Evolution für Einsteiger: Ein Zwilling lernt laufen

Irgendwie habe ich als Mutter oft die Vorstellung, dass es Pamperswerbung-artige Momente sind, in denen beim Nachwuchs eine neue Fähigkeit durchbricht. Weichzeichner ist definitiv von Nöten, ich trage saubere Kleidung, die eher an einen „Ich als Zahnarztfrau empfehle“-Spot erinnert denn an Mutterschaft, eine sanfte Sommerbrise spielt mit den langen, halbdurchsichtigen Gardinen und eins meiner Kinder tapst mit niedlichen Schritten in Zeitlupe über den gebohnerten Echtholzparkettboden in meine ausgestreckten Arme. Ich jubele dabei und lache übers ganze Gesicht. Der Mann und ich fallen einander in die Arme. Wir küssen das Kind. Alle sind einfach nur glücklich und irgendwie wurde auch alles durch Zauberhand gefilmt und von einer der Dramaturgie angemessenen Musik untermalt.

Die Realität sieht anders aus

Vielleicht mag es daran liegen, dass ich weder Zahnarztfrau bin, noch dass wir lange, halbdurchsichtige Gardinen oder einen Echtholzparkettboden haben. Aber, die Realität sieht stets anders aus. Zwillbo Mads hat seine ersten Schritte gemacht. Und zwar an einem Tag, der mich fast zum Verzweifeln bringt. Die Stimmung der Kinder ist unterirdisch, Mads durchlebt einen lautstarken Wutanfall nach dem nächsten, ich kann ihm kaum etwas recht machen. Der Bruder ist ebenfalls im Quengelmodus und ich stehe kurz davor, dem Mann mitzuteilen, dass er leider einfach nicht berufstätig sein könne, da es mir nicht möglich sei, die liebevolle Betreuung unseres Nachwuchses allein zu gewährleisten.

Mama hatte schon bessere Tage.

 

Ich bin gerade im Begriff, ihm eine Sprachnachricht zu schicken [meine bevorzugte Kommunikationsmöglichkeit seit der Elternschaft. Aus Gründen.]. Nein, nicht mit der Bitte, nach Hause zu kommen – gleichwohl mir eigentlich danach ist. Eine Anordnung möchte ich ihm schicken, eine Anordnung, noch Zucchini aus dem Supermarkt mitzubringen. Ich sitze wie so oft auf dem Küchenfußboden und versuche, die Zwillbos mit adäquater Unterhaltung davon abzubringen, mein Nervenkostüm durch lautstarkes Gemotze in Schutt und Asche zu legen.

Wirbelsturmartiger Wutanfall

Pepe ist – ebenfalls wie so oft – kaum von meinem Schoß wegzubewegen. Mads steht einen Meter von uns entfernt vor dem Küchenschrank, der soeben noch einen wirbelsturmartigen Wutanfall bei ihm hervorgerufen hat. Denn die olle Mutter hat einfach den Riegel der Kindersicherung vor die Türen geschoben. Wenn man dann nicht einfach so Hirse, Reis und Nudeln ausräumen und auf dem Fußboden verteilen darf, ist das schon mal ein Grund zu brüllen, bis man fast blau anläuft. Kann ich nachvollziehen. Komplett.

Da steht das zweitgeborene Zwillingskind also und wendet mir den Rücken zu. Und noch während ich beginne, den Einkaufsauftrag in das Mobiltelefon zu sprechen, nimmt es die kleine Hand vom Schrank und tapst los. Von mir weg. Ganz langsam und vorsichtig. Einen Fuß vor den anderen. Links, rechts, links. Bis zu dem Wort „Zucchini“ komme ich gar nicht, ich kreische einfach drauf los. Auf etwas wackeligen Beinen bleibt mein Kind stehen, dreht sich halb zu mir um und sieht mich an, als wolle es sich ob meines Geschreis meiner geistigen Gesundheit versichern. Dann lässt es sich vorsichtig auf den Popo plumpsen und krabbelt davon.

Weil ich es gar nicht fassen kann, muss ich erstmal dem Mann noch sieben aufgekratzte Sprachnachrichten schicken. Und meiner besten Freundin. Und meiner anderen guten Freundin. Und meiner Schwiegermutter und dem halben Telefonverzeichnis in meinem Handy. Dann geht’s etwas. Den Rest des Nachmittags wiederholt sich das Schauspiel zwar nicht, aber der Zwillbo fährt seine kleinen Ziegenbockhörnchen der vergangenen Tage ein und ist plötzlich wieder ausgeglichen wie eh und je. Sie müssen ihn irgendwie gejuckt haben, diese ersten Schritte.

Seitdem setzt Mads immer wieder mal den einen oder anderen Fuß voreinander. Er ist da nicht so der übermütige Typ, aber das dachten wir uns bereits. Zwillbo Zwo ist in Sachen Motorik zwar ziemlich fit. Aber er ist auch sehr bedächtig. Er lässt sich nicht zu etwas hinreißen, worin er sich nicht komplett sicher fühlt. Das war auch schon beim Sitzen, Krabbeln und Hinstellen so. Das bedeutet, dass er ausgesprochen wenig stürzt. Sein Bruder übernimmt das für ihn mit. Während der nämlich noch mit ziemlich zittrigen Beinchen frei steht, sieht er nämlich zu, sich sofort aus dem Aufrichten nach vorne zu werfen. Schwung und Gleichgewicht reichen oft für einen Schritt, dann siegt bislang noch die Schwerkraft. Wo Mads seine Bewegungen mit Bedacht vollzieht, könnten wir Pepe phasenweise an den Arnika-Tropf hängen.

Ich wäge mich aber nicht in der trügerischen Sicherheit, dass Mads mich mit seiner neuen Fähigkeit nicht bald ziemlich schnell werden lässt. Denn in Sachen Halunkenschaft legt er bislang oft die größere Portion Wagemut an den Tag. So oder so: Der aufrechte Gang der Zwillbos wird uns in ein neues Zeitalter der Zwillingselternschaft bringen. Es ist wie immer müßig, über Vor- und Nachteile zu spekulieren. Sorgen mache ich mir darüber keine, schließlich wächst die Zwillingsmutter an sich mit der Abenteuerkompetenz ihrer Kinder.

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Oh ja 😂 Die riesige Unzufriedenheit vor grossen Entwicklungsschritten sorgt für ordentlich viel Spannung – Vor allem bei den Nerven der Mutter 😂
    Gell, das ist ein Moment in dem man ganz aufgeregt ist, es kaum fassen kann und einem heisse Tränen des Stolzes die Augen nass werden lassen 😊

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    1. doppelkinder sagt:

      Ich war fix und fertig 😂 neulich lagen sie hier noch hilflos herum, nun machen sie sich davon!

      Gefällt 1 Person

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