Sahen zwei Knab‘ ein Stühlein stehen

Die Zwillbos haben jetzt einen Tisch. Genau genommen, haben sie einen Tisch und zwei kleine Zwillbo-Stühle. Man kann gewissermaßen von einer richtigen kleinen Sitzgruppe sprechen, wenn man so will. An diesem kleinen Tisch könnten die Kinder sitzen und malen. Oder von mir aus auch Solitär spielen. Irgendetwas Friedvolles hatte ich jedenfalls bei dieser Anschaffung im Sinn. Und das ist doch auch so niedlich, wenn so kleine Menschen mit ihren kleinen Hinterteilen auf kleinen Stühlen sitzen und die kleinen Beine baumeln lassen!

Wider besseren Wissens

Ja. Ich hätte es ahnen sollen. Ich hätte es längst besser wissen können. Spätestens, als sich die Gebrüder im Kinderzimmer ihrer Zwillingsfreundinnen die Stühle schnappten, sie vor die Miniatur-Küche schoben, um selbige aus der Vogelperspektive zu betrachten, da hätte ich mir denken können, dass eine kleine Sitzgruppe in diesem Haushalt zu vielem beitragen könnte. Allerdings nicht unbedingt zu etwas Friedvollem. Der Mann hatte die letzten Schrauben noch nicht ganz im Holz versenkt, der Imbus glühte quasi noch nach, da starteten die Zwillbos bereits erste Versuche, die Stühle auf dem Bett und sich selbst oben drauf zu platzieren. Gut, warum klein anfangen? 

Zwillinge, bestuhlt.

Als sie dann dazu übergingen, die Sitzgelegenheiten in einer Art Wettrennen durch die ganze Wohnung zu schieben, dachte ich weniger an unseren Laminatboden als an die Mieter unter uns. Entschuldigung. Sie hätten einfach die Weihnachtsdeko mal ein bisschen flotter aus dem Treppenhaus entfernen sollen. Ich nehme vorerst Abstand davon, Filz unter den Stuhlbeinen zu befestigen. Sonst nehmen die Schieber noch ein Tempo auf, für das die Stühle am Ende gar nicht zugelassen sind. 

Wenn die Jungs gerade keine Rinne ins Laminat fräsen, nutzen sie die Ruhemöbel vornehmlich für einen Zweck: die Enttabuisierung sämtlicher auf ihrer natürlichen Körpergröße beruhenden Sperrzonen. Kürzlich traf ich Mads dabei an, wie er gerade Begriff war, seine Hand im Toaster verschwinden zu lassen. Der steht logischerweise nicht neben der Spielzeugkiste, sondern auf einem Sideboard. Natürlich habe ich mir intelligente Kinder gewünscht, aber muss man mit 18 Monaten schon schlau genug sein, um Stühle vor alle erdenklichen Objekte der Begierde zu schieben? Mir hätten halbwegs passable Schulnoten gereicht, bis dahin hätten sie sich meinetwegen mental ruhig ein wenig zurücknehmen können. 

Manchmal siegt die Schwerkraft

Wenn ich die Kinder suche, ist es nun allerdings ziemlich einfach. Im Zweifelsfall stehen sie auf ihren Stühlen vor dem Waschbecken und arbeiten daran, den Wasserstand im Badezimmer für eine Forellenzucht tauglich zu machen. Es ist eine große Freude, zwei Kleinkinder mehrmals täglich umzuziehen. Doch unbequemer ist für mich noch die Sorge. Eigentlich bin ich keine all zu hasenfüßige Mutter. Finde ich. Aber ich traue den kleinen, niedlich daher kommenden Stühlchen einfach nicht. Beziehungsweise weiß ich um ihre begrenzte Fähigkeit, kurzen, zappelnden, kletternden Zwillingsbeinchen standzuhalten. Irgendwann siegt die Schwerkraft doch, und das kann schmerzhaft sein. Also habe ich die Wahl: Ich kann die neue Sitzgelegenheit zuweilen unter Verschluss halten, oder ich habe keine ruhige Minute und muss aufpassen wie ein Schießhund. Allerdings wie ein Schießhund, der an zwei Orten gleichzeitig sein kann, denn leider haben die Zwillbos die Schauplätze ihrer Abenteuerlust noch nicht dauerhaft synchronisiert. Also stehen die Stühle gerade nicht dauerhaft zur freien Verfügung. Das erspart mir einen vorzeitigen Besuch beim Kardiologen. 

Mütterliche Wunschvorstellung, selten realisiert.

Der Tisch war bislang von nicht all zu großem Interesse. Eine Besteigung habe ich untersagt. Ich bin mir nicht sicher, ob die recht zierlich anmutende Tischplatte für mehr als 24 Kilogramm Traglast ausgelegt ist, schließlich ist damit zu rechnen, dass beide Kinder gleichzeitig darauf zu sitzen oder besser noch zu stehen gedenken. Ich bin gespannt, wann sie mit dessen Hilfe das erste Treppengitter und die Höhe der Wohnungstürklinke überwinden, um endlich mal ohne ihre Mutter zum Spielplatz zu gehen.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stephie sagt:

    Ich finde deinen Schreibstil genial!!!

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      Vielen Dank, das freut mich sehr!

      Gefällt mir

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