Die Schuld der Mütter – das schlechte Gewissen ist uns immer auf den Fersen

Gewissensbisse. Wenn all die gemeinen Zwickereien der fiesen inneren Stimme, die uns Mamas immer und immer wieder plagt, auch physisch an uns nagen würden, hätten wir alle wohl den Body-Mass-Index eines Mikado-Stäbchens.

Kommt das schlechte Gewissen der Mütter erst mit der Entbindung des Kindes [oder der Kinder] auf die Welt? Flutet es gemeinsam mit den Hormonen in der Schwangerschaft unseren Verstand, wenn wir uns dabei erwischen, wie wir ganz verstohlen innerlich die Augen über die Tritte des Ungeborenen verdrehen, obwohl uns die Medien doch alle suggerieren, dass wir im hellen Licht des Schwangerschafts-Glows im siebten Himmel zu schweben haben?

Virus aus Kindertagen?

Steckt das schlechte Gewissen vielleicht schon viel früher in uns, ist ein aus eigenen Kindertagen verschleppter Virus, der erst in der Mutterschaft so richtig zur vollen Entfaltung kommt? Oder ist es gar eine Mischung aus all dem?

Ich hab mal ein wenig darüber nachgedacht, woher unsere mütterlichen Schuldgefühle kommen. Denn, mal Hand aufs Mutterherz: Wie oft am Tag fühlen wir uns durchschnittlich kürzer oder länger schlecht, senken den giftigen Stachel der Kritik in unser Selbstwertgefühl? Wenn wir eins doch perfekt beherrschen, dann ist es die Härte gegen uns selbst – die Eine mehr, die Eine weniger.

Kommt Dir das bekannt vor?

Ich freu mich auf den Moment, in dem die Kita-Tür hinter mir zufällt. – Schlechtes Gewissen.

Ich gehe arbeiten. – Schlechtes Gewissen.

Ich gehe nicht arbeiten. – Schlechtes Gewissen.

Ich mache den Haushalt und bin nicht präsent genug. – Schlechtes Gewissen

Ich ignoriere den Haushalt. –Schlechtes Gewissen.

Ich fühle mich kraftlos. –Schlechtes Gewissen.

Ich bin müde. – Schlechtes Gewissen.

Ich bin genervt. – Schlechtes Gewissen.

Ich habe schlechte Laune. –Schlechtes Gewissen.

Ich lese etwas über Attachment Parenting. – Schlechtes Gewissen.

Ich lese nichts über … – Schlechtes Gewissen.

Erkennst Du Dich irgendwo darin wieder? Wenn nicht, Hut ab, Du darfst schonmal schaukeln gehen. Mit allen anderen denke ich weiter.

Innerer Antreiber und Co.

Wenn Du mal einen Blick darauf wirfst, wie Du generell mit Dir selbst sprichst, fällt Dir vielleicht auf, dass da in Dir nicht nur diese kleine fiese Stimme ist, sondern dass die sogar zu einer richtigen inneren Person passt. Darf ich vorstellen? Der innere Kritiker, der Antreiber, der Richter – welche Rolle auch immer passt. Vielleicht gehören die auch alle zu Deinem inneren Team.

Keine Sorge, mit Dir ist alles in bester Ordnung, es geht allen Menschen so. Denn wir werden geprägt von Erfahrungen – oft von schmerzhaften. Damit wir die so selten wie möglich wiederholen müssen, installiert unser System Schutzmechanismen. Dazu gehören diese Figuren. In einem Alter, in dem wir stark in der Abhängigkeit anderer Menschen standen, sind sie entstanden, damit wir uns angenommen fühlen. In der Kindheit.

Heute brauchen wir sie eigentlich nicht mehr, aber sie sind immer noch da, arbeiten wie ein Uhrwerk und schießen damit täglich über’s Ziel hinaus, wenn wir sie unbeaufsichtigt lassen. Aus ihnen resultiert zumeist das Gefühl, nicht genug zu sein, nicht genug zu leisten und dass es niemals reicht. Autsch.

Irgendwie logisch, dass diese Gestalten auch in unserem Mamaleben die Finger im Spiel haben und ordentlich ihre Parts ausspielen. Was hilft? Erst einmal Bewusstsein: Wer sind diese inneren Anteile? Wann werden sie stärker? Wie sprechen sie mit mir? Damit ist schon viel gewonnen, denn im Prinzip haben sie mit unseren Kindern viel gemeinsam: Sie möchte erstmal ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit. Das reicht, Du musst nicht dauerhaft nach ihrer Pfeife tanzen – also weder nach der Deines Kindes, noch nach der Deiner Antreiber.

Worauf konzentrierst Du Dich?
Fokus-Fehler

Fokus-Fehler klingt drastisch, ist aber eine tolle Zwischenüberschrift, das musst Du zugeben! Du kannst Dir auch mal die Frage stellen, wie präsent, wie anwesend Du in der gemeinsamen Zeit mit Deinem Kind wirklich bist.

Kinder möchten und brauchen Aufmerksamkeit. Ja. Aber nicht ununterbrochen und über alle Maße. Doch in regelmäßigen Momenten wollen sie uns zu 100 Prozent. Körperlich sitzen wir oft auf dem Spielteppich, mental tanzen wir über unsere To-do-Liste. Das merken genau zwei Betroffene: Dein Unterbewusstsein und Dein Kind.

Wenn es Dir gelingt, in dem Moment Deine Arbeit, Deine Aufgaben, Deine ungeputzten Fenster – die übrigens gut zu meinen passen und am Rande bemerkt ja eigentlich auch die ungeputzten Fenster unserer Partner sind – was auch immer, links liegen zu lassen und voll und ganz anwesend zu sein, fühlen sich alle Beteiligten besser und Dein schlechtes Gewissen hat Pause. Achte also darauf, worauf Dein Fokus liegt.

Prägungsproblem

Neulich habe ich bei Instagram die Story eines meiner Ausbilder verfolgt. Er war mit einem Freund im Urlaub, während seine Frau und seine Kinder zu Hause geblieben sind. Er ist beruflich unfassbar viel unterwegs, ist sehr erfolgreich, viel beschäftigt und nimmt eben obendrein immer noch kleine Auszeiten.

Sofort mäkelte etwas in mir los. Der ist aber ganz schön viel von zu Hause weg. Mimimi. Dann die Erkenntnis: Das geht genau zwei Menschen etwas an – ihn und seine Frau. Möglicherweise wird er für seine Entscheidungen kritisiert. Aber mir drängte sich ein Gedankenspiel auf: Was wäre, wenn diese erfolgreiche, vielbeschäftigte Person eine Frau wäre? Eine Mutter?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass man sie mit Fackeln und Mistgabeln jagen würde. Auch heute noch. 2019. Nach der der Aufklärung, den 1968-ern, nach Jahrzehnten des Feminismus und des Kampfs um die Gleichstellung. Verdammte Axt, ich komme nicht umhin, darüber echt ziemlich wütend zu werden.

Wir sprechen von gleichberechtigter Elternschaft, von Aufgaben- und Erziehungsteilung. Aber in der Realität des [deutschen] Familienalltags sieht es oft noch sehr anders aus. In den Köpfen erst recht.

Wehrlos gegen Einflüsse?

Meine Mutter hat immer gearbeitet. In den 1980-er Jahren gab es wesentlich unbequemere Elternzeit und -geldregelungen. Unabhängig davon hat sie ihren Beruf geliebt und es war für sie immer selbstverständlich, Mutter zu sein UND für ihre großen Ziele einzutreten. Ich bin ihr über alle Maße dankbar, dass sie das auch in mein Herz gelegt hat.

Und doch bin auch ich offenbar geprägt von einer Gesellschaft, in der Frauen augenscheinlich hauptsächlich für das Glück und Wohlergehen anderer verantwortlich sind. In der es als weiblich-heroisch und vollkommen selbstverständlich gilt, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse und Ziele zu Gunsten der Familie aufzugeben. Einer Gesellschaft, in der wahrscheinlich kaum ein einziger Mann jemals ein schlechtes Gewissen hatte, weil er berufstätig ist UND Vater.

Simone de Beauvoir, Emily Davison,Margarete Stokowski, Alice Schwarzer. So viele Frauen sind Wege für uns gegangen, haben Ruf und Ansehen riskiert, eingebüßt und gewonnen. Und trotzdem lassen uns archaische Vorstellungen augenscheinlich nicht los.

Kinder brauchen ihre Mutter. Ja. Und Kinder brauchen ihre Väter, ihre Bezugspersonen, ihr Dorf, Menschen, die sie lieben, respektieren, sie tragen, sie fliegen lassen und sie erden. Mutter sein ist ein grandioses Privileg, aber es ist nicht das Monopol für all diese Aufgaben!

Wenn Dein schlechtes Gewissen Dich das nächste mal zwickt und beißt, gib ihm diesen Text zu lesen und geh schaukeln. Das, was Du tagtäglich tust und leistest, ist genug. Mehr als genug. Du bist eine tolle Mutter, allein, weil Du Du bist.

One Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.