Ich weihnachte sehr

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In Hinblick auf Weihnachten weise ich von je her gewisse Neigungen zur Bipolarität auf. Als Kind war es selbstverständlich keine Frage, dass ich ein großer Fan war. Christkind, Weihnachtsmann, Engelchen – mir war’s piepegal, wer die Geschenke rankarrt, Hauptsache es sind ihrer reichlich. Allein der Nikolaus war mir stets suspekt. Natürlich freute ich mich über einen großzügig gefüllten Stiefel. Allerdings war es mir absolut nicht begreiflich, wieso er den zweiten nicht auch gleich vollmacht, wenn er doch schon nur einmal im Jahr vorbeikommt.

Der Nikolaus hat seltsame Freunde

Außerdem fand ich es ziemlich gruselig, dass er Dinge über mich in seinem komischen goldenen Buch stehen hatte, die er doch UNMÖGLICH wissen konnte! Mein Faible für Lackballarinas und rosafarbene Kleider etwa. Und mit eben diesen bekleidet auf dem Spielzeugtraktor des Nachbarjungen mit Vollgas durch Pfützen zu fahren. Zudem mochte ich den Typen nicht, mit dem der Nikolaus immer rumhing. Knecht Ruprecht. Schlägertrupps konnte ich noch nie viel abgewinnen. Aber gut, ich habe das seltsame Procedere aus Ermahnungen und Wohlwollen stets über mich ergehen lassen. Für die entsprechende Menge an Hochkalorischem war mir der Einsatz noch nie zu hoch.

WEihnachtsdeko selbstgemacht DIY schmücken Weihnachten
Leuchtende Sterne, Sterne aus Butterbrottüten, Papierschneeflocken – alles da.

Als der Zauber dann allmählich verflogen war – ich muss verdrängt haben, wann mich wer davon in Kenntnis gesetzt hat, dass all‘ die geliebten, mystischen Figuren meiner Kindheit nicht in der Realität von Erwachsenen existieren. Aber ich vermute, irgendein ungefähr gleichaltriger Unsympath, den bösere Menschen als ich an dieser Stelle als „Arschlochkind“ bezeichnen würden, wird das erledigt haben. Na jedenfalls war es spätestens zu Beginn der der Pubertät wohl vorbei mit der Mitgliedschaft im Weihnachtsfanclub.

Pubertät und Weihnachten vertragen sich nicht

Aber in dem Alter kündigt man der Intention, irgendwen oder irgendetwas zu mögen ja ohnehin den Dienst auf. Es sei denn, es ist irgendetwas, das die Eltern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zur Weißglut bringt. Oder Kurt Cobain. Ansonsten war ich allerdings nie ein taugliches Fangirl mit zahllosen Postern schmieriger Boygroups an den Teeniezimmer-Wänden. Aber ich war halt dagegen. Gegen alles. Auch gegen Weihnachten. Als der jugendliche Hormonspiegel dann irgendwann wieder etwas ins Gleichgeweicht kam, nahm meine Abneigung gemäßigtere Züge an.

In kinderlosen Jahren schwankte ich meist zwischen dezentem Grinchtum und Versöhnlichkeit. Ungeachtet dessen, woran ich glaube, konnte die Adventszeit für mich gemütlich, heimelig und familiär sein. Oder mir total auf die Nerven gehen mit ihrer Zwangsharmonisierung, den Deko-Eskalationen und dem Konsumwahn. Das kam immer ganz darauf an, ob ich selbst gerade glücklich – oder immerhin zufrieden war – war oder nicht.

Kranz binden, Papiertüten, Adventskalender für Kleinkinder
Mannigfaltige selbstgebastelte Adventskalender, Kranz und Co.

Im engsten Kreis meiner Familie war es eigentlich nie so richtig ätzend. Glaube ich. Oder ich habe es verdrängt. Sicherlich, ich habe drei Geschwister – dass man da mal den einen oder anderen Grund findet, sich zum Fest gepflegt die Meinung zu sagen, ist nicht ganz ausgeschlossen. Aber Heiligabend war dann doch immer irgendwie die Zeit der offenen Türen, Herzen und Weinflaschen. Und letztere können ja auch erheblich zur Harmonisierung beitragen.

Der Mann macht glücklich

Spätestens seitdem der Zwillbo-Vater permanenter Gegenstand meines Lebens ist, bin ich wieder ziemlich weihnachtlich unterwegs. Ganz offensichtlich trägt die Gegenwart dieses Mannes enorm zu meiner persönlichen Zufriedenheit bei. Gut so. Die ersten beiden Weihnachtsfeste mit den Doppelkindern waren geprägt von Chaos, Stillmarathons und großen Umbrüchen in unserem Familienleben, so dass mir immerhin im vergangenen Jahr nicht sonderlich danach war, darüber zu schreiben. Die Kinder wurden beschenkt – allerdings nicht von uns, es gab weder Adventskalender noch gefüllte Nikolaus-Babyschuhe. Bei allem Respekt. Mir persönlich war das alles zu viel und zu anstrengend, und ich hatte nicht den Eindruck, dass die Jungs irgendetwas mehr interessiert als das Geschenkpapier wahlweise aufzuessen oder, wie im vergangenen Jahr, zu zerfetzen.

Jahreszeitentisch für Kleinkinder
König Winter und das Schneeflöckchen sind auf dem Jahreszeitentisch eingezogen.

In diesem Jahr weht hier ein anderer Wind. Er ist zimtduftgeschwängert und trägt schon seit Wochen Klänge wie „Lustig, lustig, trallala“ mit sich. Schließlich muss die noch junge Weihnachtsfangemeinde fundamental eingeschworen werden. Denn in diesem Jahr erlebe ich die Weihnachtszeit irgendwie komplett anders. Oder besser gesagt: Ich erlebe sie! Mit einer lang vergessenen Intensität.

Hinter jeder Weihnachtsgeschichte, jeder Überraschung, jedem Deko-Gegenstand entdecke ich eine Möglichkeit, den Jungs ein Staunen ins Gesicht zu zaubern. Oder mich an der Supermarktkasse um den Überraschungsei-Kauf herum zu drücken, indem ich sage, dass für solcherlei Präsente nun erstmal der Nikolaus verantwortlich zeichnen würde. Es zieht.

Weihnachten kindgerecht gestalten

Wir bauen Wichteltüren, ich filze die Belegschaft für einen Jahreszeitentisch [ja, ihr habt richtig gelesen, ICH FILZE! Und ein Teil von mir muss sich über mich selbst kaputtlachen]. Ich erfinde eine eigene Familiensaga für das mysteriöse Erscheinen eines Weihnachtsbaumes, der von christkindlichen Helfershelfern über Nacht geliefert und geschmückt wird. Voller Enthusiasmus habe ich Adventskalender-Tütchen mit kleinkindgerechtem Nippes gefüllt, um fortan jeden Morgen zu predigen: „Nein, jeden Tag nur EIN Päckchen!“.

Ich jongliere mit Lichterketten, Duftkerzen und Gewürznelken, bastele Sterne aus Butterbrottüten und habe vermutlich stets ein wenig Glitzer im zerwühlten Haar hängen. Ich beginne, Weihnachtstraditionen auszugraben, mit denen meine Eltern uns die Adventszeit immer zauberhaft, gemütlich und spannend gestaltet haben. Dazu beginnen der Mann und ich, unsere eigenen Familienrituale für diese besondere Zeit zu schöpfen. Die Weihnachtszeit soll für die Zwillinge voller Geheimnisse, Überraschungen und Freude stecken.

Nachhaltige Deko Kranz flechten Naturdeko
Kranz aus selbstgesammelten Zweigen.

Ich finde, es spielt keine Rolle, ob man Weihnachten christlich traditionell feiert, oder ob es ein Fest des Winters, der Gemütlichkeit, der Menschlichkeit ist, bei dem man sich einander und sich selbst etwas mehr zuwendet und der Dunkelheit der Jahreszeit etwas entgegensetzt. Wir feiern vor allem, dass wir einander haben. Wir dürfen weitergeben, wie wir als Kinder Weihnachten erlebt haben, und das hinzufügen, womit wir glauben, die Zwillbos glücklich zu machen. Und das sind keine Berge an Geschenken, sondern eben dieser Zauber, die Geschichten, das Rätselhafte und die Lichter, die uns umgeben. Wir machen es ein wenig heller. In uns und um uns herum.

Weihnachtsgeschichte heilige Familie ostheiler Krippe Holzfiguren Holzkrippe stall holzbögen
Die Krippe wartet auf Bewohner.

7 Comments

  1. Es macht soo viel Spaß deine Texte zu lesen und während ich lese, ertappe ich mich wirklich jedes Mal beim Nicken und Schmunzeln. :-) Es ist so herrlich erfrischend und bestätigt mich, jeden Tag mit seinen Kids zu genießen und Spaß zu haben, egal wie chaotisch es auch ist! Besonders die Weihnachtszeit :-)

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