Alltagsheldin Mama

The Working Mom – ein unendliches Drama

Ich bin 38 Jahre alt. Bald. Ich bin Mama von zwei Kindern. Seit zweieinhalb Jahren und einem Bisschen. Ich hab zwei Master-Abschlüsse und zwei Berufsausbildungen. Einen Blog und ein Business. Ein Businesschen. Und ich bin so müde.

Nein. Das ist weder Angeberei noch ein Klagelied auf vermeintliche Lasten, die ich mir im Laufe meines Erwachsenenlebens selbst aufgeladen habe. Denn das alles sind Steine, aus denen ich das Mauerwerk meines Seins gebaut habe. Mit diesem Sein bin ich im Großen und Ganzen mehr als glücklich. Doch jetzt sitze ich hier in meinem Mauerwerk und blicke in eine Welt, die ich nicht verstehe. Weil sie ein Ort ist, der Müttern keinen Platz anbietet. Bestenfalls in einem zugigen Wartezimmer mit schäbigem PVC-Belag auf einem wackeligen Klappstuhl.

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Tausende Frauen in Deutschland haben wie ich einiges an Zeit und Geld in ihre Ausbildung gesteckt. Sie haben mit unbezahlten Praktika oder mickerig dotierten Trainee-Stellen Berufserfahrung gesammelt. Sie haben sich angestrengt. Sie haben Ausbildungen gemacht. Sie haben gezeigt, was sie können und noch ein bisschen mehr. Sie haben die Zähne zusammengebissen und weitergemacht, immer weiter, bis sie vielleicht eines Tages die Stelle hatten, für die sie so lange gekämpft haben. Und dann?

Hand an der Tastatur
Wieder in die Tasten hauen.

Jetzt möchte ich Mama sein

Und dann das Herz, das leise anklopft und flüstert: „Jetzt möchte ich aber gerne irgendwie auch Mama sein. Geht das?“ „Klar“, antwortet das Leben, „das geht schon, aber du musst natürlich einen Preis dafür bezahlen.“ „Kein Problem“, antwortet das Herz, „ich verdiene ja jetzt ganz gut.“ Das Leben lächelt nachsichtig, schüttelt den Kopf und sagt: „So einfach ist das leider nicht, Kleines…“ „Aber ich bin bereit, einiges dafür zu tun! Ich wünsche es mir doch so sehr und möchte mir ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen!“ „Nun gut“, lenkt da das Leben ein, „das macht dann einen Karriereknick, zwei Hände voller Unsicherheit und du verpflichtest dich, dich danach mit deutlich weniger zufrieden zu geben als bisher oder dich nochmal so richtig ins Zeug zu legen, um beruflich wieder einzusteigen und dich neu zu beweisen.“

Natürlich muss das Herz da erstmal schlucken. Tief in seinem Inneren hatte es sowas in den vergangenen Jahren schon geahnt. Doch weil es so gerne für mehr Menschen als sich selbst und den Partner schlagen möchte, willigt es ein. Das Gehirn ist ohnehin überstimmt.

Das Straucheln beginnt

Tja. Dann kannst du als Herz-, Hirn- und Berufsausbildungsinhaberin Glück haben. Zumindest halbes Glück. Dann hast du vielleicht einen entfristeten Job und weißt, wohin du nach deiner Elternzeit zurückkehren kannst. Doch dann fängt auch hier das Straucheln an: Wie viel Vollzeit-Mamatum kannst du dir leisten, um beruflich am Ball zu bleiben? Wie viele Arbeitsstunden kannst du wöchentlich schaffen, ohne Haus, Hof und Verstand zu verlieren? Was lässt du dir einfallen, wenn am Ende der Kindkrank-Tage noch so viel Erkältungszeit übrig ist?

Kurzum: Dein Job ist vielleicht noch der alte, aber du nicht mehr. Das Leben will nun viel mehr von dir, doch das kommt nicht bei allen Arbeitgebern und Kollegen gut an. Okay, du hast dich fortgepflanzt, hast einen Beitrag zur Rentensicherung geleistet und dem demografischen Wandel frisches Leben entgegengesetzt. Aber als Mutter mit all‘ deinen Zipperlein und deiner geteilten Aufmerksamkeit bist du in vielen Unternehmen leider ein ziemlich unbequemes Arbeitstier. Sich im Job wohlfühlen geht anders.

Pendeln als Mama?

Möglicherweise ist es bei dir aber auch so wie bei mir. Den Zwillbos war es egal, ob mein Arbeitsvertrag befristet war, sie machten sich auf den Weg. Ok. So ganz ohne mein Zutun und das des Mannes nicht. Aber es kann ja keiner ahnen, dass es so schnell gehen kann! Ich muss sagen, dass ich bei einem ziemlich familienfreundlichen Verlag beschäftigt war. Doch werden, wie wir alle wissen, in der Zeitungsbranche die Stellen eher weniger als mehr, so dass mein Vertrag, der in der Elternzeit endete, nicht erneuert wurde. Ich hatte damit gerechnet. Und es war in Ordnung, da ich als Mama ohnehin nicht mehr 150 Kilometer Fahrt am Tag auf mich nehmen wollte. Den Gedanken an das Danach verdrängte ich erstmal, das geht erfahrungsgemäß mit zwei Säuglingen und Stilldemenz ganz gut.

Mama Futter Zwillinge in Hochstühlen
Vollzeit-Job: Mutter.

Als sich der erste Geburtstag der Zwillinge näherte, wurde ich allmählich nervös. Unsere Krabbeltreffs starben aus, weil quasi alle Kinder Betreuungsplätze hatten. Ich wollte eigentlich noch zu Hause bleiben, doch ließ ich mich etwas mitreißen. Ich hatte Angst, beruflich den Anschluss zu verpassen, „irgendwas mit Medien“ entwickelt sich ja so schnell weiter, so schnell kannst du selbst als Zwillingsmama nicht gucken! …wie wir eine großartige Tagesmutter fanden und ihr wieder absagten, kannst du in einemfrüheren Textvon mir nachlesen.

Elternzeit verlängern

Mein Mamaherz, das eigentlich stets den Wunsch hegte, mindestens zwei Jahre zuhause zu bleiben, siegte und ich wählte Zwillbo-Alltag, ein schmaleres Bankkonto und eine Verlängerung des Winterschlafs für meinen Beruf. Letzteres fiel mir gewiss leichter, weil ich durchs Bloggen niemals das Gefühl hatte, überhaupt ganz mit der Arbeit aufgehört zu haben.

Ich spule jetzt mal vor ins Hier und Jetzt. Die Jungs sind ein paar Stunden täglich bei der Tagesmutter. Ich kann währenddessen dafür sorgen, dass wir alle genug zu essen sowie saubere Wäsche haben und dass unsere Wohnung in einem Zustand ist, der das Gesundheitsamt fernhält. Was noch? Ich kann für den Blog schreiben, der Geld abwirft, aber nicht so viel, dass es im entferntesten mein Einkommen ersetzt. Und ich kann mich darum bemühen, wieder als Journalistin Fuß zu fassen. Bemühen. Mal wieder. Denn ein fester Job ist in meiner Branche mit meinem Alter und zwei kleinen Kindern vermutlich so aussichtsreich wie die baldige Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea.

Mal wieder Stärke beweisen

Auf der einen Seite finde ich das nicht so schlimm. Denn ich bin gerne mein eigener Boss – wenngleich ich mit Urlaub ziemlich geize. Auf einem anderen Blatt steht, dass ich mich mal wieder beweisen muss. Beweisen wie gut ich bin, wie zuverlässig ich arbeite und dass es sich lohnt, mich zu beauftragen. Ich muss wieder einen auf dicke Hose machen, damit ich Geld verdienen kann. Schaut alle her, was ich kann – obwohl ich zweieinhalb unendliche Jahre „nur“ Mama war. Zweieinhalb Jahre! Das ist doch eigentlich nichts!? Und doch kann es die Kluft zwischen dir und dem sein, wofür du dich jahrzehntelang abgerackert hast.

Ich habe das Glück, mit dem, was ich am besten kann und am liebsten tue Geld verdienen zu können: Ich schreibe. Wenn es mit dem freien Journalismus nicht klappt, blutet mein Herz, aber Texte werden auch anderswo gebraucht – ich hab auch schon PR-Artikel über Rohrleitungssysteme und Toilettenspülkästen geschrieben, macht mir aber nicht so viel Spaß. Und doch verspüre ich gerade, dass ich es eigentlich müde bin, mich beweisen zu müssen.

Noch größeres Dilemma

Zugleich denke ich an all die Frauen, die vor einem noch größeren Dilemma stehen, die nicht freiberuflich arbeiten und auf eine Stelle angewiesen sind. Ich denke an uns alle. An uns Mamas, die alles sein wollen: präsent für unsere Kinder, heiß für unsere Männer, stark im Beruf, aber obendrein auch noch nur wir selbst. Oder an die, die „nur“ Mama sein möchten. Die erst viel, viel später wieder arbeiten gehen möchten und deren Perspektiven dann noch düsterer sind. Und warum? Weil sie beschlossen haben, all ihre Kraft und Aufmerksamkeit auf ihre Familie zu konzentrieren. Und es fühlt sich so an als würden sie dafür bestraft.

Wenn ich auf uns alle in unserer Verschiedenheit und mit unseren Gemeinsamkeiten blicke, muss ich automatisch an später denken. Was wird aus mir, wenn ich alt bin? Weil ich einen Großteil meines Berufsleben selbständig war und obendrein auch noch Mutter geworden bin, sieht mein aktueller Rentenbescheid echt mau aus. Also muss ich die letzten Kräfte meiner Stilldemenz aktivieren und weiter verdrängen, mich damit trösten, dass ich schreiben kann, bis mir das Augenlicht vergeht, die Hände oder die Stimme versagen.

So viele Bedürfnisse

Doch was ist mit meinen „Schwestern“ da draußen? Was ist mit denen, die sich um Angehörige kümmern oder sich in Berufen krummlegen, die Zeit verschlingen aber kaum einen angemessenen Lohn abwerfen? Was ist mit all‘ den typischen Frauenberufen*, ohne die unsere Gesellschaft noch verlorener wäre als sie es ohnehin schon ist, die aber nicht auch nur ansatzweise angemessen entlohnt werden? Was ist mit all den Entscheidungen, die wir Frauen treffen, mit all den Bedürfnissen, die wir unter einen Hut kriegen müssen, der kleiner ist als ein Schnaps-Pinnchen?

Keine Lust auf Kampfmodus.
Keine Lust auf Kampfmodus.

Ich bin von Herzen gerne Mama und von Herzen gerne Frau. Ich liebe es, darüber hinaus noch  jemand sein zu können, der Talente und Professionen hat. Aber diese Welt ist ein schwieriger Ort für uns. Denn obschon wir ja bereit sind, einen Preis zu bezahlen, garantiert dieser längst keinen fairen Handel – und das Fass mit den Betreuungsplätzen habe ich an dieser Stelle gar nicht erst aufgemacht, weil es den Rahmen sprengen würde.

Ich bin fast 38 Jahre alt. Ich bin Kämpferin und Optimistin. Aber heute bin ich ein bisschen müde von der Beschissenheit unserer Welt.

*Ich weiß, dass auch viele Männer in Pflegeberufen tätig sind, doch überwiegt der Frauenanteil darin nach wie vor.

4 Comments

  1. Ach Juli, du sprichst mir aus der Seele! Ich kümmere mich auch nach 2,5 Jahren gerade ganz aktuell um den beruflichen Wiedereinstieg. Ich habe zwar seit über 12 Jahren eine unbefristete Stelle in einem Reisebüro. Allerdings wurde das Büro während meiner Elternzeit übernommen und meine neue, reizende und kinderlose Jung-Chefin hat mir nun eine 10-Stunden-Woche angeboten oder alternativ meine alte 45-Stunden-Stelle inklusive Wochenenddienst. Und dann sagte sie noch, dass sie und meine (mittlerweile fast alles neue) Kolleginnen mich eigentlich nicht im Team haben möchten. Häh?! Warum nicht?! Das sagte sie nämlich nicht. Naja, vielen Dank, da freu ich mich doch schon sehr auf meinen ersten Arbeitstag am 3. Geburtstag meiner Zwergies👿!!! Also werde ich gerade aus meinen heiß geliebten Beruf gedrängt, da Teilzeit Arbeit in der Branche einfach nicht erwünscht ist. Mal sehen, wo die berufliche Reise hingeht… Noch habe ich sechs Monate Zeit💪🏼! Liebe Grüße, Anke

    1. Oh Mann, Anke, da fehlen mir ja beinahe die Worte. Eigentlich sollten gerade wir Frauen untereinander solidarisch sein. Ich wünsche dir von Herzen, dass sich in den kommenden Monaten für dich noch ein neuer, zukunftsträchtiger Weg auftut. Ich wünsche dir ganz viel Kraft und Erfolg!!!!

  2. Danke. Hier aktuell der ca. 8. Anlauf
    wieder in eine Anstellung zu wechseln nach vier Jahren Zwillingsmama mit einem „Normalkind“ und einem „Spezialkind“. Vormals was mit Medien in einer work-hard-play-hard-agentur mit Volo und anschließender Hocharbeiterei. Natürlich befristet und mit der Doppelschwangerschaft Schluss. Dann „beweisen“ als Selbstständige mit kleinen Kindern zu Hause. Und jetzt? Die Sehnsucht nach geregelten Arbeitszeiten und eine neue Suche (26 Teilzeitstellen in ihrem Bereich in 100km Umkreis). Es ist zum Mäusemelken. Von “ da sind sie aber deutlich überqualifiziert“ bis “ wie regeln Sie das denn mit kranken Kindern?“ alles dabei – nur der Arbeitgeber, der auf gutqualifizierte, hochmotivierte Mütter mit Teilzeitwunsch setzt ist (noch) nicht dabei. Aber hey: Fachkräftemangel und so.
    Ich bin so müde. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

    1. Oh Mann, Elena, ich fühle sehr mit dir! Weißt du, nicht wir spinnen, sondern das System. Mamas haben Superkräfte – Zwillingsmamas erst recht. Jeder Arbeitgeber sollte froh sein, Frauen beschäftigen zu können, die so viele Kompetenzen vereinen und so belastbar sind. In der Hinsicht denke ich gerade ständig: scheiß Welt! Echt! Zumindest hier in Deutschland. Ich drücke dir ganz fest Daumen!!!

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