Der Kampf um Platz 1 – Konkurrenz unter Geschwistern

Als frischgebackene Mama war ich voller hehrer Ziele und glanzvoller Vorstellungen über die Erziehung unserer Kinder. Ich wusste einfach, wie es läuft. Besser als zu dem Zeitpunkt wusste ich das eigentlich nur, als ich NOCH KEINE Kinder hatte. Denn dann hat man ja die gefestigtesten Vorstellungen überhaupt vom Elternsein. Ich nehme an, die Zwillinge haben sich schon damals, als sie verhältnismäßig schweigsam an meiner Brust lagen, heimlich über meine Idee vom Mama-Sein kaputtgelacht.

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 Auf den knallharten Zusammenprall von Vorstellung und Realtität habe ich hier ja bereits häufiger geschrieben: Stillen, Schlafen, Alltag – dass es anders kam als gedacht, war eher die Regel denn die Ausnahme. Die Zwillinge haben kürzlich begonnen, ein weiteres Projekt aus der Reihe „Idealvorstellungen einer Mutter“ eigeninitiativ unter Beschuss zu nehmen: Das Verhindern von Geschwisterkonkurrenz.

Leistungsgesellschaft

Wir leben in einer Gesellschaft, die stark auf Leistung ausgelegt ist: Streng dich an, dann erreichst du viel, so steigert sich dein Wert. Ob man will oder nicht, spätestens das Bewertungssystem unserer Schulen prägt in diese Richtung. Ich möchte das gar nicht prinzipiell verteufeln, denn mir persönlich macht es großen Spaß, Ziele zu erreichen und gut zu sein in dem, was mir wichtig ist. Mathe gehört jedoch nicht dazu.

Doch irgendwie ist ab einem gewissen Zeitpunkt vorprogrammiert, dass Kinder sich miteinander vergleichen, dass sie miteinander im Wettstreit liegen und auch einen Teil ihres Selbstwerts über Erfolge definieren. Die Krux an diesem Thema ist ja, dass das alles nicht per se schlimm ist. Im Gegenteil: Es kann richtig Bock machen erfolgreich zu sein und sich aneinander zu messen. Es kann Inspiration und Motor in einem sein.

Auf der anderen Seite verliert man all zu schnell den Blick auf sich selbst, die eigenen Talente – Mathe gehört weiterhin nicht dazu – und das, worin wir ganz individuell rocken. Wenn man dann noch in sozialen Netzwerken unterwegs ist, hat man quasi verloren. Denn dort findet sich garantiert immer jemand, dessen Küche aufgeräumter ist – zumindest auf dem Foto. Und Selbstbetrug gehört zum Konzept des Vergleichens.

Wenn ich mich zu stark vergleiche und zu sehr an dem messe, was Andere tun, tut mir das nicht gut. Und dennoch bin ich mit dieser Praxis von Kindesbeinen an vertraut. Mir ging und geht es nicht immer gut dabei, da man Menschen im allgemeinen und Geschwister im Speziellen ungefähr so gut miteinander vergleichen kann wie Pinguine mit Giraffen. Jeder hat seine individuellen Features, die er für seine biologische Nische braucht. Doch in der Tierwelt ist ja oft vieles klarer. Aber da wird man auch schon Mal von einem Elternteil gefressen, wenn es schlecht läuft. Also zurück zu den Menschen.

Vergleich als Hilfsmittel?

Es war und ist einer meiner heiligen mütterlichen Grale, dass die Zwillbos bloß nicht zu sehr miteinander verglichen werden – obschon man das oft automatisch tut. Und schon gar nicht möchte ich, dass WIR als Eltern sie aneinander messen. Denn dann werden sie das später auch ganz automatisch tun. Auch wenn es manchmal einfacher ist zu sagen: „Guck mal, dein Bruder ist schon angezogen, willst du dich nicht auch mal ein bisschen beeilen?“, vermeide ich solche Fragen und Hinweise wie öffentliche Toiletten. Variationen gibt es davon viele, also von den Aussagen – ebenso wie von öffentlichen sanitären Einrichtungen. Dein Bruder hat schon aufgegessen. Dein Bruder hat schon aufgeräumt. Dein Bruder hört. Die Aufzählung kann beliebig erweitert werden. Ich glaube, die Botschaft dahinter an das Kind ist in etwa immer die, das es gerade nicht so gut ist wie der Bruder oder die Schwester. Aua.

Als ich in Sachen Kinderaufzucht erfahrungsmäßig noch sehr unbefleckt war dachte ich, ich könne meinen Söhnen Frustration und Schmerz in diesem Punkt ersparen, wenn ich nur gut genug darauf achte, was ich sage. So sind wir Mamas und Papas eben: Wir wollen alles geben, um es gut zu machen. Lieber aber noch besser als unsere Eltern und überhaupt besser als jeder andere. Denn wir sind die allergrößten Fans dieser kleinen Menschen in unserem Leben, und das Beste ist uns meist nicht gut genug für sie. Das ist ein toller und nobler Antrieb. Aber das Leben läuft so nicht. Zumindest ist dies die Nachricht, die es aktuell für mich hat.

Wettstreit im Alltag

Offenbar von ganz allein haben die Jungs vor einigen Wochen die Wettkämpfe für eröffnet erklärt:

Ich habe gewonnen, wenn…

…die Kühe auf meiner Seite des Autos am Straßenrand grasen!

…ich den Bagger zuerst gesehen habe!

…ich der Schnellste auf der Treppe war!

Puh…Ergänzt die Liste bitte selbst.

Das Resultat: Zwei Schreihälse, die einander – gerne auf der Autorückbank – anbrüllen. Und wenn das zum Frustrationsabbau nicht ausreicht, versucht man den Kontrahenten irgendwo an den Haaren oder am Schlawittchen zu erwischen und ihm ordentlich einen mitzugeben. Das nervt mich. Weil es laut ist. Weil es mich überfordert. Weil ich eine Mama bin, die möchte, dass sich ihre Kinder stark und wertvoll fühlen.

Die besondere Herausforderung von uns Zwillingseltern: Wir können nicht einmal mit der Folge der Geburt argumentieren: „Dein Bruder/deine Schwester ist auch älter als du, mach dir keinen Kopf…“ Klar, auch dieser Hinweis zieht irgendwann nicht mehr. Meine Schwester ist 15 Monate älter als ich und hat promoviert. Aber sicherlich nicht, weil sie diese Monate an Vorsprung hat. Denn der ist irgendwann irrelevant. Wenn ich mir ein bisschen Mühe gebe, kann ich mich trotzdem wie ein Volldepp fühlen, weil ich keinen Doktortitel trage. Ich kann es aber auch lassen und mich auf meinen Lebensweg konzentrieren, auf den bisherigen und den künftigen, auf das, was ich kann und mag möchte.

Lösungsansatz?

Möglicherweise ist genau das auch ein Lösungsansatz für das aktuelle Geschehen: den Kindern klarmachen, worin ihre ganz persönlichen Stärken liegen. Und auf der anderen Seite muss ich gerade vielleicht einsehen, dass Wettbewerb, Siege, Niederlagen, Stolz und Frustration einfach dazugehören und von ganz alleine in unser Leben treten.

Dennoch halte ich nach wie vor daran fest, die Kinder nicht wertend miteinander und vor allem nicht voreinander zu vergleichen. Ihr Leben lang werden andere Menschen daherkommen und dies tun, das werde ich nicht verhindern können. Und Zwillinge stehen dabei oft noch in einem viel unmittelbareren Vergleich als Geschwisterkinder es ohnehin schon tun. Schließlich kommt man nicht nur aus einem Stall, man durchläuft in selbigem auch noch zeitgleich alle Entwicklungen.

Natürlich ist es toll, wenn da immer jemand ist, der einem so nah ist, dessen Herz mehr oder weniger in der gleichen Sekunde angefangen hat zu schlagen, der niemals ohne einen war. Aber genauso hat jeder Part, den das Leben uns zuweist, eben auch seine Schattenseiten.

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