Mütterliche Intuition – wie verlässlich ist eigenlich unser Bauchgefühl?

Aus dem Bauch heraus handeln, unserem Gefühl trauen, der eigenen Intuition folgen. Das klingt irgendwie paradiesisch. So nach Einklang mit sich und dem Universum. Nach innerem Weltfrieden. Ganz sicher ist es gut und richtig. Doch wie gut gelingt uns das eigentlich? Und wie praktikabel ist es für uns als Eltern?

Wissen wir tatsächlich immer aus dem Bauch heraus, was zu tun ist? Was unsere Kinder brauchen und was jetzt gerade das Richtige ist? Im Prinzip versuche ich mit diesem Text, der maximal so groß sein kann wie ein Topflappen, einen ganzen Landstrich abzudecken. Einen Landstrich des Elterndaseins, der so komplex und facettenreich ist, dass er ganze Bücher füllen kann.

Die innere Stimme als Navigationsgerät – doch die Realität geht oft andere Wege

Intuition und Bauchgefühl sind für jeden Menschen ein kostbarer Schatz. Nicht nur für Eltern. Wenn es uns gelingt, unsere innere Stimme – die richtige der vielen – wahrzunehmen und ihr zu folgen, kann sie das stärkste Navigationsgerät in Richtung erfülltes Leben sein, das es gibt. Und doch sind uns in der Realität oft die Wege dahin verstellt. Die Kanäle sind verstopft, der Alltag ist zu laut und wir zu sehr von unserer eigenen Biografie gebrannt, um diese Stimme überhaupt noch vernehmen zu können, geschweige denn ihr zu folgen.

Das geht schon Normalsterblichen so, im Elternleben verhält es sich oftmals noch einmal schwieriger. Da wissen wir häufig eben nicht intuitiv, was zu tun ist – auch wenn wir das manchmal glauben und uns darin gefährlich täuschen können.

Wir werden nicht als Eltern geboren

Viele junge Eltern wissen nicht automatisch, was es mit einem Neugeborenen auf sich hat, das brüllt wie am Spieß, was es jetzt am dringendsten braucht und wie man gut für das Kind UND für sich selbst sorgt. Schön, wenn es so ist. Doch das als gegeben vorauszusetzen, finde ich gefährlich und unzureichend. Es macht Druck.

JETZT DEN PODCAST ZUM THEMA ANHÖREN:

Denn wir werden nicht als Eltern geboren. Wir springen mit der Entbindung ins kalte Wasser und beherrschen manchmal nicht auch nur einen einzigen Schwimmzug. Wir halten uns strampelnd über Wasser. Denn oft fehlt uns die soziale Einbindung in große Familien, in denen soziales Wissen automatisch weitergegeben wird.

Elternsein ist der Sprung ins kalte Wasser.

Zudem können wir noch so viele Nichten, Neffen, Paten- und Nachbarskinder in der Schlaf geschuckelt haben, wenn das eigene Kind den schmerzenden Nippel anbrüllt und nicht trinkt oder das Fläschchen verweigert, sind wir in der Regel plötzlich nicht mehr auch nur halb so schlau. Das ist vollkommen normal. Weil wir emotional so tief drin stecken.

Hinzu kommt, dass auch das „Wissen“, das insbesondere seit den Generationen des Kaiserreichs und des Nationalsozialismus‘ weitergegeben wurde und das oft immer noch in uns nachklingt – selbst wenn wir noch so sehr auf Bindungsorientierung achten – ein für die Entwicklung von Kindern sehr fragwürdiges ist. Meine Oma „durfte“ nur alle vier Stunden stillen. Es hat sie innerlich zerrissen, ihr Baby schreien zu lassen, aber die Strukturen waren zu autoritär für den Widerspruch einer 18-jährigen jungen Frau. Nur ein Beispiel für diese Zeit.

Erziehung, Bildung, Schulpädagogik – all das war darauf ausgerichtet, gehorsame Soldaten heranzuziehen und keine mündigen, kompetenten und selbstbestimmten Individuen. Jede Mama, die sich innerlich schon einmal kurz gefragt hat, ob sie ihr Kind gerade verwöhnt, spürt die Nachwehen dieser Zeit. Auch heute noch.

Unser intuitives Wissen ist geprägt von Erfahrungen Anderer

Es muss nicht immer so drastisch sein. Doch ist das, was wir für unser intuitives Wissen oder Bauchgefühl halten, oft überschrieben. Von den Erfahrungen und Prägungen Anderer, von unseren eigenen Erlebnissen. Und dessen sollten wir uns bewusst sein.

So wichtig ich es für unser persönliches menschliches Glück finde, unserer Intuition wieder auf die Spur zu kommen, für so unumgänglich halte ich als Mama oder Papa den Schritt, über den inneren Tellerrand hinaus zu blicken und sorgsam zu prüfen, ob ich mit meinem Weg richtig liege.

Intuition gepaart mit Wissen

Ich brauchte und brauche als Mama Wissen. Wissen darüber, was gerade in diesem kleinen Menschen vor mir los ist. Was passiert gerade in seinem Gehirn? Was braucht er gerade am dringendsten, um sich seelisch und körperlich gesund zu wachsen? Was kann ich entwicklungsbedingt überhaupt von ihm erwarten? Wo steht mein Kind gerade und was hat sein Verhalten zu bedeuten? Da wäre ich mit meinem Bauch oft auf der Strecke geblieben und das ist keine Schande.

Ich hatte als Neugeborenenmama schon das tiefe Bedürfnis, meinen Kindern die Nähe zu geben, die sie brauchen – selbst wenn es viel mehr war als ich jemals kinderlos geahnt hätte. Ich ließ sie bei uns schlafen, stillte viel, trug, beruhigte, streichelte, schaukelte – was auch immer. Doch war ich auch manchmal unsicher, ob das denn wirklich „okay“ sei.

Ich wuchs in meine Rolle hinein und wurde sicherer, selbstbewusster auf unserem Weg. Doch ich merkte auch, dass dieser nicht für alle selbstverständlich und richtig ist. Dass ich Informationen will und brauche, die mir Sicherheit und Anregung geben. Die mir helfen, gute Entscheidungen für meine Kinder und unsere Familie zu treffen. Informationen, die mir meine Intuition nicht geben konnte. Doch was sie mir offenbarte: den Weg der Liebe und des Mitgefühls für meine Kinder und den tiefen Wunsch, sie nicht permanent zu begrenzen und kleinzumachen.

Mentoren helfen mir, das Richtige zu tun

In meinen vierjährigen Söhnen sehe ich jeden Tag, dass es das Richtige war. Dass ich mir meine Mentoren gesucht und sie zu solchen ernannt habe. Menschen, die mir auf Augenhöhe, respekt- und verständnisvoll erklären, wie ich dieses Mamading rocken kann, ohne mich zu verbiegen, ohne perfekt, rigide oder übernatürlich sein zu müssen und am Ende doch recht gut entwickelte Kinder dabei hervorzubringen.

Wegweiser helfen uns, das Richtige zu tun.

Ich brauche ihren Rat und ihr Wissen immer noch. Denn auf die eine Phase folgt die nächste. Und ich bin bis ans Ende meines Lebens Tag für Tag zum ersten Mal Mutter. Zumindest bei meinen Erstgeborenen. Zum ersten Mal Babymutter, zum ersten Mal Kleinkindmutter, zum ersten Mal Schulkind-, Teenie- oder Erwachsenenmutter.

Das ist okay. Ich darf mir Rat holen. Ich darf lernen und Erfahrungen sammeln. Darf mich umschauen und orientieren, darf immer auf Herz und Bauch hören UND gleichzeitig auf meinen Verstand, der prüft. Wofür sind wir mit beidem ausgestattet? Lassen wir sie gemeinsam ihre Arbeit tun.

Hilfreiche Literatur*:

Das gewünschteste Wunschkind: Blog

Bücher: Gelassen durch die Trotzphasen. / Gelassen durch die Trotzphasen.

Nora Imlau: So viel Freude, so viel Wut. Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten.

Dr. Herbert Renz-Polster: Blog

Bücher: Menschenkinder: Artgerechte Erziehung – was unsere Kinder wirklich brauchen.

Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt.

Remo H. Largo: Babyjahre. Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren.

Jesper Juul: Aggression: Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist.

Die heutigen Ansätze von Katia Saalfrank: Kindheit ohne Strafen.

 

*Dies sind affiliate Links. Wenn Du die Empfehlung über diesen Link kaufst, erhalte ich eine Provision, Dir entstehen dadurch keine Mehrkosten. Danke!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.