Ich bin explodiert – und trotzdem eine gute Mutter

Ich hatte heute etwas, das man wohl amtlich als ziemlich miesen Tag bezeichnen kann. Ich habe es heute direkt zwei Mal ordentlich krachen lassen und bin explodiert – in Gegenwart der Kinder, es sollen ja schließlich alle etwas davon haben.

Die erste Explosion gab es am Morgen. Die Jungs waren noch keine 20 Minuten, da hatten sie sich schon gegenseitig blaue Flecken und Kratzer beigebracht und sahen aus, als seien sie aus einer Raubtierattacke nur noch so gerade mit dem Leben davon gekommen. Sobald der eine etwas sagte oder den Blick auch nur in Richtung des Bruders wandte, brach schon das nächste Gewitter los – Geschwisterstreit eben, gibt’s auch bei Zwillingen.

Oft schaffe ich es, ruhig zu bleiben

Für gewöhnlich schaffe ich es oft ganz gut, diese Reibereien weg zu atmen. Die beiden Jungs stehen einander in Sachen ärgern, Krawall und Remmidemmi in nichts nach und wenn ich mich ständig einmische bringt das ungefähr so viel wie ein Tropfen Wasser um die Wüste zu fluten.

Heute morgen ist mir dann doch irgendwann der Kragen der geplatzt. Außer mir war niemand angezogen oder gewaschen, gefrühstückt hatten sie auch noch nicht, weil sie eben mit einem Zoff epischen Ausmaßes beschäftigt waren. Als ich die beiden in einander verkeilten Streithähne ungefähr zum fünften Mal getrennt habe, um sicher zu gehen, dass ihre Milchzähne auch tatsächlich auf natürlichem Weg ausfallen, hat es mir gereicht. Denn es war kein Ende in Sicht. Ich habe losgebrüllt und tatsächlich mit der flachen Hand auf die Arbeitsplatte gehauen. Aua.

Kindern Alternativen aufzeigen

Aber was predige ich den Kindern immer? Wenn ihr wütend seid, könnt ihr schreien – idealerweise in ein Kissen, aber da war keins – oder auf ein Kissen hauen – aber da war keins. Mann, war ich sauer und das hat sich nach Wochen des Zankens, der Schwangerschaftsübelkeit und -Müdigkeit seinen Weg gebahnt. Rumms.

Hat es etwas gebracht? Naja, der Schreck über meine plötzliche Lautstärke wirkt meistens etwas nach, weil ich in der Regel ziemlich ruhig bleibe. Aber ansonsten bringt es bei streitenden Vierjährigen natürlich in etwa genau so viel, wie an ihre Vernunft zu appellieren: so gut wie nix. Aber immerhin habe ich mir Luft gemacht und den Kindern auch erklärt, warum ich gerade so genervt bin.

Mit Müdigkeit kommt schlechte Laune

Durch den Nachmittag haben wir uns dann so durchlaviert, obwohl ich alte Taugenichts-Mutti keine Süßigkeitenbestände wie ein rheinländischer Karnevalsverein bei mir trug, was meine Söhnen natürlich unmöglich fanden und mich auch deutlich und oft wissen ließen.

Wenn die Energie schwindet, macht sie gerne der Nörgelei Platz. Und bringt ihre Kumpels Zoff, Krawall und Motzen mit. Ich bin dann zu doof, den einen Sohn richtig festzuhalten oder Schuld, wenn es mit dem Reißverschluss nicht klappt, darf aber weder helfen, noch das Kind anschauen, aber mich entfernen darf ich auch nicht.

Gefühle benennen und spiegeln

Also hab ich ab 16.45 Uhr wieder ordentlich kassiert. Ich habe geatmet, ich habe Gefühle benannt und gespiegelt („Du bist ganz schön wütend, das sehe ich.“) und freundlich erklärt, dass ich Ungeduld und Frust total verstehen kann, aber nicht gehauen werden möchte.

Als die Wuteinschläge immer dichter auf einandern folgten und ich gerade mal wieder eine Krise durchgestanden habe, weil ich nicht bereit war, das Abendessen beim Bäcker oder der Eisbude zu erwerben, sondern ganz spießig zu Hause Brote zu kredenzen gedachte, peilte ich langsam den Heimweg an. Die Kinder standen ja ohnehin nach eigener Aussage kurz vorm Hungertod.

Der war allerdings vergessen, als sie an der Baustelle kurz vor unserer Haustür einen Berg aus Asphalt- und Teerklumpen entdeckten. Der musste natürlich ausgiebig erklommen und bespielt werden – kann ich total nachvollziehen und sollte mir auch vollkommen recht sein. Ich parkte meinen Hintern auf einem Mäuerchen und kündigte für später eine ausgiebige Handwäsche an, weil ich keine Lust auf Teerflecken im Bett habe. Das fanden die Jungs okay. Zumindest so lange, bis ich alte gemeine Doof-Mama diese Abmachung später eingefordert habe.

Geteert und nicht gefedert.

Teerfreie Finger, ich alter Pingel! In erster Linie wollte ich verhindern, dass das Kindergarten-Freundebuch (Danke für nichts, liebes Vorschulmarketing!) ihres Spielkumpels hinterher aussieht wie eine gefleckte Kuh, doch das war den Zwillingen logischerweise ziemlich Schnuppe. Das Gemotze und Geschimpfe ging weiter – bis mir dann zum zweiten Mal an diesem Tag der Hut hochgegangen ist. „Jetzt bin ich es aber leid, ich bin hier doch nicht euer Fußabtreter, verdammte Hacke!“, habe ich gebrüllt, bin aus dem Badezimmer geschossen und habe zwei Türen zugeknallt. Rumms Bumms.

Authentisch sein – und es aushalten

Ich verrate euch was: Es gibt glanzvollere Tage in meiner Mama-Karriere und ich bin gewiss kein Freund davon, Kinder ständig laut anzugehen. Früher jedoch habe ich mich für solche Ausbrüche zerfleischt, wollte ich doch die stets einfühlsame, ruhige, verständnis- und huldvolle Mama sein. Eine Art emotionaler Zombie aus Utopia. Ich konnte es mir selbst aufgrund dieses vollkommen paradoxen Anspruchs kaum erlauben, mal lauter zu werden – es geschah natürlich trotzdem und ich geißelte mich innerlich dafür.

Heute ist das anders. Ich weiß, dass ich jeden Tag mein Bestes gebe. Das ist nicht das mögliche Höchstmaß und perfekt es vermutlich nie. Doch erfahren meine Söhne Empathie, beziehungsorientiertes Familienleben, Toleranz und tonnenweise Liebe. Und was predige ich ihnen, dass ihre Gefühle sein dürfen, wenn ich meine eigenen verdamme?

Drüber sprechen und sich entschuldigen

Was ich am allerwichtigsten finde nach solchen Situationen? Dass ich nicht beleidigend und verletzend werden und dass ich darüber spreche. Wir haben danach gemeinsam am Tisch gesessen, der Mann die Doppelkinder und ich. Ich habe erklärt, wie sehr ich mich geärgert habe und warum. Ich habe mich entschuldigt, dass ich sie mit meiner Lautstärke erschreckt habe und klar gemacht, dass ich mich zwar bemühe, es aber nicht immer schaffe, ruhig zu bleiben. Und dass es mich trifft, wenn ich so viel angemotzt werde.

Das war kein Monolog, den ich endlos breitgetreten habe. Drei Sätze. Eine Entschuldigung. Ein „Vertragen wir uns wieder?“, ein paar dicke Umarmungen und Küsse und ein friedliches ins Bett gehen und Einschlafen. Denn ich zeige und sage es meinen Kindern immer wieder: Ich habe euch lieb. Immer, immer. Auch wenn wir streiten und wütend auf einander sind. Und ich fühle, dass sie das wissen. Auch ohne perfekte Mama. Dafür mit einer, die echt ist.

9 Comments

  1. Das Nervenkarussell wird manchmal auch echt hart strapaziert.^^ Letztlich bringt Rumschreien überhaupt nichts – im Gegenteil – aber es kommt halt trotzdem mal vor. Wir sind halt auch nur Menschen, ne?

    1. Das Mittel meiner Wahl ist es definitiv nicht – obschon es manchmal schon etwas bringt: Dampf ablassen und die Kinder merken schon, dass es jetzt definitiv reicht. Trotzdem werde ich mich IMMER bemühen, andere Wege zu gehen und mir verzeihen, wenn es einmal nicht klappt. Ganz liebe Grüße!

  2. OOOOH so gut geschrieben. Mir passiert dies leider auch :-( und es tut mir im Nachhinein auch leid. Hab zudem „nur“ 1 Kind….das eigene Zerfleischen habe ich also noch nicht so gut im Griff wie du, aber ich gebe mir Mühe. Kann mich aber auch gut entschuldigen und erklären. Und unser „Spiel“ danach ist meistens: „Du weisst, dass ich dich IMMER lieb habe…. ich hab dich lieb, wenn du lachst, wenn du weinst, wenn du spielst, wenn du schläfst, wenn du isst, wenn du zankst, wenn du wütend bist, wenn du traurig bist, wenn du enttäuscht bist, wenn ich wütend bin, wenn ich genervt bin UUUUUND ich hab dich auch lieb, wenn du SÜRMELIG bist“ und da wird er ausgekitzelt, was er liebt. Er weiss, dass ich ihn IMMER lieb habe… und das lässt, die Ausrutscher verbaler Lautstärke für mich eher noch tolerieren.

    1. Liebe Daniela, ganz lieben Dank für deine Worte. Ich bin ja immer vorsichtig mit ‚“nur“ ein Kind‘, weil fest der Überzeugung bin, dass dieses eine Kind mich genauso auf die Palme bringen würde :-D Es ist wunderschön, was du deinem Kind danach sagst und total wichtig. Ich konzentriere mich nach solchen Momenten und Tagen immer darauf, wie es NORMALERWEISE bei uns ist: liebevoll, lustig, einfühlsam, verständnisvoll, respektvoll und so weiter. Das ist es doch, was uns als Mütter ausmacht, nicht diese kleinen Momente der Unvollkommenheit. Ganz viele liebe Grüße!

  3. Liebe Juli,

    ich sitze eigentlich im Büro und habe nur kurz meine Gedanken schweifen lassen, auf der Suche nach einer zündenden Idee, wie ich in unsere Morgenroutine mit Zähneputzen, Windeln wechseln und Anziehen neuen Schwung bringen kann. Denn es geht zur Zeit leider gar nicht mehr, es vergeht kein Start in den Tag mit nicht wenigstens einem Ausraster meinerseits, leider… Wir leben ein Familienleben mit vier mittelkleinen bis kleinen Kindern: einem Fast-Sechsjährigen, einem Gerade-Vierjährigen und zwei Anderthalbjährigen, unserem Zwillingspärchen :-) In gepflegter Regelmäßigkeit (also nahezu tagtäglich) befinden wir uns am Rande des Wahnsinns, es ist unglaublich viel Arbeit und unglaublich viel Spaß, beides auf einmal, gemischt mit allen Gefühlen, die das menschliche Herz so hergibt…
    So bin ich auf Deinen Blog gestoßen und habe ein bisschen quer gelesen, was in Deinem Leben so passiert. Und ganz ehrlich: Schon mit dem ersten Kind habe ich immer gesagt, dass es in den verzweifelsten Momenten mit Abstand keinen größeren Trost gibt als die Gewissheit, dass man nicht alleine ist mit dieser Verweiflung, dass es im Grunde allen gleich geht…
    In diesem Sinne: Du hast mir schon jetzt den Tag gerettet!
    Und wenn irgendwann mal endlich, endlich der 30-Stunden-Tag erfunden werden sollte, dann werde ich Deine Zeilen gerne intensiv weiterlesen. Bis dahin schaffe ich es aber trotzdem hoffentlich so dann und wann mal wieder…
    Ganz herzliche Grüße!
    Caro

    1. Hut ab, meine liebe Caro, so viele Kinder und trotzdem schreibst du vollständige Sätze :-D … Sarkasmus beiseite, ich ziehe gewaltig meinen Hut vor dir, so viele verschiedene Bedürfnisse irgendwie unter einen Hut zu bekommen, das ist echt der Hammer…und in der Regel meistens unmöglich. Ich bin gespannt, wie wir es zu fünft erleben werden, dann wird auch hier der Wahnsinn wieder ganz neue Ausmaße annehmen. Doch auch nach wie vor bin ich jeden Tag dankbar für andere Frauen, die offene Worte für ihr Familienchaos finden, denn das macht uns alle irgendwie stärker.

      Ganz viele liebe Grüße!

  4. Ich traue mich das mit meinem einem Kind gar nicht zu sagen, aber: Ich hasse es, laut zu werden und schäme mich jedes Mal furchtbar dafür, aber manchmal kann ich es einfach nicht mehr verhindern. Wenn die Nacht wieder kacke war (auch mit 4 Jahren immer noch ein großes Thema bei uns), ich auf jedes „Nein“, „gleich“, „warte bitte einen Moment“ oä nicht nur ein „Wääääääh“ zu hören bekomme, sondern auch beschimpft und/oder gehauen werde, komme ich meinen Grenzen schon mal gefährlich nahe. Wenn ich dem Piraten dann auch noch wirklich absolut gar nichts recht machen kann (Essen ist falsch, Trinken ist falsch, T-Shirt ist falsch etc), er dann einen Motzton wie ein ganz Großer an den Tag legt und dazu noch mit einer schier endlosen Energie auf dem Sofa herumhüpft, Bälle durch die Wohnung wirft und dabei zig Sachen umfallen oder sogar kaputt gehen, macht es irgendwann einfach „Peng“ und ich platze. Ich will das nicht, aber es geschieht einfach.

    Ebenso wie du, spreche ich später mit dem Piraten darüber, was mit mir passiert ist und wie es zu dem Ausbruch kommen konnte und entschuldige mich bei ihm für meinen Ton. Und ich nehme mir fest vor, das nächste Mal ruhiger zu bleiben, dabei weiß ich eigentlich genau, dass der Knall früher oder später wieder kommt. Es ist zum verrückt werden, grrr. Es beruhigt mich aber sehr, dass es nicht nur mir so geht, auch, wenn man mit Blick auf andere Mamas und ihre Geschichten oft den Eindruck gewinnt.

    Ganz liebe Grüße,
    Maike

    1. Hallo liebe Maike, ich garantiere dir, dass auch ich bei einem Kind laut werden würde! Das ist doch ganz normal und es ist viel zu viel von uns Mamas erwartet, immer ruhig und gelassen zu bleiben. Das kann kein Mensch – nicht einmal ein kinderloser!!! Ich weiß aber auch, welche Schamgefühle du meinst und wie weit sie verbreitet sind. Ich bereite gerade einen eigenen Artikel dazu vor, weil dieses Thema so unfassbar wichtig ist. Fühl dich umarmt, ich bin mir sicher, du bist eine großartige Piratenmama!!!

      1. Danke schön für deine lieben Worte, Juli. <3
        Ich glaube, diese Schamgefühle sind auch ganz natürlich. Auf der einen Seite hat man das Kind, von dem man weiß, dass es eigentlich absolut gar nichts dafür kann und selbst einfach viel zu viel mit sich selbst zu tun hat und auf der anderen Seite hat man die Gesellschaft, die sehr schnell damit ist, irgendwelche Etiketten zu verteilen.

        Dieses Gesellschaftsproblem haben wir auch erst kürzlich unter die Lupe genommen und uns gefragt, ob "Regretting Motherhood" nicht vielleicht sogar daher rührt. Zusätzlich haben wir uns ein paar betroffene Frauen mit an Bord geholt, die uns ein bisschen was über ihre Situation und ihre Gefühle erzählt haben und wir hoffen sehr, dass das alles sehr viele Menschen lesen und erkennen, dass der nervige erhobene Zeigefinger und das Schubladendenken mehr Schaden anrichtet, als dass es hilft.

        So und jetzt wünsche ich dir und deinen Lieben einen ganz wundervollen Sonntag,
        Maike

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