„Naleine“ – von Autonomie und flüssiger Rauhfaser

Bislang bin ich davon ausgegangen, dass die kindliche Hilflosigkeit des mütterlichen Friedens größter Feind ist. Nix können die frisch geschlüpften Nachkommen anfangs alleine – von sehr lauten, dauerhaften Stimmerprobungen und Ausscheidungen unterschiedlichster Art einmal abgesehen. Doch seit einigen Tagen arbeitet ein neues Wort hart daran, „Mamaaaa“ den ersten Rang unter den meistfrequentierten zwillboschen Ausdrücken abzulaufen: „naleine“. Die Bedeutung ist klar, oder?

Treppauf, treppab

Dass die Kinder Treppen meist naleine laufen, finde ich begrüßenswert. Und auch meine Kniescheiben und mein Rücken sind entzückt darüber, dass die Nachkommenschaft den Höhenunterschied zwischen zweiter Etage und Erdgeschoss in der Regel mittlerweile selbst bewältigt. Das kann natürlich dauern, schließlich gleichen die Möglichkeiten zur Zerstreuung, die unser Treppenhaus bietet, denen eines Freizeitparks im mittleren Größensegment. Auch ins Auto steigt man nun naleine ein. Mich juckt es zwar immer in den Fingerspitzen doch mal ein bisschen nachzuschieben, wenn die Klimmzüge an den Kindersitzen nicht recht gelingen wollen, doch das wird nicht gerne gesehen.

Einsteigen – falscher Sitz, aber naleine.

Die Söhne erklimmen nun übrigens auch gerne naleine den Kinderwagen. Dies geht allerdings nicht, ohne dass sich beide auf die Fußablagen stellen und ordentlich wippen. Ich muss währendessen sowohl das Gefährt ausbalancieren als auch eventuelle Abstürze verhindern, um größeren Verletzungen vorzubeugen. Nach 20-monatiger Zwillingsmutterpraxis empfinde ich das allerdings nicht als große Anstrengung.

Aushäusige Spielgeräte müssen die Jungs eh‘ von jeh her mehr oder weniger naleine erklimmen, weil ich weder Lust noch Rücken habe, zwei Kinder im 30-Sekunden-Takt irgendwelche hohen Rutschen hinauf zu hieven. Das klingt jetzt rabenmütterlicher als es in Wahrheit ist: Ich suche mir lediglich altersgemäße Spielplätze aus, auf denen die Beiden nicht all‘ zu viel Hilfe brauchen. Das ist für alle Beteiligten wesentlich einfacher und ungefährlicher. Sie durften schon immer überall rumklettern und -krabbeln und sind dementsprechend auch motorisch relativ kompetent. Zumindest denke ich, dass das nicht nur Veranlagung ist. Im Großen und Ganzen ist mir also jedwede naleinige Unternehmung der Zwillbos auf dem Feld der körperlichen Bewegung durchaus willkommen. Schließlich habe ich sie in den vergangenen zweieinhalb Jahren – ich finde, die Schwangerschaft kann man da getrost mitrechnen – hinreichend durch die Gegend getragen.

Prost.

Naleine aus Gläsern trinken Mads und Pepe schon seit geraumer Zeit. Sie fanden das natürlich extrem spannend, so wie alle kleinen Kinder. Ich fand das eher nervig und unbequem. Doch ich habe ein paar Tage lang in den sauren Apfel gebissen und in Kauf genommen, dass ich öfter mal die Jungs sowie die Küche trockenlegen muss. Es klappte allerdings erstaunlich schnell erstaunlich gut, so dass die Zwillbos mittlerweile völlig sicher aus allen handelsüblichen Gläsern, Bechern und Kunststoffflaschen trinken können, naleine. Zu Bruch gegangen ist dabei übrigens bislang nichts. Umwege über Trinklern-Becher und Schnabeltassen haben wir uns so gespart [ich fand mit Fleece unterfütterte Halstücher währenddessen hilfreich. Die haben die ersten Plemperfluten abgemildert].

In der Regel essen die Zwillbos auch ohne fremde Hilfe. Das funktioniert prinzipiell gut, wenn man Sauberkeitsansprüche erwachsener Angehöriger von Zivilgesellschaften außer Acht lässt. Zur Lieblingsspeise der Söhne gehört Joghurt. Ginge es nach ihnen, könnten sie sich gut und gerne hauptsächlich von industriell aufbereiteten Milchsäurebakterien, Nudeln und Möhrensaft ernähren. Weil Joghurt aber keine besonders hohe Kleinkindlöffeltauglichkeit aufweist – zumindest nicht in Sphären, die sich der Schwerkraft unterordnen müssen, reichen wir die Milchspeise immer mit pulverisiertem Müsli vermengt: Goguhr und Muja. Falls davon doch mal was durch die Küche fliegt, was vorkommen soll, wenn man die Löffel propellerartig kreisen lässt, hat es in etwa den Effekt von flüssiger Rauhfasertapete: ist mittelmäßig schön anzusehen und überdauert Generationen an der Wand. Wenn die Kinder naleine Suppe essen, könnten sie theoretisch direkt in der Badewanne speisen. Natürlich könnte man deshalb auf den Verzehr von Suppe verzichten. Allerdings bin ich froh um jedes Myon, dass sie an Gemüse freiwillig zu sich nehmen, und Suppe läuft hier gerade gut. Nicht nur das Kinn runter.

Schmeckt. Und klebt.

Die wahren Strapazen für meine Geduld und meine Nerven dräuen derweil erst am Horizont: Fällt in Gegenwart von Socken, Schuhen oder Bauklötzen die Anordnung naleine, ziehe ich bereits instinktiv den Kopf ein und räume leicht zerbrechliche Gegenstände an die Seite. Je nach Kind und Gemütsverfassung fliegt nämlich nach kurzer Zeit definitiv etwas. Manchmal ein verzweifeltes Kind mit viel Pathos auf den Boden, meistens das Objekt, das sich gegenüber der streckenweise noch nicht ganz ausgereiften Feinmotorik unkooperativ verhält. Und ich weiß sehr wohl, dass das erst die Spitze eines Eisbergs ist, der mir noch eine ganze Menge bewusster Atmung abverlangen wird.

Schweiß und Tränen

Wenn sie sich erstmal komplett naleine anziehen möchten, müssen wir vermutlich weit vor Tagesanbruch mit dem Procedere beginnen, um auch nur annäherend zeitig das Haus verlassen zu können. Natürlich möchte ich ihnen in 18 Jahren nicht mehr die Strumpfhosen anziehen müssen – ob derartiges Beinkleid dann noch zu ihrer bevorzugten Garderobe gehört, bleibt abzuwarten. Doch müssen die Wege in die Eigenständigkeit immer von so viel Schweiß und Tränen gesäumt sein? Offenbar schon…

Momentan kann ich die Zwillbos manchmal noch ein bisschen austricksen. Dann frage ich sie, ob sie nicht vielleicht „ganz alleine an meiner Hand“ laufen möchten. Oder ob wir die Gummistiefel nicht „zammen“ anziehen können. Zuweilen habe ich Glück und darf dann helfen. Ich blicke zitternd dem Tag entgegen, an dem sie meine gewiefte Kommunikationspraxis durchschauen.

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Tina sagt:

    Wenns bei uns mal schnelller gehn soll oder ich seh, dass er kurz davor ist zu toben weil was nicht klappt, frag ich immer, ob wirs gemeinsam machen sollen. Das klappt gut 🙂 aber nicht sagen, soll ich helfen, das geht nicht. Nur gemeinsam 😀

    Liebe Grüße 🙂

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    1. doppelkinder sagt:

      Oh nein, bloß nicht das böse „helfen“-Wort! 😂

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  2. Janina sagt:

    Unsere Mädels essen Obst fast ausschließlich in feinst pürierter Form und seit Neustem auch alleine. Ich frage mich, wie Zwillingsmütter in grauer Vorzeit ohne Ärmellätzchen oder Wäschetrockner diese Phase überlebt haben, ohne in Wäsche zu ertrinken….

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    1. doppelkinder sagt:

      Hahaha, stimmt! Die ärmsten haben sich dumm und dusselig geschrubbt am Waschbrett! 😂

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  3. Kathi sagt:

    Und wenn sie dann alles naleine können, dann wollen sie nicht mehr. Aufräumen, Spülmaschine ausräumen etc.

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    1. doppelkinder sagt:

      Das Leben hat echt einen seltsamen Humor 😂

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