Kein Herz für goldene Kälber

Elternschaft ist wie eine riesige Rinderzucht – alles ist voller goldener Kälber. Stillen. Durchschlafen. Schlafen im allgemeinen. Brei selbst kochen. Babys keinen Brei, sondern nur Fingerfood geben. […]. 

Ein weiteres überschätztes Rindvieh ist mir kürzlich begegnet, als ich den Offenen Brief an unsere Familienministerin [der bedauerlicherweise bislang ohne Resonanz des Ministeriums geblieben ist] publiziert habe. Welchen Namen soll ich ihm geben? Die, die ohne Hilfe klarkommt? Auf niemanden angewiesen sein? Ich kämpf mich allein dadurch? Je härter, je lieber? Stirb langsam – jetzt doppelt?  Ich weiß es nicht. 

Offenbar existiert – insbesondere unter Zwillingsmamas – ein geheimer Wettbewerb, an dem eine jede Mutter mit der Entbindung unfreiwillig und ohne Einwilligung hineingeboren wird. Denn ich kann mich nicht erinnern, mich dafür angemeldet zu haben, befinde mich dennoch mittendrin. Die Bewertungskriterien scheinen mir folgende zu sein: 

  • Wer hat es am frühesten am schwersten mit der wenigsten Unterstützung? 
  • Diejenige, die quasi ab dem Tag der Geburt ihres Doppelpacks alleine die Nachkommenschaft von früh bis spät betreut, hat gewonnen. 
  • Zusatzpunkte gibt es für weitere ältere Geschwisterkinder, Großeltern und andere Angehörige, die zu weit entfernt wohnen, um regelmäßig mit anzupacken, Kindsväter, die regelmäßig auf Dienstreisen gehen und besonders diffizile Wohnsituationen wie 48. Stock Altbau ohne Fahrstuhl. [Wer an dieser Stelle beschließt, meinen Blog nicht mehr zu lesen: Ade!] 

Augenscheinlich ist diejenige die beste Mutter, die die Kinder tagtäglich ohne Hilfe des Partners zu Bett bringt, die gemeinsam mit dem Nachwuchs noch den Wocheneinkauf, den Großputz sowie die Maniküre des Goldhamsters erledigt und die sich niemals nie nicht Unterstützung holt – noch nicht einmal, wenn die Kinder zahnen und fiebern und ein Update laden und die Mutter gleichzeitig nur ein Bein oder einen Arm zur Verfügung hat. JETZT BLOSS KEINE SCHWÄCHE ZEIGEN!!! 

Läuft. Aber nicht immer so glatt.

Ganz ehrlich? Ich bin auch froh, wenn ich allein mit den Zwillbos durch den Tag komme. Das gibt mir Sicherheit, das Gefühl, es zu können wenn ich muss. Doch wie ich mich am Ende dabei fühle, die Spanne reicht von „moderat erschöpft“ bis zu „nach einem körperlich-mentalen Napalm-Angriff“. Der Preis kann verdammt hoch sein. 

Nochmal ganz ehrlich? Ich weiß nicht, wie ich die ersten Monate ohne den Zwillbo-Papa an meiner Seite überlebt hätte! Vermutlich disqualifiziert mich das für den Wettbewerb, doch glücklicherweise war der Mann gut sechs Monate fast rund um die Uhr an unserer Seite. So hat es mit dem Stillen geklappt. So bin ich nach all den Nächten, in denen die Kinder alle anderthalb bis zwei Stunden wach und hungrig waren, nicht permanent zusammengebrochen – und diese Nächte waren bei uns lange die Regel. So konnten wir uns gemeinsam in dieses neue, absolut fremde, oftmals unheimliche, doch tagtäglich auch faszinierende Geschäft namens Eltern sein einfinden. 

Der Zwillbo-Papa kann mehr als das.

Auf der einen Seite war das ein gewisser Luxus, so musste ich nicht ständig komplett auf dem Zahnfleisch gehen – doch hart genug war es immer noch. Zudem sind die Zwillbos für ihren Papa keine seltsamen Verwandten, die sabbern und mehrmals am Tag schlecht aus der Hose riechen. Sondern es sind seine Jungs, die sich von ihm trösten lassen, die ihn anhimmeln, für die er gewissermaßen die Hälfte ihres gesamten Universums ist. Doch natürlich haben wir auch dafür bezahlt. Mein Mann hat seinen Studienabschluss aufgeschoben – und damit ein zusätzliches Einkommen und eine wichtige Etappe seines beruflichen und persönlichen Werdegangs. Geplant war das nicht. 

Für mich war es eine harte Lektion, zum allerersten Mal in meinem Leben so richtig auf Hilfe angewiesen zu sein, abhängig zu sein. Die Zwillbos haben ganz gut geschlafen – aber nur auf uns. Das hätte irgendwie ein Platzproblem gegeben, wäre ich alleine gewesen. Der Mann und ich waren uns schnell einig, wenn schon ich hier nicht rumbrüllen darf, dann sollen die Kinder es auch nicht [müssen]. Und sie hätten es garantiert noch öfter gemusst als sie es aufgrund von Koliken und allgemeiner postnataler Unzufriedenheit ohnehin schon taten. 

Zwei Babys zeitgleich jonglieren hat es in der Regel in sich.

Ich habe mich oft unzulänglich gefühlt, weil ich nicht alleinige Herrin der Lage war und konnte es nicht immer genießen, so viel Unterstützung zu haben – ganz schön blöde. Doch ich bin auch nur ein Kind unserer Zeit, in der es so oft um Leistung geht. Was’de schaffst, das biste! Darüber definieren wir uns beruflich und offenbar – wenn der berufliche Erfolg aufgrund der Elternzeit wegfällt – auch familiär. Schade, dass wir uns sonst so wenig wert sind. Heute sehe ich – wie oben beschrieben – die Früchte unserer langen gemeinsamen Elternzeit. Ich bin auch mal verzichtbar, kann Auszeiten nehmen und Dinge tun, die nichts mit Windeln, Spucktüchern und Holzspielzeug zu tun haben. Dinge, die mit mir zu tun haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Deshalb habe ich diesem güldenen Kälbchen vor einiger Zeit liebevoll aber bestimmt gesagt: „Nein, es tut mir leid, aber in unserem Stall ist kein Platz mehr für dich.“

17 Kommentare Gib deinen ab

  1. Absolut gut und richtig! Du machst nen riesig guten Job und die Anerkennung kommt ganz allein von Deinen beiden fast Zahnlosen Krabbelmonstern 😉😘!

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      Danke dir von Herzen 😊

      Gefällt mir

  2. M. sagt:

    Vielen Dank für diese tollen ehrlichen Worte! Mich nervt es auch völlig wenn manche Mütter (vor allem Zwillingsmütter) ständig betonen, wie sie alles allein wuppen. In meiner Zwillings-Krabbelgruppe habe ich mich früher oft zurück gehalten und zugehört. Mich innerlich aber total nieder gemacht. Warum?

    Weil ich vom ersten Tag an fast rund um die Uhr Unterstützung hatte. Unsere Kinder hatten nen schweren Start ins Leben (geboren bei 32+0 und fast 5 Wochen Kinderklinik) und haben sehr viel geschrien. Schliefen auch nur AUF uns. Zudem hat unser Sohn aufgrund seines Spuckens eine entzündete Speiseröhre bekommen, die aber erst nach mehreren Monaten festgestellt wurde. Bevor er ein Medikament dagegen bekam, schrie er vor Schmerzen Stunden am Tag. Beide Kinder waren Schreikinder, ab ca. 16 Uhr war Dauerkonzert und nur Rumtragen half halbwegs. Wie hätte ich DAS allein schaffen sollen? Mein Mann stand mir soviel zur Seite wie es nur ging und versorgte die Babys auch nachts (trotz Arbeit!) damit ich schlafen konnte (und sie schliefen erst mit 10 Monaten durch 😁) . Meine Mutter ging quasi täglich ein und aus bei uns, half mir bei den Mahlzeiten. Die Schwiegermutter schob die Mäuse stundenlang durch die Gegend (ja, meine schliefen auch nur bei schuckelndem Wagen), damit ich Haushalt machen konnte. Und trotzdem fühlte ich mich unzulänglich. Heute sind die beiden 21 Monate alt und sind immer noch jeden Tag eine Herausforderung. Dennoch bin ich jetzt endlich in der Lage sie komplett allein zu betreuen (wie es mir abends geht, deckt sich mit deinen Beschreibungen!). Heute kann ich dazu stehen und sagen wie viel Unterstützung ich hatte und wie DANKBAR ich dafür bin. Wahrscheinlich wäre ich sonst durchgedreht.

    Darum finde ich es schade, wenn manche Mütter sich ständig gegenseitig übertreffen möchten. Früher hieß es „Um ein Kind zu erziehen braucht es ein ganzes Dorf.“, heute zählt scheinbar nur, was die Mutter alles allein schafft.

    Liebe Grüße, M.

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      Oh Mann, einiges davon erinnert mich an unsere erste Zeit – diese schreistunde ab 17 Uhr 😱. Bei mir war es zum Teil so, dass ich mir wie eine Heuchlerin vorkam, wenn die Einlingsmütter aus meiner Krabbelgruppe mir Respekt aussprachen – schließlich war ich ja nicht tagsüber komplett allein! Völlig absurd, aber irgendwie werden wir wohl ein bisschen darauf gedrillt, sonst würden sich wohl nicht so viele Frauen darin wiedererkennen. Ich danke dir von Herzen für deine Offenheit hier, ich finde, das kann anderen Müttern viel geben! Hier schläft übrigens auch noch keiner durch. Dazu hab ich gestern ein interessantes Bild gesehen, das teile ja gleich mal auf der doppelkinder-Facebookseite. Viele liebe Grüße!

      Gefällt mir

  3. Stephi sagt:

    Super geschrieben Juli! Inspiriert mich voll was du sagst in deinem letzten Absatz. Das merk ich auch immer wieder, dass Leistung so oft zum Maßstab wird. Wie gut, dass du/ihr es geschafft habt euch davon zu distanzieren – muss ich mich auch immer wieder dran erinnern!! Danke dafür!
    Schön, dass ihr gemeinsam unterwegs sein könnt 🙂
    Alles Liebe ♥

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      Vielen Dank! Wir können uns ja irgendwie gemeinsam daran zu erinnern versuchen, ich benötige das nämlich auch zuweilen 😉. Viele liebe Grüße!

      Gefällt mir

  4. SaKo sagt:

    Ich hasse diese Mamakonkurrenz, die sich auf zwei Ebenen abspielt:
    – wer hat den schlimmsten Job erwischt (keine Unterstützung, etc)
    – wessen Kind kann am meisten

    Warum können Mütter sich nicht einfach freundlich begegnen und sich nicht gegenseitig fertigmachen?

    Ich stelle aber oft auch fest, dass gerade die „leidenden“ Mütter die Frauen sind, die auch vorher schon immer ein extrem schwieriges Leben hatten – zumindest in der Selbstwahrnehmung. Oft sind es die leisen Frauen, die es wirklich hart erwischt hat, es aber einfach anpacken und auch irgendwie schaffen.
    Ich hätte mir die Zeit nach der Geburt der Zwillinge durchaus auch an vielen Stellen anders gewünscht. Aber gut, Wunschkonzert war schon ausgebucht und ich kriege auch keinen Orden, wenn ich jeder anderen Mutter auf die Nasr binde, dass ich es doch am härtesten erwischt habe.
    Ich frage mich oft oft, was wirklich zu diesem Verhalten führt. Selbstschutz, Geltungsbedürfnis? Keine Ahnung, aber ich spiele das Spiel einfach nicht mit uns schalte auf Durchzug.
    Machs gut!

    Gefällt 1 Person

    1. M sagt:

      Wenn du schreibst, du hättest dir die Zeit nach der Geburt „auch“ anders gewünscht…zielt das auf meinen Kommentar ab? Dann möchte ich dazu sagen, dass dies das erste Mal ist, dass ich das in der Form „öffentlich“ geschildert habe, wenn auch anonym. Bin also keine der „leidenden Mütter“, ich habe die Umstände zuhause sogar Freunden gegenüber verheimlicht. LG

      Gefällt 1 Person

    2. doppelkinder sagt:

      Ich glaub, ich weiß, was du meinst. Ich hatte die Erwartung an mich, als Mutter den Laden allein schmeißen zu können. Ich hatte von friedlichen Kindern geträumt, die permanent schlafen, mir Café-Besuche und anfangs viel Ruhe ermöglichen 😂🙈 – mit zwei Raketen absolut unmöglich, vor allem ohne helfende Hände. Also werde ich erst jetzt allmählich zur Latte-Macchiato-Mama, die auch mal alleine mit Kindern und Freundin Kaffee trinken geht 😂. Viele Grüße!!

      Gefällt mir

  5. dashuhn85 sagt:

    Hui juli bei dir ist ja was los auf dem blog 😃.
    Ich bin auch immer sehr dankbar über die familiäre Unterstützung und den rückhalt den wir haben. Und wenn wir ihn nicht hätten, auch dann hätten wir es bestimmt itgendwie hinbekommen. Nur vermutlich anders.
    Jede familiensituation ist nun mal anders und jede/r macht es anders gut. Ich finde z.b. alleinerziehende eltern auch immer bewundernswert, weil ich es eine tolle leistung finde, wenn man alle sachen alleine wuppen und entscheiden muss. Vielleicht auch deswegen, weil ich nicht in dieser situation bin.
    Aber ist man schlechtere eltern, nur wenn man Unterstützung hat oder sich welche holt? Nein ich denke nicht. Es gibt bestimmt genug familien, die gerne etwas Unterstützung hätten, es aber aus welchen gründen auch immer nicht möglich ist. Und es ist auch nicht schlimm sowas mal zu sagen.
    Und mein mann war auch drei monate zu hause nach der geburt und wir haben diese zeit gemeinsam gewuppt. Für mich ein segen, für ihn eine zeit mit den kleinen mäusen die ihm keiner mehr nehmen kann.

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      Ja, ich freu mich über so viele Reaktionen – heißes Thema 😂 so lasst uns jede Art der Hilfe genießen, auch für die Kinder ist das nur gut! Liebe Grüße!

      Gefällt mir

  6. melverenice sagt:

    Auch wenn es fuer mich auch das erste Mal in meinem Leben war, wirklich Hilfe annehmen zu muessen (mach ich doch am liebsten alles immer allein und so an allerbesten), bin ich so unendlich dankbar, mir die Aufzucht der Brut mit dem Mann teilen zu duerfen. Welch tolles Privileg, nicht alles allein machen zu muessen und zu jonglieren, sodass einem am Ende eh alles auf die Fuesse faellt. Nicht umsonst heisst es doch: „It takes a village…“
    Ich glaube es liegt daran, dass viele Frauen eigene Unzulaenglichkeiten mit der Erziehung ihrer Kinder wett machen wollen, und wenn man das nicht alleine schafft, dann ist man keine gute Mutter…

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      …und wer hat heute schon noch sein Dorf so um sich!? Die Kinder profitieren auch total davon, auch andere Bezugspersonen zu haben und Papa nicht nur nach Feierabend zu sehen. Und um so besser, dann auch kleine Nischen für sich zu haben!

      Gefällt mir

  7. Märchi sagt:

    Vielleicht macht gerade das einen aber auch stark und mutig, dass man sich Hilfe holt und auch annimmt, wenn man es braucht? ?? Mein Freund war zum Glück auch die ersten 4 Monate zu Hause um mir mit unseren Zwillingen zu helfen und ich bin froh darum. Es war einerseits eine Entlastung für mich aber vor allem war es schön und wichtig für die Kinder. Wir konnten ihren Bedürfnissen so (fast ) immer sofort nachgehen, ohne das sie lange warten oder weinen mussten. Und wie du es auch geschrieben hast, ist das nicht das wichtigste?
    Der Konkurrenzkampf wird uns in den nächsten Jahren nicht mehr loslassen, zumindest was unsere Kinder betrifft, leider. 😕
    Lg

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      Ich bin auch so froh, dass unsere Kinder nie wirklich aushalten mussten, als sie solche Winzlinge waren. Mit acht Monaten sieht das Ganze jetzt echt schon anders aus! Toll, dass ihr diese Zeit gemeinsam hattet!!! Liebe Grüße!!!

      Gefällt mir

  8. Kathi sagt:

    Oh verdorrisch, mir scheint ich bin disqualifiziert mit meinem Job, in dem Großeltern und mein Mann und ich zusammen arbeiten und uns alle im Wechsel um den Schreihals kümmern. Und am Tag, wo ich mit der Großen turnen gehe, kommt sogar die andere Großmutter noch vorbei.

    Ja, ich kann zur Not alleine (haben wir neulich getestet, als mein Mann nach Prag auf ein Männerwochenende „dürfte“), aber ich muss nicht und bin da arg dankbar drum.

    Maternal Gatekeeping nennt man dieses Kälbchen übrigens.

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      Du machst es dir aber auch echt leicht 😉😉😉😂

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s