Keiner mag Heulsusen – so reden wir unsere Kinder und uns selbst klein

Die Art und Weise, wie mit uns gesprochen wurde, als wir Kinder waren, ist im Laufe unserer Entwicklung zu einem Teil unserer inneren Stimme geworden. Die Geschichte unserer inneren Antreiber und Fürsprecher ist ziemlich komplex, aber das, was wir als Kinder oft über uns gehört haben und wie mit uns gesprochen wurde, prägt ungemein.

Vermutlich hat jeder Mensch ein mehr oder weniger großes Thema mit seinem inneren Team – also den Anteilen, die auf ihn einwirken – und glücklicherweise gibt es dort zum einen auch sehr positive Anteile. Darüber hinaus können wir aber auch noch im Erwachsenenalter Einfluss auf die Stimmen nehmen, die uns durch den Tag begleiten. Diese Arbeit ist fester Bestandteil unserer Coachings, kommt aber auch in der Psychotherapie sehr viel zum Einsatz.

Wir müssen nicht immer total bewusst sein

Manchmal passiert es quasi nebenbei, dass wir unsere Kinder prägen – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Denn nicht immer sind wir uns der Dinge bewusst, die wir sagen. Nicht immer ist uns unser Verhalten als Mama total klar und präsent. Das ist auch nicht schlimm, alles andere würde uns total verrückt machen.

Trotzdem dürfen wir uns in einem gesunden Maße immer mal wieder vor Augen führen, was wir unseren Kindern mit auf den Weg in ihr Leben geben. Neulich auf dem Spielplatz habe ich gleich mehrere Situationen beobachtet, die ich für die Kinder, die beteiligt waren, nicht so richtig optimal fand. Um eines mal vorwegzunehmen: Ich habe natürlich überhaupt keine Ahnung, was sonst an diesem Tag in den Familien los war, wie die alltägliche Kommunikation und Beziehung ist.

Wir sehen meistens nur Momentaufnahmen und Lebensausschnitte und werden selbst oft genug nur in solchen beobachtet. Heißt: Das muss gar nichts über die Eltern-Kind-Beziehung und die Beziehungsqualität innerhalb der Familien aussagen. Ich möchte auch nicht, dass hier der Eindruck entsteht, dass ich mich wertend und beurteilend über diese Eltern und Großeltern stelle. Das steht mir nicht zu und auch ich bin nur ein Mensch, der gelegentlich Dinge zu seinen Kindern sagt, bei denen andere sich sicherlich „Autsch“ denken. Passiert leider.

Jedem rutscht mal ein blöder Spruch raus

Doch die Situationen, die ich gesehen, die Sätze, die ich gehört habe, haben mich nachdenklich gemacht. Weil sie Kindern ihre Gefühle absprechen und weil sie sich zum Teil sehr geringschätzend angehört haben. Kein inneres Kind fällt in den Brunnen, wenn uns Mamas (oder Papas) mal ein blöder Spruch herausrutscht.

Hören unsere Söhne und Töchter aber immer und immer wieder in gewissen Situationen, das „doch gar nichts passiert ist“, obwohl sie gestürzt sind, sich erschreckt haben oder fürchten, wird das etwas mit ihrer Selbstwahrnehmung, dem Zugang zu ihren Gefühlen und ihrem Selbstwertgefühl machen. Denn die Botschaft dahinter ist: Dein Gefühl und dein Verhalten sind nicht richtig.

Manchmal müssen Kinder einfach getragen werden.

Genauso wenig förderlich ist es für den Selbstwert eines müden Kleinkindes, das nicht alleine aufstehen möchte, zu hören, dass niemand „solche Heulsusen mag“. Aua. Es tut mir in der Seele weh, sowas zu hören. Insbesondere, wenn ich auf den schwierigen Weg blicke, den ich von meinen Coaching-Klientinnen kenne, besser auf sich, den eigenen Körper, Gefühle, Bedürfnisse und Erschöpfung zu reagieren. Und auch auf meine eigene Geschichte damit, die es mir selbst jahrelang nicht erlaubt hat, mich zu schonen und auszuruhen.

Schwäche ist menschlich, kein Makel

Wenn ich müde bin und Unterstützung brauche, bin ich also eine Heulsuse. Und die mag niemand. Doof. Denn wir alle tragen in uns den sehnlichen Wunsch, angenommen und geliebt zu werden. Insbesondere Kinder, weil ihr Überleben davon abhängig ist. Dieser Wunsch ist zutiefst natürlich. Er ist das, was uns Menschen ausmacht: Liebe, Miteinander, Gemeinschaft.

Vielleicht mag niemand Heulsusen. Dauer-Heulsusen. Doch steckt nicht selten hinter einem extremen Verhalten der Wunsch danach, endlich gesehen zu werden, weil das Kind, das dieser Mensch irgendwann einmal war, schon nicht gesehen wurde. Ich mag Heulsusen. Ich bin selbst manchmal eine. Und wenn ich mich dann bei jemandem ausheulen durfte, der voller Verständnis und Mitgefühl war, bin ich wieder stark fröhlich und glücklich. Und unsere Beziehung ist obendrein noch gewachsen – besser geht’s nicht.

Im Podcast vertiefe ich das Thema noch etwas und nenne ein paar Alternativen, wie wir stattdessen mit Kindern kommunizieren können.

2 Comments

  1. Ich erwische mich leider auch hin und wieder dabei, wie ich etwas sage, das absolut doof ist und meinem Piraten Unrecht tut. Ich wünschte, es wäre anders und dass ich mit Extremen, die Kinder manchmal mit sich bringen, gelassener und vorbildlicher umgehen würde. Oft klappt das und dann kommt sie doch wieder, die Situation, die zu viel war. Es ist aber auch zum Mäuse melken.

    Ganz liebe Grüße und bis zum nächsten Mal,
    Maike von MitohneMaske

    1. Hey Maike, so geht es uns doch ALLEN hin und wieder. Und genau das macht es aus: hin und wieder. Und wir sind uns dessen bewusst, wir reflektieren es, können uns entschuldigen und erklären und benutzen es nicht unbedacht oder als Mittel der Wahl. Ich bin mir ziemlich sicher, du bist völlig vorbildlich und gelassen genug!!! :-)
      Ganz viele liebe Grüße!

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