Oh Tannenbaum: ein Weihnachtsmärchen mit Kleinkindern

Klicke auf den Player und höre dir den Text als Podcast an:

Kinder bieten einem ja immer gute Möglichkeiten, sich im Abschied nehmen zu üben. Am allerliebsten schicken sie elterliche Pläne, Erwartungen und Vorstellungen auf die Abschussrampe. Obschon ich nach mehr als zwei Jahren (Über-)Leben mit Zwillingen bereits einiges gelernt habe, muss ich zuweilen noch feststellen, wie tief die Liebe zu Festzementiertem doch in mir verankert ist. Bildlich gesprochen. Also das Festzementierte. Aber oftmals kann ich auch beobachten, dass ich mental schon ganz schön flexibel geworden bin.

Geschichte von Christkind und Baum

Ein Paradebeispiel dafür gibt unser Weihnachtsbaum. In mehrerlei Hinsicht. Ursprünglich ersonnen der Mann und ich den Plan, um die Tanne ein großes mystisches Brimborium herumzuspinnen. Ebenfalls bildlich gesprochen. Wir wollten die Mär verbreiten, er werde vom Christkind oder den Engeln oder irgendwelchen Weihnachtswichteln über Nacht heimlich geliefert und geschmückt. Egal, wer dafür am Ende zuständig gewesen wäre, wir wollten die große Geheimniskrämerei um Weihnachten noch ein Quäntchen erhöhen.

Im Vorfeld zeichneten sich bereits kleinere Unstimmigkeiten ab: Wer ist überhaupt dieses Christkind und wieso kann ein Kind so viele Geschenke und Tannen schleppen? Die Fragen deuteten sich stets in den Gesichtern der Doppelkinder an, und wir vermochten keine schlüssigen Antworten darauf aus unseren elterlichen Hirnwindungen hervor zu bemühen. Kinder merken sowas sofort.

Kinder Weihnachten Tannenbaum Christbaum Baumschmuck Strohsterne Ikea natürlich schmücken Deko Advent Familie Hygge
Frühmorgendliches Baumschmücken mit Zwillingen.

Zudem sind die Jungs durch Tagesmutter und die Weihnachtsliteratur im heimischen Kinderzimmerregal sehr belesen. Beziehungsweise beguckt. Denn vorwiegend rezipiert die junge Weihnachtsfangemeinde hier ja Bilderbücher. In vielen davon wird anschaulich der Christbaumkauf illustriert. Zudem wurde in der Betreuung bereits viel über das Schmücken der weihnachtlichen Konifere gesprochen. Hm.

Kranke Kinder sprengen den Plan

Entscheidungshilfe für unsere Vorgehensweise leistete schlussendlich eine Bindehautentzündung. Die führte nämlich dazu, dass die Zwillbos außerplanmäßig in der Woche vor dem Fest drei Tage lang zu Hause waren und somit die elterliche Festtags-to-do-Liste dezent unter Zeitdruck geriet. Mach dir nur einen Plan, Mutter!

Die Kinder weilten also daheim, und der mütterliche Laptop wurde zu Schlafenszeiten bemüht, um Veröffentlichungstermine einzuhalten. Pech für den Baum. Oder besser gesagt: Pech für unser Christbaummärchen. Der Mann bewerkstelligte es zwar, die Tanne fristgerecht und ungesehen herbei zu schaffen. Jedoch kam ich mit dem Schmücken in Verzug.

Begeisterte Zwillbos

Also stand eines Morgens der eingestielte Baum im Wohnzimmer, und die Eigendynamik der Geschehnisse nahm ihren munteren Lauf. Die Zwillbos waren schier begeistert! Was gibt es für Motorsägen-Liebhaber Schöneres als einen eigenen Baum in der Wohnung?! Eben! Zudem haben wir wenige Tage zuvor hautnah eine mittelprächtig große Fällaktion im Garten unserer Freunde bestaunt. Die Zwillbos waren also voll im Thema. Und der Baum eindeutig in der Bredouille.

Fortan wurde stundenlang in unserem Wohnzimmer gesägt. Mit einem Holzmesser aus der Kinderküche, einem pink-buntem Glitzerzauberstaub und mit dem Spachtel des Thermomix’. Ich war erstaunt, wie stark ein so frischer Baum nadeln kann. Ich begann darüber nachzudenken, wie man der Verteilung der Nadeln im gesamten Wohnraum mittels einer speziellen Auffangrinne entgegenwirken könnte. Jedoch bin ich bislang noch zu keiner Lösung gekommen, die auch gewisse ästhetische Gesichtspunkte berücksichtigt. Ich fühlte auch ein bisschen mit der Tanne. Der Mann hätte mir einfach nicht erzählen dürfen, dass sie acht Jahre alt ist. Ich baue immer so schnell persönliche Bindungen auf!

Die Kinder und die Tanne

Was die Kind-Baum-Interaktionen angeht, war und bin ich relativ entspannt. Ich bin davon ausgegangen, dass unsere Söhne nicht andächtig wie die Chorknaben davorstehen würden. Und das müssen sie auch nicht, schließlich ist es auch ihr Baum. Die Vorjahrestanne war aufgrund unzureichend früher Vorbereitung meinerseits mit Restposten-Kugeln aus Kunststoff behangen – die Zwillbos schrotteten diverse davon. Der Baum sah immerhin nicht total hässlich aus, niemand wurde ernsthaft verletzt und alle waren zufrieden.

Kinder Weihnachten Tannenbaum Christbaum Baumschmuck Strohsterne Ikea natürlich schmücken Deko Advent Familie Hygge
Frischgeschmückt und in voller Pracht: der noch ungerupfte doppelkindische Weihnachtsbaum.

In diesem Jahr baumeln kleine, mopsige Vögel aus Filz an den Zweigen, Herzen aus Wolle, Strohsterne und Pilze aus Stoff drehen sich daneben in der Wärme der Heizungsluft. Alles ist ziemlich unkaputtbar und es sieht wirklich sehr entzückend aus.

Doch wie kam denn nun der Schmuck an den Baum? Anderthalb Tage lang stand die Tanne zur freien kindlichen Zersägung im Wohnzimmer. Als die Übergriffe mit den Fantasie-Werkzeugen etwas tätlicher wurden, beschloss ich kurzerhand, die Kinder mit in die Schmückung einzubeziehen. “Was soll’s?!”, dachte ich mir. Weihnachten würde auch ohne Tannenmärchen ziemlich geheimnisvoll und großartig bleiben. Und vielleicht würde das mit der persönlichen Bindung bei den Jungs auch klappen, wenn sie ihre Tanne erstmal eigenhändig aufgemotzt hätten?

Planänderung

Ich ließ also von meinen bisherigen Plänen und Vorstellungen ab und so schmückten wir. Eines Mittwochmorgens um 7.45 Uhr. Es ging überraschend friedlich von statten, und ich war beeindruckt, wie gut die Beiden Sterne und Co. auf dem Baum verteilt haben. Viel nachbessern musste ich nicht.

Und die Auswirkungen der Schmück-Aktion auf das Holzfällerkommando? Nunja, die Kettensägen kreisen etwas zurückhaltender. Die Pilze muss ich meistens abends wieder in der Wohnung einsammeln, da die Kinder sie wahlweise als Armreifen oder Armbanduhren durch die Gegend tragen. Sie schaffen es außerdem fast jedes Mal ihre Bobbycars früh genug zu bremsen, um nicht mit vollem Karacho in die Zweige zu kesseln. Ich habe den Baum weit genug von der Wand weggerückt, damit die Jungs dahinter krabbeln und sich verstecken können – denn das tun sie ohnehin.

Der Mann und ich tun gerade gut daran, uns von der Vorstellung verabschiedet zu haben, der Weihnachtsbaum sei ein Deko-Element und nur zum Angucken da. Warum auch? Die Jungs lieben ihn heiß und innig. Sie spielen damit, denken sich alle möglichen Dinge dabei aus, sie sind begeistert und sprudeln über vor Ideen.

Unser Weihnachtsbaum wird vermutlich etwas schneller ein wenig gerupft aussehen als andere. Aber das ist es mir wert. Ich habe lieber eine etwas demolierte Tanne, die noch einmal so richtig abgeliebt wurde, bevor sie irgendwann eh’ traurig und vertrocknet von den städtischen Reinigungsbetrieben an der Straßenecke aufgelesen wird.

Ständiges Schimpfen stresst alle

Ich habe keine Lust, wie ein Schießhund auf den Baum aufzupassen und mich und die Kinder jetzt wochenlang mit Ermahnungen zu stressen. Die Tanne steht sicher und hat nicht die Größe, bei einem Sturz ein Kleinkind erschlagen zu können. Der Schmuck kann nicht zu Bruch gehen – und alle sind glücklich. Der Baum bestimmt auch. Irgendwie. Von den Nadeln mal abgesehen. Aber vielleicht kann ich den Mann so auch davon überzeugen, bald einen neuen, leistungsstärkeren Staubsauger anzuschaffen.

Unser Baum ist auch ohne die Christkind-Legende der Hit. Es macht viel mehr Spaß ihn gemeinsam zu schmücken und im nächsten Jahr dann auch gemeinsam auszusuchen. Und in ein paar Jahren werden der Mann und ich vermutlich hier sitzen und uns beim Anblick eines unberührten Weihnachtsbaums wehmütig an die Tage zurückerinnern, an denen die Tanne und das Spiel damit das Größte für unsere Kinder war.

…Die Zwillbos können übrigens gut trennen, dass sie ihren Baum zuhause komplett in ihr Spiel integrieren dürfen, dass das aber überall so ist. Sollten wir also einen von euch in der Weihnachtszeit besuchen kommen, sorgt euch nicht um eure Tannen!

One Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.