Highway to Hell – wie ich knapp einen Kindergeburtstag überlebte

Es gibt viele Dimensionen des Mamalebens, deren Existenz ich mir im kinderlosen Dasein niemals hätte ausmalen können. Ich habe beispielsweise bei meinem Kinderwunsch unter anderem nicht berücksichtigt, dass die ersehnten Kinder irgendwann einmal das Verlangen verspüren und äußern würden, Geburtstag feiern zu wollen. Also natürlich war mir klar, dass es Geburtstage geben und wir sie feiern würden. Ich hatte aber keine Ahnung, welche Ausmaße an Stress das Ganze annehmen könnte. Mutter geworden wäre ich vermutlich trotzdem.

Beim ersten unschuldigen Kauf niedlicher Babysocken habe ich mit Sicherheit auch NICHT daran gedacht, dass die von mir geborenen Menschen irgendwann einmal zu Kindergeburtstagen EINGELADEN werden würden – und was das für mich persönlich bedeuten würde. Seit dieser Woche weiß ich es.

Wir waren bei einem Kindergeburtstag. Ich habe kurz überlegt, den Text hier einfach enden zu lassen, denn andere Betroffene Eltern wissen einfach, was das bedeutet. Ich möchte meine jüngsten Erfahrungen im Mama-Sektor allerdings mit denjenigen teilen, die so ahnungslos sind, wie ich es einst gewesen bin. Haltet Euch fest.

Maßloser Zuckerkonsum

Ich dachte, Kindergeburtstagseinladungen erfolgen erst später. So im 18. Lebensjahr. Oder vielleicht im vierten oder fünften. Da die Tochter meiner Freundin allerdings in der Kita Wind von dieser als Party bezeichneten Möglichkeit für den Konsum von Industriezucker und den kostenlosen Zuwachs des Spielkisten-Repertoires erfahren hat, waren wir jetzt fällig. Moment, kostenlos?

Naja, über die Kosten, Aufwendungen, Kollateralschäden und Spätfolgen der beteiligten Mütter wird das Kind nicht nachgedacht haben. Aber ich sage Euch, heute bin ich gezeichnet von dem Feiervergnügen der nächsten Generation.

So zogen meine wilden Kerle und ich also los, um eine Party zu feiern. Mit der Gastgeberin und fünf anderen Kindern. In der Summe also acht circa Dreijährigen und deren Müttern. Oha.

Heliumballon-Krise

Wir waren ein wenig früh dran. Die Jungs haben im Auto einen Power-Napp abgehalten und waren mittelgut gelaunt, als wir vor der Party-Location vorfuhren. Weil meine Freundin eine gute ist, durften wir schon reinkommen und mussten nicht noch 15 Minuten mit mieser Ökobilanz um den Blog fahren. Einerseits war das ganz gut. Andererseits bot diese Viertelstunde reichlich Spielraum für handfeste Auseinandersetzungen über rosa- und pinkfarbene Heliumballons.

Auch den Bedürfnisaufschub bezüglich der Plünderung des Kuchenbüffets haben meine Söhne mit einer für mich – sagen wir mal nervlich eher belastenden Fassung getragen. Immerhin lagen beim Eintrudeln der anderen Feten-Teilnehmer noch fast alle Einhornservietten auf ihren Plätzen.

Semi-geduldige Partyteilnehmer an Einhorn-Tellern.

Nun verhält es sich seit einigen Tage mit einem meiner Söhne wie folgt: Meistens ist er das kooperativere Kind. Man sagt ja heutzutage als moderne, bindungsorientierte Mutter nicht mehr „lieb“ oder „folgsam“, man sagt kooperativ. Mit ihm habe in der Regel nicht einmal halb so viele explosive Situationen wie mit seinem Zwillingsbruder. Weil ich aber als moderne, bindungsorientierte Mutter meine Hausaufgaben gemacht habe, weiß ich ja, wie wichtig Auflehnung und Autonomie in dem aktuellen Lebensalter meiner Söhne ist. Und ich schwöre Euch, an manchen Tagen hält mich einzig und allein dieses Wissen davon ab, sie im Schrank einzusperren!

Bis zum Kollaps 

Weil ich nun also so gut informiert bin, erleichtert es mich fast, dass der andere Sohn nun auch mal so richtig schön zeigt, dass er mit einer stattlichen Portion Willenskraft gesegnet ist. Willenskraft ist ja eine feine Eigenschaft. Für andere Menschen als Eltern. Und für später und so. Für mich bedeutet sie jetzt oft ein Fiepen im Ohr, das aufgrund des Geräuschpegels Geschreipegels kollabiert. Und Nerven, die gerade aussehen müssen wie seidene Fäden.

Meine wilden Männer und ich entern also die Partylocation und ich bin von Minute 1 an gefordert: „Bitte prügelt euch nicht um die Ballons, es sind doch genug für alle da!“ „Bitte esst Salzstangen, bis es gleich Kuchen gibt.“ „Bitte räumt nicht die Schubladen aus, wir wohnen hier nicht und räumen nur unsere eigenen Schubladen aus.“ „Bitte hört auf, euch zu beißen, da hinten ist noch ein Ballon!“ Ich weiß, dass ich es noch geschafft habe, mir einen Kaffee zu machen – aber ich erinnere mich nicht mehr daran wie. Es war laut und anstrengend. Schon jetzt. Besonders mit meinem erstgeborenen Sohn.

Geschenke-Gate

Dann kamen die Geschenke. Ääääh…Gäste. Mit den Geschenken. Hatte meinen Söhnen das Konzept „Kindergeburtstagseinladung“ bis eben noch einigermaßen zugesagt, stellten sie nun erste Frustrationen fest: Wenn andere Menschen als man selbst Geschenke bekommen, macht das nicht so viel Bock. Ich drücke es mal so aus: Das haben sie uns alle wissen lassen. Uns, und auch die gesamte Nachbarschaft. Dabei ging es weniger um die Präsente selbst als um den Auspackprozess. Und die Gastgeberin war eigentlich noch großzügig und ließ die Zwillinge mit auspacken.

Es war laut, ich habe geschwitzt und ich musste viel in den Bauch atmen. Sehr tief. Es gibt Zeiten, da kann ich die Doppel-Rebellion gut wegstecken. Wenn wir uns mal wieder seit Tagen in einer Phase befinden, kann ich das irgendwann nicht mehr so gut. Dann bekommt die Coolness Marianengraben-tiefe Kratzer. Das ist okay, fühlt sich nur halt nicht gut an.

Zusätzlicher Stressfaktor: Fremdmütter. Irgendwie kenne ich nicht jede, die mit ihrer Brut zur Party kommt und ich merke, dass ich anti bin. Weil wir uns im emotionalen Ausnahmezustand befinden. Und weil ich, wie ich neulich geschrieben habe, manchmal im Anti-Autopiloten bin. Während sich gefühlt alle anderen Kinder still, sauber und adrett an das Kinderkuchentischchen setzten und ihr Gebäck aßen, erlitten meine Söhne einen simultanen Nervenzusammenbruch nach dem nächsten. Weil sich ihrer Meinung nach nicht ausreichend bunte Schokolinsen auf dem Kuchen befunden haben, weil ich nicht mit einem Wimpernschlag neue Apfelschorle in den Becher zaubern kann und weil eines der dargebrachten Geschenke nur mit einer anstatt mit acht Partytröten ausgestattet war. Eine Tröte, acht Kinder – so leicht lassen sich biologische Kampfmittel erschaffen.

Das Buffet ist eröffnet!

Hätte ich meinen Autopiloten am Steuer gelassen, hätte sich emotional bald ein tiefer Abgrund aufgetan. Zwischen DENEN und MIR. Aber ich habe gemerkt, was da gerade abläuft. Also habe ich mir die Mitmütter über meine kreischenden Söhne hinweg einmal genauer angeguckt. Und ich irgendwie sah ich plötzlich, dass wir uns alle etwas unwohl fühlten. Sechs Frauen, vom Leben ohne ihre Zustimmung zusammengewürfelt und in eine Eltern-Vorhölle einen Kindergeburtstag gesteckt.

Und kennt das nicht jede von uns? Alle Kinder laufen scheinbar rund, nur Deine reißen die Bude ab, sehen aus, als hättest Du sie seit der Entlassung aus dem Krankenhaus nach der Geburt nie mehr gebadet, haben die schmutzigsten Fingernägel von allen und Zahnpasta in den Haaren kleben. Na, immerhin war es Zahnpasta. Ich sah, dass wir alle miteinander erst ein wenig warmwerden mussten. Sah ein bisschen etwas von den Belastungen und Sorgen jeder einzelnen von uns durchblitzen und entspannte mich. Wir müssen keine besten Freundinnen werden. Wir müssen nur gemeinsam acht Kleinkinder auf Zucker überstehen. Und irgendwie haben wir das geschafft.

Wie viele Kinder-Partys hast Du schon überlebt?

 

 

 

6 Comments

  1. Ich kann nicht mehr!!!! Das war wirklich der lustigste Blogeintrag seit langem, vielen Dank für diese treffende Beschreibung einer Party, auf der alle Kinder funktionieren, nur deine eigenen nicht! :-) Naja, zumindest glaubt man das ja meistens… ;-) Ich hab schon 4 Geburtstagsfeiern überlebt. Zwei waren wirklich richtig nett, eine fand auf dem Spielplatz statt (!) und eine war eine Vollkatastrophe mit ca. 40 Erwachsenen, 20 Kindern und dem allergrößten Buffet, das ich je gesehen habe. Meine Tochter hat an dem Nachmittag so viel geweint, dass ich nach einer Stunde abgebrochen habe. Ich verübel es ihr nicht…

    1. Oh mein Gott, Du bist die Meisterin der Kinderpartys! Was soll da jetzt noch kommen?!?! 😂🙈 Hut ab! Hätten meine Jungs eine bessere Woche erwischt, wäre es bestimmt auch (noch) netter gewesen. Spätestens nächstes oder übernächstes Jahr werden sie sich vermutlich ihre eigene Party einfordern 😱. Lg

  2. Ich kann nicht mehr – so gut, musste die Hälfte der Zeit beim Lesen laut lachen. Ich war auch letztens auf Frejas erstem Kindergeburtstag – da war sie grade zwei. Warum macht man sowas ???

    1. Ich habe KEINE AHNUNG!!! Die Kleinen drehen dabei ja eh alle frei – spätestens am nächsten Tag, wenn die Synapsen die Reizüberflutung verarbeiten müssen 😂.

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