Autofahren mit Kindern – wie Kuscheln mit einem Seeigel

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Früher bin ich ins Auto gestiegen und losgefahren: Tür auf, Popo auf den Sitz, Tür zu, Schlüssel ins Schloss, anschnallen, Schlüssel rumdrehen, losfahren, Ende des ersten Aktes. Vielleicht habe ich mich unterwegs mal aufgeregt, weil ich im Stau stand, weil ich alle Ampeln in rotem Zustand mitgenommen habe oder weil alle anderen so schlecht Auto gefahren sind – ist klar.

Joghurtreste im Haar

Seitdem ich Mutter bin, staune ich täglich darüber, zu welchen Anpassungsleistungen Menschen fähig sind. Schließlich wirst Du als Mama rund um die Uhr mit einem Ausmaß an Ausnahmezuständen geflutet, das seinesgleichen suchen. Ab und an tut sich eine winzig kleine Lücke auf, ich kann einen Schritt zurücktreten und aus der Distanz sehen, wie absurd mein Alltag oft  ist. Würde ich selbst nicht mit Joghurtresten im Haar mittendrin sitzen, wäre es zum Brüllen komisch.

Zum Brüllen ist mir beim Autofahren viel häufiger zumute, seitdem ich Mama bin. Als die Jungs klein waren, waren für eine Abfahrt logistische Vorkehrungen biblischen Ausmaßes notwenig. Wickeltasche, Schnuller, Babytragen, Breichen, Wechselklamotten, zwei Babyschalen, zwei Babys – wenn man dafür ein alltagstaugliches Konzept entwickelt hat, steht einem eigentlich die Ehrendoktorwürde in Planungsverfahren zu.

Schnullerverlust

Die Zwillinge waren weitgehend entspannte Beifahrer, sofern wir es mit der Reisedauer nicht übertrieben haben. Einstündige Touren haben sie gerne verschlafen, zumindest wenn freie Fahrt gewährleistet war. Längere Strecken haben wir anfangs vermieden. Das größte Problem war zumeist – wenn die Logistik geregelt war – der Schnullerverlust. Aber den konnte man noch relativ leicht ohne weitere Crew-Mitgliederbewältigen, indem man sich mit Blick auf die Fahrbahn am Schnullerband entlang tastete.

Als die Jungs mobiler wurden und nicht mehr in ihre Babyschalen passten, habe ich ein neues Logistiksystem entwickelt, um die Zwillinge aus der zweiten Etage intakt zum Auto zu transportieren. Beteiligt waren eine Zwillingsmutter, zwei Arme, zwei Kleinkinder, eine Rückentrage, ein Rucksack und Hunderte Liter Schweiß. Aber als Mutter schwitzt man ja ohnehin permanent – ob aus Nervosität, Anstrengung oder wegen der Hormone, irgendwas ist ja immer.

Zum Auto laufen

Dann brach die Zeit heran, in der die beiden Kinder, die ich geboren haben, eigenständig zum Auto zu gehen wünschten. Oder zur Haustür des Nachbarn, in den Garten des anderen Nachbarn oder Richtung Straße. Kleinkinder weht es ja gerne immer in genau die Himmelsrichtung, die nicht der Reiseroute der Mutter entspricht. Die Zerstreuung potenziert sich mit der Anzahl der Kinder.

Wenn Kinder im Auto einschlafen
Geduld kann so ermüdend sein…

Ich lernte, so etwas ähnliches wie Geduld zu entwickeln. Sich ins Auto setzen und losfahren – früher ein Akt, der keine drei Minuten in Anspruch nahm. Heute ein nachmittagfüllendes Programm. Nach Möglichkeit habe ich immer viel Puffer eingebaut. Wer weiß schließlich, wie lange es dauert, Zwillinge dazu zu überreden, sich wieder zurück auf ihre Autositze zu bewegen, nachdem sie hinter das Lenkrad geklettert sind?!

Heute reibungsloser

Mann, was habe ich Federn gelassen auf dem Weg zwischen Wohnung und Auto! Heute läuft es reibungsloser. In der Regel. Zumindest die Strecke bis zum Auto. Vor Ort finden wir allerdings reichlich Konfliktpotenzial. Die beliebteste Fehde der beiden Brüder: Wer darf hinter Mama sitzen?! Wie viele Tränen bei uns schon vor der Abfahrt geflossen sind?! Niemand vermag, das genau zu sagen.

Konflikt lösen

Irgendwann war ich es leid, das vorprogrammierte Theater zu ertragen und darauf zu warten, dass die Kinder alt genug sind, um das Prinzip „abwechselnd“ zu verinnerlichen. Ich entwickelte ein Subsystem. Ich besorgte zwei kleine Bilderrahmen mit Kunststoffscheiben – Safety first – und steckte jeweils das Foto eines Zwillings hinein.

Die Rahmen wurden auf den Kindersitzen platziert. Beim Einsteigen war klar, wer wo sitzen darf, das Bild wanderte in die Tasche des Vordersitzes und bei der Ankunft am Zielort wurde es auf den jeweils anderen Sitz gelegt. Erfolgsquote: 95 Prozent – ein unschlagbarer Schnitt.

Ich habe immer auf den Tag gewartet, an dem ich in eine Polizei-Kontrolle gerate und für eine verwirrte Neurotikerin gehalten werde, die mit Ersatzobjekten auf den Kindersitzen durch die Gegend fährt. Ich bin niemals in die Verlegenheit gekommen. Irgendwann war es einem Sohn nicht mehr so wichtig, wo er saß, Krise beendet.

Nervtöter Nuckel

Lange waren die Schnuller noch die totalen Nervtöter beim Autofahren. Meine Söhne sind nicht nur Doppelkinder, sie sind auch stets doppelt beschnullert: einer muss in die Schnute, mit dem anderen wird die Nase gestreichelt, wichtiges Ritual.

Ich weiß nicht, wie viele Verrenkungen ich mir schon bei dem Versuch zugezogen habe, abgestürzte Schnuller blind tastend auf dem Rücksitz oder im hinteren Fußraum zu suche! Schier ewig andauernd erscheinendes Gezeter, wenn ich alleine mit den Kindern unterwegs war und auf deren völliges Unverständnis stieß, wenn ich nicht in der Lage war, mich bei 120 Stundenkilometern auf der Autobahn umzudrehen und nach den ollen Dingern zu suchen!

Genug Streitpotential vorhanden

Die Schnuller sind wir tagsüber los, ein Segen! Gleicht Autofahren jetzt einer beschaulichen Lustangelegenheit, bei der alle fröhlich singen und ihre Stimme nur für ein begeistertes „Sieh mal, eine Kuh!“ erheben? An dieser Stelle bitte hysterisches Gelächter einfügen. Natürlich singen wir auch mal. Obwohl – das stimmt nicht so ganz, mir haben die Kinder das Singen strikt untersagt. Sie singen auch mal.

Das läuft so lange friedlich ab, bis einer nach Meinung des anderen falsch singt. Dann gleitet man in Brüllen ab. Oder wenn der eine Bruder unverschämterweise aus dem Fenster des anderen herausgeschaut hat! Wo kommen wir denn da hin?!

Der eine hat geguckt, der andere hat etwas Falsches gesagt, das Pferd stand auf der falschen Seite der Fahrbahn, der Teddy ist runtergefallen, man muss einen Konflikt kurzerhand mit Fäusten austragen, Mama hat nicht das richtige Hörspiel angemacht, der Bagger ist zu schnell aus dem Sichtfeld verschwunden, man ist zu müde zum Sitzen, die Sonnenblende soll ab, die Sonnenblende soll wieder dran – ach es gibt so viele gute Gründe für Hochleistungsgehörschutz.

Warum wird einem der eigentlich nicht feierlich bei der Geburt oder spätestens bei der Anmeldung des Nachwuchses beim Standesamt überreicht? Sinnvolle Geschenke können so simpel sein!

Sagt mir bitte, dass Ihr das Theater kennt!!!

11 Comments

  1. Ich kenns, bei uns sitzt noch die Baby Maus mit hinten. Die ist ruhig. Die beiden großen zoffen sich im Mützen, Nackenkissen, Musik und die ausgewählte Route. ..

  2. Ooooh jaaa, das kenne ich auch nur zu genau. “Wir” sind jetzt 5 und ich bin immer noch jeden Tag dankbar, wenn ich heile nach Hause komme und nicht unterwegs aufgrund akut einsetzenden Krieges mit Sirenengeheul einen Unfall gebaut habe. Zwischen 3 und 5 kommt dann noch die Sorge hinzu, a) die Jungs könnten sich unterwegs selbst abschnallen, um das runtergefallene, überlebensnotwendige Teil zu suchen, b) ob ich bei jedem Fahrtantritt die hinteren Fenster blockiert habe (ja, irgendwann fällt es mir schockartig auf), c) ob ich wohl genug und das Richtige für das leibliche Wohl der Herren für die Fahrt eingepackt habe…. to be continued… Ich frage mich immer, ob Mädchen oder Pärchen da harmonischer sind???🤔 LG, Vivien

  3. Ja sicher! Zwei Beispiele von dir sind auch bei uns an der Tagesordnung (und darüber hinaus noch etliche andere Dinge, die die Kinder im Auto zum Brüllen bringen):

    1.) Thema Sonnenschutz. Der hat hoch, dann will ich auch hoch. Nee, runter, Sonne blendet, aber dann sehe ich nichts,…

    2.) Thema Singen. Jedes Mal. Jedes Mal, wenn einer singt und nicht singen soll oder singt und falsch singt, geht das Gebrüll auf der anderen Seite los. Himmel Hergott!!!!

    Du bist nicht alleine!

  4. 😂
    So treffend! Überall das gleiche. Vor allem die Frage, wer wo sitzen/ was sehen/ mitsingen darf.
    Bei uns kommt noch der große Bruder zwischen den Mädels dazu. Also verbleibt nicht einmal mehr dieser kleine „Sicherheitsabstand“ zwischen den Kindern. Und auch mit dem großen Bruder kann man wunderbar streiten – nicht nur verbal…

  5. Meine Zwillinge sind erst 19 Monate alt und verhalten sich beim Autofahren noch erstaunlich kooperativ (wenn sie nicht gerade den Schnuller verloren haben oder der eine Zwilling dem anderen das Essen aus der Hand gerissen hat). Ganz im Gegensatz zur großen Schwester (4 Jahre). „Mama, guck mal, ich will dir was zeigen…jetzt guck doch endlich mal zu mir…Mama, dreh deinen Kopf mal nach hinten!“, sind derzeit beim Autofahren die häufigsten Sätze, gefolgt von einer Schreitirade, wenn ich der Bitte nicht Folge leiste, weil ich gerade im morgendlichen Stop-and-Go-Verkehr auf dem Weg zur Kita bin und nach Möglichkeit nicht meinem Vordermann drauffahren möchte. Weitere Gründe zum Schreien: Die Sonnenblende ist auf/zu, der Reißverschluss der Jacke ist zu weit oben/unten, die Hände können aufgrund des Gurtes nicht mehr in die Jackentaschen gesteckt werden, Mama parkt vor der Kita rückwärts statt- wie sonst immer- vorwärts ein.
    Man kann einfach nur verlieren.

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