Der Doppelkinder-Blog – wachsen, weichen, Richtung wechseln?

Das Bloggen und ich, wir sind uns ja irgendwie einfach so passiert. Ich krame immer mal wieder in meinen Hirnwindungen herum und suche verzweifelt nach dem Erinnerungsschnipsel, auf dem notiert ist, warum ich eigentlich vor mehr als drei Jahre zum ersten Mal auf das „Veröffentlichen“-Feld im Browser geklickt und Worte von mir ins Netz gestellt habe. Worte, die nichts mit meiner Rolle als Journalistin zu tun hatten. Sondern einzig und allein mit meinem Herz und meinen Gefühlen.

Wohin mit meinen Gefühlen

Total privat. Und doch war es für mich so wichtig, im Anfangsstadium meiner Zwillingsschwangerschaft irgendwo mit mir hin zu können. Das ganze Erleben der hormonellen und emotionalen Achterbahn nach Fehlgeburt und „Zwillingsdiagnose“. Ich hasse diesen Ausdruck immer noch, weil er nach Krankheit klingt und nach Problem. Doch sind die Zwillbos ungefähr das Allerrichtigste und das größte und vollkommenste Geschenk, das das Universum mir machen konnte. Und das, wo ich doch schon den für mich grandiosesten Typen überhaupt eingesackt habe!

Aber das alles nur nebenbei. Denn darum geht es gerade gar nicht. Gerade. Das ist dieser Moment, in dem ich hier in meinem semiprofessionell gestyltem Wohnzimmer sitze und diese Zeilen tippe. Diese Zeilen, die mir vielleicht helfen werden zu erhellen, wohin die Reise des Blogs und mir geht. Gehen kann. Und ob.

Wohnzimmer. Gerade unbekindert.

Ich schrieb quasi seitdem ich es gelernt hatte. Immerzu und naturgemäß. Vielleicht folgte der erste Blogartikel dem Ruf meiner Intuition. Ich musste mich in meiner emotionalen Gesamtverfassung irgendwo ablegen. Und gleichsam wünschte ich mir, im weltweiten Netz anderen Frauen ein Denkmal zu setzen. Ein „Denk mal bitte lieber, dass Du mit all Deinen Gefühlsfacetten und Empfindungen genau so richtig bist wie du bist“. Egal, was der gemeingesellschaftliche Konsens, Bücher, visuelle Medien und die Werbe-Mafia Dir erzählen.

Ich wollte dem rosa-glitzernden Schwangerschafts-Schischi da draußen meine Realität entgegensetzen. Das habe ich getan und es tat gut.

Dann muss mir das Internet irgendwie passiert sein, denn ich hatte keine Ahnung von dem, was ich da tat. Es gab lange keine Facebook-Seite, weil ich keinen Plan davon hatte, dass es diese Möglichkeit gibt und was sie mir bringen soll. Ich wollte schreiben und ich schrieb. Offenbar gab es Leser, denn sie hinterließen Kommentare. Der Instagram-Account, der zum zweiten Puls des Doppelkinder-Blogs herangewachsen ist, war ein Hobby. Ich wusste nicht, was ich tat. Ich schrieb.

Die Ahnungslose 

Vermutlich mehr als anderthalb Jahre lang ahnte ich noch nicht einmal, dass es Blogstatistiken gibt. Und zu lesen und zu interpretieren wusste ich sie mal überhaupt nicht. Ich wollte auch gar nicht so genau wissen, was das so los war. Keine Ahnung warum. War mir zu aufregend.

Doch gleichzeitig wurde ich eben ein Rädchen des Systems „Elternblogger“. Ein seidendünner, aber vorhandener und zugehöriger Faden eines komplexen Netzes. Wohl auch wieder ganz naturgemäß, denn ich bin Natural Born Netzwerker. Dazu muss ich mich nicht anstrengen. Ich bin so eine, die überall jemanden kennt und an jeder Ecke Hinz und Kunz trifft oder Müller und Meier miteinander verknüpft, weil der eine hat, was der andere braucht. Für jedes „Warte mal, ich kenn‘ da wen…“ einen Euro und ich wäre eine gemachte Frau.

Ziemliche beste Blogger-Freundinnen.

Ich begegnete wundervollen Menschen und wundervolle Menschen begegneten mir. Kerstin, mein Zwillingsmama-Oberbuddy, meine Podcast-Partnerin, Freundin und Beraterin. Unterstützerin von der ersten Minute an, in der der Herzschlag der digitalen Doppelkinder zu pochen begann. Oder zumindest kurz darauf. Anke, Joana, Pippa, Bella, Sassi, Lisa…es ist eigentlich völlig unsinnig, hier eine Aufzählung zu starten, weil sie einen eigenen Artikel verschlingen würde, um auch nur annähernd Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu können. Ich fand so viele Verbündete und verband mich mit ihnen.

Allerschönster Antrieb

Der Blog war ein Blog. Ich schrieb und trat mit unzähligen Frauen in Verbindung. Ich bekam Nachrichten mit so herzensehrlichem, aufrichtigem und vertrauensvollem Inhalt, dass es sich anfühlte, als würde mir jemand pures Gold ins Herz gießen. Und auch wenn ich jeden meiner Texte nur für eine einzige der Verfasserinnen geschrieben hätte, ich würde es immer wieder tun. Es war – und ist – für mich immer noch der allergrößte Zauber am Bloggen, dass das Ausformulieren meines Erlebens Menschen berührt wie die Umarmung einer Freundin. Das fühlt sich nach Sinn und Wunder an und ist mein allerschönster Antrieb. Eigentlich.

Eigentlich. Kooperationsanfragen gab es gelegentlich. Seriös waren sie selten. Aber das war wurscht. Sie waren mir egal. Lange Zeit. Ich wollte keine Werbung auf meinem Blog haben, weil mich sowas persönlich selbst überhaupt nicht interessiert. Ich wollte unterhalten und mich mitteilen und Herzen erwärmen. Bis sich der Dunst der Kommerzialisierung wie ein Nebel immer mehr in mein Leben schlich und sich unmerklich zu einer Wolke verdichtete, die zeitweise Vieles überschattete.

Anstrengender Affenzirkus

Als ich merkte, dass ich mit meinem Blog Geld verdienen kann, fand ich’s irgendwie geil. Und gleichsam war mir mulmig zumute. „Wer soll denn das lesen wollen?“, fragte ich mich. Mir war es unangenehm, das meinen Leserinnen unterzujubeln. Ich muss schon sagen, mein Ego hat sich selbst zuweilen ganz schön gefeiert, als ich anfangen durfte, umsonst Produkte auszuprobieren. Ich hab mich ein Stückchen größer gefühlt. Vielleicht sogar privilegierter. Ganz egal, wie affig das sein mag, aber ich hab mir vorgenommen, hier Tacheles zu reden. Dabei weiß ich nicht mehr so genau, worin das Privileg liegt, Dinge von einem schier lächerlichen Warenwert zur Verfügung gestellt zu bekommen und stundenlang Arbeit hineinzustecken. So billig war ich noch nie zu haben.

Ich hatte Blut geleckt. Ich besuchte Instagram-Events und Blogger-Konferenzen, schleppte säckeweise Goodie-Gedöns nach Hause, so dass ich bis heute eine perverse Überversorgung an Jutebeuteln zu verzeichnen habe. Das machte Bock. Ich lernte viel dazu. Menschen traten in mein Leben, die mit schier unfehlbarer Exaktheit intuitiv zu spüren scheinen, wenn es bei mir im Räderwerk knirscht. Die mir sofort eine Whatsapp schicken, wenn ich wie heute nachdenkliche Texte bei Instagram poste (Mareike, Joana, Timo, ihr seid Banken für emotionale Stärke!!!) oder einfach direkt anrufen. Das ist nichts, was ich jemals wieder missen möchte.

Ach Leute…

Und doch hat mich die Zeit, in der ich angefangen habe, das digitale Unterfangen „Doppelkinder“ halbwegs zu professionalisieren, auch durch den Wolf gedreht. Denn plötzlich wusste ich, wie Google Analytics funktioniert. Ich wusste, was „gute Zahlen“ sind und wofür man sie gebrauchen kann. Ich bin wie ein Jack-Russell-Terrier. Ich liebe Competitions. Einerseits. Wirf einen Ball, ich wetze los! Mir macht es richtig Bock, Hebel zu finden, die Wirkung zeigen. Dreh hier ein bisschen und es ergibt sich dies und jenes. Das ist okay. Aber.

Aber man kann auch auf der anderen Seite vom Pferd fallen. Oder vom hohen Ross. Ich konnte mich auf einmal nicht mehr gut abgrenzen. Ich verglich mich. Meine Zahlen. Maß mich selbst wohl daran. Verlor die Leichtigkeit. War zerrissen zwischen tiefgehender Freude am Publizieren und der Angst, auch nur einen Millimeter locker zu lassen, weil dann ja möglicherweise die Statistiken in den Keller sacken.

Der Stress zerfraß mich

Ich konnte mir selbst dabei zusehen, wie mich zuweilen der Stress zerfraß. Ich machte keine Pausen. Einerseits, weil ich wirklich Spaß am Bloggen, Podcasten und all dem Internet-Gedöns habe. Anderseits, weil mich manchmal die schiere Panik packte, mein Werk könne in der Bedeutungslosigkeit versinken und am Grunde des Internets neben Tausenden anderen Blogs im Schlick versanden.

Es fühlte sich nicht mehr gut an. Ich sah, was es mit mir machte. Doch ich konnte es nicht stoppen. Denn da wohnt dieses Wesen namens Ego in uns Menschen, das uns einflüstert, was wir nicht alles zum Überleben brauchen. Das Ego mag vieles, das das Bloggen mit sich bringt. Gesehen werden. Sich bedeutungsvoll fühlen.

Zwillingsmama-Racing-Team: Juli & Pippa.

Ich konnte nicht loslassen. Ich glaube, wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, war ich irgendwann an einem Punkt, an dem mich die Frage, wer ich eigentlich noch wäre, wenn mein digitales Mikro-Imperium von jetzt auf gleich im Datensumpf versinken würde, in tiefstes Unwohlsein versetzt hat. Ich schrieb. Weiterhin aus tiefstem Herzen. Aber das ganze Drumherum, die Kooperationen, das Aushandeln von Honoraren, das Geprotze anderer Blogger – bah.

Die Wochen, in denen ich genau spürte, was das mit mir macht und ich mich trotzdem daran festkrallte, waren ekelhaft. Kerstin hatte schon längst ihr Media-Kit von der Seite gekickt und darauf vermerkt, dass sie nicht an Sponsored Posts interessiert sei. Ich war voll der Bewunderung und dennoch nicht in der Lage für einen solchen Schritt.

Bis..ja…bis…was? Darüber habe ich in letzter Zeit oft nachgedacht. Ich glaube, es waren einige persönliche Entwicklungsschritte, aber vor allem die Aktion #superheldin, die ganz viel Veränderung gebracht haben. Da hatte ich auf einmal etwas Nachhaltiges kreiert. Etwas, das mich zu dem Feuer zurückgeführt hat, das das Bloggen einst in mir entfacht hatte: anderen etwas geben, andere stark machen und wertschätzen.

Ich war den Werbe-Scheiß so leid. Die unverschämten Anfragen nach kostenloser Arbeit und Werbefläche. Und dabei immer die Frage im Hinterkopf, was meinen Leserinnen Anzeigen bringen. Versteh mich bitte nicht falsch, alles was an Kooperationen auf meiner Seite zu finden ist, entspricht meiner Meinung und meinen Werten. Doch dennoch blieb meist der schale Beigeschmack der Nutzlosigkeit.

Weg mit den Zahlen

Dann war ich soweit. Ich machte mich frei von Media-Daten und meinem Betreben, über Sponsored Post Geld verdienen zu wollen oder mich in Produkten für meine kostbare Zeit bezahlen zu lassen. Es fühlte sich großartig an.

Und jetzt? Jetzt ist gerade verdammt viel los in meinem kleinen Leben. Ich verändere mich beruflich. Lerne dazu. Mache meinen Horizont weit für neue Wege. Ich bin on fire und gleichsam tappe ich oft im Dunklen. Aber in mir reift immer mehr die Idee etwas Größerem. Oder vielleicht besser gesagt die Idee von Möglichkeiten, noch mehr davon zu tun, was mein Herz so zum Schlagen bringt. Und was Frauen ihren wahren Wert ein bisschen deutlicher erkennen und spüren lässt. Frauen, die Mütter sind. Und Berufstätige. Und Freundinnen, Ehefrauen, Unternehmerinnen und Familienmanagerinnen. Egal, welche und wie viele Rollen sie davon erfüllen, sie tun das mit einer für sie selbst oft unsichtbaren Stärke. Und ich glaube fest daran, dass diese Frauen die Welt noch mehr verändern können, wenn ihnen einmal klar wird, welches Potenzial sie besitzen.

Und jetzt? Jetzt spielen Zahlen und Statistiken auf einmal keine Rolle mehr. Ich hab die Tools gelöscht und nutze sie nicht mehr. Der Druck ist weg. Und ich fühle wieder sehr deutlich, wer ich noch bin, hinter all‘ dem. Und das ich ohne den Blog leben könnte und trotzdem noch wer wäre. Weil ich etwas zu geben habe. Ich möchte Kooperationen nicht gänzlich ausschließen, denn es gibt Unternehmen, die ich gerne Unterstütze und mit denen ich durch Verlosungen und ähnliches einen Mehrwert für meine Leser generieren möchte. Aber das werden allenfalls Begleiterscheinungen sein.

Ich weiß selbst nicht genau, wohin meine Reise geht, welcher Weg vor dem Doppelkinder-Blog liegt. Aber er ist da und wird sich mir unterwegs erschließen. Ich habe geschrieben und ich schreibe. Und ich lasse ein bisschen mehr los.

Danke, dass Du hier bist!

Deine

 

PS: Wenn ich ein bisschen Raum finde, nehme ich noch einmal eine Podcast-Folge zu diesem Thema auf, wenn Du magst.

9 Comments

  1. Liebe Juli! Ich glaube, dass ist jetzt das 1. Mal, das ich hier kommentiere. Ich lese und höre dich sehr gerne (und vor allem regelmäßig) und hoffe, dass du weiter machst. In welcher Form auch immer! Ich mag deine Art zu schreiben, auf das Leben und die eigene „Brut“ zu schauen und ich habe schon so manchen Denkanstoss von dir bekommen. Und dafür bin ich dir sehr dankbar! Ganz liebe Grüße, Martina

    1. Danke liebe Martina, ich glaube, für mich war es erstmal das Beste, den Druck loszulassen und mich davon frei zu machen, wie eine Maschine genau getaktet produzieren und liefern zu müssen, so wie andere Blogs das tun. Das war irgendwie eine Erwartung, die ich wohl selbst an mich gestellt habe, die aber vermutlich relativ blödsinnig ist und mich nur unter Druck setzt. Denn meine Leserinnen sind da, das weiß ich. Und ich habe immer gesagt, es würde mir auch schon Freude machen, wenn es nur drei Menschen lesen, und diese Menschen etwas daraus ziehen – oder lass es nur ein Mensch sein! Denn darin liegt so eine tolle Kraft. Das ist auch nach wie vor so, und alles, was mich das kurzzeitig hat vergessen lassen, habe ich jetzt gekappt. Ganz liebe Grüße!

  2. Liebe Juli, danke für Deine ehrlichen und offenen Worte – Dir selbst und uns allen gegenüber. Du hast ein diffuses Bauchgefühl in so klare Worte gehüllt wie es nicht vielen Menschen gelingt. Und genau das liebe ich an Deinen Texten und machen sie in den kurzen Alltagspausen immer so wertvoll und lesenswert. Wie gerade, bei meinem kurzen Cappuccino bevor ich die Wäsche anschmeiße. Wohin auch immer Dich Deine Reise führt: Danke für Deinen etwas anderen Blick auf das Zwillingsmamadasein und so manchen Gedankenanstoß. Ich hoffe, dass wir Dich weiterhin ein Stückchen begleiten dürfen – wenn vielleicht auch nicht in dieser Intensität. Dir nur das Beste! Inga

    1. Danke Dir von Herzen, so konkret zu lesen, wann und wie meine Texte ihre Wege in das Leben meiner Leserinnen finden, berührt mich irgendwie immer total und das ist so schön! Danke, dass Du mich daran so teilhaben lässt!!!! Es tut gut zu wissen, wer da draußen ist, ich danke dir dafür!!!!! Ganz liebe Grüße!!!

  3. Das ist der mit Abstand schönste und ehrlichste Blogtext, den ich seit langem gelesen habe. Danke dir! Nur das Beste für dich! Ich hoffe du findest einen tollen Weg voller Mehrwert und Bereicherung für dich selbst!

  4. Also mit diesem Text hast du auch mich total berührt – weil mir solche Gedanken auch ab und an durch den Kopf schießen! Aber so treffend hätte ich das alles niemals formulieren und für mich entscheiden können! Danke!
    Ich finde es super, dass du nun aber deinen eigenen Weg gefunden hast und hoffe, dass noch viele tolle Texte kommen werden! Sonst hätte ich dir noch einen supertollen Rat geben können: Bastel dir ein Geschwisterchen, das bremst automatisch alle Bemühungen ;-)

    1. Ich danke dir sehr, Nora. Es ist ja nicht ohne, sich auch mal irgendwie verletzlicher zu zeigen, aber ich bin froh, das mal in aller Offenheit für mich und auch nach außen kommuniziert zu haben. Das tat toll gut!!!! Und mit der Geschwisterchen-Idee liebäugele ich ja eh :-) Alles Liebe!

  5. Liebe Juli, ich bin so erleichtert! In den letzten Monaten hatte ich nicht mehr ganz so gern bei dir gelesen oder nicht mehr das Gefühl gehabt, hey, sie fasst genau das in Worte, was ich auch fühle. Vielleicht kam das von dem Druck. Von der Kommerzialisierung. Ich ich freue mich jetzt umso mehr wieder auf deine Texte und Gedanken! Alles Liebe !

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