Erleuchtung am Herd – wie ich merkte, dass ich Mama sein kann

Gestern stand ich in der Küche, rührte mit dem Löffel im Topf herum und lauschte den Stimmen, die aus dem Spielzimmer zu mir herübertanzten. Es waren drei. Die meines Mannes und zwei Zwillbo-Stimmchen, die ich aufgrund ihrer unendlichen Niedlichkeit eigentlich gerne konservieren würde. Kann ich aber nicht, denn erwachsene Männer mit Kleinkindstimmen haben es in der Welt sicherlich nicht leicht.

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Ich lauschte also den Stimmen der Menschen, die zu mir gehören, und da hatte ich auf einmal so einen Moment. Mein Gedankenfluss stockte, und es war, als ob ein Teil von mir plötzlich aus der Situation herauszoomte und alles von oben betrachtete. Eine Frau, eher Ende als Mitte 30, die bemüht ist, ihre Familie mit halbwegs gesundem UND bekömmlichen Essen zu versorgen. Nebenan zwei kleine Kinder und ein Ehemann.

Ich musste innerlich auflachen. Wann genau ist das eigentlich alles passiert? Ich weiß, zur Überprüfung der Fakten bräuchte ich nur mein Gehirn zu befragen. Trotz Müdigkeit spuckt es mir zumeist immer nahezu spontan wichtige Eckdaten wie die Geburtstage der Zwillinge und des Mannes aus, und auch unseren Hochzeitstag habe ich auf dem Schirm. Und im Ehering eingraviert.

Drei Menschen. Meine wichtigsten.

Doch konnte ich einen Moment lang kaum begreifen, wie sehr sich mein Leben in den letzten drei Jahren verändert hat. Sicherlich, es gibt Momente der Bewusstwerdung, in denen mir eher zum Heulen zumute ist. Wenn sich zwei Kinder vor meiner Nase mit Wimmelbüchern die Köpfe einschlagen und ich nicht unmittelbar einschreiten kann, weil ich in einer Mischung aus Möhrensaft und Marmelade am Küchentisch festklebe. Das sind dann eher Augenblicke, in denen ich mich innerlich hysterisch wimmernd auf dem Fußboden zusammenkauern und den Verlust meiner Jugend beheulen möchte.

Ich bin die Gleiche, aber auch nicht

Doch der Moment, der mich Kochlöffel schwingenderweise ereilte, war ganz anders. Er war von Staunen und Verwunderung geprägt. Für einige Augenblicke konnte ich all das erfassen, was mein Leben derzeit ausmacht. Die beiden kleinen Burschen, auf die es zu so großen Teilen ausgerichtet ist. Der Mann, der diese Familie mitträgt, ernährt und schützt. Mich selbst. Die Frau, die eigentlich noch die alte Juli ist. Die, die schon früher um ihr Leben schrieb, aber für niemanden sonst als sich selbst verantwortlich war. Das ist jetzt anders. Und an manchen Tagen raubt mir das fast den Verstand. Doch nicht an diesem.

Denn während ich dort stand, rührte und lauschte, war ich nicht nur in der Lage, unsere Familie wahrzunehmen, deren Mitgliederzahl sich eines heißen Sommertages vor zweieinhalb Jahren binnen weniger Minuten verdoppelt hat. Ich sah, wie es funktioniert. Ich sah, DASS es funktioniert. Zuweilen turbulent und chaotisch, manchmal mit Verzweiflung, Müdigkeit und Widerwillen. Doch spürte ich in diesem denkwürdigen Moment an der Herdplatte mit jeder Zelle meines Körpers, dass wir hier einen guten Job machen.

Familie macht nicht immer Spaß

Natürlich rumpelt und ruckelt es bei uns genauso wie bei anderen Familien auch. Es gibt Morgen, da möchte ich am liebsten im Bett liegen bleiben und das Schlafzimmer – wenn überhaupt – nur mit Tarnkappe verlassen, damit ich unsichtbar bleiben kann und keine Mutterrolle ausfüllen muss. Weil ich eine Frau bin, die mit der gesamten Palette an Befindlichkeiten ausgestattet ist, die für das Modell Homo sapiens von Werk her vorgesehen sind.

Aber mittlerweile weiß ich erstens, dass meine beiden Nachkommen keine Drückebergerei genehmigen, und zweitens, dass der Tag schon irgendwie laufen wird, wenn ich erstmal auf Betriebstemperatur bin und meine endgültige Reiseflughöhe erreicht habe. Also nehme ich meine Stimmungen dann nicht so ernst und schwinge die Beine aus dem Bett.

Doch in meinem Wahrheitsaugenblick sah ich voller Staunen, dass ich das hier kann. Ich kann dieses Mama- und Familiending. Alle sind ausreichend gut und sauber gekleidet, fühlen sich wohl, wachsen und gedeihen. Der Mann und ich sind in der Lage, den Laden hier zu schmeißen. Und zwar nicht nur so, dass keiner so richtig doll auf der Strecke bleibt und es irgendwie zum Überleben reicht. Sondern so, dass wir unterm Strich alle zumeist glücklich und zufrieden sind.

Ich war fasziniert davon, dass ich scheinbar ganz von allein zu dieser Frau geworden bin, die eine Säule dieser Familie ist. Naja, vielleicht nicht ganz von allein. Insbesondere, wenn wir selbst irgendwann Kinder haben, bemerken wir, was unsere Ahnen und Fürsorgepersonen in uns hineingelegt haben. Manches davon möchten wir nicht haben, und wir überarbeiten es. Für Einiges sind wir dankbar. Anderes ist vielleicht in unsere DNS einprogrammiert. Den Rest bringen uns unsere kleinen Lehrmeister ziemlich gut bei.

Wie unglaublich glücklich, erstaunlich und beruhigend dieser Augenblick für mich gewesen ist! Ganz bestimmt wird das Leben auch mir immer wieder mit Situationen aufwarten, für die ich mich am liebsten nicht zuständig erklären würde. Auf die ich dem Universum mit einer Abwesenheitsnotiz antworten und die Anfrage an einen Kollegen weiterleiten möchte. Sorry, keine Kapazitäten gerade. Aber wie ungemein beruhigend es doch ist, zuweilen mal die Augen zu öffnen, einen Schritt zurück zu treten, auf sein Leben zu blicken und sehen zu können, dass es funktioniert. Dass da irgendwas in mir liegt, das den Weg kennt.

Der Autopilot kennt den Weg 

Bitte erinnert mich daran, diesen Text geschrieben zu haben, wenn ich eines Tages mal wieder die Bedienungsanleitung für den Autopiloten verlegt habe und mich aufgrund elterlich bedingter Hirninsuffizienz nicht daran erinnere, dass ich auf ihn vertrauen kann!

All‘ zu oft sind wir von unserem Alltag so gefordert, dass wir kaum dazu kommen oder es versäumen, einmal den Kopf etwas höher zu recken, uns umzusehen und zu erkennen, wo wir gerade eigentlich stehen im Leben. Vermutlich gibt es keinen stärkeren und effizienteren Katalysator für Veränderung im Leben als Kinder. Da hinkt man mit der Realisierung der eigenen Situation zuweilen etwas hinterher – zumindest mir geht es oft so. Gut, wenn wir dann solche Momente erfahren dürfen, oder wir uns bestenfalls dann und wann mal die Zeit nehmen, innezuhalten.

10 Comments

  1. Liebe Juli! Ich hatte 6 Monate nach der Geburt der Zwillinge zum ersten Mal das Gefühl „Jetzt bist Du im Mamasein angekommen“. Das ganze Wickel-, Still-, Brei- und Schunkelding hatte ich nun auch im seltenen Schlaf drauf und sooo wirklich schrecken, konnte mich nun eigentlich nichts mehr. Aber es war natürlich nur eine Phase 😂 Unsere sind nun 3.5 Jahre alt und genau wie Du habe ich diese lichten Momente. Dieses WOW, ungläubig wie sich alles eingespielt hat, wie sich das Leben verändert hat und wie sehr man in die Aufgabe hineingewachsen ist. Und dieses WOW über dastägliche Familienerleben mit all den kleinen zauberhaften Momenten zwischen dem ganzen Trubel

  2. …Ups, aus Versehen schon abgeschickt 🙈 Nun weiter im Text… Daraus gewinne ich Dankbarkeit, Kraft und Zuversicht, die mir auch durch die nicht gaaanz sooo leichten Tage voller Lärm, Gezeter und Wäscheberge 😂 Danke für Deinen tollen Beitrag, der das sooo schön in Worte fasst ❤

    1. Liebe Alexandra, ganz lieben Dank für deine Worte! Ich empfinde es genauso. Und es ist einfach wie mit allem im Leben: Ohne schatten kein Licht…oder so ähnlich. Ich glaube, ich habe etwas länger gebraucht als sechs Monate, um anzukommen 😂.

      1. …es ist ja eigentlich immer so mit Kinder, dass, sobald du annähernd das Gefühl hast, dich im aktuellen Level zurecht zu finden, unmittelbar das nächste folgt! :-)

  3. Ich kenne solche Momente. Schon sehr oft verspürt. Nur kann ich sie nie in solche Worte hüllen. Wie immer ein sehr schöner Text in dem ich mich sowas von wieder finde. Familie ist was wir draus machen 💞

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