See(Nil)pferdchen im öffentlichen Freibad

Mit öffentlichen Schwimmbädern verbindet mich eine Hass-Liebe. Ich muss sie zwangsläufig lieben, da ich gernstens schwimme, wir aber zu arm für ein 25-Meter-Becken im Garten sind. Und auch für einen kleineren Pool. Weil das Schicksal mir jedoch zeitgleich Schwangerschaft und Hochsommer beschert hat, bin ich in diesem Jahr mehr denn je auf das Freibad angewiesen. Wenn tagsüber draußen bei 35 Grad der Asphalt schmilzt und ich bei Zwangsstubenarrest und Kreislaufproblemen in der Wohnung schlechte Laune kultiviere, ist die abendliche Abkühlung der Lichtblick schlechthin für mich. 

Schmelztiegel allen Übels

Das gestaltet sich dann so, dass mein Mann mich anderthalb Stunden vor Abpfiff der Schwimmzeit in die nächstgelegene Badeanstalt bugsiert. Dann ist es dort nämlich bereits etwas leerer und nach 30 Minuten und acht bis zehn 50-Meter-Bahnen habe ich die gleiche Bettschwere wie früher nach drei Gläsern Rotwein. Leerer ist besser für alle Beteiligten, denn ich bin eine intolerante Wutschwangere. Und in öffentlichen Freibädern mit Innenstadtnähe, dem Schmelztiegel allen Übels und dem Substrat für Fußpilz, Hauterkrankungen und Aggressionen, sind meine Nerven mitunter bis zum Zerreißen gespannt. Obwohl mir die Walfisch-Wassergymnastik auch wahnsinnig guttut. 

  

Wenn ich mich zu Wasser lasse, dann tue ich das langsam. Schließlich möchte ich nicht für eine Flutwelle verantwortlich sein, die die westliche Innenstadt dem Erdboden gleich macht. Außerdem will ich weder mein Herz noch die Zwillbos im Bauch schockfrosten. Also kurz akklimatisieren und langsam hinein ins Becken. Ich schreibe hier ganz bewusst nicht „gleiten“, denn das würde den falschen Anschein von Anmut erwecken. 

Als ich kürzlich die Zehen eintauchend an der Badeleiter stand und ein Schwimmer ungeduldig seufzend auf den Ausstieg aus dem Becken drängte, hab ich wieder meinen Lieblingstrick* gemacht und mich dezent mit fragend hochgezogener Augenbraue halb herum gedreht. Der arme Mann wäre fast ein Fall für die Rettungsschwimmer geworden, so sehr hat er sich vor meinem von hinten unsichtbaren Bauch erschrocken (*zieht auch bei Drängelei in Kassenschlangen oder in der Fußgängerzone). 

Allzeit zum Einschreiten bereit

Unsere Schwimmroutine vollzieht sich dann so, dass der Mann wie eine Glucke (wie heißt denn das bei Enten?) um mich herum seine Kreise zieht. Oder wie ein Beiboot der Küstenwache. Das geschieht aber wohl weniger aus der Angst heraus, dass dem Zwillingsmutterschiff etwas zustoßen könnte, als vielmehr um sofort bereit zum Einschreiten zu sein, sollte ich einen Badegast, der mir zu nahe kommt oder mir Wasser in die Augen spritzt, zu ungebührlich anmotzen und damit einen Übergriff provozieren. Hinreichend Entrüstungs-Potential für Wutschwangere gibt so ein Schwimmbecken schließlich her. 

Da wäre zum Beispiel der militante Rentner. Der zieht seine Bahnen durch ohne Pardon, dafür mit Badekappe und Schwimmbrille. Ausweichen? Für nix und niemanden. Der Mann mutmaßt, das ist Absicht. Ich überlege, ob in einem so biblischen Alter spontane Bremsungen oder Richtungswechsel vielleicht schlichtweg nicht mehr drin sind. Würde ich am Ende der Bahn nicht an die Seite gehen, würde er mir die relativ unkoordinierten, im Schaufelradbetrieb kraulenden Arme in den Bauch rammen. 

Vergessen, den Pulli auszuziehen?

Schön finde ich auch immer die männlichen Badegäste, bei denen man zweimal hinschauen muss. Nicht weil sie besonders athletisch sind. Sondern weil man beim ersten Hinsehen denkt, der Mitschwimmer hätte vor Schwimmbeginn vergessen, seinen Alpaka-Pullunder auszuziehen. Besser schnell wieder weggucken. Aber nicht in Richtung eines der unzähligen Badegäste, die meinen, sie müssten im Kraulstil durchs Becken pflügen. Schön, wenn man das kann, doch tatsächlich beherrschen das die Wenigsten wirklich und gleichen eher einem ertrinkenden Hund, so dass ich mich allen Ernstes frage, wie man es schafft, sich unter solchem Kraftaufwand länger über Wasser zu halten ohne sich beide Schultern auszukugeln. 

Von ihren Bewegungsabläufen her wesentlich friedfertiger sind diejenigen Damen, die mit perfekt gekämmter Frisur und korallfarbenem Lippenstift ihre Bahnen ziehen. Die Schwimmzüge sind ruhig und konzentriert, die Köpfe gereckt und mit Akribie ist man darauf bedacht, sich über dem Wasserspiegel zu halten – schließlich soll kein Tröpfchen das Tagewerk der Schmink- und Stylingschatulle gefährden. Nachteil: Diese Sportsfreundinnen ziehen eine Parfümwolke hinter sich her, die allen Mitschwimmern mindestens die Tränen in die Augen treibt, wenn nicht sogar in Bewusstlosigkeit in den chlorhaltigen Fluten versinken lässt. Auch ’ne Methode, sich im Revierkampf durchzusetzen. 

Ein Hoch auf die Chemie

Ich persönlich muss mir ja bei jedem Schwimmzug vor Augen halten, dass der Badbetreiber garantiert regelmäßig  so viel Chemie ins Becken kippt, dass darin im Grunde genommen kein Leben mehr möglich ist. Warum Menschen darin nicht sterben, weiß ich nicht, aber ich möchte bitte glauben, dass jeder Keim und jede Bakterie zugrunde geht. Immerhin teilt man sich hier ein Bassin mit ’ner Menge Leute, denen man für gewöhnlich den Zutritt zu seinem Badezimmer verwehren würde. Ich jedenfalls muss beim Schwimmen in öffentlichen Badeanstalten immer volle Verdrängungsarbeit leisten – auch mental. 

Ich vermute, der Mann ist sehr froh, dass mir mit jeder Schwangerschaftswoche weniger Atem bleibt, um mich gleichzeitig über Wasser zu halten UND Menschen auszuschimpfen. Das schmälert das Konfliktpotential unserer Badeausflüge ungemein. Zweifelsohne würden sich Auseinandersetzungen so gestalten, dass ich jemanden anpöbele und der werdende Vater die Folgen im Zweifelsfall im Faustkampf ausbaden müsste. Bislang sind wir aber immer ohne größere Zwischenfälle davon gekommen. 

Auch die Schwimmmeister wirken jedes Mal ausgesprochen erleichtert, wenn ich mich ohne Geburtsanzeichen wieder aus dem Becken wuchte. Man kann es ihnen schwer verübeln, schließlich sieht der Zwillbo-Bauch schon seit Wochen aus, als habe ihm sein letztes Stündlein geschlagen. Geburtshilfe gehört offenbar nicht zum regulären Ausbildungsplan für das Schwimmbadpersonal. Ich jedenfalls genieße diese Aktivität, bevor ich dann im nächsten Sommer mit den Zwillbos an die Pipi-Pfütze abkommandiert bin, die man euphemistisch als Babybecken bezeichnet.

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. estrael sagt:

    Ich gehe auch, wenn möglich, wöchentlich im öffentlichen Schwimmbad meine Bahnen ziehen – Berliner Schwimmbäder und Bürgersteige ähneln sich da auch sehr: wer bremst (oder ausweicht), verliert!
    Zu Beginn der Schwangerschaft hatte ich dann tatsächlich mal zwei schwungvolle Männerfüße im Bauch, weil der gute Mann hinter mir vorm Startblock gesprungen, unter mir hindurch getaucht ist und mich dann noch als Geschwindigkeisbooster nutzen wollte. Ein „‚tschuldigung!“ ist da übrigens auch nicht drin…

    Ich frage mich nur, wie du es aus dem Becken noch heraus schaffst – selbst ich fühle mich beim aussteigen ja immer wie Rotkäppchens böser Wolf, dem Mann Wackersteine in den Bauch gepackt hat…

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    1. doppelkinder sagt:

      Das ist ja immer mein Horror, dass mir jemand in den Bauch tritt. Der Ausstieg geht immer noch erstaunlich gut, braucht zwar Kraft, aber geht. Obwohl man in solchen Momenten schon spürt, wieviel Gewicht ich unterdessen da vorn mit mir herumtrage. Aber ich find, schwimmen in der Schwangerschaft bringts total.

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  2. melverenice sagt:

    😂😂😂 ich, die sonst immer Alles und Jeden beschimpft, bin in der Schwangerschaft plötzlich total ausgeglichen…keine Ahnung wo das herkommt, aber es geht hoffentlich danach wieder weg.
    Mir reicht übrigens die Wassergymnastik, wenn ganze Bahnen schwimmen müsste, käme ich nicht lebend aus dem Becken.

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    1. doppelkinder sagt:

      Ich bin ja echt zur Ziege mutiert. Ausgeglichenheit? War das das, wo man in der einen Minute lacht und scherzt und dann auf einmal Gewaltphantasien entwickelt? Dann bin ich auch ausgeglichen! 😂

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  3. Kathi sagt:

    Hier auch Team Agro! In der ersten Schwangerschaft noch mehr als jetzt. Ich heule nicht sentimental, ich raste aus. Mein Mann ist Hauptblitzleiter Nummer 1, es trifft aber auch gerne „In unserer Spielstraße 50 Fahrer“, andere Verkehrsteilnehmer und letztens (Achtung Alarm) einen kleinen Jungen beim Kinderturnen, der lachte, als meine Tochter vom Balken fiel.

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    1. doppelkinder sagt:

      Hahaha, das ist genau wie bei mir. Das meiste bekommt mein Mann ab, aber einen Autofahrer hab ich auch schon fast hinterm Steuer vorgezogen. Alles Gute für deine Schwangerschaft! 👊🏻

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  4. EVAB sagt:

    Oh Danke, ich hab gerade Tränen gelacht!

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    1. doppelkinder sagt:

      Mit Vergnügen! 🙂

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