Macht Euer Ding, Mädels!

Sie hießen Mark und Dirk. Sie waren eineiige Zwillinge. Und sie waren meine Freunde. Fremde konnten sie nicht auseinanderhalten. Ich fragte mich immer warum das so war. Gleich angezogen? Waren die Jungs nie. Gleiche Hobbies? Fehlanzeige. Gleich war eigentlich nur der unsägliche Topfhaarschnitt.

Für mich waren sie sowas von verschieden. Gesichtszüge, Stimme, Bewegung – ich konnte die beiden immer auseinanderhalten. Selbst dann noch, wenn wir nach gemeinsamen Nachmittagen im Wald schlammverkrustet vom Staudammbau nach Hause liefen.

Dirk ging in meine Klasse, die «a», Mark in die «b». Wir sprachen immer von Mark und Dirk. Nie von «den Zwillingen». Hinterfragt habe ich damals nicht. Warum auch? Dirk war ein guter Freund. Und, klar, wenn ich zu Besuch war, dann war Mark oft auch da – mit seinen Freunden. Nicht selten machten wir etwas zusammen. Oft genug aber waren die beiden getrennt mit ihren eigenen «Jungs» unterwegs.

Das ist lang her, 1983-1987. Ich hatte die beiden längst vergessen, nach der Grundschule gingen wir getrennte Wege. Als dann klar war, dass wir Zwillinge bekommen und dann auch noch eineiige, waren die beiden wieder sehr präsent. Immer wieder fragte ich mich: Gibt es Dinge, die wir von den Eltern von Mark und Dirk übernehmen könnten? Und ich kam zu dem Schluss: Ja, die gibt es. Denn sie ließen ihre Zwillingssöhne beide «ihr Ding» machen. Die praktische «Kombipackung Zwilling», die gab es nicht.

Unsere Maxime: so viel Individualität wie möglich

Von Anfang an hatten meine Frau und ich das Gefühl, bei diesem «Zwillinge-sind-eine-Einheit»-Zeugs nicht mitmachen zu wollen. Gleiches Anziehen und 100%ige Gleichbehandlung kamen uns genauso suspekt wie unrealistisch vor. Das ausschlaggebende Moment war dann das Treffen mit der Frau eines Arbeitskollegen. Auch sie ein eineiiger Zwilling.

Sie erzählte uns, wie sie als Kind darunter gelitten habe, dass man immer von «den Zwillingen» sprach, man die beiden immer als Einheit betrachtete. Immer die gleichen Klamotten, die gleichen Geschenke, immer gemeinsame Einladungen zu Kindergeburtstagen. Eigenständige Wege? Allein etwas unternehmen? Gab es nicht. Das Ganze mündete dann in der verzweifelten Revolution als Teenagerin, als sich unsere Bekannte eines Tages die Haare radikal abschnitt, um nicht mehr ständig verwechselt zu werden.

Gleiches Modell, verschiedene Farben. Gleichbehandlung und Individualität schliessen sich nicht aus – gilt nicht nur für Rucksäcke.

Kurz vor der Geburt unserer Mädels erschien dann noch das Buch «Jeder Zwilling ist einzigartig: Die Persönlichkeitsentwicklung von Zwillingen – wie Eltern und pädagogische Fachkräfte diese unterstützen können». Eine wissenschaftliche Arbeit, deren Fazit klar ist: Zwillinge sind zwei eigenständige Individuen. Mit eigener Persönlichkeit und dem Recht auf Individualität. Die gilt es zu fördern. Gleicher Bauch oder gleiche DNA hin oder her.

So war für uns schon vor der Geburt klar: Wir wollen es unseren Kindern ermöglichen, so individuell wie möglich aufzuwachsen. Wenn sie später meinen, dass sie komplett identisch und unzertrennlich unterwegs sein wollen: bitte, ist für uns ok. Aber es soll dann ihre eigene Entscheidung sein.

In der Konsequenz sah und sieht man unsere AJs z. B. nie gleich angezogen. Das hat auch ganz praktische Gründe: Wir hatten noch massenhaft Klamotten von unserer großen Tochter. Zwillinge gleich einzuziehen ist vor allem eines: teuer. Und wer mal im Schuhgeschäft versucht hat, den gleichen Schuh in der gleichen Größe und in der gleichen Farbe zu erhalten, der weiß, dass es zudem auch sehr nervenaufreibend sein kann.

„Die Zwillinge“? Gibt es bei uns nicht

Weiterhin sprechen wir nie von «den Zwillingen», sondern von Annika und Janina. Wir rufen sie auch dann immer einzeln bei ihren Namen, wenn beide gemeint sind; «Kinder, kommt bitte!» gibt es bei uns nicht. Diesen Wunsch haben wir auch gegenüber Familie und Freunden geäußert und erinnern diese auch durchaus daran, wenn es mal vergessen geht und Besuch fragt, wo denn «die Zwillinge» seien.

Mittlerweile besuchen die beiden unterschiedliche Kindergartengruppen und bauen eigene Freundeskreise auf. Hat die eine ein Playdate, hat die andere schon mal auszuhalten, dass die Schwester nicht da ist und sie kein Anrecht auf deren ständige Anwesenheit hat. Und wenn die AJs nächstes Jahr in die Schule gehen, werden wir auch ihre Kindergeburtstage getrennt feiern. Einfach, damit beide einmal im Jahr dieses ganz besondere Gefühl geniessen dürfen, allein voll im Mittelpunkt zu stehen.

Sehen, dass es Sinn macht

Das alles ist ein rechter Mehraufwand für uns. Keine Frage. Aber in unserer Entscheidung wurden wir in den letzten Jahren zweimal ganz besonders bestätigt:

  1. In die Krippengruppe der AJs kamen neu zwei Zwillings-Jungs. Auch eineiig. An den beiden war alles gleich: Frisur, Kleidung, Schuhe, Kuscheltücher. Das einzige, was die beiden unterschied, das war die Sockenfarbe. In der Folge litten alle drunter: Die Erzieherinnen und die anderen Kinder, da sie die beiden nicht auseinanderhalten konnten. Und auch die Jungs selbst. Spürbar, da sie z. B. ihre Jacken und Schuhe nicht erkannten und dies dann regelmässig im Streit mündete. Und ich denke auch unterbewusst, dass sie jeden Tag x-fach mit dem Bruder verwechselt wurden.
  2. Im letzten Jahr lief im ZDF eine Dokumentation über einen jährlichen Zwillingstreff. Aus ganz Deutschland kamen sie. Klar, das sah schon putzig aus, die erwachsenen Paare waren ja alle gleich angezogen. Aber irgendwie hatte es auch etwas von früheren Jahrmärkten, wo bärtige Frauen oder Wolfskinder als lebende Skurrilitäten ausgestellt wurde. Diese geballte totale Gleichheit, sie wirkte auf mich eher verstörend.Protagonistinnen waren ein Künstlerinnen-Paar, Künsterlinnen-Name: «Fabrizius2». Die Besonderheit: Sie malen ihre Bilder zusammen, harmonieren perfekt. Und, klar, das ist für die beiden natürlich ein fettes Alleinstellungsmerkmal: gemeinsam malende Twins, die komplett identisch aussehen. Das lässt sich gut vermarkten. Aber Teil der Doku war auch, dass die beiden jetzt, mit 36, zum ersten Mal in ihrem Leben in getrennten Zimmern schliefen.Mit 25 waren sie von zu Hause ausgezogen, teilten sich aber noch weitere 12 Jahre lang das Schlafzimmer in der gemeinsamen Wohnung. Beziehungen? Bisher Fehlanzeige – ein paar Mal versucht, immer gescheitert. Die Beziehung zur Zwillingsschwester behinderte die Beiden jeweils darin, eine mit einer dritten Person einzugehen. Am Schluss der Dokumentation bestimmte mich ein Gefühl: Mitleid.

Alles gleich, das sieht nett aus, aber…

Ob zusammen geht oder jede für sich: Ihr entscheidet über Euren Weg, Mädels!

Nein, ich will anderen Zwillingseltern nicht vorschreiben, wie sie ihre Kinder erziehen sollen. Aber ich habe nicht selten das Gefühl, dass sich Zwillingseltern von diesem «Ach-die-sind-so-süss-Faktor» blenden lassen. Ja, Kinder, die völlig identisch aussehen und völlig identisch ausgestattet werden mit Kleidung, Spielzeug oder anderem Equipment, die sind süß. Keine Frage. Und gerade soziale Medien befeuern dies: «Alles-ist-gleich-Bilder» liefern ganz einfach mehr Likes,  mehr «So-süß-Kommentare» und damit mehr virtuelle Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Aber ich möchte einfach folgende Fragen an Mehrlingseltern stellen, die diese «Alles-muss-gleich-sein-Philosophie» verfolgen:

  • Würde es Euch eigentlich nicht nerven, wenn Ihr ständig verwechselt werdet? Hättet Ihr dann nicht irgendwann das Gefühl, Ihr allein wärt nicht etwas Besonderes, sondern nur zusammen mit Zwillingsschwester oder -bruder?
  • Was antwortet Ihr Euren Kindern, wenn sie später alte Fotos anschauen und fragen, wer von den beiden identisch aussehenden Persönchen sie jetzt sind, Ihr aber keine ehrliche Antwort geben könnt?
  • Für wen macht Ihr dieses «Alles-muss-gleich-sein»? Am Ende nicht vielleicht nicht für Eure Kids, sondern in erster Linie für Euch selbst? Für das Auffallen, für die vielen «Hach-wie-süß-Zwillinge-Feedbacks» von Dritten, die IHR erhaltet – in der realen wie auch in der virtuellen Welt?

Ob wir den richtigen Weg eingeschlagen haben? Ich weiß es nicht. Aber wenn die AJs eines Tages ihres Zwillingsdaseins überdrüssig sein sollten, dann können wir uns zumindest zugutehalten, uns bei aller Gleichheit mit der Frage der Einzigartigkeit unserer Kinder befasst und unser Tun und Handeln hinterfragt zu haben. Und unser Bestes gegeben zu haben, damit die beiden eine gute Ausgangslage haben, um – wenn sie es wollen – ihr ganz eigenes Ding machen zu können. Die ganz besondere, tiefe und innige Beziehung zur Zwillingsschwester, die wird den beiden eh niemand nehmen können.


Über Tillmann Schulze

4 Comments

  1. Bei unseren Zwillingen bemerkten wir von Anfang an die unterschiedlichen Charaktere. Da behandelt man sie dann automatisch ganz verschieden. Aber vielleicht ist das bei einem Zwillingspärchen einfach leichter, weil es den Unterschied schon im Geschlecht gibt.

    1. Ich mache das mal so, mal so. Mittlerweile können sie gut mitsprechen bei der Kleiderwahl. Jacken und Schuhe möchten sie meistens gleich haben, aber die Alltagsgarderobe teilen sie – und da haben wir so gut wie nichts doppelt. Sie haben aber immer schon Sachen gehabt, die zu einander passen, das mag ich…

  2. Gleich anziehen ist etwas extrem, sie früh auseinander zu reißen – so wie es heute oft üblich ist – aber irgendwie auch. Zumindest fühlt es sich oft so an, wenn man hört, dass Zwillinge nicht einmal in die gleiche KiTa-Gruppe gehen sollen ect. (Also ich habe geweint, als ich gehört habe, dass meine Töchter nicht in die gleiche Gruppe kommen und sie sind keine Zwillinge…)

    Ich denke schon, dass man die besondere Bindung, die Zwillinge verbindet, lockert, wenn man allzu extrem vorgeht. Den Ansatz, sie nicht gleich zu kleiden und immer bei ihren Namen zu rufen, finde ich aber top. In meiner Kindheit kannte ich auch Zwillingspärchen, die waren auch Individuen mit eigenen Freunden und Hobbys. So sollte es sein.

    1. Ich kann da jetzt nur für uns und unsere aktuelle Situation sprechen: Ich kann mir momentan auch nicht vorstellen, die beiden zu trennen. Dafür geben sie einander viel zu viel, sie sind ein Team, das zusammenspielt. Ich weiß nicht, ob wir vielleicht irgendwann im Laufe ihrer Entwicklung zu einem anderen Entschluss kommen. Wir möchten sie hierfür immer gut im Blick behalten und nach Möglichkeit mitentscheiden lassen.

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