Grenzerfahrungen – eine philosophische Rückschau

Spätestens wenn der Bauchumfang während der Schwangerschaft seine angestammte Umlaufbahn verlässt, tritt ein Thema mehr und mehr in den Vordergrund: Grenzen. Am schnellsten sind die bei Schwangeren wohl am Hosenbund erreicht. Dann freut man sich, über bequeme Umstandshosen im elastischen Highwaist-Format. Zunächst. Als werdende Zwillingsmama hab ich selbst die jetzt im neunten Monat geknackt – das superweite Bündchen kneift, die Zwillbos reichen dagegen Beschwerde ein und lassen Fäuste sprechen. Gut, dass gerade Sommer ist und ich ein paar Röcke besitze, mit der eine deutsche Durchschnittsfamilie zelten gehen könnte.

Schöner scheitern

Doch es gab in der Schwangerschaft auch Grenzen, die ich weniger schön fand, als den Wechsel der Garderobe. Ich wurde als Modell „Dickkopf“ in diese Welt geliefert. Oft habe ich eine feste Vorstellung vom Verlauf der Dinge, und wenn ich mir etwas vorgenommen habe, setze ich meist alles daran, es auch irgendwie umzusetzen (nicht wahr, Schatz?!). Oft bedeutet das, viel zu erreichen. Unangenehme Nebenwirkungen könnten Enttäuschung und Frustration sein. So hatte ich mir etwa vorgenommen, bis zum Mutterschutz beziehungsweise dem Urlaub vor dem Mutterschutz zu arbeiten.

Als die beiden Jungs in meinem Bauch allerdings auf Massenwachstum umgeschaltet haben, war mein Plan mehr oder weniger von heute auf morgen Essig. Ich hatte einfach keine Energie mehr, täglich 150 Kilometer im Auto zurückzulegen. Oft kann ich erst ab mittags mit einem einigermaßen zuverlässigen Kreislauf rechnen, da wage selbst ich mich nicht mehr um jeden Preis auf die Autobahn – und der Preis ist mit der Schwangerschaft sprunghaft auf absolut unbezahlbar angestiegen.

Leicht fiel mir die Entscheidung nicht, auf den Rat meines Arztes und meine körperliche Grenze zu hören und Zuhause zu bleiben. Die Sonnenseite dieser Angelegenheit: Ich lerne schon während der Schwangerschaft, dass es künftig nicht immer nach meinem großen Plan gehen wird, sondern wohl nach dem der Kinder – und die teilen ihre Vorhaben ja meist erst relativ kurzfristig mit.

Ausgebremster Bewegungsdrang

Ich wurde zudem mit einer ordentlichen Portion Energie gesegnet, die sich prä-schwanger in ausgeprägtem Bewegungsdrang manifestierte. Von dem konnte ich mich in den ersten 14 schwangeren Wochen getrost verabschieden. Als mein Kreislauf dann in der 28. Woche beschloss, in den Keller zu ziehen und mein Körper immer bauchlastiger wurde, war das Zwischenhoch des zweiten Trimesters ausgebremst. Grenze. Und damit auch oft meine Stimmung am Limit. Ich fands extrem doof, mich erstmal hinlegen zu müssen, nachdem ich sowas wahnsinnig Aufregendes gemacht habe, wie die Spülmaschine auszuräumen.

Irgendwann hat es allerdings in meinem Kopf ein leises Klickgeräusch gegeben. Mir Schlaufuchs ist eingefallen, dass das jetzt vermutlich nicht für immer so bleiben wird. Und dass es Tage mit mehr und mit weniger Energie gibt. Keine Sorge, wenn ich nach einer Nacht mit ausreichend Schlaf wach werde und eigentlich immer noch völlig erschlagen bin, hab ich trotzdem noch extrem schlechte Laune. Hallo!? Ich bin gekommen, um Bäume auszureißen und nicht um sie anzugucken! Ich gebe mein Bestes, mich innerhalb meiner neuen Grenzen zurechtzufinden. Manchmal, wenn keiner hinguckt, versuche ich auch, sie ein wenig auszudehnen – mal klappt’s, mal lande ich mit Erschöpfungstränen in den Augen auf dem Sofa.

Das entgrenzte Umfeld

Interessanterweise weitet sich das Thema Grenzen und vor allem Grenzüberschreitung während der Schwangerschaft auch ganz besonders auf das Umfeld aus. Viele Menschen werden distanzlos, können ihre Finger nicht von Babybäuchen lassen und geben ungefragt Kommentare von sich, die meine Friedfertigkeit an ihre Grenzen treiben. Ehe man sich versieht, muss man Fragen über Befruchtungsmöglichkeiten bei Zwillingen beantworten. Als sei ich mit der Schwangerschaft automatisch zur Molekulargenetikerin geworden. Das war die Idee der Zwillbos, zu zweit in meinem Bauch aufzukreuzen, nicht meine. Sobald sie geboren sind, werde ich sie eingehend zum Tathergang befragen.

Besonders gerne habe ich Kommentare zur „nun wohl abgeschlossenen Familienplanung“ und zum „Schock über die Diagnose Zwillinge“. Nur weil mein Bauch seine Grenzen verlässt, muss mein Umfeld das doch nicht auch zwangsläufig tun! Tut es aber.

Doch auch dadurch habe ich einige Lektionen gelernt, die mir als Mutter sicherlich nicht Schaden können. Ich bin entschiedener geworden, sage viel schneller, was mir in den Kram passt und was nicht (und das ist einiges). Mit abnehmendem Energiepegel hat man auch schlichtweg nicht mehr die Kraft, für alles und jeden Verständnis aufzubringen. Von dieser Entschlossenheit, meinen Mitmenschen ihre und meine Grenzen mitzuteilen, wünsche ich mir noch einen Nachschlag. Ich habe irgendwie das Gefühl, den als Mutter gut gebrauchen zu können.

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Kathi sagt:

    Ich hoffe ja irgendwie, dass das ein vor der Geburt vorbereiteter Artikel ist. Sonst wärst du mir verdammt unheimlich, so schlaue und nette Texte mit dem Stillgehirn einer Neugeborenenmutter hinzukriegen 🙂

    Gefällt 2 Personen

  2. Jasmin sagt:

    Meine Hosen kommen schon bei einem Bauchbewohner an ihre Grenzen 😉
    Ich habe mir bei Amazon für 5 € eine Hosenerweiterung gekauft und kann diese nur Empfehlen!

    Liebe Grüße,
    Jasmin von:
    http://jungesfamilienglueck.blogspot.com

    Gefällt 1 Person

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