Die Bastel-Allergie

Ich hasse es. Ja, ich hasse es zu basteln! Ganz ehrlich. Basteln geht für mich gar nicht. Aber nein, liebe bastelfreudigen Väter und Mütter. Das hier wird keine Hate-Night-Nummer á la Serdar Somuncu. Ich will Euch auch gar nicht angreifen. Vielmehr bewundere ich Euch. Denn Ihr könnt etwas, das kann ich so gar nicht – und werde es wohl auch nie können.

Aber dieses Basteln? Dieses feingliedrige Hantieren mit Schere, Klebstoff, WC-Rollen und Holzperlen? Nein, wir werden nie best buddies werden. Selbst die Launen der Natur mit ihren Kastanien, Blättern und Tannenzapfen lassen mich nicht zum Bastler werden. Muss ich den AJs dann doch beim Basteln helfen, so keimen bei mir sofort Fluchtreflexe auf.

Scheint etwas Archaisches zu sein. Wie früher in der Höhle: Der Säbelzahntiger oder der Höhlenbär kommen und es bleibt nur Angriff oder Flucht. Weil du bedroht wirst, weil du Angst hast zu versagen. Tust du das, dann lacht der Bär. Denn dann ist für dich Sackgasse. Und für den Bären gibt’s ein lecker Mittagessen. So ist es bei mir wohl beim Basteln: Die Angst vorm Versagen löst umgehend Fluchtreflexe aus. Denn Angriff geht ja nicht, wenn die Gegner nur halb so gross sind wie man selbst. Wäre ein bisschen unfair.

Dann doch lieber ins Bergwerk!

Ja, grins Du nur! Ich bin ein Opfer der garstigen Bastel-Monsters!

Bin ich in die Ecke getrieben und MUSS basteln, dann leide ich. Verflucht noch mal, ich leide wirklich! Es gibt dann bestimmt 100.000 Sachen, die ich lieber machen würde. Von mir aus im Bergwerk arbeiten, in 16-Stunden-Schichten, so mit Spitzhacke und Grubenlampe. Oder von mir aus auch Latrinendienst haben, wenn sich eine Gebirgsjäger-Kompanie komplett den Noro-Virus eingefangen hat. Alles lieber als selbst basteln zu müssen oder den Kids beim Basteln zu helfen.

Da rege ich mich dann auch ganz schnell gar nicht mehr auf, dass die Kosten für die externe Kinderbetreuung hier in der Schweiz so schwindelerregend hoch sind. Mir egal, kann ich damit das Basteln doch smart outsourcen. Krippe, Kindergarten, Hort: Ich liebe Euch alle! Gebt Ihr doch meinem Nachwuchs die Chance, sich bastelnd zu verwirklichen. Und bewahrt Ihr mich doch gleichzeitig davor, mich auf feinmotorische Kreativität einlassen zu müssen.

 Wie entsorge ich unauffällig?

Einziger Nachteil, liebe Bastel-Ideen-Spender und -Betreuer, der mir widerfährt: die Berge an Zeugs, äh, die tollen Basteleien, die die Kids mit nach Hause bringen. Ja, ich weiss, was ich zu tun habe. Knigge für Eltern sagst ja: Schön wertschätzen. All die Kritzeleien, die verknickte Pappe, die doch eine Biene sein sollen. Oder die Leim-Matschereien, die hach so schöne Weihnachtsgeschenke darstellen. Stellt sich immer die Frage: Wie entsorgen wir den ganzen Krams, äh, die tollen Kunstwerke, ohne dass es dem Nachwuchs auffällt? Das Problem bei Zwillingen: Die produzieren gleich doppelt so viel davon. Da wir das mit dem «unauffällig» schon mal schwierig.

Ob ich eine Therapie brauche fragt Ihr Euch vielleicht? Ich therapiere mich schon selbst. Seit bald acht Jahren. Indem ich derjenige in der Familie bin, der bei uns das Pech, äh, die Ehre, hat, die Bügelperlen-Kunstwerke der Girls zu bügeln. Gerade jetzt, wo die dunkle Jahreszeit beginnt, geht es wieder los: Tausende kleiner Plastikröhrchen werden mit flinken Fingern in Rekordzeit zusammengesteckt und dann von mir verschmolzen. Das Ganze geschieht dann schon mal in einem Akkord, der jeden gemäß Planwirtschaft durchgetakteten Fließbandarbeiter vor Neid erblassen lassen würde. Heldinnen der Arbeit bzw. des Bastelns? Die AJs!

Es muss in den Genen liegen

Gefühlt mittlerweile tausende: Bügelperlen-Kunstwerke

Nein, das Basteln und ich, wir werden keine Freunde mehr. Denn es war schon immer so: Ich finde Basteln doof seit ich denken kann. Im Kindergarten mussten wir zum Beispiel eine Blume basteln. Bunten Kreis ausschneiden, aufkleben. Dann akkurat die Kinder-Patschehändchen fünfmal nacheinander in Farbe tauchen und sauber rund um den Kreis drucken. Von wegen Blüten-Optik und so. Was macht Tillmann? Patsche-Händchen einmal in die Farbe und möglichst schnell fünfmal um den Kreis. Kaum noch Farbe auf der Hand? Egal. Hauptsache schnell fertig.

Oder in der Grundschule. Aufgabe: Laternen für St. Martin basteln. Ich stelle die Frage, warum wir schon wieder Laternen basteln sollen. Fragt die Lehrerin suggestiv, ich wolle doch wohl nicht die vom letzten Jahr noch einmal nehmen. Meine Antwort: «Doch!!!». Denn dann würde dieses ätzende Gekleister gar nicht erst erneut beginnen.

Bin ich also wirklich traumatisiert? Vielleicht. Gibt es für mich nichts Schlimmeres als Basteln? Hm, lasst mich überlegen… Doch! Doch wirklich! Es geht noch schlimmer: Heimwerken. Das ist Folter pur. Das ist Daumenschraube, Streckbank und Rädern zugleich. Denn da kommt es auch auf Exaktheit und Feinmotorik an. Denn im Gegensatz zum Basteln mit Kindern muss es am Ende auch noch ordentlich aussehen. Katastrophe!

So, das reicht. Ich muss mich jetzt wohl doch mal anders therapieren. Eben nicht mit Bügelperlen. Ich gehe jetzt Holzhacken… Oder `ne Baugrube verdichten… Oder Sandsäcke schleppen… Oder… irgendwas Grobmotorisches zur Entspannung halt!


ÜBER ZWILLINGSVATER TILLMANN SCHULZE…

2 Comments

  1. Meine Mama fand Basteln auch immer doof und behauptete, sie habe kein Geschick dafür. „Mir klebt dann immer nur Kleber an den Fingern und nicht an der Bastelei…“ – So ab 50 entdeckte sie es dann doch plötzlich für sich.^^ Vielleicht besteht auch noch bei dir Hoffnung?! :-p

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