Ohne dich

Eine Mutter ohne Mutter – nicht vollkommen plötzlich, aber zu plötzlich – muss mit dem Material arbeiten, das ihr bis dahin geschenkt worden ist. Ratschläge kommen aus dem Herzen, aus der Seele, sind nicht mehr spontan am Telefon oder Kaffeetisch abholbar, sondern erklingen von innen, verinnerlicht in einer Zeit vor dem Jetzt. Schön ist das nicht, aber es ist besser als nichts. 

Eine Mutter ohne Mutter ist in Wahrheit nicht ohne Mutter – zumindest nicht, wenn sie mehr als drei Jahrzehnte mit ihr gehen, sich von ihr tragen und umarmen lassen durfte. Drei Jahrzehnte können viel sein, aber auch nur ein Wimpernschlag. Sie waren viel zu wenig. 

Ich bin nicht ohne Mutter, denn ich wurde geboren, geliebt, aufgezogen, gehütet, beschützt, geprägt, bewahrt, freigelassen und immer aufgefangen. Sie ist nicht mehr so bei mir, wie ich es mein Leben lang gewohnt bin. Vermutlich wird mir das von nun an ein Leben lang wehtun, doch sie ist weiterhin da. Nur anders. Und doch fühle ich mich allein.

Unsere Beziehung geht weiter. Dafür sorge ich. Ich weiß, was zu tun ist. Bestimmt. Mama hat es mir doch ins Herz gelegt. Nicht unbedingt bewusst – wer konnte schon ahnen, dass es kommt, wie es kam? Doch legt uns das Geliebtwerden einen Kompass in unsere Seele. Jetzt ist es wohl an mir, ihn zu ergreifen. Nicht am Telefon, nicht am Kaffeetisch, nicht in einem Gartenstuhl im Sommer unterm Kirschbaum sitzend. 

Dort sitze ich jetzt ohne dich, und mein Herz bricht. Und dennoch bist du da. Weil ich es möchte und weil du es immer gewollt hast. Nichts geht verloren. Trotzdem vermisse ich dich, werde ich dich immer vermissen. Trotzdem weiß ich nicht, was werden soll. Ich weiß nur, dass es wird. Irgendwie. Weil du es so gewollt hast. Weil ich es möchte. Weil die Zwillbos es brauchen. Weil ich weiß, dass es bei anderen auch ging. 

27 Kommentare Gib deinen ab

  1. fraubpunkt sagt:

    😢😢😢 Mein Beileid!

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  2. Liebe Juli! Du hast wunderbar in Worte gefasst was so schwer auszudrücken ist. Der innere Kompass… Ich lebe seit 13 Jahren ohne Mama und gerade seid ich selbst Kinder habe vermisse ich sie zutiefst. Aber wie Du sagst: Sie hat alles in uns gelegt und so werden wir sie und Ihren Rat immer in uns tragen.
    Ich drücke Dir mein tiefes Beileid zu diesem schweren Verlust aus und wünsche Dir und Deiner Familie viel Kraft und Zuversicht in dieser dunklen Zeit und viele schöne Erinnerungen die diese Zeit erhellen. Fühle Dich gedrückt, liebe Grüße Alexandra

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    1. doppelkinder sagt:

      Danke für deine Offenheit, Alexandra. Das ist so, so viel zu früh, meine Güte, das tut mir leid. Ich hoffe, dass wir alle irgendwann wieder mit unseren Lieben vereint sind und dann erfahren, dass sie die ganze Zeit Anteil nehmen konnten.

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      1. Herzlichen Dank – Ich weiss, Du gehst gerade durch eine sehr harte Zeit. Als meine Mama starb, fühlte ich mich nur noch wie ein halber Mensch. Und seit ich Kinder habe, fehlt sie mir wieder sehr obwohl es schon so lange her ist, dass sie gegangen ist. Deine Mama hat Dich verlassen als Du erst kurz selbst Mama warst. Ich wünsche Dir von Herzen ganz viel Kraft, dass Du sie immer im Herzen tragen kannst und ihre Kraft Dich tragen wird. Dicke Umarmung!

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  3. Frau Stabel sagt:

    Gott du sprichst mir sowas von aus der Seele!!! Zu 100% meine Gefühle und Gedanken nach dem Tod meiner Mama vor knapp 4 Jahren. Mein Großer war gerade 1 Jahr alt und ich hatte noch so viele Fragen… Sie wäre eine so tolle Oma für ihn und die Twins ❤

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    1. doppelkinder sagt:

      Ich weiß, was du meinst. Mama war sooo kreativ und einfallsreich im Umgang mit ihren Enkeln, und unermüdlich darin, uns zu ermutigen. Sie sind da, oder? Bei uns.

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  4. esther.pache@paulusgemeinde.de sagt:

    Liebe Juli,
    auf diesem Wege unsere herzliche Anteilnahme in diesem Prozess des Loslassen-müssens, der Verunsicherung, des Nachlebens mit allen Gefühlen.
    Wir wünschen dir über der Erinnerung an viele kostbare Momente mit deiner Mutter tiefen Frieden und Dankbarkeit, dass du ein wichtiger Teil ihres Lebens warst (bist!)
    Fühl dich umarmt von
    Klaus und Esther

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    1. doppelkinder sagt:

      Vielen Dank für eure Worte und euer Mitgefühl, von Herzen!

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  5. Kuntabunt sagt:

    Es tut mir unendlich leid! Fühl Dich fest umarmt! 💕

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  6. Jana sagt:

    Das hast du so schön ausgedrückt, ich hab einen dicken, dicken Kloß im Hals 😭 Alles Liebe für dich! ❤️

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    1. doppelkinder sagt:

      Vielen, vielen danl

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  7. Barbara Scharnowski sagt:

    Liebe Juli,
    danke, dass du uns Leser so Anteil nehmen lässt an deinem Weg, eine Mutter ohne Mutter zu sein.
    Danke, dass du wieder schreibst…schreiben kannst…im Schreiben verarbeiten kannst.
    Gott mit dir!
    Und liebe Menschen um dich herum und Zwillinge, die immer wieder dein Herz erreichen und erfreu’n.

    Deine
    Babsi Scharnowski.

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    1. doppelkinder sagt:

      Danke von Herzen, babsi!!

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  8. Tatjana sagt:

    Zu erst mein tiefstes Mitgefühl für dich und deine Familie.

    Ich kann es so nach vollziehen wie du dich fühlst. Meine Mutter ist sehr plötzlich von uns gegangen als meine Tochter fast 2 Jahre alt war und ich hochschwanger.
    Sie fehlt einfach immer und wenn es einfach nur ein lächeln ist oder ihre Stimme zuhören.

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    1. doppelkinder sagt:

      Vielen Dank und alles Gute für euch!

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  9. Alexandra sagt:

    Mein herzliches Beileid! 😢

    So sehr man seine Familie liebt, der Verlust der Mutter ist wohl der Schlimmste (von den eigenen Kindern mal abgesehen). Ich weiß wie es sich anfühlt… Meine Mutter, meine beste Freundin, starb vor 13 Jahren ins an sie zu denken tut immer noch furchtbar weh. Sie durfte ihre Enkelkinder nin kennenlernen. Aber ich weiß sie wäre die weltbeste Oma gewesen, weil sie auch die weltbeste Mutter war… Manchmal finde ich sie in mir wieder, wenn ich etwas sage oder tue, was/wie sie es gemacht hätte. Du hast recht: auch wenn wir unsere Mütter viel zu früh verlieren, geben sie uns in den Jahren die wir mit ihnen verbringen so viel mit. Auch wenn es uns nicht bewußt ist… Behalte die schönen, glücklichen, liebevollen, lustigen Momente in Erinnerung – sie helfen, wenn der Schmerz mal wieder zu stark wird!

    Ich drück dich und wünsche dir ganz viel Kraft!

    Liebe Grüße, Alexandra

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    1. doppelkinder sagt:

      Oh Mann, Alexandra, das ist viel zu früh gewesen, da bin ich mir sicher, das tut mir leid!!! Danke für deine Anteilnahme und deine offenen Worte. Ich glaube, ich weiß was du meinst, wenn du sie in dir wiederfindest, das Gefühl hatte ich jetzt auch schon ein paar mal, und es war irgendwie schön und tröstlich und hat mich stolz gemacht. Und deine Mama wäre auch stolz auf dich – nein, sie IST es, ganz bestimmt! Alles Gute!!

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  10. Mara sagt:

    Mein herzliches Beileid 😢

    Ich kenne das Gefühl ohne Mutter zu sein. Wir haben vor wenigen Wochen unsere Mama verloren und es schmerzt unheimlich. Auch wenn wir wissen das es ihr jetzt besser geht.

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    1. doppelkinder sagt:

      Danke für deine Anteilnahme, Mara. Dass du das Gleiche erleben musst, tut mir wahnsinnig leid, es ist einfach furchtbar, und dass unsere Mamas ihre Krankheiten hinter sich gelassen haben, ist nur ein schwacher Trost. Ich wünsche dir und mir, dass wir uns weiterhin von unseren Müttern geliebt fühlen. Ich wünsche dir ganz viel Kraft!!!

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  11. Sandra sagt:

    Es tut mir so leid! Ich habe meine Mutter letztes Jahr verloren. Sie war mein großer Halt und mir auch immer eine liebevolle Hilfe und Begleitung in all den Jahren mit meinen Söhnen. Jetzt sind sie beide erwachsen und haben ihr Abitur. Und ich meine große Liebe gefunden. All diese Dinge hat sie jetzt nicht mehr real miterleben dürfen und ich weiß, wie glücklich es sie gemacht hätte! Das schmerzt besonders!!! Ich hätte so gern ihr glückliches Gesicht gesehen, ihr so gern als Erste mein Glück erzählt und das, was hoffentlich bald passieren wird…;-) ❤
    Es tröstet leider dann doch nur wenig zu wissen, dass sie sich im Stillen mit mir freut! Fühl' Dich umarmt, Sandra

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    1. doppelkinder sagt:

      Danke für deine Anteilnahme und deine Offenheit. Es klingt, als sei deine Mutter ein ganz wunderbarer Mensch und eine tolle Großmutter gewesen. Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr sie noch bei euch spürt!

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