November, lass uns reden!

Lieber November,

wir müssen reden. Es kann doch so nicht weitergehen. Es hat sich einiges verändert zwischen Dir und mir. Du gehst zu Ende. Wieder einmal. Und ich? Ich schaue auf Dich zurück mit einer Mischung aus Erleichterung – weil Du endlich vorbei bist – und Wut.

Wie habe ich Dich früher herbeigesehnt! Du warst mein Held. Unangefochten. Was waren die anderen Monate gegen Dich für Verlierertypen. Das Weichei von Wonnemonat beispielsweise – völlig überbewertet. Oder auch der letzte im Zwölferbund. Nur weil da so ein paar alte Männer mit roten Mützen rumlaufen oder blonde Lockenköpfe in Bettlaken gehüllt Harfe klimpern, fühlt der sich gleich mal als etwas Besseres. Pfff – Gelächter!

November-Wetter: Da scheucht man keinen Hund vor die Haustür – aber die AJs

November, Du warst immer ein krasser Underdog. Völlig unterschätzt. Erst, wer schon mal bei Nieselregen und ein paar Grad über Null am dämmerigen Nachmittag mit steifgefrorenen Gelenken durch die Haustür kommt, weiß doch erst zu schätzen, wie schön es zu Hause ist. Dank Dir! Für diese raue Herzlichkeit habe ich Dich immer geliebt. Und früher, früher hast Du zu meinem jährlichen Jubeltag sogar ab und zu mit Schnee aufgewartet. Und das in Bonn. Schnee in Bonn!? Alle in den 90ern und später Geborenen kennen das doch nur noch aus Großvaters Märchenstunde… Schlittenfahren am Geburtstag – ja, das hat’s gegeben. Später dann hast Du meine Pubertät in rockiger Schwermut ertränkt: „November Rain“ von Guns ‘n’ Roses war nicht ohne Grund die Hymne meiner Teenie-Jahre.

Nichts Besonderes mehr

Ach, November, wir hatten es doch so gut miteinander. Aber was ist aus uns geworden? Du bist wärmer geworden in den letzten Jahren, aber unser Verhältnis hat sich merklich abgekühlt. Seitdem meine eigenen Geburtstage von mir nur noch zur Kenntnis genommen, aber nicht mehr sehnlichst erwartet werden und mir schlaflose Nächte bereiten, hast Du Deinen USP verloren. Und seit ich Kinder habe, zeigst Du mir jedes Jahr eigentlich nichts anderes als Deine hässliche Fratze: Viren und Bakterien stehen ab dem Spätsommer Schlange und rasseln mit den Säbeln.

Während der Oktober oftmals noch ein Herz für arme Eltern hat und die Grenzen geschlossen bleiben, öffnest Du diesen niederträchtigen Heerschaaren bereitwillig Tür und Tor. Es gibt kein Entrinnen. Sie erwischen uns alle – früher oder später. Was soll das? Warum tust Du das? Jedes Jahr feiern diese marodierenden Keim-Kompanien unter Deinem nasskalten Deckmantel ihre kleinen und grossen Siege. Ja, da können wir noch so viel Vitamin D schlucken, Smoothies trinken oder Hände waschen. Wer einmal ein paar Tage am Stück von einem viralen Zwillingsgeschütz unter Dauerfeuer genommen wurde, dessen Immunsystem bröckelt irgendwann. Keine Chance.

Viren im Siegestaumel

Und so sitze ich hier am Küchentisch. Im Bademantel, weit nach Mittag. Umgeben von einem melancholischen Stillleben mit wenig glamourösen Protagonisten: Bananenschalen, Teebeutel und Taschentücher. Und während in meinem Magen eine grosse Party abgeht, gewinnen draussen die Nebelschwaden wieder die Oberhand. Ich höre es doch ganz eindeutig: Sie lachen über mich. Und zwar hämisch. Zusammen mit den Viren befinden sie sich im volltrunkenen Siegestaumel. Gibt ja auch etwas zu feiern: Sie haben mich wieder einmal besiegt.

Alle Jahre wieder im November: Home Office wider Willen

November, warum bist Du so gefühlskalt? Hast Du kein Mitleid? Nicht einmal mit uns, Eltern von drei Kindern ohne Großeltern oder andere potenzielle Betreuungsressourcen in der Hinterhand? Verfolgst Du einen Plan? Machst Du jetzt einen auf „November first“ und willst, dass das Jahr bald nur noch aus Novembern besteht? Geht es Dir ums Geld? Sollen wir Schutzzölle zahlen, damit Du eine Mauer baust, die die Seuchenwehr bewacht? Oder willst Du uns so lange knechten, dass wir Dir bald kraftlos zu Füssen liegen? Indem Du uns zunächst mit hustenden Kindern die Nächte perforierst wie damals, im berüchtigten Jahr 1 mit den AJs? Und dann noch eine Viren-Welle nach der nächsten gegen uns anrennen lässt? Was kommt als nächstes?

Rosenkrieg ohne Ehrgefühl

Weisst Du, November, ich verstehe ja, wenn Du Dich verletzt fühlst. Weil ich Dich nicht mehr so herbeisehne wie früher, Dich nicht mehr so glorifiziere wie vor 30 Jahren. Aber ich finde das, was Du nun seit nunmehr fünf Jahren mit uns machst, das ist schon ganz schön nachtragend. Das ist Rosenkrieg der untersten Schublade. Hast Du denn gar kein Ehrgefühl mehr?

Du und ich, das wird noch eine Weile so weitergehen. Wir können uns nicht trennen. Jedes Jahr werden wir uns treffen, immer für 30 Tage. Ich würde mich ja gern wieder mehr auf Dich freuen. Von daher, November, lass uns reden – allein schon wegen der Kinder!

Dein Tillmann

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