Klinik-Tourismus 2.0

Mehr aus Neugier denn mit ernsthaften Entbindungsabsichten haben wir uns kürzlich in das riesige hiesige Klinikum hier um die Ecke gewagt. Dort stand zufällig gerade eine Info-Veranstaltung an und wir hatten zufällig gerade nichts besseres zu tun – Gelegenheit macht Klinik-Tourismus. Ich hatte ein wenig die Befürchtung, dass die Mehrlings-Spezialisten mich und meinen 32. Schwangerschaftswoche-Zwillingsbauch direkt einkassieren und da behalten. Ich gab mir also Mühe, sehr schlank auszusehen – mit mäßigem Erfolg.

Die Begrüßungsansprache an die kugelbäuchige Gemeinde fällt…medizinisch aus. Oberärztin, Assistenzärztin und Narkosearzt sind versammelt, uns über die Geburt Kunde zu tun. Was der Veranstaltung meiner Meinung nach fehlt, ist eine Hebamme (die kurzfristig ersatzlos ausgefallen ist, wie man uns mitteilt) und jemand von der Station, auf der Eltern und Kind nach der Geburt einchecken. Ich muss ehrlicherweise bereits an dieser Stelle gestehen, dass ich eine nicht ganz unvoreingenommene Besucherin dieser Veranstaltung war. Kurzum, ich war schon anti, bevor ich überhaupt das Foyer betreten hatte. So bin ich manchmal, eine Freundin unbegründeter Prinzipien und Vorurteile (allerdings durchaus belehrbar).

Schwerpunktthema Parkplätze

Irritierenderweise verwendet die Oberärztin ziemlich viel Zeit darauf, die Parkmöglichkeiten und Zufahrtswege anzupreisen – natürlich erst nachdem sie betont hat, als Perinatalzentrum der höchsten Versorgungstufe großes Ansehen zu genießen. Es ist gut, dass es diese Kliniken gibt. Noch besser ist, dass sich eine davon gleich hier um die Ecke befindet. Vermutlich bin ich deshalb so opositionell gestimmt, weil ich mir als Zwillingsschwangere monatelang viel über Risiken und Frühgeburten anhören durfte – so etwas löst bei mir zuweilen gewisse Trotzreaktionen aus. 

Als die Oberärztin parkplatztechnisch gerade richtig in Fahrt kommt, schwingt die Tür auf und ein sonnengebräunter Herr mit grauem Haar in weißem Kittel rauscht herein – was für ein Auftritt! Clooney hätte es in Emergency Room nicht besser machen können. Der Chefarzt. Persönlich. Ein Ausbund der guten Laune und Jovialität. Aber zunächst will der Professor wissen, ob man uns denn bereits hinreichend über die Anfahrts- und Parkmöglichkeiten informiert hat. Ich nehme an, die Stadt hat sehr viel Geld in die Infrastruktur des Krankenhause gesteckt, so dass deren PR jetzt Chefsache ist.

Verwirrender Dialekt

Der scherzende Mediziner übernimmt sogleich die verbale Führung der Veranstaltung und unterstreicht noch einmal die Bedeutung des Hauses als Spezialzentrum für alles, was an Risiken in der Schwangerschaft auftreten kann. Spätestens jetzt habe ich den Eindruck, dass so eine Schwangerschaft eine hochgefährliche Sache ist – was haben wir uns dabei nur gedacht? Kein Wunder, dass ein Narkosarzt anwesend ist! Ich bin allerdings immer wieder vom hessischen Dialekt des Herrn Professors abgelenkt. Die ganze Zeit muss ich an Heinz Wäschäää alias Heinz Schenk aus Kerkelings „Kein Pardon“ denken (Wenn nu des luschtige Glückshäsche hier entbinde wolle würde…!?).

Um den Anwesenden zu demonstrieren, dass eine Geburt ohne Schmerzmittel nahezu nicht durchführbar ist, übernimmt schließlich der Anästhesist das Wort. Der slippertragende Herr Professor positioniert sich indes zwar im Hintergrund, steckt jedoch in Napoleon-Manier die rechte Hand in seinen Kittel, so dass auch jetzt noch klar ist, wer hier die Macht inne hat. Auch der Narkosearzt brilliert in seiner Rolle. Mit monotoner narkosekonformer Stimme referiert er darüber, wie eine jede Geburt mit Hilfe des Peridualkatheters zum reinsten Vergnügen werden kann. Dabei hält er immer wieder ein kleines Plastikschläuchlein in die Höhe, um zu demonstrieren, wiiiieee winzig der Zugang ist. Na gut, dass sie einem die Opiate nicht mit ’nem C-Rohr ins Rückenmark jagen, davon bin ich ausgegangen. Doch wird es schon seine Gründe haben, warum der Doc das Schläuchlein und nicht die fiese Kanüle zeigt… (Merkt ihr was? Nicht mit mir! Mir macht man nichts vor! ;-))

Narkose-Propaganda

Vermutlich um seine Position als Häuptling der Narkoseärzte noch zu untermalen, blickt Prinz Valium während seines gesamten Vortrags auf seine Schuhspitzen (er erinnert mich irgendwie an meinen Lateinlehrer, allerdings vermisse ich die Fahrradklammern am Hosenbein). So dürfte auch in den hinteren Reihen angekommen sein, dass eine gut betäubte Niederkunft durchaus zu überleben und nichts spektakuläres ist. Ich finde es ziemlich gut, dass es in unseren Längen und Breiten diese Möglichkeit der Schmerzerleichterung gibt, und ich bin mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Erste, die nach einer PDA schreit, noch bevor sie am Kreißsaal ihren Namen und ihr Anliegen vorgebracht hat. Aber ich finde es nicht gut, Geburt als etwas zu verkaufen, dass nur mit Betäubungsmitteln zu ertragen ist. Das macht doch unnnötig Angst.

Schließlich pilgern wir los in Richtung Kreißsäle und Wochenstation. Dabei versäumen die Ärzte es nicht, uns noch einmal zu zeigen, wie genau die Parkplätze situiert sind. Ich schätze, in der Vergangenheit muss es den einen oder anderen unliebsamen Zwischenfall bei der Anlieferung werdender Mütter gegeben haben, anders kann ich es mir nicht erklären, dass die Infrastruktur so in den Mittelpunkt gerückt wird.

Hochmoderner Entbindungstrakt

Im Vergleich zum Hobbitkrankenhaus warten im Erdgeschoss fünf riesige Fahrstühle auf die Besucher. Eine Prügelei und Aggressionen meinerseits sind also nicht zu erwarten. Wir werfen zunächst einen Blick in den Kreißsaal, der dem hiesigen Bundesligisten gewidmet ist. Eine Sekunde lang denke ich darüber nach, die Kinder doch hier zu bekommen – nur um meinen Schwiegervater zu ärgern, der Schalke-Fan ist. Während uns bei den Anthros der Ausblick auf grüne Täler und eine quittegelbe Geburtsbadewanne begrüßten, erwarten uns hier Villeroy und Boch sowie polierte Echtholzböden. Ich persönlich hätte Angst, was dreckig zu machen (soll bei Geburten ja schon mal vorkommen).

Was natürlich beruhigt ist, dass Kreißsäle, OPs, Kinderklinik sowie Wochen- und Intensivstation auf einer Ebene liegen. Im Notfall wäre es mir auch sehr wichtig, ganz nah bei meinen Kindern zu sein und zu wissen, dass keine langen Wege vonnöten sind. Aber ich hatte ja mit den Zwillbos besprochen, dass wir keinen Notfall wünschen… Die Assistenzärztin gewährt uns einen schnellen Blick auf die Intensivstation. Der Anblick eines winzigen Inkubators auf dem Gang treibt mir mal wieder die hormonell befeuerten Tränen in die Augen.

Ich bin aufgeflogen

So bin ich einen Moment unaufmerksam, und schon fischt mich der Chefarzt zielsicher aus der Menge. „Einige sind ja in ihrer Schwangerschaft schon ziemlich weit fortgeschritten“, stellt er mahnend mit Blick auf meine Körpermitte fest. Hatten er und seine Kollegen uns doch zuvor ausgiebigst eingetrichtert, sich ja rechtzeitig zur Geburt anzumelden. „Eigentlich nicht“, sage ich, „aber da sind halt zwei drin.“ Das zaubert Napoleon ein Funkeln in die Augen! „Wir sind ja auf Mehrlinge spezialisiert, erst heute sind wieder Zwillinge gekommen“, erwidert er. Wohlwollend legt er mir die Hand auf die Schulter, senkt verschwörerisch die Stimme und sagt: „Melden Sie sich jetzt schnell zur Geburt an.“ Ich hab keine Lust, mit ihm zu diskutieren (komisch eigentlich), mache nur vieldeutig „Hmhhh…“ und endwinde mich höflich seiner Zuwendung.

Wir bekommen noch sehr moderne Zimmer mit tollem Fußboden und Flachbildschirmfernsehern zu Gesicht (ich unterstelle dem Zwillbo-Papa, dass ihn die ziemlich beeindrucken), vom Pflegepersonal treffen wir leider niemanden mehr. Die Assistenzärztin versichert allerdings, dass man auch Unterstützung bekomme, wenn man nicht stillen möchte. Dann gebe es eine Tablette gegen die Milchproduktion und Flaschennahrung. Das verwirrt mich mal wieder und bestärkt meine Anti-Haltung. Ich bin zwar kein Muttermilch-Fundamentalist und finde, dass das jede Frau in ihrer individuellen Situation selbst für sich zu entscheiden hat. Aber so ein kleines bisschen Still-Propaganda…naja… Als wir gehen, hoffe ich noch immer, dass sich unsere Jungs an die Vereinbarung halten, kein Notfall zu werden. Meinen Schwiegerpapa kann ich auch anderweitig ärgern.

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