Die Utopie vom Gleichgewicht

Während sich der eine Zwillbo seine ersten Backenzähne herausbrüllt und -weint, sich an meine Beine klammert, auf die Finger beißt, sich verzweifelt hin und her wirft und ich versuche, ihn irgendwie zu halten und ihm zu vermitteln, dass ich bei ihm bin und ihn nicht allein lasse, turnt der andere Zwillbo hinter mir über das Sofa. Er ist vergnügt, seine Augen funkeln unternehmungslustig. Er klettert die Lehne hinauf, streckt sich oben lang darauf aus, setzt sich wieder auf, klettert hinunter, lehnt sich gegen ein Sofakissen, krabbelt wieder los, steigt auf den Fußboden hinab, streichelt etwas grobmotorisch seinen Bruder und erklimmt das Ruhemöbel erneut. 

Bei keinem bin ich so ganz

Momente wie diese zehren an mir. Sie sind laut und anstrengend. Ich kann dem einen Kind den Schmerz weder nehmen noch erklären. Ich kann mich nicht ausschließlich um ihn kümmern, denn da ist noch ein anderes 14-Monate-altes Kleinkind. Und diesem anderen kann ich nicht aus vollem Herzen applaudieren für seine Kletterkünste. Im Grunde genommen kann ich überhaupt nicht applaudieren, weil ich ja mit dem einen Arm den Bruder halte, und den anderen sicherheitshalber in der Nähe des Couchbesteigers lasse, falls er mit dem Fuß in eine Sofaspalte gerät. Ich kann also weder richtig gut auf ihn aufpassen, noch mich der kontemplativen Betrachtung seines kindlichen Spiels widtmen. Für Kontemplation ist es eh‘ viel zu laut hier. 

Ich kann bei keinem von beiden so ganz sein. Indem der erstgeborene Zwilling so unglaublich viel Aufmerksamkeit und Nähe einfordert, wirkt der zweitgeborene oft ausgeglichen und fröhlich. Von seinen identitätsbildenden Wutanfällen einmal abgesehen. Doch dazu ein anderes Mal mehr. An Abenden, die auf solche Tage folgen, frage ich mich, ob ich Mads gerade überhaupt gerecht werde. Gerecht werden kann. Ob ihm etwas fehlt. Nein, nicht etwas, ob ich ihm fehle, meine Aufmerksamkeit. Kann ich mich darauf verlassen, dass er sie einfordern würde? Kann ich auf seine Zufriedenheit vertrauen? 

Ewiger Balanceakt

Ich bedaure nach solchen Tagen des Trostspendens, Schmerzstillens und der inneren Zerreißprobe, dass ich kaum Gelegenheit und Ruhe hatte, Mads beim Klettern, Turnen und Erkunden zu beobachten, ihn anzufeuern. Dann nehme ich mir vor, es am folgenden Tag ein bisschen anders zu machen. Aber es bleibt wohl ein ewiger Drahtseilakt. Und so balanciere ich. Zwischen den Zwillbos, dem Mann und mir selbst. 

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Steffi sagt:

    Liebe Juli, ich hab bis jetzt nur still mitgelesen, aber dein heutiger Post ist genau mein Thema. Als Mutter von Zwillingsjungs, die übermorgen 6 werden, kann ich dir sagen: Es wird noch schlimmer. Tut mir leid, das jetzt so schonungslos zu sagen, aber es hilft ja nichts. Auch heute noch kann ich nicht einem Kind meine 100%ige Aufmerksamkeit schenken. Ein paar Prozent bleiben immer beim Anderen. Mir tut es jedes Mal leid, wenn ich Erfolge des Einen (Schwimmenlernen als neuestes Beispiel) nicht richtig mit ihm feiern kann, weil der Andere es eben noch nicht kann, und der durch mein Feiern und Stolzsein noch trauriger und frustrierter wäre. Oft nehme ich dann einen der Jungs beiseite und lobe ihn allein. Aber auch das ist irgendwie merkwürdig. Es ist ein Drahtseilakt, wie du schreibst… So früh wie möglich Balancieren üben, ist sicher hilfreich! Alles Gute!

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    1. doppelkinder sagt:

      Danke dir, Steffi! Ja, ich kann mir vorstellen, dass noch schwierigere Situationen diesbezüglich auf uns zukommen. Dann ist es eben doch etwas anderes, gleichaltrige Kinder, anstatt „normaler“ Geschwister zu haben, denn bei letzteren ist es ja total natürlich, dass einer schon weiter ist als der andere. Zwillingen zu erklären, dass auch sie unterschiedlich sind, ist gewiss nicht einfach. Aber bestimmt bekommst du das gut hin. Und ich später auch. Schließlich sind wir nicht umsonst Zwillingsmamas geworden.

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  2. Anika sagt:

    Liebe Juli, damit bist du nicht allein. 100% bei einem Kind sein, wird niemals funktionieren. Du kannst nur versuchen, jeden Tag für sich genommen, deinen Kindern Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken, jedem so viel wie er eben braucht und einfordert. Du machst das toll!

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    1. doppelkinder sagt:

      Dankeschön! Stimmt, ich glaube, es ist das beste, es zu akzeptieren und einfach sein bestes zu geben – und das tun wir 😊

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  3. (Lieb)belle sagt:

    Frage mich grad, ob es Müttern mit Kindern unterschiedlichen Alters, ggf. kleinem Altersunterschied auch so geht…??? Ich denke die Kinder „stecken“ das besser weg als wir denken, aber so denken wir (Zwillings-)Mamas nun mal, weil wir beiden gleich gerecht werden möchten. Ansonsten gilt doch immer geteilte Freude ist doppelte Freude und geteiltes Leid ist halbes leid.
    Und hab zumindest noch keine Studie gefunden, dass Zwillinge später irgendwie zu mehr Auffälligkeiten neigen, nur weil die Mutter sich um zwei gleichzeitig kümmern musste! 😀
    Hab nur gelesen, dass Zwillingsmütter länger leben, aber das nur am Rande. 🙂

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    1. doppelkinder sagt:

      Im Gegenteil, Zwillinge lernen viel früher, Frustration auszuhalten, und das macht Kinder zumeist zu erfolgreicheren Menschen – wenn die Frustration moderat bleibt natürlich. Das habe ich gelesen 😃

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