Triggerpunkte – wenn Kinder den Finger in unsere Wunden legen

Ich glaube, mit den Begriffen „Trigger“, „Triggerpunkte“ und „triggern“ konnten bis vor ein paar Jahren noch viel, viel weniger Menschen etwas anfangen. Menschen in psychologischen und sozialen Berufen – okay, denen werden sie ein Begriff gewesen sein. Vermutlich auch Menschen, die selbst schon Therapie- oder Coachingerfahrung haben. Aber die breite Masse? Die wird sich vielleicht gefragt haben, was es denn nun mit diesen Hebeln und allem drumherum auf sich hat.

Heute kommt der Begriff Trigger meines Erachtens immer mehr im Mainstream an. Im allgemeinen Wissen und Sprachgebrauch. Und auch im Elternleben. Das ist gut so. Denn wenn das Wissen um diese inneren Mechanismen, um die Hebel, die gewisse Prozesse in uns auslösen, weitverbreitet sind, spricht das dafür, dass sich immer mehr Menschen mit der eigenen Persönlichkeit und Seele auseinandersetzen.

Niemand trifft uns so sehr im Inneren wie unsere Kinder

Spätestens, wenn man Eltern geworden ist, machen wir höchstpersönlich Bekanntschaft mit Triggern und Triggerpunkten. Selbst, wenn wir die Wörter dafür nicht kennen sollten, wir alle kennen die Wirkung. Unser Kind scheint mit seinem Verhalten ganz bestimmte Knöpfe in uns zu drücken, den Finger auf wunde seelische Stellen und Narben zu legen, zielsicher den Nerv zu treffen, der an diesem Tag unser letzter ist.

Kawumm, wir gehen an die Decke, fühlen uns intensiv berührt, persönlich angegriffen oder können bestimmtes Verhalten kaum oder gar nicht ertragen. Hallo, da drückt ein Mensch unsere Hebel. Das passiert oft auch kinderlos, einfach in der Begegnung mit anderen Menschen, doch vermag keiner von denen so tief in unser Innerstes einzudringen wie unsere Kinder. Weil uns niemand so nahe steht. Weil uns niemand so am Herzen liegt. Weil niemand so tief mit uns verbunden ist. Weil niemand sonst noch so mit seinem eigenen Gespür, mit seiner Intuition, mit seinen feinen Antennen für andere Menschen verbunden ist wie sie.

Konfrontation mit unserer seelischen Biographie

Das ist hochgradig anstrengend. Weil wir tagtäglich mit unserer eigenen seelischen Biographie konfrontiert werden. Denn nichts anderes sind Triggerpunkte. Stellen, an denen uns noch etwas wehtut. Stellen, an denen ein Schmerz sitzt. Ein Gefühl, ein Charakterzug, eine Seite an uns, die nicht gelebt werden durfte. Eine Erfahrung, die nicht aufgearbeitet werden konnte. Ein Erlebnis, das stattgefunden hat, als wir nicht im Stande dazu waren, es in unser Bewusstsein zu integrieren. Vielleicht, weil es dafür zu groß, zu schmerzhaft, zu schockierend war. Vielleicht, weil uns die kognitiven Fähigkeiten dazu fehlten.

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Kinder bringen jedoch mit diesem Verhalten, das uns so anstrengt und das uns so triggert, große Geschenke an uns mit auf die Welt. Denn wir dürfen durch sie viel über uns lernen. Wenn uns nämlich das Verhalten eines Menschen so stark berührt, nervt, anpiekst, aufwühlt, dann hat es in der Regel etwas mit uns selbst zu tun. Wir können nur mit Dingen in Resonanz gehen, die auch in uns liegen.

Wir dürfen in Resonanz mit uns gehen!
Nicht dagegen ankämpfen, sondern über uns selbst lernen

Wir können uns aufregen, uns anstrengen, unsere Kinder maßregeln und für das abstrafen, was sie in uns zum Klingen bringen. Oder wir können uns genauer angucken, was da in uns so stark in Bewegung gerät. Können uns unsere eigene Geschichte angucken. Detektivarbeit leisten. Aufspüren, was da in uns heile werden möchte und Zuwendung braucht. Herausfinden, was nicht sein durfte, aber zu uns gehört. Und damit ein riesiges Stück ganzer werden.

Es geht nicht darum, jede Situation, die uns nervt, jedes Warten auf freiwilliges Zähneputzen, jede langwierige Entscheidung über die Farbe der Strumpfhose oder jede Überschreitung unserer persönlichen Grenzen auf die Goldwaage zu legen. Doch können wir aus jeder Situation mit unseren Kindern so verdammt viel über uns selbst lernen. Über unsere Erwartungen, Ansprüche und Schmerzpunkte. Und wir können wachsen. Uns weiterentwickeln. Gemeinsam mit unseren Kindern.

Wir entwickeln uns weiter – gemeinsam mit unseren Kindern.

Dürfen wir denn dann jetzt gar nicht mehr in aller Ruhe genervt sein, wenn es mal wieder anstrengend ist? Doch, klar, dürfen wir. Und so oft es uns gelingt dürfen wir diese Situationen als großes Geschenk unserer Kinder an uns, als Einladungen des Lebens ansehen, etwas in uns zu heilen, dass irgendwann auf dem Weg zwischen unserem eigenen Damals und Heute kaputtgegangen ist.

2 Comments

  1. Liebe Juli, DANKE für diesen Beitrag, den ich mir heute aus gegebenen Anlass gleich zweimal angehört habe. Danke für deine aufbauenden Worte. Ich mag deinen Blog und v.a. Podcast sehr gerne, du hat mir schon öfter in Krisenmomenten echt geholfen und mich aufgebaut. Außerdem sind deine Beiträge auch sehr unterhaltsam :-) Alles Gute und weiter so! Liebe Grüße, Karin PS: Ich freu mich auf deine Bücher!

    1. Danke, du Liebe, für dieses schöne Feedback. Es freut mich zu hören, dass die Beiträge bei euch etwas bewirken. Das ist der größte Lohn meiner Arbeit. Ich freue mich schon sehr, euch bald mehr von meinen Büchern berichten zu können. Liebste Grüße!

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