Lass Menschen auf den billigen Plätzen keine teure Meinung über dich haben

Vermutlich gibt es wenige Lebensbereiche und Zeiten, in denen wir mehr ungefragte Meinungen, kritische Äußerungen, blöde Kommentare, gut gemeinte Ratschläge und schmerzhafte Vorwürfe einsammeln, als in Eltern- und Schwangerschaft. Sobald wir eine Familie gründen oder gegründet haben, sind wir augenscheinlich öffentlich zum verbalen Abschuss freigegeben.

Es beginnt in der Schwangerschaft und endet – möglicherweise nie. Zumindest nicht, solange wir leben. Menschen erzählen uns, welches Geschlecht des Kindes sie aus unserer Bauchform herauslesen und gerne auch mal, ob das Resultat – Mädchen oder Junge – für unser Lebensglück zu- oder abträglich ist. Sie sagen uns, was wir essen dürfen und was nicht, welche Menge an Wasser wir in unserem Gewebe einlagern und wie viel Schlafmangel wir zu erdulden haben werden.

Alles Experten – außer uns

Unaufgefordert berichten sie uns, welche Entbehrungen das neue Leben mit sich bringen wird, ob es mit dem Stillen klappt, wann es Beikost geben und wie das Baby schlafen sollte. Wir bekommen den Eindruck, wir bewegen uns als einziger Idiot in einer Welt voller Experten.

Interessanterweise sind diese Experten in der Regel anscheinend oft seherisch veranlagt und haben ein besonderes drittes Auge für drohendes Unheil. Denn egal wie viele Kinder wir bekommen, bereits schon haben oder wie unsere Lebensumstände sind – es wird laut der zweibeinigen Orakel garantiert schrecklich, auslaugend und ein Tal des Jammers, durch das wir zu gehen haben.

„Es wird nicht besser, es wird nur anders“

Sollten wir nun die zarte Hoffnung hegen, dass es nach dem Wochenbett, der Babyzeit oder der Autonomiephase besser werden kann, haben wir uns definitiv zu früh gefreut. Denn, so der Tenor der Wissenden: Es wird nicht besser, es wird nur anders. Wartet mal ab, wenn die Schule anfängt. Oder die Pubertät. Oder Ausbildung und Studium. Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen.

Tja, so sieht es wohl aus: Es wird uns großes Ungemach und Verzweiflung vorausgesagt. Aber wenn wir dann denken, das sei jetzt das Ende der leidvollen Fahnenstange, dann können wir uns garantiert auf noch Schlimmeres einstellen. Ach ja, und Erziehung überhaupt… Meinen wir denn nicht, es sei angebracht, unseren Kindern mal mehr Grenzen aufzuzeigen? Sie zu lehren, endlich alleine einzuschlafen? Am Tisch sitzen zu bleiben, bis auch in Timbuktu der Letzte aufgegessen hat oder im Alter von zwei Jahren schon artig Danke zu sagen und sich zu entschuldigen?

Wie man´s macht, macht man´s falsch

Wir kennen das alle irgendwie, oder? Und doch können wir uns nicht entsinnen, wann wir die allgemeine Erlaubnis ausgesprochen haben, dass uns ab sofort jeder reinreden darf. Und dennoch geschieht es. Immer und immer wieder, egal, was wir tun. Betreuung ab dem ersten Geburtstag, drei Jahre Elternzeit – oder gar länger. Karriere trotz Kind oder die Familie in den Mittelpunkt stellen. Stoffwindeln mit schlechter Energiebilanz durch zu viele Waschgänge oder Wegwerf-Gewickele, das die Müllproblematik durch die Decke schießen wird, Frühförderung oder Spätschäden.

Im Prinzip ist es eigentlich egal, welche Entscheidungen wir treffen und was wir tun werden, es wird nicht möglich sein, es richtig oder allen recht zu machen. Es gab mal folgenden Spruch: Du kannst nicht von allen gemocht werden, du bist kein Glas Nutella. Aber selbst der greift nicht mehr, seitdem Veganismus im Mainstream angekommen ist und wir alle wissen, wie verheerend die Massenproduktion von Palmöl ist. Versteh mich nicht falsch, ich bin ein großer Fan von pflanzenbasierter Ernährung und Nachhaltigkeit. Aber ich entscheide und urteile für mich, nicht für und über andere.

Ungebetene Meinungen – und was diese mit uns machen

Doch das ist, was – zumindest sekundär und durch den Subtext – geschieht, wenn wir die ungefragten Meinungen anderer um die Ohren gepustet bekommen: Wir fühlen uns bewertet – und werden es auch – wenn auch unbeabsichtigt, weil unser Gegenüber sich über die Wirkung seiner Worte gar keine Gedanken macht. Er muss sie einfach loswerden, raus mit dem Senf, selbst wenn er scharf ist und brennt.

Warum das geschieht? Dazu fällt mir ein Sprichwort ein, das ich neulich schon mal in einer Insta-Story erwähnt habe: Was Paul über Peter sagt, sagt mehr über Paul als über Peter. Oftmals gilt das auch, wenn Paul nichts ÜBER, sondern ZU Peter sagt.

Ein Großteil der Menschen ist sehr bei sich. Leider nicht im meditativem, achtsamen Sinne, sondern indem diese Menschen sehr um sich selbst kreisen. Um die Bedeutsamkeit der eigenen Worte. Endlich mal gehört werden. Endlich mal wichtig sein, Einfluss nehmen und eine Rolle spielen. Sich größer machen als man sich innerlich fühlt. Mechanismen, die sie seit Verletzungen in Kindheitstagen mit sich in ihrem inneren Rucksack umhertragen, wirken lassen.

Genauso ist es, wenn Menschen fiese Dinge zu oder über einen sagen. Oder Dinge fies formulieren. Das hat viel weniger mit uns zu tun als mit diesen Menschen selbst. Verletzte Menschen verletzen Menschen. Noch so ein Spruch, der sich trotz hoher Zitier-Frequenz nicht abnutzt.

Was wir tun können

Treffen uns Worte, nerven uns Belehrungen und gut gemeinte, unerbetene Ratschläge deswegen weniger? Vielleicht nicht im ersten Moment. Doch müssen wir uns wirklich nicht jeden Schuh anziehen. Wir dürfen prüfen, hinterfragen, abwägen, ob wir damit arbeiten wollen oder nicht. Ob die Aussagen unseres Gegenüber überhaupt der Wirklichkeit entsprechen. Und wir können uns fragen, wie viel uns das Gesagte, und wie es ausgesprochen wurde, über den anderen erzählt.

Das nimmt harten Worten die Wucht. Gibt uns die Macht über unsere Gefühle zurück und damit letztendlich auch Sicherheit und Frieden. Die Frage ist ja auch immer, von wem kommen diese Worte und welche Rolle spielt dieser Mensch in unserem Leben? Wie viel Einfluss wollen wir ihm zugestehen.

Konstruktive Kritik, gute Kommunikation und Austausch können uns und zwischenmenschliche Beziehungen enorm wachsen lassen. Aber wenn jemand ungefragt eine Ladung Mist vor unserer Tür ablädt, ist es an uns, die Annahme zu verweigern. Oder damit unser Blumenbeet zu düngen. Indem wir uns auf uns und unsere Stärken, auf das Gute in unserem Leben konzentrieren.

4 Comments

  1. Danke für die wahren Worte. Im Grunde erzählen diese Leute tatsächlich nur von sich selbst, wenn sie einen Ratschlag geben. Selten ist es wirklich als Hilfe gemeint, denn dazu müsste man die Situation erstmal ehrlich reflektieren und einsehen, dass sich das eigene Leben nicht auf das des anderen übertragen lässt.

  2. Und wieder ein so toller Text, der so gut geschrieben ist und der Wahrheit entspricht.
    Die Zitate, die du hinzugefügt hast runden das Ganze nochmal perfekt ab. DANKE, dass du das alles aussprichst, was viele unerfahrene und evtl. unsichere Frauen denken und fühlen. Ich gehöre ebenfalls dazu.

    Ich liebe deinen Schreibstil!!!

    Mach weiter so ❤
    LG

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