Warum schämen wir uns für unsere Gefühlsausbrüche?

Es ist 16.45 Uhr, der Nachmittag ist noch nicht vorbei genug, um ein Abend zu werden. Der Küchenfußboden ist noch nicht verklebt und ausreichend mit Krümeln bedeckt, um eine Kernsanierung zu rechtfertigen, aber wohl fühle ich mich hier auch nicht mehr. Meine Geduld ist in einer Verfassung wie um 22.30 Uhr abends – jede Tätigkeit mit einem Anspruch, der auch nur annähernd komplexer ist als einfach nur in die Hände zu klatschen, würde mich dann um den Verstand bringen – aber da sind noch zwei knapp Vierjährige, die auf meinen bis zum Zerreißen angespannten Nerven Samba tanzen.

Diese Nachmittage kennst du, oder? Vielleicht sind es auch Abende, an denen du schon seit anderthalb Stunden in den Schlaf begleitest oder das fünfte Mal in dieser Woche mit kindlichen Verwünschungen belegt wirst, weil du so etwas Aberwitziges wie Zähneputzen von deinem Sprössling verlangst. Du Arschlochmama! Du kannst es auch einen Morgen sein lassen, an dem du von vorneherein alles falsch gemacht hast: falsch geweckt, falsches Frühstück, falsches Frühstück falsch durchgeschnitten.

Und dann ist da dieser eine Moment, in dem du explodierst

An sehr, sehr vielen Tagen – ich wage zu behaupten an den allermeisten – steckst du das irgendwie weg. Veratmest zwar längst keine Wehen mehr, aber die Gefühlsstürme deines Kinder oder deiner Kinder und den dazugehörigen Lautstärkepegel. Dann ist da dieser eine Nachmittag. Oder Abend. Oder Morgen. Und dann platzt du.

Irgendwas in deinem Kopf setzt aus, du erhebst die Stimme, wirst laut, motzt rum, schmeißt ein Kissen wütend durch die Wohnung [ich finde, alles ist besser zu schmeißen als ein Kind, auch wenn uns allen zuweilen mal danach ist, glaub mir]. Und dann? Dann steigt sie in dir auf, von ganz tief unten, brennend und kriechend: die Scham. Du schämst dich dafür, wie dir nur sowas passieren konnte.

Versteh mich nicht falsch, ich spreche hier nicht von Gewalt und seelischem Dauerterror oder Repression als Erziehungsmittel der Wahl. Ich spreche von den Momenten, in denen wir einfach mal laut werden. Weil es uns reicht. Weil wir wütend und genervt sind. Weil wir müde sind. Weil wir nicht mehr können.

Wir brauchen uns nicht zu schämen!

Warum schämen wir uns dafür? Wir zeigen uns, zeigen unsere Gefühle. Es ist nichts passiert. Idealerweise haben wir gerufen „Ich bin genervt“ und nicht „Du nervst“, wir haben uns danach kurz erklärt und uns alle schnell geherzt und gedrückt.

Wo steht eigentlich geschrieben, dass Mütter immer nur sanftmütig, voller Geduld und Freude sein dürfen? Also, ich meine wo noch, außer in unseren Köpfen und in der Margarine-Werbung?

Viele von uns sind jeden Tag so bestrebt, unsere Kinder ihre Gefühle fühlen zu lassen, sie nicht für Wut, Frust und Enttäuschung zu bestrafen, um sie seelisch stark und gesund zu machen. Aber warum können wir nicht so liebevoll und wohlwollend zu uns selbst sein?

Es ist schwierig hier eine pauschale Antwort auf ein sehr komplexes Thema zu liefern. Schuldgefühle und Scham können unterschiedlichen Ursprungs sein. Einer davon allerdings kann in unserer eigenen Erziehung begründet liegen.

Sei wohlwollend und liebevoll zu dir selbst!
Aggressionen konstruktiv kanalisieren, statt zu verbieten

Ist es ein Zufall, dass insbesondere wir Frauen uns meistens dafür schämen, wenn wir laut werden, wenn wir rumbrüllen und so richtig aus der Haut fahren? Hand aufs Herz, die meisten von uns würden doch am liebsten im Boden versinken, selbst wenn uns das vor Erwachsenen passiert!

Wie sollten denn Mädchen – insbesondere früher – idealerweise sein? Ruhig. Lieb. Freundlich. Bescheiden. Sanft. Jegliche Form von Aggression ist ein Tabu. Nicht nur für Mädchen, auch für viele Jungen. Und damit meine ich nicht die extremen Arten der Aggression, die andere Menschen verletzen. Aggression gehört zu jedem Menschen dazu und es liegt an den Bindungspersonen, Kindern zu zeigen, wie man sie konstruktiv kanalisieren kann. Man kann sie aber auch einfach verbieten. Bestrafen. Durch Ablehnung, Liebesentzug, Verbannung aus der Gruppe. Geringschätzung und Beleidigung. Aber lernen wir dann, gut mit einem vollkommen natürlichen Gefühl umzugehen, ohne das kein Mensch überleben könnte?

Nein, wir lernen, dass es verboten ist, wütend zu sein, mal laut zu werden, Grenzen zu verspüren und sich Luft zu machen. Und wir schämen uns, wenn es trotzdem passiert. Weil wir so ja nie sein sollten und deshalb auch heute nicht mehr sein wollen. Obwohl auch diese Seiten zu uns gehören.

Den Gefühlen Luft verschaffen und darüber reden

Was spricht dagegen, sich mal Luft zu machen, ohne jemand anderen körperlich oder seelisch zu verletzen? Was spricht dagegen, wenn wir danach sagen, dass uns der Ton leidtut, wir aber eben einfach gerade nicht mehr konnten? Was spricht dagegen, uns so zu zeigen?

All diese Gefühle, die wir oft als schlecht und nicht wünschenswert beurteilen, sind menschlich und gehören zu uns. Die kriegen wir nicht weg. Weil wir ohne sie nicht leben könnten. So oft höre ich: „Laut werden nutzt nichts.“ Sicherlich nutzt es nichts, Geschrei und Gebrüll als bewusstes, bevorzugtes Erziehungsmittel einzusetzen. Aber es nutzt sehr wohl etwas, seinen Gefühlen Luft zu verschaffen. Gefühlen, die zu uns gehören und ganz natürlich sind. Gefühle, die viel, viel explosionsartiger werden, wenn wir immer versuchen, den Deckel draufzuhalten.

Oft ist unsere eigene Geschichte damit verknüpft, wenn wir uns für unsere Gefühle schämen. Weil uns irgendjemand beigebracht hat, dass wir so nicht richtig sind. Frauen müssen nicht so sein wie in der Margarine-Werbung. Wir müssen nicht immer ruhig sein und lächeln. Wir dürfen uns Luft machen! Es geht nicht darum, emotional wie die Axt im Walde zu wüten, ich glaube, das ist klar. Aber unsere Gefühle gehören zu uns, sie zu akzeptieren bedeutet ein großes Stück Selbstliebe.

6 Comments

  1. Liebe Juli,auch ich habe mich das schon sehr oft gefragt!
    Meine Erklärung dafür ist ganz simpel:ich durfte die negativen Emotionen als Kind nicht ausleben und mein Kind triggert diese bei mir enorm.
    Es ist nicht einfach und oft heule ich derzeit,weil ich denke „das halte ich nicht aus“,aber nach dem Schmerz kommt Heilung,ganz bestimmt😘

    Lg Miri

    1. Liebe Miri, du bringst es auf den Punkt: Die Wurzeln liegen in unserer eigenen Biografie. Das ist zwar manchmal schmerzhaft, aber auch positiv, denn WIR können selbst ansetzen und handeln. Viele liebe Grüße!!!

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