Kann Kranksein manchmal auch ein Glücksfall sein?

Die Zeit zwischen den Jahren – das sind die Tage, so sagen die Menschen gerne – denen ein ganz besonderer Zauber inne wohnt. Dieser ganz besondere Zauber kam bei uns in Form einer Magen-Darm-Grippe – ich – und eines Fieberschubs bei einem der Söhne daher.

Ich glaube, ich erzähle hier niemandem etwas Ungewöhnliches. Wenn ich mich einmal in meinem Umfeld umhöre, beschleicht mich folgender Verdacht: Anscheinend haben sich aller Orts fiese Kita-Vira am letzten Tag vor den Ferien in den Beuteln mit der Wechselwäsche versteckt, die man zum Waschen mit nach Hause nimmt, um dann aus dem Hinterhalt in einem unbeobachteten Moment zuzuschlagen.

Nun liegt der Jahreswechsel schon einige Zeit zurück, trotzdem beschäftigt mich noch der Gedanke, dass die Infekte, die immerhin nur 50 Prozent der Familie dahingerafft haben, auch ihr Gutes hatten. Oder zumindest einen vorteilhaften Rahmen. Und ich neige nicht dazu, in allem jederzeit einen Sinn zu suchen, manche Dinge geschehen eben einfach – sie WIDERFAHREN uns, doch es liegt in unserer Kraft, wie wir ihnen begegnen.

Widerstand macht mürbe

Oft gehen ein Großteil das ätzenden Gefühls, des Frusts und der Verzweiflung nämlich nicht auf das Konto der Situation – Kind krank, Mama krank, Mama und Kind krank, etc. – sondern auf das unseres Widerstands dagegen. Wir wollen es nicht haben wie es ist, und das macht die ganze Sache noch schlimmer. Kenne ich aus eigener Erfahrung und auch mir gelingt es nicht immer sofort, buddhistisch-friedvoll Chaos und Katastrophen zu umarmen.

Gut, einem Magen-Darm-Infekt kann ich niemals etwas Gutes abgewinnen, egal, wie viel Raclette-Käse und Kekse ich an den Festtagen in mich hineingestopft habe. Meine Gesundheit wäre mir das Hüftgold wert gewesen. Jedoch bin ich froh, dass mich der gesundheitliche Horrortrip heimsuchte, als wir noch bei meinen Schwiegereltern zu Besuch waren.

Entspannter krank sein

Während ich deliriös im Dachgeschoss lag, ging in den Etagen unter mir das Leben weiter – ohne dass der Mann allein für die Kinderversorgung und das Unterhaltungsprogramm zuständig gewesen wäre. Er macht das prima, aber ich konnte mich doch wesentlich entspannter im Viren-Rausch treiben lassen, weil ich wusste, er hat Beistand und wir keine zusätzlichen Verpflichtungen und berufliche Termine.

Nachdem ich mein persönliches Horror-Detox beendet hatte, war ich noch einige Tage ganz schön wackelig auf den Beinen. Ich habe keine Ahnung, wie Kleinkinder es anstellen, aber in der Regel stecken sie Infekte weg, wie einen Mückenstich: Es juckt mal kurz, ist aber im nächsten Moment schon wieder vergessen und sie können weiter an den Regalen hochklettern und vom Schrank springen. Juchuh.

Wandelndes Fieberthermometer

Kurz vor Silvester wachte ich dann neben einem kleinen Heizkörper auf. Ist es nicht erstaunlich, wie man sich als Mutter binnen kürzester Zeit die Kompetenz erwirbt, mit der Handfläche an der Stirn eines Menschen bis auf die zweite Nachkommastelle genau dessen Körpertemperatur zu bemessen? Noch bevor wir das Fieberthermometer nicht wiedergefunden haben [das ist eine andere Geschichte] wusste ich: Dieses Kind fährt heute nicht mit zur großen Geburtstagsfeier seines Opas.

Natürlich gab es Tränen und Kummer – und einen schnellen Notfallplan. Der Patient und ich würden Zuhause bleiben, der Mann und der andere Zwilling an der Geburtstagssause teilnehmen. Ich verordnete mir und dem Kränkling einen Kinotag im Bett.

Spielen und Bildschirmzeit

Damit unser Alternativprogramm nicht gegen eine riesige Kuchenparty abstinkt, musste ich mir ganz schön was einfallen lassen. Ich drapierte Moskitonetze, Lichterketten, Tabletts und pädagogisch-unkorrekte Knabbereien rund um und über dem bettlägerigem Sohn. Wir glotzten [„Mama, warum dauert das so lange?“ – das Kind begann seinen ersten Film und brach nach 25 Minuten freiwillig ab], puzzelten, lasen Bücher, bauten Steckblumen-Flugzeuge und glotzten und puzzelten und lasen erneut. Bis nachts um 23.30 Uhr, weil das Fieberkind einen sehr späten Mittagsschlaf zur Genesung eingeschoben hatte.

Steckblumen-Arrangement.

Es war herrlich und gab uns genau das, was wir beide gebraucht hatten: Ruhe, Füße hochlegen, Zeit zu zweit, exklusives Kuscheln. Ich habe einen zusätzlichen Tag zum Ausruhen geschenkt bekommen, den ich all zu nötig hatte.

Das Beste rausgeholt

So waren unsere Krankheitsfälle zwar sicherlich nicht durchweg angenehm, aber irgendwie finde ich, dass wir alles in allem wirklich Glück hatten und das Beste daraus gemacht haben.

Kennst Du das, wenn es Dir gelingt, solche Begebenheiten aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten?

 

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