Mutti allein beim Arzt – Ultraschall ohne die Zwillbos

Irgendwie war der Nachsorgetermin beim Gynäkologen nach Entbindung der Zwillbos denkwürdig. Wenn auch nur im Nachhinein. Denn mir ist erst exakt vier Stunden zuvor beim zufälligen Blick in den Kalender aufgefallen, dass es bereits soweit ist. Wow. Das ist der Termin, der ganz am Ende meines Laufzettels stand. Der Termin, der mir immer Äonen entfernt erschien, surreal, schwer oder kaum vorstellbar, dass ich dann schon Zweifachmama sein und die XXL-Schwangerschaft und Geburt hinter mir gelassen haben soll.

Papa hat Verstärkung

Weil ich mal wieder mehr Glück als Verstand hatte, hab ich also rechtzeitig bemerkt, dass Tag X just erreicht ist, und weil auch der Mann ein Glückskind ist, ist Freitag und damit Schwiegermama-/Neu-Oma-Unterstützungstag. Nicht, dass der Zwillbo-Papa seine Jungs nicht auch allein bändigen würde, aber für die Helikopter-Mutter in mir, die noch oft wachsamen Radars ihre Kreise über den Kindern fliegt, ist es entspannter zu wissen, dass er Verstärkung hat.

 

Zwillbos sind da, Bauch ist weg.
 
Fast schon zu pünktlich für sechs Wochen alte Zwillingseltern sind wir losgestiefelt. Weil wir dann aber doch wiederum nicht sooo pünktlich waren, musste Mutti die letzen 600 Meter sprinten – höchst verboten, wie sie kurze Zeit später erfahren sollte.

Anflug von Einsamkeit

Als ich dann so ganz allein ohne Zwillinge im Bauch und Mann an meiner Seite im Wartezimmer sitze, fühle ich mich schon ein bisschen komisch. Das war sonst immer der Moment, kurz bevor wir unsere Jungs mal wieder am Monitor gesehen haben – jetzt fahren sie leibhaftig draußen im Kinderwagen spazieren. Ich werde nun nicht mehr alle paar Wochen wiederkommen – nicht dass ich besonders scharf auf Arztbesuche wäre, aber mir wird bewusst, dass ein Lebensabschnitt zu Ende geht. Ich weine meiner Schwangerschaft bislang kaum eine Träne nach, aber es war doch schon eine abgefahrene und wichtige Zeit.

Mutti muss also ein letztes Mal durch den TÜV. Im Wartezimmer bin ich seit langer Zeit mal wieder allein. Kein Baby. Kein Mann. Ich fange an, die Zeitschriften zusammen zu schieben. Die Sprechstundenhilfe kommt herein und grinst mich wissend an. Sie ist allerdings so einfühlsam nichts zu sagen. Sie gibt mir was zu tun: wiegen , Pipi machen [das mit dem Becher ist und bleibt für mich ja so‘ ne Sache…] – alles ohne kindliche Begleitung. Ich fühle mich seltsam unvollständig, aber die Ruhe ist auch toll.

Viel Arbeit – Iwo! 

Im Behandlungszimmer warte ich auf den Arzt. Mein Blick fällt auf meine Karteikarte. Über der anatomischen Darstellung von Brüsten und Eierstöcken ist meine Emailadresse notiert. Ich frage mich, ob die Stelle willkürlich gewählt ist, als der Arzt meinen Gedankengang unterbricht. Er gratuliert mir zu den Jungs und schaut mich prüfend an. „Viel Arbeit, oder?“ Na, ihm kann ich’s ja sagen. „Ja“, antworte ich und hänge noch mein standardmäßiges „aber auch viel Glück“ hinten dran. Ich mag das nicht, dass meine Kinder mit viel Anstrengung gleichgesetzt werden. Zumindest nicht schon im zweiten Satz. Bedeuten Kinder nicht immer Anstrengung? Und woher weiß ein Gynäkologe und Einlingsvater überhaupt, ob und wie anstrengend Zwillinge sind? 

Als Mehrlingsmutter wirst du erfahrungsgemäß behandelt wie ein Topmodel mit Aussatz: Der Posten ist prinzipiell prima, die Aussichten auf Glück und Erfolg sind jedoch an den Rand des Horizonts gerückt. Aber das ist falsch. Was meint ihr, welches unbändige Gefühl von Stolz und Glück einen überkommt, wenn man Doppelkinder satt stillt? Oder den ersten Vormittag allein zuhause übersteht? Klar ist das anstrengend – aber selten kam ich mir in meinem Leben häufiger unbesiegbar vor, als in den vergangenen sieben Wochen.

Ein letzter Ultraschall 

Der Doc macht Ultraschall, ich sehe kaum hin, reiße mich dann aber aus Schuldgefühlen gegenüber meiner Gebärmutter zusammen. Erst macht sie monatelang einen Hammerjob, und dann behandele ich sie so stiefmütterlich (ungebärmütterlich). Dabei ist sie ein so bescheidenes Organ, hat so geackert für die Zwillbos und hat sich jetzt schon wieder fast auf ihre Ausgangsgröße zurückgezogen.
Wie es denn mit Sport aussieht, frage ich [in mir lacht etwas hysterisch – als ob ich dafür Zeit hätte!!!]. Der Doc erinnert sich offenbar an meinen Bewegungsdrang während der Schwangerschaft. „Joggen dieses Jahr überhaupt nicht mehr“, sagt er streng. Ich bin aufgeflogen. „Das ist Gift für den Beckenboden“, ergänzt er. Fehlt nur noch der erhobene Zeigefinger. Na gut, keiner möchte, dass Mama undicht wird, zwei Familienmitglieder, die auf Windeln angewiesen sind, reichen, recht hat er.

Dann klappt er meinen Mutterpass zu. „Heben Sie den gut auf, darin ist noch Platz für eine weitere Schwangerschaft.“ Aha, er fürchtet also, eine gute Kundin zu verlieren. Den Kommentar spare ich mir allerdings. Außerdem höre ich draußen die energische Stimme meines Erstgeborenen. Wir geben noch schnell ein bisschen mit unseren Kindern an und bedanken uns für das vorbildliche Geleit während der Schwangerschaft – dann stehen wir auch schon wieder vor der Tür. Mit zwei Babys im Arm, dem Wissen, dass die Zeit rennt und dem Gefühl von Abschied und Neubeginn.

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