Eingewöhnung, mein Sorgenkind

 

Der PODCAST zum Text:

 

Fünf Wochen lang haben wir es ganz gut geschafft, einander loszulassen. Mit allen Höhen und Tiefen. Die Zwillbos sind nach drei Tagen zum ersten Mal anderthalb Stunden allein bei der Tagesmutter geblieben, nach einer Woche haben sie ohne mit der Wimper zu zucken einen zweistündigen Mittagsschlaf in ihren handgezimmerten Holzbettchen hingelegt. Ich schwankte zwischen Erleichterung und Beleidigtsein.

Von Zwillbos, die auszogen, um zur Tagesmutter zu gehen.

Müttern kann man es ja schwer recht machen. Daran erinnern wir uns alle selbst gut genug. Und wenn nicht, dann wartet einfach ab, und fragt eure Brut in 12 bis 14 Jahren mal. Ziehen die Kinder sorglos zum Spielen davon, fragst du dich, ob die Bindung tatsächlich intakt ist – klammern sich kleine Arme unter Tränen an dich, suchst du im Zweifelsfall erstmal die Ursache bei dir selbst. Zumindest beobachte ich das Beschriebene bei mir selbst. Hab ich dem Kind nicht genug Sicherheit und Zutrauen vermittelt? Ist es doch noch zu früh für die Fremdbetreuung? Ist es jetzt total egoistisch von mir und traumatisierend fürs Kind, trotzdem zu wollen, dass es sechs Stunden von jemand anderem umsorgt wird?

Viele Fragen – wenig hilfreich

In Phasen des Umbruchs und der Verunsicherung feuert mein Gehirn mit Vorliebe maschinengewehrartig mit Fragen um sich. Sonderlich hilfreich ist das allerdings nicht. Denn stimmen meine Befürchtungen überhaupt? Können die Kinder denn nicht auch daran wachsen, wenn sie lernen, sich von einer anderen Bezugsperson trösten zu lassen? Und wird die Erfahrung, dass Mama Wort hält und tatsächlich jeden Mittag pünktlich wieder auf der Matte steht, sie nicht auch mehr Vertrauen ins Leben fassen lassen? Tja, über Antworten kann ich nur spekulieren, denn beim Modell „Kind“ werden aufgrund mangelhafter Kommunikationsfähigkeiten in den ersten Betriebsjahren viele grobe Anwendungsfehler erst wesentlich später sichtbar.

Schalten wir an dieser Stelle von meinem Gehirn zurück in die Realität: In Woche 3 der Eingewöhnung kam unsere einstweilige Souveränität etwas ins Stolpern. Die andere Gruppe der Großpflegestelle trat montags nach dem Urlaub wieder zur Schicht an. Das heißt, die Zwillbos bekamen es mit vier weiteren Kindern und einer Tagesmutter zu tun, die sie noch nicht kannten. Die Wochen zuvor hatten sie mit ihrer Betreuerin und einem anderen Mädchen in ihrer Kragenweite verbracht. Das war ihre Gang, so hatten sie das Unterfangen Tagesmutter kennengelernt.

Neues Terrain entdecken – ohne Mama.

Mads hat die Veränderung mit großen braunen Augen zur Kenntnis genommen – und ging spielen. Generell ist er meist aufgeschlossener gegenüber anderen Kindern und findet sich schnell in Gruppen ein. Pepes gefühlvollem Herzen steht der Sinn meist nach Regelmäßigkeit und Ordnung. Er hat die Seele eines CDU-Politikers, er mag es konservativ und Experimente sieht er zunächst eher für seinen Zwillingsbruder vor. Wenn der dann heil aus der Nummer wieder rauskommt, wagt auch der Erstgeborene neue Abenteuer. Aber im Grunde genommen mag er es gerne so wie es immer schon war.

Kaum mehr Abwehrmechanismen

Den ersten Tag mit so vielen neuen Menschen ließ Pepe sich noch irgendwie gefallen. Als dann am Dienstag plötzlich ein weiteres Kind nebst Mutter zur Eingewöhnung durch die Tür trat, ging bei ihm der Ofen aus. Wenn er schon in der Betreuung bleiben sollte, dann aber bitteschön mit Mama zusammen. Mein kleiner Sohn weinte bittere Tränen des Abschieds, und ich war zutiefst verunsichert. Schließlich wird einem als Mutter ja emotional bei der Geburt die Haut abgezogen, und man verfügt kaum mehr über altbekannte Abwehrmechanismen gegen das Trübsal dieser Welt – und schon gar nicht gegen das der eigenen Kinder. Zurecht. Sie brauchen unser Mitgefühl.

Ich konnte sehen, was der Auslöser war. Zu viel Veränderung. Und doch wusste ich nicht genau, was zu tun war. Ich wollte so lange bei ihm bleiben, bis er und ich gut waren mit der Trennung. Doch die Rechnung ging nicht auf. Pepe weinte und klammerte sich an mich. Je länger ich blieb, desto schlimmer wurde es. Ich konnte mein Herz quasi zerspringen hören. Drei Mal ging ich und ließ ihn weinend zurück. Das geht total gegen mein Gefühl und meine Überzeugung, aber ich wusste mir nicht anders zu helfen. Drei Mal bekam ich innerhalb kürzester Zeit Fotos meines zufrieden spielenden Kindes geschickt. Wohl war mir dabei dennoch nicht. Auch wenn ich weiß, dass es in vielen Betreuungseinrichtungen Usus ist.

Erschüttertes Urvertrauen?

Es nagte an mir, ich sorgte mich, ich beobachtete die Jungs beim Abholen und Zuhause wie ein Luchs. Was bleibt einem als Mutter sonst übrig? Schließlich können wir nicht in die Seelen der Kinder hineingucken. Sie waren ausgeglichen, aßen und schliefen gut, hatten keine Trennungsängste. Ich machte mir Gedanken übers Loslassen und grübelte darüber nach, ob ich Pepes Urvertrauen gerade möglicherweise erschüttere. Und obendrein brannte aber in mir der Wunsch, dass die Eingewöhnung erfolgreich verläuft, denn ich hatte Tage mit viel mehr Freiraum erlebt, ich hatte Zeit, zu arbeiten, Alltagskram zu erledigen und mal wieder jemand anderes als nur Maaamaaaaaaa zu sein. Das war toll, ich wollte mehr davon.

Ich habe auch bemerkt, dass Pepes Schmerz einiges in mir anrührt. Meine Baustellen, Verlustängste einer viel jüngeren Version meiner selbst. Ich bemühte mich, diese Informationen über mich selbst von der aktuellen Situation zu trennen und meinem Kind nicht überzustülpen. Denn es erlebt seine eigene Geschichte und hat seine eigene Biographie. Am Freitag begann Pepe dann bereits im Auto davon zu sprechen, dass Mama nicht weggehen soll. Puh.

Große Welt, kleiner Zwilling.

Mir wurde klar, dass ich nicht wirklich loslasse, wenn ich kein Vertrauen in die Stärke meines Kindes habe. Wenn ich mich sorge. Wenn ich mir innerlich unklar darüber bin, was nun zu tun ist. Denn Kinder lesen in unseren Gefühlen wie Akademiker in Büchern. Aufgrund noch mangelnder Verbalisierung sind sie Meister darin. Denn ihnen bleibt nichts anderes übrig, um sich zurecht zu finden. Aber wo befindet sich bei uns Müttern der Schalter? Zum Loslassen bitte hier drücken. Wieder gab es viele Tränen und ich konnte mich selbst nur mit allergrößter Mühe zusammenreißen. Ich hätte gerne jemand anderen an meiner Seite gehabt, der das für mich regelt. Aber da war niemand.

Raum für Gefühle 

Unsere Tagesmutter ist allerdings ein Mensch, der wie für uns gemacht ist. Sie sieht unsere Art mit den Kindern umzugehen. Sie unterstützt und fördert unseren Kurs. Sie hat uns Raum gegeben. So saß ich dann mit meinem schluchzenden Sohn auf den Knien auf dem Fußboden, bemüht eine Entscheidung zu treffen. Sollte ich ihn wieder mitnehmen? Da der Zweitgeborenen längst nebenan auf dem Schaukelpferd thronte, hätte Pepe mit Sicherheit binnen Minuten zurück zu seinem Zwilling gewollt. Ich versuchte, mich zu sortieren. Schwierig, wenn die Gefühle Sturm laufen und einem ein Kind ins Ohr weint. Ich war total gestresst.

Dann atmete ich tief durch. Sehr liebevoll, aber auch bestimmt sagte ich: „Pepe. Bitte. Du musst jetzt mal kurz aufhören zu schluchzen. Mama kann so nicht denken. Und ich muss mir jetzt etwas überlegen. JETZT ist gerade alles in Ordnung. JETZT bin ich doch noch hier. Bitte!“ Und ich war klar. Ich war wieder Mama. Ich habe Sicherheit vermittelt. Offenbar. Denn mein Kind beruhigte sich, stand auf und ging spielen. Gleichermaßen verwundert und erleichtert hockte ich plötzlich allein auf dem Teppich vor der Garderobe. Ich wartete ab. Eine Minute. Zwei Minuten. Drei Minuten. Dann ging ich. Obwohl es mir wichtig ist, mich zu verabschieden und mich nicht davon zu schleichen. Doch ich befürchtete ein erneutes Drama, sollte Pepe mich noch mal erblicken.

Von da an hatten wir keinen Trennungsschmerz mehr. Wir haben jetzt eine Art Ritual. Wir sprechen stets darüber, dass Mama bissi arbeiten geht und Mads und Pepe dann abholt und wir Bücher angucken. Pepe geht morgens zu seiner Tagesmutter, winkt mir und fordert sich die Nähe von ihr ein. Ich versuche, mein schlechtes Gewissen, die Kinder für sechs Stunden abzugeben und mich um meine Belange zu kümmern abzulegen. Denn auch das bedeutet, nicht loszulassen. Ich versuche, Pepe seinen Trennungsschmerz zuzugestehen. Er hat ein Recht darauf. Und darauf, dass wir ihm dabei gut zur Seite stehen. Oft ist es für uns Eltern schwierig, Wut und Enttäuschung unserer Kinder auszuhalten. Vielleicht hatten wir selbst dafür zu wenig Raum, so dass wir diese Gefühle fürchten. Ich bemühe mich, die Zwillbos wütend, traurig und natürlich auch fröhlich sein zu lassen. Und ihnen dabei zur Seite zu stehen. Ich versuche es auszuhalten, dass nicht immer nur Freude und Harmonie herrscht – und dass das nichts über die Qualität unseres Lebens aussagt.

Ich bin froh und dankbar für unser „Team“ – Mads, Pepe und Tagesmutter, das es mir ermöglicht, nicht mehr länger „nur“ Mama zu sein, sondern wer ich sonst noch so bin. Denn das gibt mir Kraft und Freude. Ich bin gespannt, wie wir nächste Woche nach 14 Tagen Tagesmutter-Urlaub wieder einsteigen. Ich habe ein bisschen Angst. Aber das ist okay.

 

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Steffi sagt:

    Danke für diesen wundervollen Text! Ich könnte so vieles unterschreiben, denn bei uns ist gerade das gleiche Thema aktuell. Meine beiden Jungs sind allerdings 6 Jahre alt und gehen seit einer Woche in die Schule. Und plötzlich hat der Erstgeborene, der „CDU-Politiker“ ;-), Trennungsschmerz, den er in der Kita nie hatte. Neue Kinder, neue Erzieherin, neue Lehrerin – alles zu viel für ihn. Und es ist genau, wie Du schreibst: diese Gratwanderung zwischen Zuwendung/Verständnis zeigen/Gefühle zulassen und es auch mal gut sein lassen, die fällt mir total schwer. Aber es wird. Ich finde langsam den goldenen Mittelweg. Und das Kind lernt langsam den neuen Alltag kennen. Ich drücke die Daumen für Euch! Ihr schafft das!

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  2. Kerstin sagt:

    Ich drück dir die Daumen, für einen guten Start morgen nach dem Urlaub! Bin übrigens die Mutter mit dem Mädchen was Pepe anfangs etwas verunsichert hat. Auch ich bin gespannt wie der Tag morgen für sie wird, nachdem nun zwei Wochen vier Kinder und eine Tagesmutter weniger da waren. Aber ich denke wir können drauf vertrauen, dass die Kleinen das packen.

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    1. doppelkinder sagt:

      Ach Mensch, das ist ja witzig!!! Pepe meint das nicht persönlich 😃, er spricht ganz viel von euch! Es ist eine so aufregende Zeit, die Eingewöhnung. Ich bin froh, wenn wir irgendwann alle routinierter sind! Liebe Grüße und bis morgen!!!!

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