Du bist trotzdem bei uns – ein trauriger Jahrestag

Es nähert sich der 30. November und immer öfter denke ich in den letzten Tagen, wenn man übers Mama Sein bloggt, dann kann man auch diesen möglichen Aspekt auf dem Weg dorthin nicht verschweigen. Es nähert sich der 30. November, der Tag, an dem das Leben vor einem Jahr eine große Schneise in mein Herz geschlagen hat. Der Tag, an dem meine erste Schwangerschaft vorzeitig endete.

Von Anfang an verbunden

Das geschieht Tag für Tag zahllosen Frauen – und ich bin fest davon überzeugt, dass es jede einzelne bis in den hintersten Winkel ihrer Seele trifft. Denn ich hab mich vom ersten Moment an mit diesem kleinen Geschöpf verbunden gefühlt, dass sich zu uns auf den Weg gemacht hat. Für die kurze Zeit, die es bei mir war, hat es alles für mich bedeutet. Wie viele Frauen um mich herum mindestens einmal in ihrem Leben diesen Schmerz erfahren mussten, habe ich erst bemerkt, als ich angefangen habe, darüber zu sprechen. Das hat meinen Schock zumindest ein bisschen gelindert. 

Abschied.

Trotzdem habe ich mich irgendwie auch alleine gefühlt. Ich konnte keines der „es wird schons“ glauben. Denn wer sollte wissen, ob es wird? „Du kannst ganz bestimmt Kinder bekommen“ – ja, aber nicht dieses. Es war eine wahnsinnige Achterbahn, durch die mein Herz und meine Seele im vergangenen Winter gejagt wurden. Zunächst die unglaubliche Freude, dass es so schnell geklappt hatte. Dann der Schmerz des Verlusts, der so groß war, dass ich ihn zunächst überhaupt nicht verarbeiten konnte. Ich habe es einfach nicht geschafft, das zuzulassen, habe mich gewehrt, wollte einfach weitermachen mit meinem Alltag – doch eigentlich war ich bis auf den Grund meines Lebens erschüttert und verunsichert. Da war etwas, auf das ich kaum Einfluss habe, das ich nicht beschützen konnte, obwohl es mir so kostbar war. Ich hatte keine Kontrolle. Ich war machtlos. Ich habe sogar angefangen, an Gott zu zweifeln, weil ich nicht verstehen konnte, warum er uns solche Schmerzen zufügt. 

Freier Fall

Und noch indem ich innerlich gestürzt bin, haben sich die Zwillbos zu uns auf den Weg gemacht. Auch wenn ich keine OP benötigte, war es für den Mann und mich und meinen Arzt ziemlich unglaublich, dass ich 14 Tage nach der Fehlgeburt wieder schwanger geworden bin. Ich hatte da zwar so eine Ahnung. Doch ich wollte mich nicht freuen, wollte es nicht an mich heranlassen, wollte nicht wieder fallen und kaputt gehen.

Dann kamen die Erschöpfung, das flaue Gefühl und – am allerschlimmsten – die Angst. Sie kam nicht zaghaft in Form von Gedanken. Sie traf mich körperlich mit zitternden Knien und Herzrasen. Noch bevor ich einen Test gemacht hatte, erlebte ich regelrechte Panikattacken. Ich war so überfordert mit all meinen Ängsten, mit meiner Trauer und meiner Verunsicherung. Wie sollte eine so eingeknickte Frau Mutter werden? Ich war fix und fertig, habe mich unfassbar unter Druck gesetzt und die Hormone haben wohl ihr Übriges getan. Ich habe mir Hilfe geholt, die mich durch die gesamte Schwangerschaft begleitet hat. Irgendwann kam die ganze Trauer heraus, kamen die Tränen, der Schmerz und der Abschied von der kleinen Seele, die wir niemals kennenlernen werden – zumindest nicht in dieser Welt. Ganz allmählich habe ich mich getraut, mich auf die Zwillbos zu freuen, ihnen zu vertrauen, dass sie ihren Weg schon gehen werden. 

Der Mut ist zurückgekehrt 

Mich hat noch niemals in meinem Leben etwas so erschüttert wie die Erfahrungen der vergangenen zwölf Monate. Doch ist der Mut nach und nach zurückgekehrt – auch wenn er sich hin und wieder plötzlich verdrückt, ich denke, das ist normal. Eine innere Narbe bleibt, und manchmal schmerzt sie auch noch. Aber ich denke mittlerweile voller Liebe an unser „erstes Kind“, das zu uns gehört, auch wenn es nicht bei uns ist. Ich vertraue auch wieder mehr darauf, dass Gott schon wissen wird, was er tut, und dass alles seinen Grund hat – auch wenn ich ihn nicht immer begreife. Ich glaube, dass ich unser erstes Kind irgendwann treffen darf – und bis dahin bleibt es in meinem Herzen mit mir verbunden. Es muss eine große Seele sein, die unseren Zwillbos Raum gegeben hat.

22 Kommentare Gib deinen ab

  1. dashuhn85 sagt:

    *schnüff*
    Wie ehrlich und mutig du uns teilhaben lässt an vermutlich einem der schwersten Momente

    Gefällt 1 Person

  2. Ich bin einfach nur sprachlos und ergriffen – Vielen Dank für Deine Ehrlichkeit und Deinen Mut so offen darüber zu sprechen. Fühl Dich gedrückt, liebe Grüße Alexandra

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      Danke für deine Worte 😊

      Gefällt mir

  3. Kathi sagt:

    Jetzt sitze ich hier und muss mir Tränen wegwischen und schaue voller Dankbarkeit auf unseren 8 Tage alten Sohn.

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      Oh wie schön! Alles Gute für euch!!!😊

      Gefällt 1 Person

  4. Verzueckend sagt:

    Fühl dich gedrückt!
    Ich gehöre zu den Frauen, die diese Erfahrung nicht machen mussten und kann mir vielleicht gar nicht vorstellen, wie schlimm es sein muss. Dass, was ich mir vorstellen kann, reicht aber, um mich doch feuchte Augen bekommen zu lassen.
    Alles Liebe!

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      Ja, es war echt ein Alptraum. Aber jetzt ist alles gut und ich bin dankbar für meine beiden Zwillbos 😘.

      Gefällt mir

  5. melverenice sagt:

    Ach Juli, das tut mir so leid! Habe dicke Tränen in den Augen. Wie nah Verlust und Glück beieinander liegen können. 💕

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      Ja, das stimmt. Ich bin froh, dass ich das mittlerweile so annehmen kann und ich hier mit zwei entzückenden Querulanten sitzen darf. ❤️

      Gefällt mir

  6. Wie ehrlich und voller Ehrfurcht Du davon berichtest. Ich fühle mit Dir. Genießt die Zwillbos nun gleich doppelt so sehr! Ihr werdet es Wiedersehen – Euer Baby !!! Ganz viel Kraft Euch!

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      Danke! Irgendwie hat sich alles zum Guten gewendet…

      Gefällt mir

  7. Das ist so traurig und das hast du sehr gut beschrieben! Ich musste leider 3x diese traurige Erfahrung machen bevor sich unsere Tochter auf den Weg zu uns gemacht hat. Ich habe schon sehr sehr gezweifelt, da sich meine Fehlgeburten über einen Zeitraum von 3 Jahren zogen und es immer 1 Jahr dazwischen dauerte, bis ich wieder schwanger wurde. Nach 3,5 Jahre nahmen wir dann künstliche Befruchtung in Anspruch und damit hat es zum Glück mit der Geburt unserer Tochter noch kurz vor dem 40er 😉 geklappt! Dafur bin ich unendlich dankbar. Ich rede seitdem offen über meine FG und die IVF weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass man sich selbst nicht mehr ganz so allein fühlt wenn man weiss, dass es anderen auch so ging/geht. Danke!

    Gefällt 2 Personen

    1. doppelkinder sagt:

      Danke für deine Offenheit. Ich kann mir kaum vorstellen, wie viel Stärke und Schmerz es einem abverlangt, das zu verkraften und so lange auf sein Kind warten zu müssen. Wie schön, dass eure Maus jetzt bei euch ist! Ich wünsche euch alles, alles Gute!!!

      Gefällt 1 Person

      1. Danke! ❤ Noch ein Kommentar zum Verkraften: Du verkraftet es weil du MUSST. Du hast keine andere Wahl, sonst würdest du wahnsinnig werden. Das ist aber keine Alternative. Also verkraftest du es *irgendwie* und versuchst, möglichst nicht mehr in diesen Schmerz zurückzublicken und dich stattdessen an der Gegenwart zu erfreuen. ❤

        Gefällt 1 Person

    2. sternchenat sagt:

      nun was soll ich sagen , mein letztes Sternchen hat mich am 30.Nov verlassen, ich weiss wie ihr euch fühlt und euch gefühlt habt, ich habe auch das Schweigen gebrochen und ich hoffe dass das noch ganz viele Frauen tun, damit wir uns alle gegenseitig unterstützen können , so wie wir es verdient haben

      Gefällt 2 Personen

      1. doppelkinder sagt:

        Das tut mir wahnsinnig leid, danke für deinen. Mut und deine Offenheit – ich halte das auch für sooo wichtig. Ich wünsche dir ein verständnis- und liebevolles Umfeld. Alles Gute!

        Gefällt mir

  8. zwillingerig sagt:

    Bewegender Beitrag! Ich mag deinen Humor und deine lustigen Texte. Aber die ruhigen und nachdenklichen Töne stehen dir auch sehr gut. Du hast deutlich gezeigt, dass die Worte immer richtig sind, wenn sie aus tiefstem Herzen kommen. Danke für diesen Einblick, der sicher niemanden kalt lässt!

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      Vielen Dank für deinen Zuspruch! Ich versuche, vieles mit Humor zu sehen, doch es gibt eben auch diese andere Seite – im Leben und auch in mir. Mit taten einige Erfahrungsberichte damals gut…

      Gefällt mir

  9. Uli sagt:

    Ich habe Deinen Artikel zum 1. Mal am 1. Dezember gelesen, weil Steffi H. den Artikel bei fb geliked hatte und ich es zufällig sah, das erste Mal, das ich mich während meiner Schwangerschaft (ich war da in der 23. Woche) kurz mit diesem Thema befasste. Am nächsten Tag hatte ich einen Termin zur Ultraschall-Feindiagnose mit dem Ergebnis: „Frau B, ihr Baby ist tot“. 12 Tage vorher beim Organ-Ultraschall war noch alles bestens. Seitdem musste ich öfter an Deinen Bericht denken. Gestern hatten wir die Beisetzung auf einem Friedhof für Sternenkinder. Du kannst so froh sein, dass es bei Dir so schnell wieder geklappt hat und ich verstehe Deine Ängste, die Du danach hattest sowas von gut… Es ist so hart, wenn das Baby, auf dass Du Dich so gefreut hast plötzlich tot, der Bauch weg und Du nur kleine Erinnerungen von ihm hast, z.B. wie er beim Ultraschallen am Daumen gelutscht hat etc. und Du eigentlich gar nicht weißt, warum es passiert ist, weil die Ärzte bzw. Pathologen gar keine Ursache gefunden haben.

    Aber unsere Sternchen werden immer für uns am Himmel stehen… und in unseren Herzen!

    Alles Gute wünsche ich Dir bzw. Euch mit Euren Zwillbos!!!!!
    Uli

    Gefällt mir

    1. doppelkinder sagt:

      Liebe Uli, ich kann dir gar nicht mit einem Satz sagen, wie sehr mich dein Bericht bestürzt hat. Ich möchte dir sagen, dass es mir unendlich leid tut – auch wenn solche Worte niemals wirklich ausreichen, um den Schmerz zu lindern, durch den du gerade gehen musst. Denn so spät ein Kind zu verlieren, das ist einfach nur unvorstellbar und einfach nicht mit Worten aufzufangen. Vor allem, weil man sich zu diesem Zeitpunkt der Schwangerschaft schon relativ sicher fühlt. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass du Menschen um dich hast, die sich begleiten, und dass du trauern kannst. Ebenso sehr wünsche ich euch, dass sich bald wieder ein kleiner Mensch zu euch auf den Weg macht. Es gibt nichts Gutes an einem solchen Erlebnis – außer vielleicht zu wissen, dass bei dir körperlich nichts im Wege steht. Andererseits würde eine Ursache auch bei der Bewältigung helfen können. Ich danke dir, für deine Offenheit und für deine Wünsche und schicke dir ganz, ganz viel Kraft!!!!

      Gefällt mir

      1. Uli sagt:

        Danke für Deine lieben Worte. Zum Glück ist und war mein Umfeld sehr einfühlsam und lieb zu mir. Man fühlt sich einfach wie in einem Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Ich hoffe, dass das neue Jahr für mich wie ein kleiner Neuanfang sein kann.
        Ganz liebe Grüße, Uli
        PS: Wir haben übrigens mal Rosenmontag in Düsseldorf zusammen gefeiert inkl. Sektfrühstück. Müsste 2010 oder 2011 gewesen sein, Du warst Kellnerin, ich Blumenwiese! 😉

        Gefällt 1 Person

      2. doppelkinder sagt:

        Na klar erinnere ich mich – da scheint Jahrhunderte her! Ich wünsch dir und deiner Familie, dass 2016 ein ganz besonderes Jahr mit ganz viel Glück und Gesundheit wird!!!!

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s