Es wird besser. Und anders.

Im Elternkosmos kursiert ein Satz, über dessen wahre Funktion ich mir lange nicht im Klaren war. „Es wird nicht leichter, es wird nur anders“, lautet dieser. Wann auch immer ich damit im vergangenen Jahr belehrt wurde – jedes Mal gingen die Worte mit einem dezent süffisanten, leicht überheblichen, etwas gönnerhaftem Unterton einher. Selbstverständlich kann nur jemand diese Weisheit aussprechen, der bereits etwas zeitlichen Vorsprung im Elterndasein hat – logisch. Und jedes Mal, wenn ich diese Phrase hören musste, musste ich die Zähne fest aufeinander beißen, bewusst und tief durch die Nase ein- und ausatmen und am besten die Faust in der Jackentasche ballen. Denn für mich klingt er so pseudoillusionsräuberisch á la „Ja, ihr naiven Neu-Eltern, euch wird auch noch das Hoffen vergehen!“. Das ist selbstverständlich lediglich meine Interpretation.

Inflationärer Gebrauch einer Binsenweisheit

Aaaaber: Nach 13 Monaten mit den Zwillbos fürchte ich, diese Worte tatsächlich als Binsenweisheit enttarnen zu müssen. Doch warum, werden sie so inflationär gebraucht? Meine Theorie: Diese Phrase dient lediglich dazu, noch nicht all zu diensterfahrene Mütter und Väter zu verunsichern – als wäre das soeben erst begonnene Leben mit einem oft brüllenden, mageninhalteausspuckenden, die Nacht zum Tag machenden neuen kleinen Verwandten nicht verunsichernd genug! Denn trotz aller Phasen, Updates, Augenringe, Heulattacken auf beiden Seiten, Zweifel, Anstrengungen, Koffeinüberdosen und durchwachter Nächte habe ich gute Neuigkeiten: ES WIRD BESSER! ES WIRD LEICHTER!

Möglichweise bin ich zu diesem Standpunkt gelangt, weil die Zwillbos niemals entspannte, zufriedene Rumliegebabys waren. Sie haben entspannt und zufrieden rumgelegen. Auf ihren Eltern. Und nicht selten erst nach andauerndem, gleichmäßigem Schuckeln. Sie haben also nicht stundenlang ihren Schlaf im Stubenwagen, Bett oder auf einer Decke gehalten und auch die kontemplative Betrachtung eines Mobilés, wie ich sie von meinerzweitjüngsten Nichte kenne, ist ihnen völlig abgegangen. Ich habe mit der Zeit gelernt, dass das durchaus eher die Normalität im Zusammenleben mit Babys denn die Ausnahme ist, meine pre-elterliche Erwartung war allerdings eine andere. Kurzum, ich kam zu nix, außer zum Mamasein, was aber auch nicht immer die Antwort auf alle Bedürfnisse ist. Zumindest nicht auf meine.

Sitzende Zwillbos sind [meist] zufriedene Zwillbos.

Doch die Zwillbos wurden eigenständiger und damit zufriedener. Meiner Erinnerung nach – wir alle wissen, dass das Erinnerungsvermögen ein hinterhältiger Betrüger ist – ging es steil bergauf, als die kleinen Herrschaften in der Lage waren, sich eigenständig aufzusetzen. Da waren sie etwa zehn Monate alt. Dazu muss ich sagen, dass wir die Beiden nie einfach nur so hingesetzt haben. Uns war wichtig, dass sie wirklich erst in der Gegend herumsitzen, wenn sie es auch tatsächlich alleine können. So viel Geduld mich das auch gekostet hat – ich bin der Überzeugung, dass es vom physioligischen Standpunkt aus die einzig richtige Entscheidung ist, dass es für den Körperbau und die körperlichen Fähigkeiten der Kinder so am besten ist. So halten wir es im Übrigen auch mit dem Laufen und Hinstellen – mal ganz davon abgesehen, dass wir es als Zwillingseltern gar nicht leisten können, den halben Tag gebückt mit zwei Kinder an den Händen durch die Gegend zu humpeln oder zwei Zwerge zu beaufsichtigen, die zwar einigermaßen sitzen können, beim kleinsten Luftzug allerdings umkippen.

Sie konnten zwar bereits etwas früher auf dem Bauch durch die Gegend rutschen, doch die neue Mobilität war nicht so ein Stimmungsaufheller wie das Sitzen. Ich kann das gut nachvollziehen. Robben finde ich persönlich ungemein anstrengend, es sei denn, man ist Elitesoldat und übt das täglich. Außerdem bekommt man doch auf Dauer Genickstarre, wenn man aus dieser Position nach oben in die Erwachsenenwelt gucken möchte. Sitzen hat es also schon mal wesentlich einfacher gemacht. Im Sitzen spielt es sich besser, ein sitzendes Kind lässt sich besser auf den Arm nehmen – zwei sitzende Kinder erst recht – und wesentlich besser..na, eben absetzen. Vor allem fand ich den Alltag mit zwei sitzendem Babys wesentlich leichter.

Wer stehen kann, sieht mehr vom Leben.

Mittlerweile krabbeln beide Zwillbos, wandern fleißig die Möbel und Wände in unserer Wohnung ab und klettern auf alles, was auch nur irgendwie für sie erreichbar ist. Mads wird vermutlich in nicht all zu ferner Zukunft seine ersten freien Schritte tun. Als unser Sofa noch vor dem Fenster stand, habe ich den Aufenthalt der Kinder im Wohnzimmer schon als anstrengend empfunden. Schließlich haben die Jungs schnell erkannt: Wer auf das Sofa kommt, kommt auch irgendwie auf die Fensterbank. Und wer auf der Fensterbank steht, kann sich dort hervorragend mit seinem Bruder darum prügeln, wer am Fenstergriff rütteln darf (noch setzen sie diesen nicht in Bewegung, aber abschließbare Riegel stehen bereits auf unserer Liste). Das war mir dann doch ein wenig zu waghalsig. Also war das Wohnzimmer eine Zeit lang Sperrzone. Zumindest durften die Zwillbos keinsten Falls alleine dort krabbeln.

Unterdessen hat das Sofa einen anderen Stellplatz gefunden, aber wegen der Absturzgefahr vom Ruhemöbel ist dennoch in der Regel das Gitter vor dem Wohnzimmer zu, damit dort keine unbeaufsichtigten Höhenflüge erfolgen können. Aber in unserer großen Diele, der Küche und dem Kinderzimmer herrscht weitestgehend Gefahrenfreiheit. Und mittlerweile auch Möblefreiheit. Viel Klimbim hatten wir eh nie herum stehen, unterdessen ist es noch weniger geworden. Das macht uns allen das Leben hier leichter. Ich brauche einfach Räume, in denen ich die beiden Weltenerkunder auch mal einen Moment aus den Augen lassen kann. Es gibt auch so noch genug Möglichkeiten, zu verunfallen. Erst recht, wenn man ein Rabauken-Gespann ist, das sich gerne auf der Altpapierkiste sitzend um ein Auto streitet oder lustig in den Knien federnd auf dem Schaukelstuhl steht. Weil Mobilität meine Jungs also insgesamt zufriedener gemacht hat, empfinde ich sie als Erleichterung und nicht als eine andersgeartete Belastung.

Kein Bedürfnisaufschub

Als die Zwillbos klitzekleine Zwuckelmänner waren, war es dem Mann und mir wichtig, dass sie sich nicht in Frustrationstoleranz hohen Ausmaßes üben mussten. Wir wollten nicht, dass sie brüllen müssen, dass ihnen Nähe fehlt oder sie sonst irgendetwas Unangenehmes, Umgängliches aushalten müssen. Nun sind sie keine klitzekleinen Zwuckelmänner mehr, sondern stattliche Einjährige. Natürlich haben sie immer noch keine Worte, um ihre Bedürfnisse oder Sorgen auszudrücken. Aber ob man es glaubt oder nicht, ihr stimmliches Ausdrucksvermögen ist wesentlich differenzierter geworden. Es gibt nicht mehr länger nur ein, zwei, drei verschiedene Arten von Brüllen in bis nach oben hin offener Lautstärke. Es gibt Nörgeln, Motzen, Beschweren, stimmliche Erprobungen, echten Kummer, Schmerz, Freude und so weiter. Wir können hundertprozentig innerhalb von Sekundenbruchteilen erfassen, was gerade von Nöten ist. Zumindest kommt es mir gerade so vor.

Wir wissen, ob die Herrschaften noch einen Augenblick inmitten ihrer Spielzeuge ausharren können, bis das Essen fertig ist, oder ob da jemand jetzt sofort mal dringend auf den Arm genommen werden muss. Und die Zwillbos sind von Geduld und Verständnis geprägte kleine Musterknaben. Ok, das ist eine dicke Lüge. Aber sie verstehen schon einiges mehr als die kleinen Säuglinge, die sie mal waren. Wir kennen einander, vertrauen einander und wursteln und so durch. Das schweißt zusammen. Und wenn man zusammengeschweißt ist und einander ziemlich gut kennt, dann ist das selbstverständlich anders als zuvor, aber meiner Meinung nach auch durchaus besser und leichter. Zudem kommen die Kinder jetzt zu mir und holen sich die Nähe, die sie brauchen – oder winden sich und krabbeln weg, wenn ihnen die mütterliche Liebe zu aufdringlich wird.

Es soll sogar durchschlafende Einjährige geben

Meine Ausführungen ließen sich noch lange fortsetzen. Zwar schlafen die Kinder selten mal gleichzeitig in der selben Nacht durch, aber es soll Einjährige geben, die das können und tun – auch unter Zwillingen. Herzlichen Glückwunsch, ich beneide Sie! Von ganzem Herzen. Aber auch unsere Nachtschwärmer schaffen das dann und wann. Wenn nicht irgendwelche Zipperlein stören, schlafen sie zumindest in der Regel einige Stunden am Stück, in denen es auch uns vergönnt ist, unsere desolaten Akkus wieder ein bisschen aus dem roten Bereich zu bringen. Im Vergleich zu durchzechten Stillnächten finde ich das viel besser und leichter.

Das einzige, was nicht leichter wird, sind die Zwillbos selbst. Aber ich schätze, da sind sich alle Eltern einig: Das ist durchaus gewünscht. Also, liebe Miteltern, natürlich müsst ihr euch euer eigenes Bild machen. Aber wenn ihr in einiger Zeit zurückschaut und ehrlich zu euch selbst seid, werdet ihr vielleicht feststellen, dass es doch irgendwie leichter wird. Wenn man sich darauf einlässt. Ich vermute allerdings, dass uns spätestens die Pubertät wieder um Lichtjahre zurückwerfen wird.

17 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anna sagt:

    Jaaaaa jaaaaa und jaaaaa. Weißt du was… Ich habe mir auch h schon eine Weile überlegt, einen Blog zu schreiben. Aber das lasse ich erstmal sein, denn du schreibst mir aus der Seele. Danke dafür! 😚

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    1. doppelkinder sagt:

      Oh, danke, liebe Anna!!! 😊

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  2. fraubpunkt sagt:

    Ich setze voll auf deine Worte! 🤗🤗🤗🤗🤗😊

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    1. Kathi sagt:

      Du bist da ja auch besonders prädestiniert für :-))))

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  3. melverenice sagt:

    Hach das liebe Durchschlafen… Madita hat letztens eine ganze Nacht durchgeschlafen. Allerdings bei ihren Grosseltern. Bei uns macht sie das nicht…
    Ich schick dir auf Insta mal ein Video, von einem tollen Laufgeraet, dass wir von lieben Nachbarn geliehen bekommen haben. Ich glaube Madita braucht noch eine Weile um wirklich alleine erste Schritte zu machen, aber sie liebt es mit dem Ding durchs Haus zu rennen und kann sogar wenden.
    Ansonsten gilt: alles wird immer anders und meistens sogar besser 😉

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    1. doppelkinder sagt:

      Hier werden fleißig Stühle geschoben! Und es gab jetzt mal ein paar Nächte, in denen nicht immer eine Flasche gebraucht wurde – durchgeschlafen wurde allerdings nicht. Und jetzt sind wieder Zähne in anmarsch…😭

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  4. Pingi3107 sagt:

    Du hast so Recht! Ich glaube ja, dass es in erster Linie schon deshalb einfacher wird, weil man selber sozusagen besser wird. Am Anfang hat – zumindest bei uns- schon ausziehen, wickeln und wieder anziehen ewig gedauert. Die Zwei waren so Mini, da hatte man echt Angst, was kaputt zu machen (was ja albern ist, aber trotzdem). Und wenn die Winzlinge dann irgendwas wollten, konnte man erstmal im Rahmen von „intelligent guessing“ versuchen, das Bedürfnis herauszufinden. Irgendwie wird man dann im Laufe der Zeit, des Kennenlernens, des Zusammenwachsen besser und schneller und und und…
    Und dadurch ist es dann schon einfacher. Finde ich. Und es wird auf jeden Fall besser, je mehr sie können (und man lernt sein eigenes Haus ganz neu kennen :-), denn die gefährlichen Ecken werden von den kleinen Spürhunden äh Zwillbos mit einer absoluten Treffsicherheit binnen kürzester Zeit entdeckt und erforscht).
    Unsere schlafen übrigens auch nicht durch. Also nach Babydefinition schon, aber nach Elterndefinition nicht *gg*
    Wir hatten im März oder so mal das Glück, dass die Zwei 5 (!!) Nächte am Stück durchgeschlafen haben. Scheinbar war das aber nur ein Bug und beim nächsten Update war alles schon wieder auf Werkseinstellung zurückgesetzt. Ich versuche ja immer noch, mit den Beiden einen Deal auszuhandeln: Am Wochenende schlafen wir alle durch
    Klappt auch nicht 🙂

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    1. doppelkinder sagt:

      Da hast du total recht, irgendwie nähert man sich einander an. …dass die sich aber auch nicht auf Verhandlungen einlassen!!! 😂

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  5. Anika sagt:

    Dann hoffe ich mal, dass du Recht behältst und mit dem Sitzen und Stehen die Zufriedenheit kommt. Im Moment wird es bei uns eher schlimmer, allerdings einzig und allein dem Entwicklungsrückstand meiner Zwillis geschuldet. Im Kopf sind beide ihre echten 16 Monate alt, aber die motorischen Fähigkeiten stecken eher so bei 6-7 Monaten fest. Das macht natürlich extrem unzufrieden. Aber nun glaube ich fest – es wird besser … irgendwann.

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    1. doppelkinder sagt:

      Oh, das ist natürlich ein Sonderfall. Ich drücke dir fest die Daumen, aber ganz bestimmt finden Sie sitzen toll!!!! Ich wünsche dir viel Kraft!!! Waren sie so früh dran, deine Kleinen?

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  6. Kathi sagt:

    Ich finde auch. Richtig entspannt finde ich das Leben mti der Großen seit sie ca. 3 ist. Sie kann Gefahren besser abschätzen, hört mittlerweile und kann sich auch selber beschäftigen. Von daher: es wird defintiv leichter, finde ich auch (nur das mit dem Durchschlafen haben wir bei beiden Kindern noch nicht).

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    1. doppelkinder sagt:

      …jetzt hab ich doch glatt meine Antwort weggeklickt 😦 gefahren abschätzen klingt gut! Dieses Feature wurde hier noch nicht geladen 😂

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      1. Kathi sagt:

        Das Feature wird auch erst bei Version 3.x geladen. Das dauert noch!

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  7. Zehra sagt:

    „Klitzekleine Zwuckelmänner“ 😂😂

    Was für ein süßer Ausdruck!!

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