Wenn die Familie wächst: Der weiße Fleck auf meiner Mama-Landkarte

Es gibt einen weißen Fleck auf meiner inneren Mama-Landkarte. Einen weißen Fleck, der irgendwie obendrein auch noch etwas schräg ist. Bewusst geworden ist er mir so richtig erst in den letzten Tagen. Vielleicht auch Wochen.

Zuvor war es einfach noch zu früh in der Schwangerschaft. Der Geburtstermin zu weit weg. Ein drittes Kind zu unfassbar für meine Vorstellungskraft. Ich war anfangs in weiten Teilen beschwingt. So beschwingt es sich eben mit Schwangerschaftsübelkeit, hormonell bedingter Geruchsempfindlichkeit und unendlicher Müdigkeit sein lässt.

Das dritte Kind und trotzdem alles neu

Ein drittes Kind? Schaffen wir. Gar kein Problem. Ein Spaziergang wird das. Ein Spaziergang, bei dem man – anders als bei den Zwillingen – nicht immer Panik haben muss, dass das zweite Kind gleich auch unaufhaltsam losbrüllt, aber nicht ins Tragetuch kann, weil da schon eines hängt.

Der Bauch wächst – und damit auch so manche Sorge.

Jetzt ist da dieser weiße Fleck. Der macht, dass mir manchmal etwas mulmig zu Mute wird. Wenn ich nachts nach dem zigsten Toilettenbesuch nicht mehr einschlafen kann. Wenn die beiden Jungs mir die volle Schlagkraft ihrer Emotionalität demonstrieren und wir bereits morgens um 7.45 Uhr alle drei in Tränen ausbrechen. Wenn ich mich schlapp und müde und überfordert fühle.

Mehrfach-Eltern von Beginn an und dennoch bleibt die Ungewissheit

Mir wird in solchen Momente mittlerweile sehr bewusst, dass ich zwar vom ersten Atemzug meines Mutterlebens an damit vertraut werden konnte, wie es ist, für zwei Kinder da zu sein. Etwas anderes kenne ich nicht. Bedürfnisse aufteilen. Hin und wieder zerrissen sein. Auf dem Spielplatz von links nach rechts hechten und immer binnen Sekunden abwägen, wer gerade in größerer Lebensgefahr schweben könnte.

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Ressourcen aufteilen. Smarties aufteilen. Aufmerksamkeit aufteilen. Gelingt mal besser und mal mittelmäßig. Aber damit bin ich vertraut. Es ist mein natürlicher mütterlicher Aggregatzustand von Anfang an. So anstrengend das war und manchmal immer noch ist, der Mann und ich waren uns ziemlich schnell einig, dass wir unterm Strich total dankbar sind, direkt als zweifache Eltern gestartet zu sein. Das hat uns in vielerlei Hinsicht zum Pragmatismus gezwungen. Aufgaben aufteilen. Kinder aufteilen. Schlafenszeiten aufteilen.

Multitasking seit der 1. Stunde des Elternseins

So sehr ich es manchmal betrauert habe, dass ich niemals in meinem Mama-Dasein nur um ein Kind kreisen konnte, so habe ich doch schon viel früher lernen müssen dürfen, dass ich nicht immer alles alleine schaffen kann. Der Mann und ich sind uns ziemlich einig darüber, dass er mit einem Einling als Startkind vermutlich ziemlich wenig zu tun gehabt hätte. Ich hätte ihn wohl viel weniger gelassen. Ich alte Löwenmama.

Mehrfach-Eltern, das Spielfeld ist uns vertraut. Doch welche Regeln und Naturgesetze greifen, wenn ein Kind dazukommt? Wenn die kindlichen Bedürfnisse, die es im Alltag zu vereinbaren gilt, unterschiedliche Altersklassen haben? Welche Pässe spielt man, wenn zwei Vierjährige morgens in die Totalverweigerung gehen und obendrein noch ein Säugling an die Brust will? Wie ist es um meine Geduld bestellt, wenn die großen Jungs einander gegenseitig mit Holzschwertern malträtieren oder emotional auf die Schnelle zusammenbrechen, weil die Leberwurst leer ist und ich nachts nur zwei Stunden geschlafen habe, weil das Baby zahnt?

Wir werden uns als Familie neu sortieren

Ich habe nicht den leisesten Schimmer. Ich kann nur darauf Vertrauen, dass die Schöpfung derartige Konstellationen vorsieht. Dass dieser Prozess ganz natürlich ist. Dass viele andere Eltern diesen Weg vor uns beschritten haben. Dass aus dem Chaos neue Galaxien geboren werden, in denen am Ende alles seinen Platz hat.

Gehen müssen wir als Familie diesen Weg letztendlich selbst. Unausweichlich. An manchen Tagen wahrscheinlich mit weichen Knien und dem Herz in der Hose. Aber wir werden ihn gehen. Wir werden uns neu sortieren. Vielleicht mal stolpern oder falsch abbiegen. Umwege nehmen, die Richtung verlieren und wiederfinden. Und gemeinsam daran wachsen. Gemeinsam den weißen Fleck farbig malen.

One Comment

  1. Liebe Juli,

    ich habe zwar „nur“ Zwillinge, aber ich kann deine Gedanken sehr gut nachvollziehen und anders als du, habe ich genau deswegen nicht den Mut gehabt noch ein drittes Kind zu bekommen. Aber viel toller ist es, dass DU diesen Mut hast und dass du ein weiteres Abenteuer wagst! Ich finde das großartig! Und dann erzählst du mir bitte, wie anders es ist, wenn man nur EIN Kind hat (natürlich nur, während die anderen in der Kita sind ;-))

    Ich bin mir aus folgenden Gründen völlig sicher, dass ihr das alles genau richtig macht:
    1.) Diesmal weißt du, was dich erwartet. Du kennst dich nicht nur mit Gefühlsstärke aus, sondern sogar mit Gefühlsstärke im Doppelpack! Das kann ja beim nächsten Kind nur ein Durchmarsch werden ;-)
    2.) Ihr habt schon zwei günstige Babysitter – warte mal ein paar Jahre ab, dann werden sich die Großen mit dem Kleinen beschäftigen, während ihr zwei gemütlich Abendessen geht :-)
    3.) Manchmal braucht es für das optimale Ergebnis einfach ein weiteres Familienmitglied. Was, wenn der kleine Winzling euer aktuelles Gefüge nicht durcheinander bringt, sondern für mehr Ordnung, mehr Stabilität und mehr Ruhe sorgt? Dieser Gedanke ist durchaus im Rahmen des Möglichen, denn ich habe schon mehr als einmal gehört, dass ein weiteres Kind gebraucht wurde, um alles irgendwie „natürlicher“ zu machen.

    Ich bin auf jeden Fall riesig gespannt, was du erzählen wirst, und bis dahin wünsche ich dir weiterhin ein gutes Durchhaltevermögen mit deinen drei Jungs Zuhause und dem kleinen Kerl in deinem Bauch!

    Alles Liebe,
    Sara

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