Der mit den Fischen schwimmt – Schwimmbad-Besuch mit Zwillingen

Schwimmbäder sind wie Spielplätze. Ein Spiegel der Gesellschaft. Ein Spiegel der heutigen Betreuungssituation in Familien mit kleinen Kindern. Montag bis Mittwoch in einem Schweizer Hallenbad: Väter mit Kindern? Fehlanzeige! Donnerstags gibt es hier und da ein solch seltenes Exemplar. Freitag steigt der Anteil. Dann aber, samstags und sonntags, dann dominieren die Badeshorts der Wochenend-Schwimmbad-Papis. Die einen voll bei der Sache, die anderen ziemlich spaßbefreit, passiv, und in Gedanken in der Mailbox oder beim Strategieseminar.

Der Mann an der Rutsche

Ja, ich bin auch so ein Wochenend-Schwimmbad-Papi. Und ich bin ein Junkie. Wasser geht immer! Ich genieße diese Stunden mit den Kids. Warum? Wegen Momenten wie diesem: Hintergrundgeräusche. Plätscherndes Wasser. Wäre ich in der Natur, es könnte idyllisch sein. Bin ich aber nicht. Ich bin ja im chlorgeschwängerten Hallenbad und stehe am Auslaufbecken einer Rutsche.

Ein Mann, der die Elemente erstarren lässt. Und die Zwillinge.

Da – Kreischen und Quieken schwellen an. Noch wenige Sekunden, dann taucht ein Zwillings-Zweierbob auf und lässt eine hohe Wasserfontäne aufsteigen. Husten, Prusten – aber vor allem: freudiges Lachen. Und ein Strahlen in den Gesichtern, gegen das der dauergrinsende Kim Jong Un wie Tim Thaler wirkt. Die beiden Rutsch-Tierchen würdigen mich aber nicht groß. Nur Sekunden später sind sie aus dem Becken raus und düsen wieder zum Rutschenaufgang – halb wankend, immer kurz vor einer kapitalen Rutsch-Bruchlandung auf den Fliessen. Wäre ja nicht das erste Mal… Aber das Programm für die nächste halbe Stunde steht!

Das Schwimmen-Gen

Genau so hatte ich mir das vorgestellt. Damals, bevor wir Kinder hatten: Wann immer möglich mit dem Nachwuchs ins Schwimmbad gehen, bzw. «in die Badi», wie wir hier sagen. Und dann Gas geben, so richtig Gas geben. Nicht nur die Kids, der Vater natürlich auch! Ich selbst bin seit ich denken kann mit dem Wasser-Virus infiziert. Keine Ahnung wie viele Liter See-, Meer- und Chlorwasser ich schon geschluckt habe, wie viele Teenager-Nachmittage ich posend von Türmen jeglicher Höhe sprang, wie viele Sonnenbrände ich mir einfing. Es ist somit für mich logisch: Meine Kinder haben auch diese Gene!

Kommt aber anders. Immer. Die Große braucht Jahre, bis sie sich mit dem Wasser anfreundete. Beim heimischen Haarewaschen haben wir noch bis zum vierten Geburtstag die stetige Sorge, die Nachbarn könnten die Kinderschutzbehörde rufen. Kopf unter Waser beim Schwimmbadbesuch? Guantanamo lässt grüssen! Zum Glück war ihr Badeanzug nicht orange!

Wasserscheu? Mitnichten!

Mit den AJs ist es anders: Wasser ist von Beginn an cool. Aber irgendwie auch zu cool. Zumindest kennen sie bis heute keine Zurückhaltung im Umgang mit dem nassen Element. Und das führt dazu, dass Badi-Besuche während der ersten drei Jahre mit den Kids immer verdammt ungesund für den Blutdruck sind und leicht zu Schnappatmung führen.

Stellvertretend für viele Schwimmbad-Episoden: Familienkabine besetzt? Mit drei Kids in eine normale Kabine geht nicht. Also umziehen in zwei Kabinen. Folge: Geheule, da der Papi bei 50 Prozent der AJs nicht anwesend ist. Umziehen auf dem Gang? Zack, rennen sie weg oder man lädt sich den Hass der anderen Badegäste auf sich, da der Gang voller Klamotten ist. Und wie erkläre ich es zwei Dreijährigen, dass man nicht auf dem Boden liegend in andere Kabinen linst – wo das doch soooo spannend ist…

Dann direkt vor dem Schwimmen: «Müsst ihr Pippi?» «Nein.» Kaum ist man im Becken sagt AJ #1: «Papi, ich muss Pippi.» War ja klar! AJ #2 muss natürlich mitkommen, das sonst Untergehen vorprogrammiert ist. Folge: AJ #2 heult, denn sie will im Wasser bleiben. Und Pippi machen mit angezogenem Badeanzug? Geht nicht. Aus damit! Aber da sind ja noch die Schwimmflügel. Also erst die ausziehen – und das dauert, da erst die Luft raus muss. Auf dem Klo sitzend wird’s in urinstein-heimeliger Umgebung oft philosophisch: «Papi, warum muss ich mit auf das Männer-WC, wo ich doch ein Meitli bin?» «Papi, haben alle Männer ein Schnäbeli?» Bis die kleine Dame dann wieder ausphilosophiert und angezogen ist, heißt es längst aus zwei Mündern: «Papi, mir ist kalt.»

Im Wasser dann bin ich Kletterfelsen, Kaimauer und Schlepper von drei Kids in einem. Und die strampeln und spritzen als gäbe es kein Morgen. Blöd nur mit Kontaktlinsen. Ich bin also regelmässig halbblind, darf aber die Kids nicht loslassen und aus den Augen verlieren… Das stresst selbst einen Wasser-Junkie! Zweimal machen wir den Fehler, AJ#1 noch in Beckennähe die Schwimmflügel auszuziehen, während wir AJ#2 abtrocknen. Folge: Zweimal rennt AJ#1 unbeobachtet ins Wasser und… geht unter. Gesicht nach unten, Totmannstellung. Sekunden werden zu Stunden. Wir reagieren immer noch rechtzeitig. Resultat: Husten, prusten, heulen – letzeres stressbedingt in Ansätzen auch bei den Eltern. Lerneffekt beim Nachwuchs? Fehlanzeige!

Man lernt dazu

Aber, ach ja, all das war einmal. Zumindest wir, die Eltern, haben mittlerweile ein paar Sachen gelernt: Badeanzüge sind Vergangenheit. Zweiteiler erleichtern die WC-Logistik um Welten. Schwimmflügel sind Vergangenheit. Schwimmwesten sind nicht nur schneller an- und ausgezogen, sondern ermöglichen auch ein leichteres Erlernen von Schwimmbewegungen. Wasser in den Augen ist Vergangenheit. Vattern hat jetzt immer eine Schwimmbrille um den Hals, und kann damit auch beim wildesten Spritzen, Tauchen oder Rutschen den Überblick behalten.

Zwei Wasserratten an Land: die AJs.

Heute, im Jahr fünf mit den AJs machen Badi-Besuche mit den Kids ganz einfach nur noch Spass. Springen, rutschen, tauchen mal Faktor drei – und das bei den AJs immer mit dem Akku der Duracell-Hasen. Vollgas von der ersten bis zur letzten Minute. Und ich immer mitten drin. Obwohl es mich immer weniger braucht. Denn die beiden haben ja sich – und die große Schwester. Längst ist mein Puls noch tief unten in der Komfortzone, wenn ich die beiden Wasserflöhe nicht mehr auf Anhieb sehe.

Ich, der «Wochenend-Schwimmbad-Papi», bin nun bereit für die nächsten Wasser-Kapitel. Wie die wohl heißen werden? «Apneu-Tauchen»? «Kanal-Schwimmen»? Oder «Kinder-Turmspringen mit Stefan Raab»?. Was auch immer kommt: Liebe AJs, lasst uns in neue, nasse Abenteuer eintauchen! Ich bin ein Wasser-Junkie und bleibe einer.

So, fertig. Jetzt ziehe ich mir noch ’ne Nase Chlorwasser rein…

 

 

Über Tillmann Schulze

Tillmann Schulze ist (Zwillings-)Vater und Buchautor. Unter anderem. Sein „Ponyhof für Fortgeschrittene“*erschien 2014 – in zweiter Auflage gespickt mit Infos aus den Jahren 2 und 3. Auf dem Doppelkinder-Blog schreibt er jetzt regelmäßig als Gastautor über die Irrungen, Wirrungen und das Schöne, was das Leben mit seiner Frau und seinen drei Töchtern so mit sich bringt. Alles begann 1977 an einem Waldrand im Rheinland. Geprägt haben Tillmann zwei große Schwestern, Wetten Dass, Weißer Riese und Schwimmbadwasser. Es gab damals zwei Deutschlands, aber nur einen Kanzler. Später folgten fünf Jahre Westfalen sowie diverse Rufe von Kälte, Eis und Abenteuer, denen er wochen- und monatelang folgte. Bereits seit zwölf Jahren lebt er nun in der Schweiz. Erst zu zweit, dann zu dritt und jetzt zu fünft. Er sei ja eigentlich auch Schweizer, sagt Tillmann, nur das mit dem „Schwiizerdütsch“, das werde nie funktionieren. Aber das macht nichts, die Sprache der Zwillingseltern spricht er fließend. Seine „Zwillbos“ sind übrigens die AJs…
Tillmanns Seite: www.zwillingsvater.ch
Mehr erfahren? Tillmann leitet Info-Abende für werdende Zwillingseltern des Zwillingsvereins vom Kanton Zürich: www.zwillingsfamily.ch

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