Yes, we camp!

Der Podcast zum Text:

 

Urlaubstechnisch bin ich vergleichsweise flexibel. Ich habe schon in der Sahara unter freiem Himmel und im thailändischen Dschungel genächtigt, aber auch in einem Nobelhotel in Verona mit russischen Oligarchen den Speisesaal geteilt. Aus Gründen. Ich nehme da so ziemlich alles mit, was ich kriegen kann. Wenn ich wählen darf, ist mir ein Wohnwagenurlaub aber tendenziell lieber als ein Aufenthalt im Robinson Club. So haben wir auch dieses Jahr wieder mit dem Karavan mobil gemacht.

Professionelle Zuschauer.

Wir haben nur das Nötigste – also gut zwei Drittel unseres Hausstands –  eingepackt, den Wohnwagen angehängt und sind losgefahren. Im vergangenen Jahr haben wir eine Woche lang in Büsum an der Nordsee kampiert. Allerdings haben wir auf der Rückfahrt, die uns  gemeinsam mit tausenden Wacken-Festival-Abreisenden durch einen semidurchlässigen Elbtunnel führte, ein kleines Mittelstreckentrauma erlitten. Für 455 Kilometer haben wir mehr als 12 Stunden benötigt, wir hätten quasi ebensogut nach Australien fliegen oder mit dem Auto nach Lappland fahren können.

Einbußen bei Krabbenbrötchen

Deshalb haben wir diesen Sommer streckenmäßig etwas kleinere Brötchen gebacken und sind in den Teutoburger Wald gefahren. Schließlich ist es ja auch irgendwie egal, ob man sich an der Nordsee oder in Nordrhein-Westfalen nassregnen lässt, oder? Ein unschlagbarer Vorteil: Ostwestfalen-Lippe ist definitiv weniger touristisch überlaufen als die schleswig-holsteinische Nordseeküste. Vermutlich gibt es Einbußen beim Genuss von frischen Krabbeunbrötchen, das habe ich persönlich jedoch nicht als all zu großen Mangel empfunden. Auch der Sandstrand des Stemmer Sees hat mir besser gefallen als das Watt. Oder zumindest ebensogut. 140 Kilometer Strecke eignen sich zudem hervorragend für einen kleinkindlichen Mittagsschlaf, sodass An- und Abreise verhältnismäßig entspannt von Statten gehen können. Natürlich erinnere ich mich auch lieber an wochenlange Sommerurlaube in vor Hitze glühenden Pinienwäldern an der französischen Atlantikküste. Eine solche Reise gestaltete sich jedoch aufgrund lebensverändernder Maßnahmen wie der Eingewöhnung bei der Tagesmutter terminlich schwierig.

Professionelle Campingplatz-Fortbewegung.

Am Abend bevor wir uns nun also aufmachten in den Kurzurlaub, saßen wir bei meinem Papa am Esstisch – den haben wir nämlich ebenfalls zum Urlauben genötigt [den Papa, nicht den Esstisch] und waren mehr als unschlüssig. Draußen ging seit mehr als 24 Stunden ein Starkregen nieder, dessen Geräuschkulisse bereits an Foltermethoden denken ließ. Ich wägte innerlich ab, ob ich die Gummistiefel überhaupt mitnehmen soll, oder ob man die Kinder der Einfachheit halber nicht gleich barfuß durch den Schlamm waten lässt. Doch während wir uns vor der Nachtruhe noch fragten, ob Gott wohl irgendwo eine zweite Arche in Auftrag gegeben hatte, zog aus der Ferne bereits das nächste Hochdruckgebiet heran. Zumindest blieb der nächste Vormittag niederschlagsfrei, sodass wir es wagten, mit Wohnwagen, großväterlichem Wohnmobil und Familien-Beagle aufzubrechen.

Standesgemäßer Auftakt

Die Zwillbos besaßen auch tatsächlich den Anstand, nahezu die gesamte Anreise zu verschlafen. So waren sie ausgeruht für das Unterhaltungsprogramm auf dem Campingplatz. Während der Mann vor Ort nämlich die Formalitäten klärte und den Wohnwagen einparkte, testeten die Söhne zunächst die Duschtauglichkeit des Springbrunnens vor der Rezeption, um direkt im Anschluss mit ihren Köpfen und Bäuchen den Wasserpegel der umliegenden Pfützen abzumessen. Ja, sie haben darin gelegen. Unter anderem. Zumindest waren die übrigen Zeltplatzgäste so bereits in Kenntnis dessen gesetzt, was sie die kommenden vier Tage von uns zu erwarten hatten. Bevor wir uns also in irgendeiner Form häuslich einrichten konnten, hatten die Jungs ein Drittel ihrer Urlaubsgarderobe in den Modus „nass und dreckig“ versetzt.

Brunnendusche.

Zum nächsten Programmpunkt waren immerhin bereits ihre Campingstühle aufgebaut. Der Zwillbo-Opa mütterlicherseits traf nämlich etwa 30 Minuten später ein und fuhr sich zur allgemeinen Erbauung zunächst einmal mit seinem Wohnmobil in der Schlammpfütze vor dem Stellplatz fest. Nicht nur die Kinder waren hellauf begeistert von den Dreck aufwühlenden Rädern. Alsbald fanden sich die männlichen Mitglieder der umliegenden Campingfahrzeuge ein, um mit in die Hüften gestemmten Händen darüber zu philosophieren, was nun zu tun sei. Da fiel es mir wieder ein: Ach ja, richtig, so war das beim Wohnwagenurlaub – du bist nie allein und immer umgeben von aufdringlichen hilfsbereiten Profis. Ich hatte zwar direkt eingangs angemerkt, der Campingplatz verfüge über einen Traktor, der sicherlich das festgefahrene KFZ aus der Misere befreien könne. Doch sicherheitshalber hat der selbstgewählte Platzrat noch eine gute halbe Stunde damit zugebracht abzuwägen und versucht, das mehrere tausend Kilogramm schwere Gefährt mit eigener Kraft aus dem Matsch zu schieben. Willkommen im Patriarchat!

Logenplätze

Die Zwillbos hatten unterdessen bereits in ihren Stühlen platzgenommen und verfolgten das Geschehen aus der Loge. Mit Keksen und Trinkflaschen. Schließlich rückte – oh welch‘ Überraschung – der Trecker an. Ich nehme an, dass die Stadtkinder dieses Spektakel in ihrer Erinnerung als ihr schönstes Ferienerlebnis verbuchen und Jahre später noch davon in Schulaufsätzen berichten werden. Zudem bot die aufgewühlte Grasnarbe eine wunderbare Matschkuhle für die kommenden Urlaubstage, welche tatsächlich mehr oder weniger niederschlagsarm blieben.

Pfützenyoga: der herabschauende Pudel.

Wenn also das Wetter einigermaßen stimmt, braucht es verhältnismäßig wenig, um mit Kleinkindern Urlaub zu machen: wenig Platz zum Schlafen, wenig Körperpflege, wenig Ruhe [freundlicherweise haben die Zwillbos jeden Morgen pünktlich um 7.15 Uhr den Weckdienst für unseren Platzabschnitt übernommen] und wenig Privatsphäre. Aber irgendwie war es schön. Seit diesem Ausflug sprechen die Jungs täglich davon, „in Ulaub“  zu fahren. Für sie ist eh‘ jedes größere Gewässer das Meer. Ich träume trotzdem heimlich davon, nächstes Jahr mit dem Mann und den Jungs nach Indonesien zu fliegen. So ganz heimlich.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Monti sagt:

    Einfach herrlich geschrieben.
    Wie immer sehr unterhaltsam.
    Bei unseren ersten Ferien mit den Twins, kam es uns vor als hätten wir auch den ganzen Haushalt mit eingepackt.

    Schönes Wochenende

    Elena

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      Vielen lieben Dank!!! Und dabei fand ich dann in diesem Jahr, dass es schon deutlich weniger Kram war als im letzten! 😂

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