Familien und Social Media

Gruseliges Wunderland – was Social Media mit unserem Mamaleben machen kann

Ein mieser Morgen zwischen Aufstehen, Kinder in Kleidung diskutieren, das falsche Frühstück servieren und mit einer Geduld auf angezogene Schuhe warten, die eigentlich schon vor drei Tagen ihren Dienst quittiert hat. Ein Abend, an dem die Kinder zwar irgendwann im Bett liegen, aber die Küche und mein Inneres Zeichen von Zerrüttung tragen. Keine Rohkost-Mandalas und Gesichter aus Frischkäse-Schnittchen.

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Ich fühle Frust und Erschöpfung in mir aufsteigen. Will ich aber nicht fühlen und greife zum Handy. Tippe mich mit dem Daumen in das Paralleluniversum des quadratischen Glücks. Ich sehe ein Kleinkind, das sich an die Brust seiner Mutter schmiegt. „Mist“, denke ich, „wieso habe ich die Zwillinge nicht länger gestillt, vielleicht hätten sie das gebraucht?“

Überall echte Ordnung?

Mein Daumen schiebt mich weiter zum nächsten Bild. Eine Küche. Weißer Industriefliesenspiegel, Arbeitsplatten aus Massivholz, FREIE Flächen, Lebensmittel in hübsch etikettierten Gläsern aufbewahrt – Gläser ohne Spuren schmieriger Finger, ein Tisch ohne Krümel, geschmackvoll arrangierter Wildblumenstrauß, ein einzelnes Holzspielzeug eines nordischen Designers liegt einsam auf dem Lammfell auf der Küchenbank.

Zwischen meinen Augenbrauen gräbt sich eine steile Falte in meine Haut. Mein Stuhl klebt in einer getrockneten Pfütze Apfelschorle fest, unter meinem Fuß pappt eine zerkochte Nudel. Auf der Arbeitsplatte reihen sich Brotboxen an Gläser an bekritzelte Papierbögen an krümelige Brettchen an Socken und achtlos hingeworfene T-Shirts. Staub schmiegt sich um ein Glas, in das ich irgendwann einmal Müsli gefüllt habe, das niemand isst.

Chaos in der Küche Haushalt Familie
Spuren der Verwüstung

Missmutig lasse ich mir vom digitalen Leben die nächste Portion Frust servieren. Ich sehe das Bild dreier Kinder, die Hand in Hand mit einer Frau – vermutlich ihrer Mama – durch hohes Gras laufen. Das warme Abendlicht spielt in ihren Haaren, die eine sanfte Brise liebevoll um ihre Köpfe wehen lässt. Ich lese Worte von Nähe, Beziehung, Bindung und Augenhöhe.

Ich denke daran, wie ich mir meinen Sohn vorhin einfach irgendwann geschnappt und ihm eine Hose angezogen habe, nachdem mir Warten, Angebote machen und mit Engelszungen reden gereicht hat. Ein Versagensgefühl brennt eine Schneise in mein Herz und am liebsten würde ich jetzt irgendwo gegen treten. Ich habe es wieder nicht geschafft, die sanftmütige Lammfellmama mit der sauberen Küche zu sein. Ich hab ja noch nicht mal die richtige Arbeitsplatte dafür!

Schreiben gegen den Frust

Und dann schreibe ich. Von unserem Tag. Vom Scheitern und vom Schönen. Von Nudeln, die unter Socken kleben. Von löchrigen Nervenkostümen und gerissenen Geduldsfäden. Ich schreibe vom Lautwerden und vom sich Vertragen. Vom mein bestes versuchen und jeden Tag, jeden Moment eine neue Chance bekommen. Ich fülle den Text unter dem Quadrat mit meinem Leben. Mit unserem Leben. Das ich mir manchmal staub- und fettfleckfreier wünsche. Biologisch-dynamischer, Marie-Kondo-mäßiger, bindungsorientierter, nachhaltiger, montessorischer und mit einem hübschen Filter überlegt, der das Chaos an den Rändern mit Unschärfe überblendet.

Und dann lese ich. Worte derer Frauen, deren Heimat ebenfalls in anderen Welten liegt. Oft mit der Brücke der Sehnsucht zum Idealzustand verbunden. Manchmal wie ich verblendet von vermeintlichen Idealen, von denen niemand weiß, ob sie tatsächlich wahr sind. Oft zweifelnd, sich allein fühlend, scheiternd an Maßstäben, von denen niemand mehr genau weiß, woher sie eigentlich kommen.

Wir reichen einander digital die Hände

Es ist als würden wir einander die Hände reichen. Einen großen Kreis bilden, in dem wir alle Platz finden. In dem wir einander ins Gesicht sehen, uns voller Verständnis zunicken, mit den Augen ein stummes „Ich weiß genau, wie du dich fühlst“ schicken. Ein Kreis, der Platz für jede hat, die nach einem kräftezehrenden Tag ihren Weg durch skandinavische Farbpaletten und Weichzeichner stolpernd zu uns findet. Und dort stehen wir. Wir sind viele. Wir geben Kraft und Zuversicht und tanken gleichzeitig auf.

Mit einem Fingertipp können wir in Welten reisen, von denen wir nicht wissen, ob sie wirklich existieren. Doch ihre Wirkung auf uns ist immer real. Schönere Wohnungen, schönere Reiseziele, schönere Beziehungen und schönere Gefühle als wir sie haben. Die Bilderflut ist meist ungefiltert – ganz im Gegensatz zu den Momentaufnahmen, die unser Gehirn überschwemmen.

Es ist nicht alles gold, was glänzt.

Social Media macht etwas mit uns. Mit uns als Mamas. Mit uns als Frauen. Mit uns als Menschen. Wir öffnen eine App und wissen nie genau, was uns erwartet. Welche Informationen und Eindrücke gleich auf uns einströmen werden. Welche Gefühle wir uns abholen.

Welche Beiträge verfolgen wir?

Ein wenig Einfluss haben wir allerdings. Wessen Beiträge lesen wir? Wem „folgen“ wir? Mit unserer Aufmerksamkeit und damit auch mit unserem Fokus? Wessen Weltdarstellung nehmen wir unbewusst für wahr, indem wir uns von seinen Beiträgen leiten lassen?

Vielleicht wollen wir uns auch manchmal berieseln, ablenken und unterhalten lassen. Schön, wenn das gelingt. Wenn da nicht am Ende dieser fade Beigeschmack bleibt, selbst nicht gut genug zu sein. Als Mama. Als Frau. Als Innenarchitektin.

Wahre Schätze bergen

Und doch können wir in den Weiten sozialer Medien auch solche Schätze bergen. Ermutigung tanken. Die Gewissheit, nicht alleine zu sein in unserem Chaos. Austausch. Freundschaften. Echte Inspiration und wertvolle Anregungen. Wenn wir weise wählen.

Ich liebe das Internet. Ich liebe Social Media und all seine Möglichkeiten. Und genauso fürchte ich es. Und versuche so gut es geht klug zu entscheiden.

7 Comments

  1. Ich sitze mit meinem längst kalt gewordenen Milchkaffee am verwüsteten Frühstückstisch. Zwilling eins (Felix) ist im Treppenhaus verschwunden und übt sich im ohrenbetäubenden Sprechgesang, der definitiv auch alle Nachbarn wissen lässt, dass wir zu Hause sind. Zwilling zwei (Mathilda) hüpft relativ geräuschneutral auf dem Sofa und spielt irgendwas. Guter Moment zum Durchatmen und den neuen Beitrag auf doppelkinder.com zu lesen. Während ich schmunzelnd zustimmen muss, heute auch schon wieder nicht die perfekte Lammfell-Mama zu sein, ertönt die Stimme meiner Tochter: „Mama, die Katze hat auf den Teppich gekotzt!“ Und schon hat uns der Alltag wieder eingeholt, aber der kleine Ausflug in die virtuelle Parallelwelt und andere Mütteruniversen hilft doch, das eigene Chaos mit Humor zu nehmen.
    Liebe Grüße
    Nicole

  2. Hallo Juli,
    ein toller Beitrag! Danke dafür. Ich denke, wir müssen sogar noch einen Schritt weitergehen: Was leben wir unseren Kindern im Social Media vor? Das hilft bei der Gestaltung eigener Beiträge enorm, denn wären es unsere Kinder, die unsere Bilder sehen, wöllten wir sie nicht „anlügen“. Das Leben ist nicht perfekt und muss es auch nicht sein. Was wollen wir stattdessen zeigen? Was wollen wir eigentlich für eine Botschaft senden? Das sind die wichtigsten Fragen. Auch wenn es heute noch nicht unsere Kinder sind, die im Social Media unterwegs sind, so sind es aber junge Frauen, die vielleicht mal einen Blick aufs Elternsein werfen wollen oder die eigene Kinder haben und den Austausch suchen, Mut und Tipps. Das sollten wir uns immer bewusst machen 👍

  3. Oh, das kann ich nur allzugut nachfühlen. „Wie schaffen es andere, dass…?“ etc pp geistert mir dabei viel zu häufig durch den Kopf… Aber dann bin ich immer wieder froh, dass ich dein Profil ebenfalls in meiner Timeline habe, mit deinen großartigen Texten, die mich immer wieder zum schmunzeln bringen und sehr oft genau da abholen, wo ich gerade bin. Danke dafür!

    Liebe Grüße,
    Fiona

    1. Liebe Fiona, vielen Dank für diesen tollen Kommentar. Es freut mich so sehr, das zu lesen und ich bin wirklich sehr dankbar, für den Austausch mit euch! Liebste Grüße

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