WAS IST WAS für Zwillingseltern: Ein Vater antwortet

Vor der Verlosung seines Buches* hatten Zwillingsvater und Autor Tillmann Schulze und ich einen Plan. Es sollte einen Podcast geben, in dem wir gemütlich und temporär kinderlos über sein Werk und den Alltag mit Zwillingen beziehungsweise drei Kindern plaudern. Doch wie das so ist, wenn Eltern Pläne machen, kommt bekanntlich etwas dazwischen. In diesem Fall böse Kindergarten-Killerviren, die mich danieder gestreckt haben. Deshalb beantworten wir eure Fragen jetzt in einem Zweiteiler: Tillmann macht den Anfang!

Wie hast Du als Zwillingspapa die Möglichkeit der Elternzeit genutzt, und würdest du es wieder so machen?
Elternzeit? Was ist denn das? Auch bis zu uns sind sagenumwobene Geschichten von dieser „Elternzeit“ durchgedrungen. Irgendwo da oben, in einem Land hoch im Norden soll es sie ja geben. Dort, wo man bei der Kinderbetreuung schon den Sprung vom Mittelalter in die Aufklärung geschafft hat. Ich aber wohne in der Schweiz. Dort herrscht diesbezüglich leider immer noch tiefstes Mittelalter. Die „Elternzeit“ sieht hier wie folgt aus: Mütter haben 14 Wochen gesetzlichen Mutterschutz zu 80 Prozent Lohn. Väter? Nix. Niente. Außer bei Google und ein paar anderen großen Arbeitgebern. Da gibt’s seit ein paar wenigen Jahren ein paar Wochen Vaterschaftsurlaub. Zumeist aber herrscht: gähnende Leere. Bei meiner Firma gibt’s genau einen Tag für eine Geburt. Einen Tag!!! So viel wie für einen Umzug. Wir sind damals mit den Zwillingen auch umgezogen. Vom Leben einer Durchschnittsfamilie auf einen turbulenten Ponyhof. Carina war nach den 14 Wochen noch fünf Monate unbezahlt zu Hause. Ich selbst hatte vor den Zwillingen 150 Überstunden angesammelt. Ende des Jahres waren es dann 250 Minusstunden, die in der Lohntüte fehlten. DAS war meine Elternzeit. Direkt nach der Geburt blieb ich drei Wochen zu Hause. Rückblickend wäre ich besser drei Monate geblieben. Denn eines ist klar, liebe Zwillingsväter: Es braucht uns an der Heimatfront. Und zwar sehr. Und am meisten direkt nach der Geburt!


Ist eine Fortsetzung des Buchs geplant?
Wäre nur der Spaß am Schreiben entscheidend: Ich würde Harry Potter mit seinen sieben Bänden gern schlagen und mindestens jährlich ein Buch texten. Aber, ganz ehrlich: So richtig, richtig spannend ist meiner Meinung nach vor allem das erste Jahr mit Zwillingen. Das Überleben im täglichen Chaos, garniert mit Schlafentzug, Reflux und Zahnschmerzen. Aber auch vielen, verstörend schönen Glücksmomenten. Im Vergleich dazu leben wir jetzt auf einem Streichelzoo. Alle haben sich irgendwie lieb, die Trotzphase ist in die hintersten Ecken des Stammhirns verbannt. Da wäre mein Buch jetzt so spannend wie ein Roman von Rosamunde Pilcher. Obwohl, wie sagte es ein Freund während des ersten Jahres so aufmunternd: „Tillmann, freu Dich auf die Zeit in rund 12 Jahren. Dann bis du in der Midlife-Crises, deine Frau in den Wechseljahren und du hast drei pubertierende Mädels zu Hause.“ Tja, so gesehen, ist da durchaus wieder interessanter Stoff am Horizont. Und den Titel hat er damals auch schon vorgeschlagen: „Ponyhof für Profis“. Na dann, harren wir mal der Dinge, die da kommen…

Die „AJs“ und die Erstgeborene.


Zwillingseltern können ja alle täglich Zwinglingsbullshitbingo spielen. Welcher Kommentar oder welche Frage nervt dich am meisten und was 
war der blödeste/seltsamste Spruch, den du zu hören bekommen hast?
Hm, im „Ponyhof“ gibt’s einige dumme Sprüche zu lesen. Aber, ganz ehrlich: mit der Zeit sind die verblasst. Schall und Rauch, von Idioten erzählt und nichts bedeutend. Als ein Studienfreund mal den Arm gebrochen hatte und er genervt war von den ganzen Fragen, was passiert sei, druckte er sich kleine Zettel mit den „Kenndaten“ des Unfalls: Zeit, Art der Fraktur, Dauer bis zur Genesung. Vielleicht würde ich das heute in Bezug auf die Twins ähnlich machen: Geburtsdatum, Geschlecht, ein- oder zweieiig, ob sie schon durchschlafen – inklusive meiner Kontonummer, wo die Fragenden dann für den Verein „Von dummen Fragen genervte Zwillingseltern“ spenden könnten…


Ab wann spielen Zwillinge morgens miteinander, ohne dass das Zimmer danach einem Schlachtfeld gleicht?
Also, ich interpretiere die Frage mal so, dass ihr wissen möchtet, ab wann sie OHNE ELTERLICHE BESPASSUNG morgens allein einigermaßen friedlich miteinander spielen. Sprich ohne angemalte Tapete, Platzwunden oder übergelaufene Waschbecken. Nun, das war bei uns schon recht früh so. Aber wir sind nicht unbedingt repräsentativ. Denn wir haben einen perfekten morgendlichen Babysitter: unsere große Tochter. Sie nimmt ihren Betreuungsauftrag ernster als jeder Unteroffizier für neue Rekruten bei der Bundeswehr. Sprich: Wir können an den Wochenenden morgens zunehmend die Schlafzimmertür schließen und uns noch mal umdrehen. Und wenn wir richtig Glück haben, ist es nach 9 Uhr, wenn wir aufstehen, und der Frühstückstisch ist schon gedeckt… :-)


Wie waren die ersten Nächte?
Die waren super – zumindest für mich. Carina war mit den beiden noch im Krankenhaus und ich konnte somit entspannt durchschlafen… ;-) Als die Bande dann zu Hause war, waren die ersten Nächte doch ziemlich aufregend. So viel Endorphine im Blut! Krass, da merkten wir anfangs gar kein Schlafdefizit. Den Rest lest ihr am besten im „Ponyhof“ nach. Da dreht sich ganz schön viel um Schlafentzug – vor allem auch um den des Vaters! Aber, hey, was soll’s?! Das alles hat sich gelohnt. Mittlerweile schlafen alle Mädels super – und zwar in ihren eigenen Betten! Und wir fühlen uns schon gerädert, wenn wir nachts zweimal Bettdecken drehen oder Hexen verjagen müssen…


Was würdest du einem Vater sagen, der fragt, „Warum müssen wir ausgerechnet zwei bekommen?“
Warum zwei? Das haben wir uns auch gaaaaaanz lange gefragt. Warum gerade wir? Hat rund ein halbes Jahr gedauert, bis wir diese „falsche Bestellung ohne Rückgabegarantie“ akzeptiert hatten. Heute antworte ich auf die Frage „Warum zwei“ ganz einfach: „Weil nur eines ganz schön langweilig wäre!“.

Zwillingsmädchen können das Leben eines Mannes schon mal in einen Ponyhof umwandeln.


Was sollte man ganz dringend noch tun, bevor der Wahnsinn über einen hereinstürzt?
Eine Nacht durchtanzen. Alle alten Tatorte schauen. Lotto spielen. Einen handschriftlichen Brief schreiben. Am Lagerfeuer kochen. Eine Sandburg bauen. Eine Blumenkette basteln. Eine Bierdose shooten. Und genauso ernsthaft gemeint: Freunde treffen, Familie treffen, Zeit zu zweit haben. Ach ja, und vor allem: schlafen, vorschlafen! Geht zwar nicht, aber egal. Schlaft, Leute, schlaft!!!


Welche Tipps hast du für den ersten Urlaub zu viert, damit alle Beteiligten etwas entspannen können – auch wenn die Zwillinge mobil werden?
Die Antwort ist ganz einfach: Bleibt zu Hause! Da haben alle am meisten von. Den Kids ist es egal, ob ihr in Marburg oder Mauritius, in Dortmund oder in der Dominikanischen Republik Zeit mit ihnen verbringt. Die wollen einfach Eltern, die anwesend – und dabei möglichst entspannt sind. Verreisen bedeutet aber immer Stress. Für alle Beteiligten. Wir sind das erste Mal richtig verreist, da standen die Ladys kurz vor ihrem zweiten Geburtstag. Nach Mallorca. Fanden wir ‘ne gute Idee. War aber – sorry – ‘ne Scheiß-Idee. Am Ende gab es vor allem katastrophale Nächte, einen vollgekotzten Mietwagen und Eltern, die während der gesamten Flüge unter Dauerstrom standen, damit es kein stereophones Gebrüll gibt. Daraus haben wir gelernt. Auch heute noch haben wir als Familie eigentlich am meisten Erholung, wenn wir in den heimischen vier Wänden bleiben.


Verfolgt ihr eine bestimmte Erziehungsrichtung bzw. habt ihr euch Ziele gesetzt, wie ihr erziehen möchtet? Und wenn ja, habt ihr das Gefühl, dass diese Ziele bei Zwillingen schwieriger umsetzbar sind als bei Einlingen? Zumindest Tillmann hat ja den direkten Vergleich…
Nun, wenn es einen roten Faden gibt, den wir durch unsere Erziehung versuchen zu ziehen, dann folgenden: Wir haben Zwillinge bekommen. Eineiige Zwillinge. Aber wir haben ZWEI Kinder bekommen. Zwei Individuen. Zwei Menschlein, die das Recht haben, sich eigenständig zu entwickeln. Das war und ist nicht immer einfach. Aber das fördern wir wann immer wir können. Bedeutet: Wir sprechen nicht von „den Zwillingen“. Wir sprechen von „Annika“ und „Janina“. Gleich angezogen wird man unsere Girls nie sehen. Sie werden schon so genug verwechselt – selbst von ihren Eltern. Und das hat sie schon als Dreijährige extrem genervt. Darum gehen sie jetzt auch in zwei unterschiedliche Kindergartengruppen. Und wenn sie in der Schule sind, werden wir ihre Kindergeburtstage an ihren Namenstagen feiern. Damit beide jeweils allein im Mittelpunkt stehen können. In der Krippengruppe der beiden gab es früher andere eineiige Zwillinge. Da war alles exakt identisch – bis auf die Farbe der Socken. Die Eltern fanden es vielleicht süß. Aber gelitten haben alle: die Erzieherinnen, die anderen Kindern – und vor allem die beiden Jungs, die ständig verwechselt wurden. Wir werden es nicht immer hinbekommen. Aber wir geben unser Bestes, damit die beiden wann immer möglich „ihr eigenes Ding“ machen können.

Habt ihr noch mehr Fragen an Tillmann? Dann schreibt mir für die nächste WAS IST WAS-Ausgabe!

Über Tillmann Schulze

Tillmann Schulze ist (Zwillings-)Vater und Buchautor. Unter anderem. Sein „Ponyhof für Fortgeschrittene“*erschien 2014 – in zweiter Auflage gespickt mit Infos aus den Jahren 2 und 3. Auf dem Doppelkinder-Blog schreibt er jetzt regelmäßig als Gastautor über die Irrungen, Wirrungen und das Schöne, was das Leben mit seiner Frau und seinen drei Töchtern so mit sich bringt. Alles begann 1977 an einem Waldrand im Rheinland. Geprägt haben Tillmann zwei große Schwestern, Wetten Dass, Weißer Riese und Schwimmbadwasser. Es gab damals zwei Deutschlands, aber nur einen Kanzler. Später folgten fünf Jahre Westfalen sowie diverse Rufe von Kälte, Eis und Abenteuer, denen er wochen- und monatelang folgte. Bereits seit zwölf Jahren lebt er nun in der Schweiz. Erst zu zweit, dann zu dritt und jetzt zu fünft. Er sei ja eigentlich auch Schweizer, sagt Tillmann, nur das mit dem „Schwiizerdütsch“, das werde nie funktionieren. Aber das macht nichts, die Sprache der Zwillingseltern spricht er fließend. Seine „Zwillbos“ sind übrigens die AJs…
Tillmanns Seite: www.zwillingsvater.ch
Mehr erfahren? Tillmann leitet Info-Abende für werdende Zwillingseltern des Zwillingsvereins vom Kanton Zürich: www.zwillingsfamily.ch

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