Wir alle brauchen Helden

Noch an dem dritten Geburtstag des Ablegers meiner besten Freundin im Oktober hat dieser Typ meine Kinder nicht sonderlich gejuckt. Er war ihnen im Grunde überhaupt kein Begriff. Ok, er fährt ‘ne coole Karre, das war auch den Zwillbos nicht entgangen, aber im Prinzip war ihnen egal, wer drin sitzt. Sein Konterfei ließ sein Zahnpasta-Lächeln sogar vom Kuchen zu uns herüber blitzen, doch die Doppelkinder interessierte nur, was sich unter der Lage Esspapier befand: Kokkeladekuchen.

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Wenige Wochen später war ich echt verblüfft, wie textsicher der gleichaltrige Sohn einer Bekannten schon die Fangesänge beherrschte – „Alarm, es kommt es ein Notruf an…“ – während unsere Söhne sich noch etwas holprig am Katzentanzlied versuchten, und jeder Helm, den sie in die Finger bekamen, der eines „Baubeiters“ war. Wenn ich jetzt versuche mich daran zu erinnern, wann genau und vor allem wie die Feuerwehrmann-Sam-Welle zu uns rüber geschwappt ist – Fehlanzeige. Liegt vielleicht an elternbedingter Hirnmüdigkeit. Oder an erkältungsverursachter Langsamgeistigkeit. Vielleicht auch an beidem zusammen. Jedenfalls ist sie jetzt da, die erste große Idolverehrung.

Elsa go home!

Ich muss sagen, es hätte uns schlimmer treffen können. Ich weiß nicht, ob ich einer Prinzessin Lillifee ebenso freundschaftlich die Tür geöffnet hätte. Oder gar einer Elsa, die mich dann fortan in jedem Raum der Wohnung aus blauen Alienaugen heraus spöttisch angeschaut hätte. Ich habe mal nachgemessen: Wäre mein Gesicht im Elsa-Maßstab angelegt, würden meine Augen bei gleichbleibender Größe des Mundes bis zu den Ohren reichen. Für Mütter von Mehrlingen oder mehrer Kinder wäre ein solch vergrößertes Sichtfeld gewiss praktisch. Kacke aussehen würde es dennoch.

Kleinkind beim freien Spiel selbständiges Spielen
Das ein Feuerwehrhelm. Eindeutig.

Etwa drei Tage nach Nikolaus beschlossen die Zwillbos jedenfalls, dass die gelben Plastikschalen aus ihrem Besitztum fortan nicht mehr auf den Bau gehörten, drehten den Schirm nach hinten und erklärten sie zu „Feuerhelmen“. Der „Löschschlauch“ ist nah daran, die Motorsäge als Lieblingsspielzeug abzulösen und die Kindersitze haben wir kurzerhand in „Jupiter“ und „Neptun“ umbenannt, damit die Söhne noch motivierter ins Auto einsteigen. Für alle, die annehmen, wir seien unter die Sternendeuter gegangen: Das sind die Namen der Löschfahrzeuge, mit denen der Superheld meiner Söhne und seine Konsorten tagein tagaus von Einsatz zu Einsatz fahren. Und sie mögen ihn, ihren Helden. Sehr.

Aalglatter Typ

Für meinen Geschmack ist Sam ja schon eine Spur zu aalglatt. Seine Geduld und Freundlichkeit würden mich im wahren Leben wahnsinnig machen, und seine archetypische Überlegenheit gegenüber den anderen Figuren, die zumeist als ziemliche Trottel dargestellt werden, macht ihn für meinen Geschmack ziemlich unattraktiv. Aber ich bin ja auch nicht zwei Jahre alt. Knapp an der Zielgruppe vorbei. Doch den Jungs gefällt, was sie in Büchern und auf dem Tablet sehen.

Sie lieben Sam, und wann immer es gilt, einen Charakter zu verkörpern – zumeist muss es Sam sein. Wodurch übrigens schon böse Streitereien über uns hereingebrochen sind, denn für die Zwillbos steht fest: Es kann nur einen geben! Sam ist echt in Ordnung, er vermittelt Werte, die ich vertreten kann und abgesehen vom Dauer-Diss an Nebencharakter Norman Price kann ich mit der Feuerwehr-Show sehr gut leben.

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Sie sehen: einen Feuerwehr-Bagger, was sonst?!

Auf ungefähr gleicher Ebene rangiert ein Held, mit dem ich ebenfalls gut leben kann. Vielleicht, weil er leicht übergewichtig ist und eine Schwäche für Schokolade hat. Käpt’n Sharky hat unsere Familie eher zufällig unterwandert. Zumindest nehmen wir das an. Bekannte haben den Jungs irgendwann eine riesige Kiste Bücher geschenkt, die sie der örtlichen Bücherei abgekauft hatten. Darunter auch zwei Bände mit Geschichten des kleinen Piraten. Mit Piraten kann ich ebenfalls ziemlich gut leben. Das Säbelrasseln und Angriffe mit Kanonenkugeln lasse ich irgendwie noch ziemlich unkommentiert. Kämpfe gehören zum Leben dazu, aber zu komplexeren Erklärungen und Standpunkten fühle ich mich derzeit noch nicht berufen.

Helden mit Strümpfen

Die Zwillinge sind große Fans von Sharky und Sam. Sie besitzen sogar ein wenig Merchandise. Besonders beliebt: Socken mit dem Konterfei ihrer fiktiven Freunde. Es artet für mich regelmäßig in Stress aus dafür zu sorgen, dass immer zwei Paare gewaschen bereit liegen, auf denen die beiden Kollegen abgebildet sind. Manchmal ziehe ich ihnen die Helden-Strümpfe aber auch mehrer Tage hinter einander an. Über sauberen Socken. Es hilft ja nix.

Irgendwie scheinen wir Menschen das von klein auf zu brauchen. Figuren, mit denen wir uns identifizieren können. Die mutig und verwegen sind. Solche, die immer gewinnen, die auf der guten Seite stehen. Und haben wir denn nicht auch als Erwachsene immer noch totale Sehnsucht nach Superhelden? Nach Vorbildern, zu denen wir aufschauen? Ich finde das richtig und wichtig – wenn wir dabei ein winziges Bisschen umdenken. Nämlich dann, wenn wir diese Idole nicht einfach nur anhimmeln wie der Hund den Fleischwurstring.

Sondern wenn wir uns angesichts ihrer Heldentaten immer wieder daran erinnern, dass all diese Fähigkeiten, diese unbegrenzten Superkräfte und dieser Mut auch in uns selbst liegen. Lediglich unsere Schranken im Kopf stutzen unser Cape.

 

 

 

4 Comments

  1. Ach ja…. Feuerwehrmann Sam. Vor einem Jahr oder gar mehr, kaufte ich Jupiter auf einem Flohmarkt. Für mich und den kleinen einfach ein Feuerwehrwagen. Die gute Frau und Mutter die in mir verkaufte wusste mehr. Mit einem Lächeln und ” und das kommt noch” Versicherte sie mir da würde einiges auf mich zu kommen. Noch beliebter als Sam ist hier allerdings der Naturbursche der Bergwacht TOM. denn Tom hat ein oder zwei Hubschrauber und einen Geländewagen #hörthört 👈 ah, hier machen Hashtags keinen Sinn, oder? 😂. Sharky find ich persönlich klasse. Durch die Bücherei darauf gekommen. Bücher ausleihen ist super. Aktuell liebt das Herzenskind Dinotrux. Richtig gelesen. Dinos die gleichzeitig Baustellenfahrzeuge sind. Einfach googlen. Viel Spaß. Jungs sind schon besonders. Ob wir unsere Eltern damals auch so “beschäftigt” haben mit unseren Helden? Wer war unser Held? Gummibären?

    1. Das ist eine super Idee, mal auf dem Flohmarkt nach den Fahrzeugen zu schauen! Vor einem halben Jahr waren das für mich auch alles noch böhmische Dörfer! Ich glaub, meine ersten Heldinnen waren Regina Regenbogen und Bibi Blocksberg :-D

  2. Hier wechseln sich penny (Sam ist was für Anfänger 😉) und die Babessin ab, phasenweise rennen die zwei auch in den Tshirts einer sehr bekannten deutschen Punk Rock Band rum und miemen den Sänger. Da frag ich mich allerdings, wo sie das her haben 🤔

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