Eltern sein – Müdigkeit im Abo

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Seit nunmehr fast drei Jahren trage ich durch die Offenbarung meiner zu Grenzenlosigkeit neigenden Naivität im Internet zur allgemeinen Erbauung bei. Andere Menschen nennen das Bloggen. Heute zu einer neuen Ausgabe von „Was ich dachte, wie es sein würde Kinder zu haben, bevor die Realität mich mit einer Rechts-Links-Kombination wachküsste“.

Ich bin jetzt seit drei Jahren dauerhaft müde. In jedem anderen Fall würden Mediziner vermutlich Schlafstörungen diagnostizieren. Bei Millionen Menschen in Deutschland gehört das einfach zum ganz normalen Leben dazu. Die haben keine Diagnose. Die haben Kinder. Die müssen sehen wie sie klarkommen.

Naivität der Kinderlosen

Vor etwas mehr als drei Jahren hätte ich zumindest nicht angenommen, dass die Müdigkeit schon in der Schwangerschaft beginnt. Oder dass sie auch dort schon so eklatant in den Lebenswandel eines Menschen eingreifen könnte. Ich sag ja, ich kann sehr blauäugig sein. Natürlich erlebte ich andere Frauen mit Babybauch, bevor bei mir selbst die Zwillbos aus der angedachten Ein-Raum-Wohnung eine Zwei-Zwimmer-WG gemacht haben. Ungefragt. Ein paar davon waren vielleicht auch mal ein bisschen müde. Dass es einen aber so aus dem Leben hauen kann, das war mir nicht bewusst.

Zwillinge im Bauch Bauchumfang Zwillingsschwangerschaft
Ein kleines bisschen zwillingsschwanger.

Im Zuge der großen Hormonumstellung während des ersten Trimester meiner Zwillingsschwangerschaft war nur eines größer als meine Müdigkeit und meine Erschöpfung: meine Übelkeit. Da war ich schon beinahe froh um jede Minute, die ich nicht wach sein musste. Den Rest der Schwangerschaft bin ich dann tatsächlich relativ munter gewesen – obschon mein Schlafbedarf wesentlich höher war als bislang.

Glücklicherweise konnte ich auch ungeachtet des irgendwann enormen Bauches meistens ziemlich gut schlafen. Vielleicht hat mir das Leben genau deshalb, also zur ausgleichenden Gerechtigkeit quasi, zwei Kinder geschenkt, die einen Großteil ihres bisherigen Lebens ihre Akkus im Schnellladeverfahren wieder befüllt haben. Sie waren Power-Nappers, tags wie nachts.

Im ersten Jahr mit den Zwillingen haben wir uns irgendwann damit abgefunden, dass es normal ist, alle zweieinhalb Stunden aus dem Schlaf gerissen zu werden. Oder öfter. Wenn ich denn dann überhaupt geschafft hatte, nach dem letzten Einsatz an Brust, Flasche, Windel oder was auch immer auf Kommando sofort wieder einzuschlafen.

Babyschlaf Tripp trapp stocke newborn Aufsatz für Hochstuhl Schnuller zwillinge
Power-Napper bei der Arbeit.

Selbstverständlich gab es auch mal Drei- oder Vier-Stunden-Intervalle, doch bedauerlicherweise niemals bei beiden Kindern gleichzeitig. Da hat das so oft zitierte doppelte Glück meiner Meinung nach definitiv Nachjustierungspotenzial! Mit Babys ist man also müde. Mit den meisten zumindest, wie ich im Laufe des ersten Babyjahres durch den Austausch mit anderen Betroffenen…ähm…Eltern gelernt habe.

Durchgemachte Nächte – aber freiwillig

Natürlich kannte ich Müdigkeit vorher auch schon. Von durchgemachten Nächten meiner Jugend – wo genau ist die eigentlich nochmal geblieben?! Von Nächten, in denen mir der Vollmond oder irgendein Redaktionsschluss die Stunden auf dem Kissen vergällt hat. Aber ich wusste doch stets: Spätestens am nächsten Wochenende kommt die Zeit, in der ich einfach mal ein bisschen mehr schlafe!

Oh welch‘ kostbares Gut vergangener Tage!!! Was hab es ich zu Schulzeiten gehasst, wenn irgendwer hochtrabend darüber schwadronierte, dass ich mich noch einmal in den Unterricht am Mathepult zurückwünschen würde! Vielleicht weiß man, dass es stimmt, man will es aber nicht hören. Als Demnächst-Eltern hängen dir solcherlei Belehrungen auch irgendwann zu den Ohren raus. „Ja, ja, ihr seid alle müde, hab ich verstanden. Kann ja wohl nicht so dramatisch sein!“, denkst du dir dann vielleicht. Wird es möglicherweise auch nicht. Oder es nimmt eben Ausmaße an, von denen du niemals ahntest, dass es sie gibt.

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Badezimmer unter Wasser setzen? Meinetwegen, wenn ich dafür Kaffee bekommen…

Dann erlebst du Tage, an denen der Kaffee aus deiner Tasse plötzlich zu dir zu sprechen zu scheint: „Überlass mich lieber jemand anderem, hier kann selbst ich nichts mehr ausrichten.“ Du bist manchmal so müde, dass du die seltsamsten Dinge anstellst. Vielleicht stellst du dein Baby kurz im Treppenhaus ab, machst dich allein auf den Weg in den Supermarkt und bemerkst irgendwann, dass du anstelle des Nachwuchses den Wocheneinkauf beruhigend schuckelst. Vielleicht vergisst du auch einfach, dass du beim Verlassen des Hauses noch den Schlafanzug anhast – oder aber du bist froh, dass du überhaupt soweit bekleidet bist, dass dir niemand die Polizei auf den Hals hetzen kann.

Mich kann Müdigkeit auf Dauer einfach auch ein bisschen irre machen. Dünnhäutig. Schnell überreizt. GEreizt sowieso. Manchmal bin ich tatsächlich auch schon zu müde zum Schlafen gewesen. Neben all den Baby- und Kindergeräuschen in meinem Leben, musste ich Schlafen richtiggehend neu lernen. Ich konnte nie mit Hörbüchern einschlafen. Heute geht es kaum mehr ohne, weil ich ein leises Hintergrundmurmeln brauche, um nicht von jedem Pups meiner Söhne aufzuwachen.

Alles ändert sich – zu seiner Zeit

Natürlich sehen unser Alltag und unsere Nächte mittlerweile wieder viel, viel normaler aus als noch zu Babyzeiten. Oder eben so normal wie man es mit Kindern empfindet. Da packt man schon mal Sonntagmorgens um 7.30 Uhr den Wasserfarbkasten aus, um sich den Nachwuchs gewogen zu halten. Und findet es relativ normal, da zu tun.

Die Zwillbos schlafen unterdessen sehr viel besser. Mehr oder weniger von einem auf den anderen Tag stellte sich bei ihnen der langersehnte zweistündige Mittagsschlaf ein. Mal dauert er länger, mal kürzer. Sie schlafen oft sowas ähnliches wie durch. Glaube ich. Da gibt es ja quasi genau definierte Zeiten, bei wie vielen Stunden am Stück davon gesprochen oder gelogen werden darf.

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Kaffee für alle! Fast…

Aber ganz ehrlich? Nächte, in denen keines der Kinder etwas von uns möchte, haben hier historisch anmutende Seltenheit. Da wird mal laut geträumt. Oder nach einem Wasser verlangt. Eigentlich liegt in jeder Nacht irgendwann einer der Söhne irgendwann zwischen dem Mann und mir im Familienbett – tendenziell aber eher beide. Wenn man Glück hat, werden sie dann nicht irgendwann handgreiflich mit einander. Wenn man Glück hat.

Naja, oder sie husten eben. Und wachen auf, weil die Nase verstopft ist. Und wenn kein Infekt ist, ist bestimm Vollmond, in China ist ein Sack Reis umgefallen oder du kriegst als Mutter selbst gerade mal kein Auge zu. Egal, wie müde du tagsüber noch gewesen bist.

Was bringt die Nacht?

Denn eines ist auch noch so ein merkwürdiges Eltern-Naturgesetz: Du kannst bei oder nach der Bettlegung der Brut k.o. sein wie ein Boxer, der gerade den Ringboden geküsst hat. Wenn du das Zeitfenster ohne Schlaf verstreichen lässt, läuft der Motor garantiert noch bis kurz vor Mitternacht. Und du weißt nie, was die Nacht bringen wird: fünf, sechs Stunden Schlaf am Stück oder vollgekotzte Laken, weil die Zöglinge einen Magen-Darm-Virus aus der Kita mitgebracht haben?

Muttersein ist ein Thrill, der seinesgleichen sucht. Aber wenn doch vielleicht irgendein Wissenschaftler mal einen adäquaten Ausgleich für Schlafmangel finden würde, dann würde ich ihm den Nobelpreis persönlich basteln und an den Laborkittel heften. Besser wurde es mit dem Schlafen übrigens von ganz alleine. Ich fürchte damit ist es wie bei allen kindlichen Entwicklungsschritten. Und wie mit dem Leben überhaupt: Das ist alles nur eine Phase…!

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8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Frau Kakao sagt:

    Großartiger Beitrag! Ich wünschte, ich hätte so jemanden wie Dich vor ein paar Jahren gekannt. Niemand in meinem Umfeld konnte diese Art von Müdigkeit und die Dünnäutigkeit und Gereiztheit verstehen. Die hatten alle nur Musterschläfer. Das ist Folter. Ich mache leider heute noch drei Kreuze im Kalender wenn ich komplett durchschlafen kann. Aber immerhin ein Kind schläft jetzt super. Ich habe also Hoffnung. Danke für diesen Beitrag.

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    1. doppelkinder sagt:

      Ernsthaft? Wie grausam! Zum Glück kenne ich – auch dank Insta & Co. – viele, denen es haargenau so geht. Das wäre ja sonst nicht auszuhalten!!!!

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  2. Brokkolisa sagt:

    Ich lese diesen Eintrag um 3:28 und sitze seit anderthalb Stunden neben meinem schlafenden Baby, das immer und grundsätzlich nach 2 bis 2,5 Stunden schreit und jetzt seit 4,5 Stunden schlummert. Ist das auch ein ungeschriebenes Elterngesetz? Wie schön wäre der Schlaf gewesen… 😉 Liebe Grüße von der grade erst beginnenden Schlaflosigkeit 🙂

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    1. doppelkinder sagt:

      Oh Gott, das kenne ich!!! Man ist irgendwann so darauf getaktet, alle zwei Stunden wach zu sein!!! Ich wünsche dir sehr bald sehr viel Schlaf!!!

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  3. Kerstin sagt:

    Kenne ich leider auch sehr gut… seitdem Amelie Epilepsie hat, bin ich in manchen Nächten ein äußerst sensibeler mütterlicher Wachhund ohne jeden Schlaf. Aber auch das wird hoffentlich irgendwann besser

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    1. doppelkinder sagt:

      Das kann ich mir mehr als gut vorstellen!!! Ich drücke euch ganz fest die Daumen, dass ihr euch mit der Zeit an diese Herausforderung gewöhnt!!!

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  4. Sara sagt:

    Oh ja, das ging mir ganz genau so. Noch heute erzähle ich voller Entgeisterung, weil ich es immer noch nicht glauben kann, wie sehr mich die Müdigkeit in der Schwangerschaft umgehauen hat. Nie vorher hatte ich Verständnis für Schwangere, die es nicht länger als bis 23 Uhr ausgehalten haben – ha, ich war dann die Schlimmste von allen!!! Und ja, unsere Zwillinge waren die gleichen Powernapper,bis irgendwann von jetzt auf gleich der lange Mittagsschlaf kam. Wir müssen sie immer noch nach 2 Stunden wecken… Nur meine Tochter, die war ein echtes Unikat: Über ein Jahr lang fast jede Nacht 2-3 Stunden am Stück wach gelegen und geweint. An manchen Tagen hatte ich furchtbare Angst, dass ich auf dem Weg zur Arbeit/ in die Kita am Steuer einschlafe. Aber jetzt schlafen beide auch nachts viel viel besser. Allerdings gleiches Bild wie bei euch: Mindestens einer landet irgendwann in unserem Bett, und nein, wir schaffen es auch selten, vor Mitternacht ins Bett zu gehen – trotz nicht zu überbietender Müdigkeit während der Einschlafbegleitung. Hach ja, es ist wie du so schön sagst, ein Thrill 😉

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    1. doppelkinder sagt:

      Irgendwann möchte man ja auch mal ohne Kinder abhängen, da finden wir auch immer schwer ein frühes Ende abends :-D. Ich finde es auch nach wie vor krass, wiiiieee fertig einen Hormone in der Frühschwangerschaft machen können!!! Das ist doch einfach unfassbar, was der Körper da mit einem macht!!!

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