Interview: Gewünschtestes Wunschkind – im Tiefflug durch die Trotzphase

Ihr Buch habe ich bereits im vergangenen Jahr gelesen. Es hat mir – und somit auch meinen Kindern – eine gehörige Portion Seelenfrieden geschenkt. Durch Danielle Graf und Katja Seide, die Autorinnen des Blogs “Das gewünschteste Wunschkind” habe ich viel darüber gelernt, wie Kleinkinder ticken und wie ich damit umgehen kann. Ihr Ratgeber “Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn” ist ein Bestseller. Zurecht. Ich kann es gar nicht oft genug empfehlen und verschenken, denn der beziehungsorientierte Ansatz der Beiden ist nicht nur wertschätzend und einfühlsam. Er wirkt. Auch bei Zwillingen. Schließlich ist Katja selbst Zwillingsmutter. Ich durfte die beiden Mamas von insgesamt fünf Kindern mit ein paar Fragen über die aktuelle Sturm- und Drangzeit im Hause Doppelkinder löchern.



Zwei Kinder im vollem Sturm der ersten Autonomiephase –  sind Zwillingsmütter hier anders herausgefordert als Mütter, deren Kinder unterschiedlich alt sind? 
Grundsätzlich ist die Autonomiephase von Kind zu Kind ganz unterschiedlich anstrengend. Während manche Kinder relativ wenig „trotzen“, kann das bei anderen Kindern doch sehr stark ausgeprägt sein. Wenn man Glück hat, hat man Zwillinge vom ersten Typ. Aber wenn beide Kinder auch nur relativ durchschnittlich diese Phase durchleben, dann kann das schon sehr, sehr fordernd für die Eltern werden. Bei unterschiedlich alten Kindern ist es oft so, dass das andere Kind bzw. die anderen Kinder entweder noch nicht in der Autonomiephase sind oder schon längst wieder heraus. Bei Zwillingen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass beide Kinder tobend auf dem Gehweg liegen.

Friedlich? Nicht immer.

Zwillingsmamas beklagen oft das Problem, dass die Kinder naturgemäß immer auf dem gleichen Entwicklungsstand sind, also keines verständiger als das andere ist. Das Gleiche gilt natürlich für Einlingsmamas bei Treffen in Spielgruppen und ähnlichem. Wie geht man am besten mit kleinen Streithähnen um, die untereinander handgreiflich werden? So lange Kinder noch nicht begreifen, was sie mit ihren Handlungen bei anderen auslösen, müssen wir Erwachsenen sie proaktiv begleiten. Wichtig ist zu verstehen, dass z. B. Beißen bei Kindern, die noch nicht ausreichend gut sprechen können, oft ein Kommunikationsversuch ist. Man muss nicht bei jedem Konflikt eingreifen, oft lösen Kinder diese erstaunlich selbständig. Wenn man jedoch erkennt, dass Handgreiflichkeiten drohen, sollte man umgehend handeln. Sieht man etwa, dass das eine Kind dem anderen ein Spielzeug wegnehmen will, dann geht man auf Augenhöhe, sieht das Kind an und sagt: „Ich glaube, du möchtest damit spielen. Schau, so macht man das freundlich!“ Dann kann man sich an das andere Kind wenden und (im Namen des anderen Kindes) sagen: „Darf ich mit dir spielen? Das Spielzeug sieht spannend aus!“ So zeigen wir einen gewaltfreien Weg für die Kontaktaufnahme. Man sollte Kindern auch beizubringen, laut „STOP!“ zu rufen, wenn etwas geschieht, womit sie nicht einverstanden sind (und natürlich auch, auf dieses deutliche Signal von anderen zu hören). Wichtig ist es auch, Methoden für gewaltfreien Frustabbau zu etablieren. So kann die Wut auf ein Kissen oder einen Boxsack umgeleitet werden.

Jetzt einmal die Zwillingsthematik beiseite: Stülpen wir Kleinkindern zu oft Erwartungen über, die  ihrem Alter nicht angemessen sind? Wie können wir da gegensteuern? Das ist tatsächlich oft der Fall. Allein von einem Zweijährigen zu erwarten, dass er sich entschuldigt oder von einem Dreijährigen zu verlangen, dass er von sich aus “Bitte“ und „Danke“ sagt, ist einfach viel zu viel erwartet. Man kann das Kindern tatsächlich „beibringen“, indem man es immer wieder einfordert. Aber das tatsächliche Konstrukt hinter den gesellschaftlichen Regeln können Kinder dieses Alters noch gar nicht verstehen. Erst wenn sie über die Fähigkeit der Perspektivübernahme verfügen, können sie von sich aus motiviert angemessen handeln. Auch in Bezug auf moralische Themen erwarten wir oft zu viel. So ist es beispielsweise für eine Siebenjährige vollkommen normal, wenn sie gelegentlich lügt, dass sich die Balken biegen oder auch mal der Freundin eine Spange stiehlt.

Uns ist es daher ein großes Anliegen, aufzuzeigen, welche Entwicklungsschritte ein Kind in welchem Alter durchläuft und wofür sie Voraussetzung sind. Wenn man versteht, dass ein Kind zu bestimmten Dingen entwicklungsbedingt noch gar nicht in der Lage ist, beeinflusst das unsere innere Haltung ganz maßgeblich.

Doppelt genervte Mama.

Wie kann ich authentisch äußern, dass ich als Mama genervt bin, ohne mein Kind zu entwerten oder zu beschämen? Es ist vollkommen in Ordnung, auch mal mit den Nerven am Ende zu sein und das auch zu sagen, aber es kommt dabei auf das Wie an. Ganz wichtig dabei sind Ich-Botschaften. Ein „Ich bin heute wirklich genervt, weil ich heute alles anstrengend finde!“ hat eine ganz andere Wirkung auf unser Kind, als „Du nervst heute wirklich, weil du mich so anstrengst!“ Bei beiden Äußerungen wird klar, dass die Mutter keinen guten Tag hat, bei der zweiten wird jedoch das Kind herabgewürdigt und angeklagt. Will man ein bestimmtes Verhalten kritisieren, sollte man das ohne Verallgemeinerung tun. „Immer bist du so schlampig! Überall lässt du Zeug rum liegen!“ hat eine andere Botschaft als: „Ich ärgere mich, dass es hier so unordentlich ist! Ich würde mir wünschen, dass du dieses Spielzeug weg räumst“. Das ist ein Beispiel für gewaltfreie Kommunikation – ein Thema, mit dem man sich unbedingt beschäftigen sollte, weil wir so viel wertschätzender mit unseren Kindern (und auch anderen Menschen) sprechen können.

Ein oft erlebte und beobachtete Situation: Mütter kündigen seit einer halben Stunde an, gleich den Spielplatz verlassen oder den Besuch bei Freunden beenden zu wollen. Der Nachwuchs bleibt davon unbeeindruckt. Auch mir ist schon einmal ein entnervtes „Dann gehe ich jetzt alleine!“ rausgerutscht – gut hat es sich nicht angefühlt. Wie können Mütter konstruktiver mit solchen Situationen umgehen? Das „Dann gehe ich alleine!“ funktioniert deswegen so gut, weil es bei unseren Kindern Urängste berührt. Viele spüren das ganz instinktiv, für viele ist es aber auch einfach schon zur Gewohnheit geworden, eben weil man es immer wieder hört und die Kinder dann tatsächlich tun, was wir wollen. Wir müssen in solchen Situationen immer wieder daran denken, dass es für Kinder eine große Leistung ist, ihre Bedürfnisse den unseren unterzuordnen. Ein Vierjähriger, der partout nicht den Spielplatz verlassen will, handelt vollkommen altersgerecht, daher sollten wir uns nicht darüber ärgern. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Kooperationsbereitschaft von Kindern maßgeblich davon abhängt, wie wertgeschätzt sie sich fühlen und wie kooperativ wir ihnen gegenüber sind. Auch sehr kleine Kinder können schon sehr gut Kompromisse aushandeln – in solchen Situationen kann man das ruhig mal ausprobieren. Es ist erstaunlich, wie zuverlässig sich Kinder an Absprachen halten, die sie mitgestalten durften.

Wann werden Kinder denn nun wirklich zu Tyrannen, und wie wichtig sind die berühmten Grenzen? Es gibt viele Faktoren, die dazu führen können, dass Kinder tatsächlich zu Tyrannen werden. Wenn sie nicht erleben, wie Erwachsene um sie herum echte, authentische Gefühle zeigen, lernt ein Kind nicht den Zustand seines Gegenübers einzuordnen. Wenn wir ihnen nicht zeigen, wie man mitfühlend auf traurige Menschen reagiert, lernen sie das nur schwer. Problematisch ist es auch, wenn man versucht, Kindern jede Enttäuschung zu ersparen. Nur wenn sie regelmäßig kleinere Rückschläge aushalten müssen, kann sich Resilienz entwickeln. Das Durchleben und Aushalten von Frustration stärkt das Gehirn, damit auch in späteren Jahren umgehen zu können.

Ebenso problematisch ist es, wenn ständig Ersatzbefriedigungen statt Trost angeboten werden. Wenn etwa ein Spielzeug kaputtgegangen ist, weil das Kind es auf den Boden geworfen hat, ist es nicht hilfreich, ihm stattdessen ein neues zu kaufen, weil man die Trauer nicht aushalten möchte. Den Schmerz zu erleben, ist für die Entwicklung des Gehirns viel wichtiger. Manchmal wird bedürfnisorientiere Erziehung auch insofern falsch verstanden, dass davon ausgegangen wird, dass Bedürfnisse von Kindern vorbehaltlos erfüllt werden sollten. Dabei werden jedoch häufig Wünsche mit Bedürfnissen verwechselt. Bedürfnisorientiert heißt: Die Bedürfnisse aller Beteiligten werden abgewogen – und dabei sind die der Eltern genauso wichtig. Erlebt ein Kind, dass alles, was es will, umgehend erfüllt wird, kann es sich tatsächlich zu einem Tyrannen ohne Einfühlungsvermögen entwickeln.

Wie ebnen wir heute unseren Kleinkindern am besten den Weg, damit sie (über-)morgen selbstsichere Jugendliche mit gutem Selbstwertgefühl werden? Es gibt unglaublich viele Bausteine, die das Selbstwertgefühl von Kindern stärken. Im Laufe der Jahre können wir damit ein stabiles Selbstbild und ein gutes Selbstbewusstsein erbauen. So ist es im Babyalter von elementarer Bedeutung, auf alle Signale des Säuglings umgehend zu reagieren. So entsteht das Bewusstsein: „Ich bin wichtig! Man kümmert sich um mich!“ Wird das Kind hingegen schreien gelassen, wird es resignieren, weil es erfährt, dass seine Bedürfnisse nicht ausreichend wahrgenommen werden. Hier wird ein wichtiges Fundament für das weitere Leben gelegt.

Tief durchatmen und machen lassen.

In der Autonomiephase ist es wichtig, mit den Wutanfällen einfühlsam umzugehen. In dieser Phase ist das Gehirn einfach noch nicht genügend ausgereift – Strafen, Drohungen und Konsequenzen wirken sich hier nachhaltig auf das Selbstbild aus. Auch Einschränkungen beim Selbständigwerden („Ich schmiere dir mal lieber dein Brot, dafür bist du noch zu klein“) können dazu führen, dass sich das Kind wenig selbstwirksam erlebt. Ein hohes Maß an Selbstbestimmung und verlässlich Mitgefühl zu zeigen und zu trösten stärken das Selbstwertgefühl ebenfalls.

Habt ihr den Eindruck, dass Eltern aufgeschlossener werden für beziehungsorientierte Erziehung und dass ein Umdenken bezüglich Grenzen und ähnlichem stattfindet? Das ist wirklich sehr schwer zu beantworten. Wir sind online in einer gewissen Filterbubble unterwegs – das heißt, dass wir uns vor allem mit Menschen austauschen, die bezüglich von Erziehung ähnliche Ansichten haben, wie wir. Würde ich von meiner Facebook-Timeline auf die Allgemeinheit schließen, würde ich sagen, dass sich bedüfnis- und beziehungsorientierte Erziehung mittlerweile durchgesetzt haben muss. Schaue ich mich jedoch offline in meinem Umfeld um, dann sehe ich leider fast ausschließlich „klassische“ Erziehungsmaßnahmen. Da hat man manchmal wirklich das Gefühl ein ausgefallener Eigenbrödler zu sein.

Wenn wir jedoch Reaktionen auf unseren Blog und unsere Bücher erleben, dann stimmt uns das hoffnungsfroh. Ganz oft heißt es: „Ihr habt meinen Blick auch meine Kinder maßgeblich geändert.“ Ganz oft heißt es auch, dass das Zusammenleben wirklich entspannter geworden ist. Daher sind wir guter Hoffnung, dass wir einen Teil dazu beitragen können, dass Kinder zunehmend liebevoller und wertgeschätzter aufwachsen.

 

Vielen, vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für das Interview genommen habt!

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