Mein Körper und ich – ein Weg zu mir

Manchmal wünsche ich mir, ich hätte mein Körpergefühl von heute schon früher gehabt. So vor 10 oder 15 Jahren etwa. Aber da hatte ich keine Zeit, mich in meiner Haut wohl zu fühlen, die Straffheit meines Bindegewebes zu schätzen oder zu feiern, dass meine Brüste dem Kinn näher sind als dem Bauchnabel. Nein, da war ich leider damit beschäftigt, mich zu bemängeln. Und zwar ausgiebigst.

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Meine Oberschenkel waren zu kräftig, die Adern daran zu blau und zu sichtbar. Mein Bauch hatte einen zu ausgeprägten Vorwärtsdrang, meine Schultern waren mir zu breit, der Vorbau hingegen war meines Erachtens eindeutig nicht mit genügend Holz ausgestattet worden.

Glühender Schmerz

Meine Knöchel fand ich ganz chic. Und meine Handgelenke. Ungelogen. Ich fand mich zu groß und zu viel. Zumindest immer dann, wenn ich mich nicht gerade in eine Kleidergröße gehungert hatte, die einer Grundschülerin näher kam als einer Frau. Traurigerweise schätze ich, dass vermutlich JEDE Frau, die diesen Text liest, weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Schmerz über die so empfundene eigene Hässlichkeit sich wie glühender Stahl durchs Herz bis in den Bauchraum frisst.

Sich selbst, den Körper, in dem man sein Leben lang wohnt, so vehement abzulehnen, ist qualvoll, erniedrigend und macht unendlich traurig. Man lehnt quasi sein ganzes Sein damit ab. Auf Umwegen.

Frauen sind stark

Frau sein. Das ist so unendlich schön. Eigentlich. Wir sind so stark, so vielfältig, so rund und weich und eckig zugleich. Mit einem einzigen Funken fremder Gene können wir neues Leben erschaffen, heranwachsen lassen, gebären und nähren.

(Selbst-)Liebe ist alles.

Monatelang sind die beiden Kinder, die ich zeitgleich zur Welt gebracht habe, nur aufgrund der Substanz zu kugelrunden Speckbacken geworden, die mein Körper in Eigenregie produziert hat. Das muss man sich mal auf dem Stammhirn zergehen lassen! Und das ist nur eins der Wunder, die wir Frauen vollbringen können. Denn wir sind so viel mehr als nur das.

Aber es ist kann auch ebenso schmerzhaft sein, Doppel-X-Chromosomen-Agentin zu sein. Wir können diejenigen sein, die sich selbst die größten seelischen Qualen zufügen. Weil wir über Jahre gelernt haben, uns selbst zu peinigen.

Die kleinen Mädchen, die wir einst waren, sind jeden Tag durch eine Welt gelaufen, deren Wege gepflastert waren von medialen Ikonen. Von künstlicher Schönheit. Oder dem, was Industrien dazu erklärt haben. Plakate, Anzeigen, Werbespots im TV, im Kino und irgendwann auch im Internet – denn wie wir wissen gab es auch mal eine Zeit ohne – haben jahrelang unsere Gehirne gewaschen.

Sie haben mit ihrer Flut der falschen Bilder unseren Prinzessinnen-Modus gelöscht und mit einem Stempel auf unseren Selbstwert eingedroschen, der den Schriftzug „Mangelware“ trägt. Jetzt mal im Ernst – ich glaube nicht, dass es möglich ist, in unserer Gesellschaft aufzuwachsen, ohne davon unbeeinflusst zu bleiben.

Verbindung verloren

Wir verlieren die Verbindung zu uns, brennen uns unsere Selbstliebe eigenhändig aus dem Herzen, vergleichen uns, befinden uns für minderwertig und tun verzweifelt alles, um uns zu optimieren. Damit wir auch endlich wieder passen.

Wir geißeln, knechten und quälen uns, um das Gefühl der Ablehnung von unseren Seelen zu löschen, doch die Narbe hört niemals auf zu glühen. Nicht bis zu dem Tag, an dem wir beginnen, uns bewusst und liebevoll selbst an den Schultern zu packen und wegzudrehen. Von den Monitoren, über die die Fotoshop-Zombies mit künstlichen Haaren wie Armeen der verzerrten Wahrnehmung seelenlos marschieren.

Es gibt diese Frauen dort nicht. Selbst den schlankesten unter ihnen schaben Design-Programme noch die letzten kaum vorhandenen Pfunde von den Hüften. Nasen werden zu stubsigen Objekten gemacht, die in uns allen nur einen Wunsch wecken: wieder das kleine Mädchen im Prinzessinnen-Modus zu sein, in dessen Welt Diäten und Minderwertigkeitskomplexe nicht exisitieren.

Die Frauen, die wir in den Medien sehen, existieren nicht. So zu werden wie sie ist utopisch. Es sei denn, man dematerialisiert sich in Bits und Bytes und schafft es zu einem seelenlosen Abbild auf einem Monitor zu werden, hinter dem Leuchtioden stecken, aber kein Leben.

Mein Körper ist für mich

Schon eher vier als drei Jahrzehnte hat mein Körper mich jetzt schon durch mein Leben bewegt. Er hat mich Abenteuer erleben, Liebe fühlen und die Welt sehen lassen. Meine Beine tragen mich, wohin auch immer ich möchte. An Orte, die meine Seele zum Vibrieren bringen, zu Menschen, die mein Herz überlaufen lassen. Mein Körper hat zwei Kinder gemacht, die der partiellen Verlorenheit unserer Zeit ihr Lachen entgegensetzen.

Ich musste einiges über 30 Jahre alt werden, um mich schön zu finden, um mich zu genießen, um mich und meinen Körper zu feiern. Ich könnte mir selber mit der flachen Hand vor den Kopf hauen, dass ich nicht früher in der Lage war, zu erkennen, was ich habe. Was ich hatte.

So wie es ist, ist es gut.

Ich weiß nicht genau, ob das die Blindheit der Jugend ist, die Goethe umschreibt. Ich weiß nicht, ob es der Sarkasmus des Lebens ist, zuweilen erst schätzen zu können, was wir hatten, wenn es nicht mehr da ist. Oder zumindest nicht mehr in der Form, in der es mal da gewesen ist.

Aber hey, was soll’s?! Ich muss darüber lächelnd den Kopf schütteln, mich abwenden und auf die blicken, die ich heute bin. Denn die finde ich schön. Genauso wie ich an jeder Frau Schönes sehe, wenn die Hochglanzzombies nicht mehr durch meinen Kopf marschieren.

Das Schöne sehen wollen

An Tagen, an denen das mal nicht so ist, rufe ich mich liebevoll und bestimmt zur Raison. Dann verbiete ich mir, auf mir oder anderen herumzuhacken, sie zu bemängeln und abzuwerten. Dann suche ich mir das Schöne an mir. Oder den anderen. Und drehe den Lautstärkeregler höher, damit die schöne Kleinigkeit die Stimme der Angst, nicht genug zu sein, übertönt.

Praktisch ist, dass wir sofort damit anfangen können, uns schön zu fühlen. Ich glaube, wir können uns das aussuchen. Wenn wir uns für die Liebe entscheiden. Die Liebe zu uns selbst.

Ich wünsche mir und dir, dass du dich schön findest. Denn das bist.

3 Comments

  1. Ein schöner Text!

    Es stimmt, die Medien beeinflussen einen doch sehr. Wir versuchen unsere Töchter auch ein Stück davor zu bewahren und die Liebe zu sich selbst immer präsent zu haben. Dadurch nimmt man sich selber auch wieder mehr an wie man ist. Aber auch hier hat das 30 Jahre gedauert 🤦‍♀️

    Du schreibst wirklich bezaubernde Texte, sowohl ernsthafte als auch humorvolle. Ach und wenn ich gerade dabei bin: du bist für mich persönlich ja DIE Hashtagqueen! 👑

    Weiter so 💪🏼

  2. Herzlichen Dank für deinen tollen Beitrag!
    Wenn ich die Fotos / Videos auf deinem Blog sehe, denke ich: wow, was für eine hübsche und taffe Frau. Nichts deutet auf das doppelt gewirkte Wunder hin, ganz im Gegenteil. Aber vermutlich ist es genau das, was du ansprechen möchtest. Uns fällt es so viel leichter die Schönheit in anderen zu entdecken, statt in uns selbst, auch wenn wir uns eigentlich so viel näher stehen und so viel vertrauter sein sollte.
    Ich wünsche uns allen eine einfühlsame Reise zu uns selbst, auf der uns ganz viel Liebe und Selbstannahme begleiten möge.

  3. Toller Blogbeitrag , ich fühle mich dir sehr verbunden! Jahrelang habe ich mit Magersucht und Bulemie gekämpft und noch heute habe ich Schwierigkeiten mich so anzunehmen wie ich bin 😔
    Ich hoffe sehr das meine Tochter nie auf solche Ideen kommt ( davor habe ich große Angst) …… aber ich bin da, und werde sie stärken wenn sie der Meinung ist das sie nicht perfekt ist , so wie sie ist !!!
    Ich möchte nie wieder in alte Muster zurückkehren und erst spät ist mir bewusst geworden was ich Miriam d auch meiner Umwelt da angetan habe ! Und glücklich war ich trotzdem nicht !!!!!!

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