Ich bin die neben dem Kinderkarussell!

Ich freue mich, mitteilen zu können, dass ich nun Teilhaberin eines Fahrgeschäfts bin. In meiner dreijährigen Laufbahn als Zwillingsmutter müsste ich allmählich den Zeitpunkt erreicht haben, an dem ich zumindest anteilsmäßig die Besitzrechte an dem Kinderkarussell erworben habe, das dauerhaft in der hiesigen Innenstadt aufgebaut ist. Es kann sich nur um Tage handeln, bis der Eigentümer mir die Anteilsurkunde aushändigt.

Ich erinnere mich noch gut an die erste Fahrt der Kinder. Es war im Herbst letzten Jahres, die Jungs waren etwas älter als zwei Jahre. Zuvor hat der Helikopter in mir einfach zu viele Horrorszenarien in meinem inneren Kino abgespult: Panisches Kind steigt bei voller Fahrt aus dem Feuerwehrauto aus. Panisches Kind fällt bei voller Fahrt vom Motorrad. Panisches Kind stürzt bei voller Fahrt aus dem Hubschrauber – wobei sie den Hubschrauber zum Glück noch einige Monate ignoriert haben, nachdem ich meiner Angst ins Gesicht gesehen und grünes Licht für die Karussellfahrt gegeben habe.

Seite an Seite mit dem Vater

Irgendwann war ich dann so weit. Seite an Seite stand ich mit dem Zwillingspapa vor der mit Tausenden Lichtern blinkenden Vergnügungsmaschinerie. Die Kinder hockten mit glänzenden und leicht glasigen Augen hinter dem Lenkrad eines Traktors. Die kleinen Fäustchen umklammerten fest die Steuer, die der Kinderkarussell-Ingenieur in weiser Voraussicht an der Fahrer- UND an der Beifahrerseite installieren ließ. Möglicherweise war er ein Zwillingsvater.

Es hupte zwei Mal – mir als Kinderkarrusselfahrtsneuling erschien das Signal so laut wie bei einem Überseefrachter, der in den Hamburger Hafen Einfahrt hält. Das Fahrgeschäft setzte sich in Bewegung, gewann an Tempo und mir zuckte angesichts der forsch voranfahrenden Rennautos, Polizeifahrzeuge und Lastwagen kurz ein „Puh, das ist ganz schön schnell!“ durch den Kopf. Atme, Mutter, atme. Jeden Tag fahren unzählige Halblinge mit diesem Ungetüm, niemals ist mir ein Katastrophenfall zu Ohren gekommen.

Wie die Großen am Autoscooter

Meine Augen suchten die Gesichter meiner Kinder, die doch gerade eben noch Babys gewesen sind, die jetzt plötzlich schon in Autoscooter-Manier ihre Runden drehen. Die Mienen zeigten: blanke Freude. Ich sah, dass der Mann mich schmunzelnd von der Seite musterte. Wie anders als mit einem gezielten Hieb in seine Rippen sollte ich diesen Blick parieren?!

Die Jungs verheizten jeweils noch zwei Chips – eine unsterbliche Liebe war geboren, ein neuer Stern am Firmament der Herzen meiner Kinder aufgegangen: „Kokessell fahren!!!“ Und seitdem fahren wir Kokessell, das längst schon korrekt als Karussell ausgesprochen wird.

Letzte Anweisungen.

Die Mottoräder konnte ich ihnen eine ganze Zeit noch ausreden, zu kurz waren die Zwillingsbeinchen noch, und bei der Geschwindigkeitsrausch auslösenden Fahrt wären mir die beiden Beinchen-Inhaber sicherlich im Null-Komma-Nix von den heißen Öfen gekippt! Kopfkino lässt grüßen. In einer Übergangsphase habe ich irgendwann zwischen den beiden Mopeds gestanden und die beiden Vergnügungssüchtigen an der Jacke festgehalten – der Mann stand neben dem Karussell, ihm wird’s plümerant, wenn es sich so dreht. Aha.

Flatrate wäre praktisch

Seitdem haben die Zwillinge unzählige Kreis-Kilometer in der Innenstadt zurückgelegt. Zu besonderen Ereignissen wie dem Weihnachtsmarkt auch mal auf anderen Fahrgeschäften. Ich habe jedoch tatsächlich schon in Erwägung gezogen, dem Karussell-Betreiber eine Flatrate aus den Rippen zu leiern, so oft sind wir am Start.

Ihr findet es übertrieben, ständig Karussell zu fahren? Ich nicht, nicht so lange wir finanziell in der Lage sind, den Kindern diese Freude zu machen. Vermutlich fahren wir alle im Alltag viel zu wenig Karussell.

In diesem Winter hat sich meinen Söhnen dann ein weiterer lang gehegter Traum erfüllt: Eine Fahrt mit dem Flugzeugkarussell auf dem Weihnachtsmarkt! Genau, mit einer dieser Teufelsmaschinen, bei denen sich die kleinen Gondeln in schwindelerregende Höhe katapultieren, wenn die Kinder den Hebel ziehen. So die Kinder den Hebel denn ziehen.

Wie bei der Mondlandung

Schon bei der zweiten Fahrt zogen sie – und erneut hielt ich den Atem an. Die Jungs guckten wie Neil Armstrong bei der Mondlandung. Zumindest bin ich mir ziemlich sicher, dass er so geguckt haben muss. Ein ganzes Jahr haben sie diesem Moment entgegengefiebert, das Karussell ist nämlich erst ab drei Jahren zugelassen – was für ein Segen, so musste ich nicht lügen oder diskutieren.

Nun sind die Zwillinge also nicht mehr nur vom Geschwindigkeitsrausch, sondern auch vom Höhenfieber befallen. Und mir ist jetzt auch klar, warum die Glühweinbude direkt neben dem Kinderkarussell errichtet worden ist – die einen können sich aufwärmen, die anderen Mut antrinken.

Wo steht Euer Kinderkarussell?

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