Zeitenwende: Kinderbetreuung

Wem es vor Veränderungen graut, für den sind Kinder nicht immer eine bequeme Angelegenheit. Davon einmal abgesehen, sind Kinder ja generell keine sonderlich bequeme Angelegenheit, aber das ist eine andere Geschichte. Veränderungen sind für mich beste Freindinnen. Sie verursachen mir im Vorfeld Rumoren im Bauch, unruhige Nächte, Anspannung, Ungemach und Kopfzerbrechen. Aber ich weiß mittlerweile, dass sie der Inbegriff des Lebens sind und dass man an ihnen wächst. Dieses Wissen lindert zwar nicht den Sturm, durch den man in Umbruchszeiten hindurch muss, aber es macht das Segel reißfest.

Intuitive Anpassung

Vor knapp einem Jahr haben wir der bis dahin größten Umwälzung im Zeitalter der Zwillbos entgegengeblickt: Der Mann schickte sich an, sein Elternjahr zu beenden und fortan täglich arbeiten zu gehen. Wir haben das gepackt. Es hat uns gutgetan. Wir haben binnen weniger Wochen ganz intuitiv unsere Abläufe und Strukturen an diesen neuen Lebensabschnitt angepasst. Aber aller Anfang war schwierig, genauso wie die Wochen und Tage, an denen wir darauf zu gekrochen sind.

Los geht’s!

Nun schaue ich seit einigen Monaten wieder einer riesigen Veränderung entgegen. Am Horizont, auf den ich blicke, prangen riesige Schriftzüge: Tagesmutter. Betreuung. Eingewöhnung. Loslassen. Abschied. Erneuerung. Freiraum. Schmerz. Freude. Je nach Tagesform ist mal der eine oder der andere größer.

Vor bald zwei Jahren hat sich unsere Familie verdoppelt. Die Tage und Nächte der Babyzeit durften der Mann und ich gemeinsam meistern. Im zweiten Jahr waren die Zwillbos und ich von montags bis freitags tagsüber ein eigenes kleines Planetensystem. An manchen Tagen haben wir uns nur so durchgewurstelt, haben uns irgendwie durch Fieber, Erkältungen, vollgekotzte Laken, Eis, Schnee und Regen gekämpft. An vielen, vielen anderen Tagen haben die Jungs mich jeden Tag aufs neue mit auf Expedition genommen. Wir haben unsere Welt erkundet, haben uns draußen herumgetrieben, haben Vögel, Eichhörnchen und Bauarbeiter belästigt. Wir haben Steine gesammelt, sind durchs Gebüsch gekrochen und in Pfützen gehüpft.

Gemeinsam gewachsen

Wir sind gemeinsam gewachsen und haben gemeinsam gelernt. Laufen. Treppensteigen. Klettern. Alleine Schaukeln und Rutschen. Zusammen über die Straße gehen. Autofahrten zu dritt. Einkäufe zu dritt. Alltagskram, der irgendwie so selbstverständlich ist, der mir aber oft viel Planung und Kraft abverlangt. Weil ich eben immer gleich zwei Kleinkinder die Treppen runter und wieder rauf, ins Auto hinein und wieder hinaus oder durch die Supermärkte bugsieren muss. Am besten, ohne sich dabei all zu ernsthaft zu verletzen, ohne unbezahlbare Sach- und Personenschäden anzurichten oder Hausverbot zu bekommen. Allein Drehtüren und Rolltreppen in schwedischen Einrichtungshäusern flößen mir größten Respekt ein, weil ich immer fürchte, einen Zögling nicht richtig im Blick zu haben und damit schlimmste Unfälle zu riskieren. Doch ich finde irgendwie immer einen Weg, derartige Situationen trotzdem zu meistern. Es hilft ja nichts, irgendwer muss die ganzen Teelichter schließlich kaufen.

Weniger Platz für Einkäufe.

Binnen weniger Monate hat sich unser Leben so unglaublich verändert, weil sich die Fähigkeiten der Kinder so unglaublich verändert haben. In der Rückschau kann ich sagen, dass ich viele, viele Augenblicke sehr genossen und bewusst wahrgenommen habe – immer mit dem Gedanken an die Flüchtigkeit des Moments und der Kinderzeit im Hinterkopf. Und doch habe ich uns auch manches Mal in andere Zeiten gewünscht, so ist es eben.

Ich bin wahnsinnig froh, mich für diese zwei Jahre entschieden zu haben. Zwei Jahre, die wir in unserem familiären Mikrokosmos hatten. Zwei Jahre, in denen uns unsere Familie – so gut es über gewisse Distanzen eben geht – unterstützt hat. Zwei Jahre, in denen der Mann und ich aber auch verdammt viel alleine stemmen mussten. Zwei Jahre, in denen ich so gut wie nie die Sehnsucht nach meinem Beruf verspürt habe, wahrscheinlich auch, weil ich durch den Blog eben tagtäglich tue, wofür ich brenne. Zwei Jahre, voller neuer Freundschaften und voller alter, die weiter tragen. Zwei Jahre, voller Wahnsinn, Lautstärke, Lachen, Verzweiflung und Weitermachen.

Vielschichtige Gefühle 

Der Seelen, die zum jetzigen Zeitpunkt in meiner Brust wohnen, sind da viele: Ich fürchte mich. Vor dem jetzt noch Ungewissen. Ich trauere um den Abschied dieser intensiven Zeit – die mütterliche Exklusivität schrumpft mal wieder ein Stückchen mehr. Ein winziger Teil von mir mag nicht loslassen, mag jemand anderem nicht das Recht einräumen, meine Kinder mittags in den Schlaf zu begleiten, mit ihnen all diese neuen Erfahrungen zu teilen. Das ist okay. Dieser Teil darf da sein, denn er ist im Stande, dennoch loszulassen. Das weiß ich, dafür kenne ich mich gut genug.

Neue Abenteuer.

Doch es gibt auch freudige Erwartungen: Ich freue mich darauf, die Begeisterung der Jungs für ihre Betreuung zu erleben, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass es den Abenteurern gut gefallen wird, mit sieben anderen Kindern und zwei Tagesmüttern die Umgebung aufzumischen. Ich freue mich darauf, dass unser aller Welt wieder ein Stück wachsen wird. Ich weiß, dass es Nährstoff für ihre Selbstsicherheit und Sozialkompetenz ist, den Kreis ihrer Bezugspersonen zu erweitern – und der Mann und ich sind uns bei unserer Wahl absolut sicher, unsere Tagesmutter ist ein Wunschlösung und kein Kompromiss.

Es gibt noch einen Aspekt, den ich hier nicht verschweigen möchte: Ich hatte immer den Wunsch, meine Kinder nach Möglichkeit der Jahre lang zuhause zu betreuen. Nach Möglichkeit. Der Wunsch ist älter als die Zwillbos und hatte bei seinen Imaginationen keine Zwillingsmutterschaft berücksichtigt. Und keine anderen Faktoren, die erst spürbar werde, wenn man tatsächlich Mutter geworden ist – eigene Bedürfnisse etwa, Schlafmangel, etc. Der Mann und ich haben immer gesagt, wir pressen uns nicht in irgendwelche Entscheidungen, sondern wir gucken, was für uns passt, was uns guttut, was wir brauchen.

Der Hut ist zu klein 

Im vergangenen Jahr war es für uns alle zu früh – im kommenden wäre es vielleicht zu spät. Denn ich bin oft ganz schön erschöpft. Ich möchte nicht mehr viel länger immer an allen Ecken und Enden diese Hutes zerren, unter den so Vieles passen soll, der dann aber doch kaum ausreicht, um alle Bedürfnisse und Pflichten notdürftig abzudecken. Ich weiß nicht, welchen persönlichen Preis ich für ein weiteres Jahr im Alleingang zahlen würde.

Und insbesondere in den letzten drei Monaten beobachte bei den Kindern einen wachsenden Hunger. Andere Kinder, andere Menschen ziehen sie in ihren Bann. Sie streben in die Welt, lassen mich am Gartenzaun zurück, um mit meiner besten Freundin oder meiner Schwester loszuziehen und der Tag mit ihrer „Nonna“ ist der Höhepunkt ihrer Woche. In diesen Momenten bin ich abgeschrieben. Und stolz. Auf unsere Bindung, die die Kinder trägt, die sie mutig und sicher macht und ihnen gleichsam die vielzitierten Flügel verleiht. Manchmal auch ein wenig unsicher und verblüfft darüber, wie wenig sie mich dann plötzlich brauchen.

Gleichwohl freue mich auf Freiräume, auf berufliche, auf persönliche – und auf akustische. Denn das Leben mit den Zwillbos ist oft vor allem ziemlich laut.

Es werden also neue Zeiten anbrechen. Schon ganz bald.

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Janina sagt:

    Liebe Juli! Ich finde es schön, wie du deine unterschiedlichen Gefühle zur baldigen Betreuung deiner Jungs beschreibst. Ich war da mal wieder völlig unreflektiert im Vorfeld und habe nur an die Entlastung nach dem ersten Babyjahr gedacht, dass mich sooo viel Kraft gekostet hat. So fand ich mich früh morgens im Januar mit zwei noch nicht wirklich laufenden Kindern bei Schneegestöber und fragte mich, warum zur Hölle das eigentlich jetzt sein müsse… zusätzlich hat die Eingewöhnung bei uns ziemlich lange gedauert und erst als ich für mich völlig klar darüber war, dass das nun das Richtige ist, lief es auch… Und heute wollen sie gar nicht heim, wenn ich zum Abholen komme. Es ist schön zu sehen, wie sie gerade durch die Zeit, die wir nun getrennt voneinander verbringen, noch schneller wachsen und ihr eigenes Ding entwickeln, sogar schon Freundschaften knüpfen. Ich wünsche dir und den Zwillbos einen guten Start in diese neue Phase und bin schon gespannt, was du darüber berichten wirst! Ganz liebe Grüße, Janina

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    1. doppelkinder sagt:

      Ach weißt du, Janina, ich finde, dass die Entlastung, die dir vollkommen berechtigt vor Augen stand, ein absolut wichtiger und richtiger Grund zur Entscheidung FÜR die frühere Betreuung ist. Ich hatte im ersten Jahr viel Unterstützung durch meinen Mann, spüre aber jetzt, wie froh ich bin, dass nicht mehr alles auf meinen Schultern ruht. Schön, dass ihr euch so gut eingefunden habt! Alles Liebe!

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  2. mutterkutter sagt:

    Liebste Juli! Danke! Was für ein Text! Wie immer! Und dieses zerrissene Gefühl kenne ich – ich wusste, dass es für meine Tochter richtig war, aber gleichzeitig hatte ich Tränen in den Augen am Morgen des ,Loslassens‘! Auf in neue Abenteuer! Es ist toll, aufregend, anders, mal komisch, mal schön, mal mit und mal
    ohne schlechtes Gewissen. Und manchmal (bei uns) auch ganz ohne Betreuung, sondern bewusst zuhause oder bei den Großeltern! Ich stoße von hier aus auf dich an! Liebste Grüße von Doro

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    1. doppelkinder sagt:

      Danke dir meine Liebe, es ist doch immer wieder eine Seelen-Wohltat zu lesen, dass wir irgendwie alle im gleichen Boot…äh…Kutter sitzen ❤️😘

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  3. mutterkutter sagt:

    äh, auf ,zu neuen abenteuern‘ heißt es. kann den kommentar leider irgendwie nicht bearbeiten. deshalb hier. stilldemenz! 👀

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