familiäre Unterstützung hat. Sollte es bei uns nicht bei zwei Kindern bleiben, wird das aber in dem Umfang nicht mehr möglich sein. Doch irgendeine Form der väterlichen Elternzeit wäre auch dann wieder für uns alle total wichtig.

Zwillingseltern können ja quasi täglich Zwillings-Bullshit-Bingo spielen. Welcher Kommentar oder welche Frage nervt dich am meisten und was war der blödeste oder seltsamste Spruch, den du zu hören bekommen hast?„Oh, ein Junge und ein Mädchen?“ …das ist quasi eine Standardfrage, wenn ich mit den Zwillbos unterwegs bin. Ungeachtet dessen, dass beide Kinder dunkelblaue Anzüge und graue beziehungsweise schwarze Mützen tragen. Mein absolut rotes Tuch unter den unqualifizierten Sprüchen ist allerdings folgender: „Oh, zwei Jungs…das ist aber schade, oder?“ Genau. Total schade, dass ich zwei gesunde männliche Kinder habe. Und schade, dass Ihr Mund schneller ist als Ihr Kopf. Das allerdings habe ich bislang noch nicht ausgesprochen. ich bin ja höflich. Jedoch hebe ich stets zur Gegenfrage an: „Warum finden Sie das schade?“ Wenn man ein bisschen Glück hat und der Gesprächspartner doch ein wenig mehr Verstand besitzt als zuvor angetäuscht, fällt ihm dann auf, wie bescheuert diese Sichtweise ist. Interessant finde ich auch, dass quasi JEDER, der Zwillingseltern ein Gespräch aufzwingt anbietet, auch einen Hamster hat, dessen Bruder Tennislehrer ist, der einen Bekannten hat, der AUCH Zwillinge hat. Irre!

Schutt und Asche? Können wir.

Ab wann spielen Zwillinge morgens miteinander, ohne dass das Zimmer danach einem Schlachtfeld gleicht?Ich weiß es nicht, ich hege große Hoffnungen für das Jahr 2036! Ich muss allerdings dazu sagen, dass ich diesen Anspruch derzeit noch nicht an unsere Kinder habe. Ich bin froh, dass sie mit ihren zweieinhalb Jahren oft gut und ausdauernd miteinander spielen. Sie wissen, welche Dinge mir wichtig sind und wovon sie die Fingerchen lassen sollen. Für den Zweifelsfall habe ich aber alles, was mir wirklich lieb und teuer ist, schon in Sicherheit gebracht, als die Zwillbos mobil wurden.  Ansonsten können sie sich hier gerne austoben. Unsere Wohnung ist auf Kleinkinder ausgerichtet, das ist am entspanntesten für alle. Ordnung ist ja in erster Linie mein persönliches Bedürfnis. Den Kindern ist das wurscht. Ich finde das in ihrem Alter aber auch okay. Ich sage allerdings schon, dass mir ein gewissen Maß an Durcheinander zu viel ist, versuche sie beim Aufräumen miteinzubeziehen. Doch ich schwöre in erster Linie darauf, ihnen das vorzuleben, was ich wichtig finde, denn Kinder lernen in erster Linie durch Nachahmung. Ich hab als Kind auch das Chaos beherrscht und meine Mama nie verstanden, wenn sie sich darüber beschwert hat. Trotzdem habe ich wohl irgendwie verinnerlicht, nicht mehr jedes Zimmer in Schutt und Asche zu legen.

Wie waren die ersten Nächte?Puh…also, wer noch schwanger ist und sich nicht sorgen möchte, der sollte an dieser Stelle besser weglesen. Es ist zwar nicht gesagt, dass es überall so läuft wie bei uns, aber die ersten Nächte waren quasi nicht existent. Okay, es war dunkel, aber geschlafen haben wir trotzdem nicht. Ich hab mindestens alle zwei Stunden gestillt, weil die Kinder entsprechend oft aufgewacht sind und um den Milchfluss anzuregen. Dazwischen habe ich nur schwer ein Auge zugetan, weil ich mich erst mal an die ganzen Babygeräusche gewöhnen musste und als Mama einen noch leichteren Schlaf hatte als zuvor. Aber es hat sich innerhalb einiger Wochen irgendwie eingependelt, obschon unsere Kinder lange Zeit eher Kurzschläfer waren.

Was würdest du einem Vater sagen, der fragt, „Warum müssen wir ausgerechnet zwei bekommen? “Wir bekommen zwei, weil wir das können! Weil das Leben und die Kinder uns dafür ausgesucht haben. Wir bekommen zwei, weil das eine Kind sich ohne das andere offenbar nicht ins Leben getraut hat. Wir bekommen zwei, weil es alles in allem ‘ne ziemliche Wucht ist, Zwillingseltern zu sein!” [Aber letzteres weiß man manchmal erst ein weniger später…]

Was sollte man ganz dringend noch tun, bevor der Wahnsinn über einen hereinstürzt?Hmmm, ich finde generell, dass man vor der Familienplanung bestenfalls schon einige Punkte seiner Löffelliste abgehakt haben sollte. Der Mann und ich sind früher schon viel und weit gereist, das war uns beiden wichtig. Ich wollte mich im Job einigermaßen etabliert haben. Für viele Jahre habe ich nur wenige Partys ausgelassen und mich so richtig schön nur um mich selbst gedreht. Das war gut so, denn ich hatte mit den Babys nicht das Gefühl, etwas aufzugeben oder zu verpassen. Während der Schwangerschaft würde ich versuchen, das Gefühl der Ruhe und Selbstbestimmung noch so gut es geht auszuschöpfen. Das klappt natürlich nur, wenn noch keine Kinder da sind, denke ich. Mich haben Sprüche wie „Genieß den Schlaf und die Stille“ von Eltern immer genervt. Aber es ist natürlich etwas Wahres dran. Wir haben außerdem bewusst noch mal einen Kurztrip zu zweit gemacht, sind in Museen gegangen und haben nur uns gehabt und genossen.

Welche Tipps hast du für den ersten Urlaub zu viert, damit alle Beteiligten etwas entspannen können – auch wenn die Zwillinge mobil werden?Wir haben bislang keine ewig langen Reisen mit den Kindern unternommen. Im ersten Jahr sind wir überhaupt nicht in den Urlaub gefahren, was zum Einen am Studium meines Mannes lag. Wir fanden es darüber hinaus aber auch einfach vorerst zuhause am entspanntesten. In den vergangenen anderthalb Jahren waren wir einige Male in Holland und an der deutschen Nordseeküste. Wir haben gemeinsam mit unseren Familien in Ferienhäusern gewohnt oder waren mit dem Wohnwagen unterwegs. Wir haben davon profitiert, dass wir dann auf familiäre Unterstützung zurückgreifen konnten und keine langen Fahrzeiten hatten. Ich würde Orte mit offenen Pools tendenziell immer meiden und gucken, dass eine einigermaßen kindgerechte Infrastruktur gegeben ist, ob Hochstühle und Reisebetten verfügbar sind und die Absturzgefahr an ungesicherten Treppen gering ist. In diesem Jahr haben wir einen Roadtrip durch Südfrankreich geplant. Unsere Jungs sind ziemlich Camping-affin. Ich bin gespannt, wie wir zurechtkommen.

Welterforscher.

Verfolgt ihr eine bestimmte Erziehungsrichtung beziehungsweise habt ihr euch Ziele gesetzt, wie ihr erziehen möchtet? Und wenn ja, habt ihr das Gefühl, dass diese Ziele bei Zwillingen schwieriger umsetzbar sind als bei Einlingen?Hätte man mir früher erzählt, wie ich heute mit meinen Kindern umgehe, ich hätte demjenigen einen Vogel gezeigt. Kinder brauchen klare Grenzen und Konsequenz. So dachte ich. Ich wäre eine Tyrannin geworden. Jetzt nehmen wir eher Abstand vom Erziehen. Ich möchte nämlich nicht an unseren Kindern herumziehen. Das klingt jetzt erstmal krass nach laissez faire, bedeutet aber eher, dass ich es nicht für nötig halte, den Kinder künstliche Grenzen zu setzen, weil “man Dinge eben so macht”.

Wir trichtern ihnen nicht ein, Bitte und Danke zu sagen, weil sie es ohnehin irgendwann tun, weil wir es tun. Sie müssen sich nicht für Dinge entschuldigen, die sie getan haben, weil sie in ihrem Alter noch gar nicht in der Lage sind, sich in andere Menschen hinein zu versetzen und die Entschuldigung ohnehin nur unserer Erwartung folgend nachplappern, sie jedoch nicht so meinen würden. Sie fangen gerade übrigens ganz von selbst an, sich für Dinge zu entschuldigen – obwohl ich den Eindruck habe, dass es bislang nur ein Austesten ist, ob sie schon richtig durchblickt haben, wann wir es tun würden.

Durch alles, was ich bislang mit den Kindern erlebt und was ich über kindliche Entwicklung gelesen habe, ist es nicht nötig, mit riesigem Druck zu arbeiten. Denn Grenzen und Konsequenzen bieten die Welt und das menschliche Zusammenleben ohnehin, die muss man nicht künstlich mit viel Anstrengung schaffen. Ich vertraue darauf, dass meine Söhne gut und richtig sind, so wie sie sind. Dass sie mit ihrem Handeln nicht bewusst MEINE Grenzen austesten wollen – gleichwohl sie diese damit zuweilen natürlich erreichen und ich ihnen das auch mitteile. Mal lauter, mal leiser. Ich unterstelle ihnen lieber Forschergeist und Neugierde.

Ich versuche, zu hinterfragen, warum sie beispielsweise ihr Glas auskippen und bemühe mich, nicht direkt zu schimpfen. Ein Beispiel dazu: Gestern lief Pepe mit einer Wasserflasche durch die Wohnung und trank daraus. Ich riet ihm, nicht im Gehen zu trinken, weil er dann eventuell Wasser verschütten könne. Doch woher soll er es wissen, wenn er die Erfahrung noch nicht gemacht hat? Also kleckerte er irgendwann, die Flasche kippte um, ich atmete durch und wischte auf. Im selben Moment goss er das restliche Wasser auch noch auf den Boden. Uns Erwachsenen erscheint das zunächst einmal ziemlich frech. Doch später sagte Pepe, er sei wütend gewesen und habe deshalb das restliche Wasser auch noch verschüttet. Aha. Das finde ich ziemlich kompetent für einen Zweijährigen. Er benennt ein Gefühl und reguliert es, auch wenn mir persönlich die Art mit seiner Wut umzugehen nicht gefällt. Nun ist es an mir, ihm zu zeigen, dass er das auch anders tun kann. Und zwar nicht mit Druck oder durch Bestrafung. Immer habe ich die Geduld und das Verständnis dafür auch nicht. Aber wir erleben unsere Söhne als sehr sozialkompetente und kooperative Kinder.

Wir versuchen, gleichwertige Beziehungen mit ihnen zu leben und keine starren Hierarchien mit Gefälle zwischen groß und klein. Das bedeutet übrigens nicht, dass wir hier jegliche Entscheidungen basisdemokratisch mit den Kindern abstimmen, absolut nicht. Sie lernen darüber hinaus auch schnell, dass es woanders vielleicht andere Regeln gibt als Zuhause.

Wurzeln und Flügel.

Was mir immer hilft: das Verhalten der Kinder – und mein eigenes hinterfragen. Kinder hauen uns nicht, weil sie frech und böse sind, sondern weil sie noch nicht genügen Impulskontrolle besitzen und kaum Handlungsalternativen kennen. Seit mehr als einem Jahr predige ich hier: Haut ins Kissen, wenn ihr sauer seid. Heute Morgen habe ich zum ersten Mal erlebt, wie einer unserer Söhne seinen Frust an dem Sofa abgearbeitet hat. Es dauert, bis Kinder dazu in der Lage sind, aber es funktioniert.

Uns ist wichtig, dass alle Gefühle sein dürfen und keiner dafür bestraft wird. Natürlich ist das oft ein anstrengender Weg – vor allem mit zwei Kindern, die exakt in der gleichen Entwicklungsphase stecken. Dennoch ist er für unsere Familie der richtige, das können wir jetzt schon oft an unseren Kindern erkennen. Einen Vergleich zu nur einem Kind habe ich allerdings nicht, da die Zwillbos ja unsere Erstgeborenen sind. 🙂

Brennen euch noch mehr Zwillingseltern-Fragen unter den Nägeln oder habt ihr bestimmte Themenwünsche aus mütterlicher und/oder väterlicher Sicht? Dann schreibt mir gerne!

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