Wie mich Kinderreisepässe beinahe den Verstand kosteten

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Wir haben jetzt Kinderreisepässe. Das ist nichts besonderes, mögen einige Miteltern jetzt sagen. Mir persönlich war ja nicht einmal klar, dass wir diese benötigen, sobald wir das Land auch nur in Richtung holländische Nordseeküste verlassen. Jedoch, befreundete Mütter und die Internetpräsenz des Auswärtigen Amtes – die in etwa die gleiche politische Position haben – haben mich aufgeklärt. Schengener Abkommen hin oder her, man darf nicht einfach x-beliebig seine Babys ex- und reimportieren, man benötigt anständige Papiere. Da macht die Bürokratie dann auch keinen Unterschied zwischen Niederlande, Nicaragua oder Nepal.

Unsere Kinder ohne entsprechende Unterlagen ins Nachbarland auszuführen war selbst uns ein bisschen zu viel Rock’n’Roll, die Elternrolle macht einen tatsächlich anständiger. Weil wir aber leider zuweilen der semiprofessionellen Prokrastination anheimfallen, haben wir den Amtsgang seit Februar aufgeschoben. Ist doch auch viel knackiger vom Ablauf her, wenn man damit bis kurz vor den Sommerferien wartet. Dann bekommt man nämlich kaum mehr einen Termin bei der Stadtverwaltung und darf stundenlang mit den Kindern, die offenbar mitzubringen sind, in mit Industrieflor ausstaffierten Warteräumen rumhängen. Oder man belästigt Verwaltungskräfte in einem Außenbezirk, so wie wir. In der Nordstadt. 

Kalter Rauch und froher Mut

Frühmorgens wuchten wir die Autoschalen mit den nicht mehr ganz so fliegengewichtigen Zwillbos in den Fahrstuhl der etwas traurig wirkenden Bezirksstelle. Die Türen schließen sich und lassen uns mit kaltem Zigarettenqualm zurück – ob abgestanden oder ausgedünstet lässt sich nicht feststellen. Die dezent schmierigen Knöpfe an dem Aufzug drücke ich nicht so gerne, aber in die vierte Etage möchte ich auch nicht klettern. „Ach“, sage ich leichthin, „ist doch eigentlich ganz praktisch, sowas mal eben schnell irgendwo außerhalb zu erledigen…“. Kurz beglückwünschen wir uns selbst zu diesem Coup, der uns über unsere Aufschieberei großzügig hinwegsehen lässt. 

Als wir aus dem Lift treten, begrüßen uns braune Kunststoffstühle, brauner Teppichboden, braune Fensterrahmen und ein Monitor, auf dem die Wartenummern erscheinen, vor einer vergilbten Wand. Ganz offensichtlich sind wir hier nicht im Paradebezirk abgestiegen. Die Kinder verbringen die Wartezeit also in ihren Sitzen, schließlich benötigen wir vorm Urlaub keine exotischen Infekte mehr. „Wird ja wohl schnell gehen an einem Mittwochmorgen“, denke ich mir und blicke auf die Anzeige, als sich nacheinander eine ältere Dame und ein Herr nicht näher zu bestimmenden Alters mit Krücken in den Raum mühen. 

Es ist 8.36 Uhr. „Ich hab einen Termin um 9 Uhr, aber meine Nummer ist schon vorbei“, sagt sie. Wir gucken sie an, dann den Monitor, dann wieder sie. „Die Zahlen erscheinen nicht chronologisch“, sagt der Zwillbo-Vater. „Wer ist denn jetzt gerade drin?“, fragt die Dame, „welche Nummer ist denn dran? Sind die schon lange drin? Wann haben Sie denn den Termin?“ Sie nestelt an den Papieren in ihren Händen herum. Ich atme. „Die Nummern, die dort erscheinen, sind nicht zwangsläufig aufsteigend geordnet“, versucht der Mann es erneut, „Unser Termin ist um 8.40 Uhr.“ „Ach so“, sagt die Seniorin, „dann warte ich.“ 

Unterdessen bekommt der bekrückte Herr einen stattlichen Hustenanfall, der mich an Tuberkulose denken lässt, den Zwillbos kullern vor lauter Interesse um ein Haar die Augen aus dem Kopf. „Ich bin um 9.10 Uhr dran“, nuschelt er, und wir hoffen, dass er es tatsächlich bis dahin schafft. „Das geht da ja gar nicht voran“, sagt die ältere Dame. „Wer ist denn jetzt drin? Ist gerade jemand drin?“ „Wir haben niemanden reingehen sehen, aber man wird ja aufgerufen“, hebt der Zwillbo-Papa erneut an. „Welche Nummer haben Sie denn“, möchte die Dame jetzt von uns wissen. „Die 338“, sagt mein Mann. Ich atme. „Ich habe die 315“, sagt sie, „aber die war ja schon!“ Ich atme. „Die Nummern sind nicht chronologisch“, sage ich dann. Vielleicht etwas nachdrücklicher. 


Eine Familie drückt die Tür auf, hinter der die Büros liegen und verlässt den Warteraum Richtung Treppenhaus. „Gehen Sie jetzt rein?“, fragt die Rentnerin, „sonst geh ich“, und peilt die Tür an. „Man wird aufgerufen!“, sagt mein Mann energisch. Sein Sitznachbar atmet schwer, die Zwillbos sind beeindruckt. „Achso, ja, ist gut“, sagt die Dame. Ich atme. Tiefer. Unsere Nummer erscheint um 8.55 Uhr, wir hieven unsere Nachkommenschaft und unsere Tasche samt Unterlagen hoch und machen uns auf zu Zimmer 23. 

Zimmer 23 ist so klein wie eine Briefmarke und beherbergt zwei Verwaltungsfachangestellte, 20 manikürte Acrylnägel, drei kuriose Porzelan-Igel, diverse Stempel, Bildschirme, Drucker, Flaschen mit Diätcola, Akten und zahllose Papiere. Wir quetschen uns zu viert auf zwei Stühle, die Zwillbos haben längst keine Lust mehr, in ihren Schalen zu liegen und wibbeln unternehmungslustig auf unseren Knien herum. Pepe nimmt bereits den ersten Aktenstapel in Augenschein, während Mads versucht, die Klarsichthüllen mit den Geburtsurkunden aus der väterlichen Hand zu entwenden. Vor dem Schreibtisch nebenan sitzt eine fünfköpfige türkische Familie, die unser Auftritt sichtlich interessiert. 

Das Chaos nimmt seinen Lauf

„Jetzt dürfte es ja eigentlich fix gehen“, denke ich mir. Schließlich ist der Mann immer gut organisiert und die Frau vor uns macht das hauptberuflich… Wir händigen ihr die Geburtsurkunden unserer Kinder sowie die Passbilder aus. Auf denen sehen die Zwillbos aus wie Gespenster, den irgendwer einen gehörigen Schrecken eingejagt hat. „Aha“, sagt die Dame vom Amt, „Mads und Pepe. Wer ist jetzt wer?“ Wir zeigen es ihr, sie beginnt zu tippen und zu rödeln, sie holt Blanco-Ausweise aus dem Nebenzimmer, tippt weiter und plaudert. Ich kann nicht richtig zuhören, Pepe pfeffert unterdessen jedes ihm dargereichte Spielzeug durch den Raum. Stattdessen möchte mir der Erstgeborene lieber eine neue Frisur verpassen, mit deutlich weniger Haaren. Ich lächele angestrengt, schließlich haben wir alles unter Kontrolle. 

Die Amtsfrau tippt und druckt und klebt. Wir unterschreiben und hindern zeitgleich Pepe daran, die Schreibtischunterlage aufzuessen und Mads, sich den Kugelschreiber in den Rachen zu rammen. „Soooooo“, sagt die Dame mit den modischen Nägeln, „schauen Sie mal, ist das Mads?“ Ich blicke auf das Bild. Ja. Ist er. Der Mann schaut sich den Ausweis ebenfalls an. „Aber da steht Pepe“, wendet er ein. Tatsache. Ich geniere mich kurz, weil ich nur auf das Foto geguckt habe – und das zeigt Mads. Der Mann und die Verwaltungsfachangestellte schauen einander kurz an. „Oh“, sagt sie, und ich sehe genau, dass beide kurz überlegen, ob man das so lassen kann. Auf gar keinen Fall, meine Kinder sollen keine illegalen Ausweispapiere besitzen. Die Dame beginnt von vorn, sortiert Fotos, holt einen neuen Blanko-Ausweis von nebenan, tippt. „Jetzt müssen wir aber gut aufpassen“, sagt sie und vergewissert sich mehrfach der Übereinstimmung von Text und Bild. Wir müssen gut aufpassen. So, so. Mittlerweile habe ich mich mit Pepe auf dem Arm hingestellt, der sich kurz damit zufrieden gibt, die Hubbel von der amtlichen Raufasertapete zu knibbeln. Ich tue so, als würde ich es nicht bemerken.

Ein Paar mit zwei Kindern setzt sich vor die unterdessen freigewordenen Stühle des angrenzenden Schreibtischs. Da schiebt sich ein silbergelockter Kopf durch die Tür: „Bin ich jetzt dran?!“ Der Mann und ich gucken uns an. Ich atme. „Ich habe Sie aufgerufen, aber sie sind nicht gekommen“, sagt die Acrylnagelkollegin. „Doch, ich stand hier vor der Tür, ich wusste nicht, dass ich schon rein kann“, entgegnet die Seniorin. Gleich muss ich lachen. Oder schreien. Ich atme. „Dann müssen Sie jetzt noch einen Moment warten“, sagt Amtsfrau Zwei und bedeutet der Familie, sitzen zu bleiben. 

Verschollene Passbilder

Wir unterschreiben zwei weitere Male unter Einsatz all unserer Kräfte. Die Zwillbos haben mittlerweile überhaupt kein Verständnis mehr dafür, warum man ihren Entdeckerdrang mit einem langweiligen Büro beleidigt. Mir drohen die Arme abzufallen, weil sich darin 10,5 widerwillige Kilogramm winden. Meine neue Frisur sitzt. Oder besser gesagt, steht. „Die Fotos habe ich Ihnen wiedergegeben?“, fragt Amtsfrau Eins. Hat sie nicht, aber auf ihrem Schreibtisch, der aussieht, als sei er einem Luftangriff zum Opfer gefallen, können wir sie nicht ausmachen. Ich überlege kurz, ob das Taktik ist und sie auf diesem Wege illegal an Babypassbilder für eine gruselige Sammlung kommt, verwerfe den Gedanken allerdings und beschließe, dass die Fotos von Mads‘ gespenstischem Konterfei vermutlich nur hinter irgendeinen Aktenstoß gerutscht sind. 

Der Mann zahlt unsere hart erwarteten Ausweise, dann wursteln wir uns irgendwie aus dem Miniaturbüro, ohne ein Kind fallen zu lassen. „Bin ich jetzt dran“, tönt es da neben meinem Ohr…

18 Kommentare Gib deinen ab

  1. Kathi sagt:

    Mmmh, ja, kommt mir bekannt vor. Und dann noch ein fun fact am Rande: weil wir recht grenznah wohnen, sind wir schon 30x oder so ohne Ausweis an Bord rüber gefahren. Irgendwann sitzen wir mit 2 greinenden Kindern in ner Zelle, weil ich zu verpeilt bin 😂

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    1. doppelkinder sagt:

      😂😂😂 dann sag bescheid, ich bringe dann Wasser und Brot!

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      1. Kathi sagt:

        Prima, der Kleine wird ja eh noch gestillt, der Rest hat dann ein opulentes Mahl😂😉😂

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  2. Pingi3107 sagt:

    Ich lache mich gerade kaputt😂😂😂,aber wir haben den Mist auch noch vor uns 🙂

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  3. Sonja sagt:

    Wir haben sehr gelacht – danke dafür 🙂
    Da bin ich ja schon gespannt wie das wird und sehe schon jetzt die Passbilder vor mir 😄

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    1. doppelkinder sagt:

      Wir haben sie uns gerade noch einmal angesehen und konnten nicht mehr vor lachen! Unsere kleinen Schlossgespenster! 😂

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  4. Oh wie viel Spaß hatte ich gerade 😂😂😂 „eiiiiinen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars …“ Bin ich schon dran??? Danke für diese großartige Begebenheit!!! Werde ich bestimmt noch öfter lesen. 👍🏻👍🏻👍🏻

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    1. doppelkinder sagt:

      Für dich würd ich glatt noch mal gehen!

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  5. dashuhn85 sagt:

    Aus interesse: wie genau macht man biometrische passhilder von Babys/kleinkindern? Kind festschnallen? Muddis schoß im hintergrund? Oder photoshoped man einfach sein baby irgndwo hinein? 😃
    Ich wusste auch nicht, dass babys im eu ausland schon nen ausweis benötigen.

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    1. melverenice sagt:

      Wir brauchten eins als sie vier Monate alt war. Hab sie auf nen hocker setzen, von hinten akrobatisch festhalten muessen und darauf hoffen, dass sie nicht zuckt. Lustigerweise, hat es auf Anhieb geklappt. Ist aber eh alles bullshit, weil sie jetzt natuerlich eh wieder anders aussieht. Da nuetzt biometrisch nix…

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      1. doppelkinder sagt:

        …das hätte ich ja gerne gesehen!!!

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    2. doppelkinder sagt:

      Also, mein Mann hat sich mit den beiden in eine Fotokabine gesetzt, war aber ein ziemlicher Akt. Den Hintergrund, also sein Hemd, kann man nicht wirklich erkennen, weil fast nur das Gesicht ausgeschnitten wird. Das mit dem EU-Ausland war mir ja auch neu 😂

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  6. Jana sagt:

    Haha, so viel Spaß hatten wir beim Amtsgang leider nicht, aber über das Foto (was laut Aussage des freundlichen Fotografen bei Kindern bis zu einem gewissen Alter [5 oder so, da will ich mich jetzt nicht festlegen] übrigens gar nicht biometrisch sein muss) könnte ich mich auch scheckig lachen. Ich hatte drei zur Auswahl, und mich dann für das kleinste Übel entschieden, auf dem mein Sohn aussieht, als hätte er nur ein Ohr 😂
    Wurden übrigens nicht kontrolliert an der deutsch-niederländischen Grenze, das mal am Rande. Wünscht man sich ja beinahe, nachdem man so einen Aufwand betrieben hat.
    Bin gespannt auf deinen Urlaubsbericht, das wird bestimmt auch lustig! Gute Reise jedenfalls & LG, Jana

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    1. doppelkinder sagt:

      Vielen Dank! Wir auch nicht, haben noch nicht mal einen Grenzposten wahrgenommen 😂

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  7. Liesel Scharnowski sagt:

    Hey Du,
    dieser Eintrag ist eine Meisterleistung! So herrlich Julia!!

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    1. doppelkinder sagt:

      Vielen Dank 😊😊😊

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  8. yellowstripes sagt:

    oh je! das klingt gar nicht gut, aber lustig zu lesen.
    bei uns ging das ganz einfach und ohne probleme. die zwillis waren da 8 Monate alt. das ganze hat 10 minuten gedauert. das passfoto wurde vor ort gemacht. sie hatten eine liege für die babys und oben an der decke war die kamera. liebe grüsse, y

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