Wie wir die Jungs auf ihr Geschwisterchen vorbereitet haben

„Und, freut ihr euch schon auf euer Geschwisterchen?“ Meine Söhne machen große Augen und eine Geste, irgendwas zwischen Schulterzucken und Nicken. Sie sind sich augenscheinlich unschlüssig, was ihr Gegenüber jetzt von ihnen erwartet und in sich finden sie gerade offenbar auch keine Antwort. Wie auch? Wenn der Mann und ich uns kaum ausmalen können, wie es mit dem kleinen X-Faktor wohl so werden wird, wie sollen es dann die Kinder?

Was mich vor allem gerade manchmal ein wenig stört, dass ihnen diese für sie so diffuse Frage so oft gestellt wird. Ich weiß. Das meint niemand böse. Und dieser niemand denkt auch nicht darüber nach, dass ihnen diese Frage derzeit möglicherweise auch von anderen Menschen gestellt wird. Und dass sie etwas mit den Kindern machen könnte in der Frequenz. Ich weiß. Da bin ich Glucke und möchte meine Söhne beschützen. Vor komischen Erwartungen. Vor innerem Druck. Vor Enttäuschung.

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Denn bestimmt finden sie ihren Bruder gut. Und bestimmt mögen sie es auch, große Brüder zu sein. Doch genauso bestimmt wird er sie mal nerven. Wenn er nur an der Mama klebt, die doch bislang quasi ihnen ganz allein (zu zweit – oder zu dritt, denn der Mann ist ja auch noch da) gehört. Sie ahnen noch nicht, wie es vielleicht insbesondere anfangs werden kann. Neu, ungewohnt, schmerzhaft vielleicht.

Sie waren wirklich unfassbar duldsame Schwangerschaftsbegleiter. Hörten sie doch ab einem gewissen Zeitpunkt sehr oft: „Mama, darf euch nicht mehr tragen.“ „Mama kann nicht mehr so schnell rennen.“ „Mama kann nicht mehr so wild toben.“ Ich stelle mir das an vielen Punkten für Vierjährige ziemlich ätzend vor.

Entspannt mit Kindern durch die Schwangerschaft.
Den Fokus richtig legen

Ich habe versucht, den Fokus so gut es ging anders zu legen. Ich habe dann nicht von den Dingen gesprochen, die jetzt gerade nicht gehen. Ich habe davon gesprochen, was irgendwann wieder möglich ist: „Wenn der Bauch weg ist und ich mich ein bisschen ausgeruht habe, dann hüpfe ich wieder wie wild mich euch über das Bett!“ (Mit freundlichen Grüßen an meinen Beckenboden.) „Wenn euer Bruder geboren ist, kann ich euch bald wieder auf den Arm nehmen.“ Solche Dinge eben.

Ich habe mich bemüht, in der Schwangerschaft für die Kinder das richtige Maß zu finden. Sie einzubeziehen, sie aber auch nicht zu überfrachten. Wir haben drei, vier Bücher, in denen Kinder Geschwister bekommen. Die Jungs haben sie sehr, sehr wenig angeschaut. Sie haben sie einfach nicht so sehr interessiert, und das ist okay. Ich fand es wichtig, ihnen das Angebot zu machen, aber sie entscheiden, wie viel sie es nutzen.

Mit Weingummi konnte der Bauchbruder nicht mithalten

Sie waren auch einmal mit beim Ultraschall. Ich hatte den Eindruck, dass sie irgendwie nicht ganz nachvollziehen konnte, was ihre Mutter an diesem seltsamen, farblosen Bild auf dem Monitor so bewegt. Und dass sie die Spielsachen im Wartezimmer und das Weingummi am Empfang deutlich spannender fanden. Das ist so, so okay. Denn sie sind Kinder, sie leben im Hier und Jetzt und sie leben ihr Leben, ihre Kindheit. Da muss sie so ein, im wahrsten Sinne des Wortes, ungelegtes Ei gar nicht so sehr interessieren.

Immer mal wieder habe ich ihnen Bescheid gesagt, wenn der Bauchbruder zappelt und strampelt, damit sie ihn fühlen können. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, wie viel sie davon wirklich mitbekommen haben. Denn jede Frau, die einmal schwanger war, weiß wie es mit diesen kleinen unsichtbaren Bauchbewohnern ist: Eben noch haben sie die eigene Körpermitte dermaßen zum Beben gebracht, dass man sich sorgte, das Baby einem könne sämtliche Organe umsortieren.

Bald liegt da jemand anderes.

Doch sobald man es auf Video festhalten oder einen Dritten daran teilhaben lassen möchte, tut sich nichts mehr. Wie bei einem Wal, der plötzlich wieder abgetaucht ist. Wenn das schon für erwachsene Ehemänner nervig ist, wie soll es dann für Vierjährige sein? Sie verlieren dann einfach recht schnell das Interesse. Verständlich.

Natürlich wünsche ich mir für sie, dass sie diese kleine, zauberhafte Erinnerung in ihr Herz fließen lassen können und noch jahrelang davon berichten werden. Doch erzwingen? Zwecklos. Die Themen Geschwisterchen, Veränderung und Geburt werden im Laufe einer Schwangerschaft ohnehin immer präsenter und präsenter. Ich wollte sie nicht noch größer machen und bin dabei meinem Gefühl gefolgt. Meinem Gefühl und meiner Beobachtung: Wie reagieren die Zwillinge und was könnten sie gerade brauchen?

Nicht romantisieren

Ich fand es wichtig, sie einigermaßen vorzubereiten. Nichts zu romantisieren. Ich habe ihnen erklärt, dass es anfangs vielleicht ein wenig komisch und nervig ist, wenn das Baby so viel an mir klebt. Dass ich aber diejenige mit den Brüsten bin, aus denen es erstmal trinkt. Dass ich mir Mühe gebe, ganz viel Zeit auch mit ihnen zu haben. Dass sie immer meine ersten Kinder bleiben werden, unumstößlich. Und dass sich alles auch immer wieder ändern wird.

Ihr Bruder werde erstmal nicht viel können. Rumliegen. Irgendwann wird er stillen können, aber auch das müssen wir üben. Windeln füllen. Quäken, Schreien. Habe ich irgendwas vergessen? So haben wir es ihnen erklärt. Wir haben das ein bisschen lustig erklärt, aber ohne es lächerlich zu machen. Haben gesagt, dass ein Baby für größere Kinder vielleicht auch manchmal ein wenig langweilig ist. Aber dass sich das auch ändert. Dass es dazulernt, greifen, robben, krabbeln und laufen lernt, dass es ihnen nacheifern und begeistert von ihnen sein wird.

Wir haben sie vorbereitet, so gut es eben geht

Nichts davon haben wir gebetsmühlenartig immer und immer wieder vorgetragen. Gelegentlich. Wenn es gerade passte. Wir haben mit ihnen über die Geburt gesprochen. So gut es geht. Weniger über den Ablauf. Viel mehr darüber, dass wir auch nicht genau wissen, wann es soweit ist. Aber dass es sein kann, dass irgendwann ganz überraschend die Oma morgens hier ist oder die Tante sie aus der Kita abholt und wir sie dann sofort anrufen, wenn der Bruder da ist. Damit sie Bescheid wissen. Damit sie ein bisschen vorbereitet sind. Das war mir wichtig.

Wir haben uns zwar dafür entschieden, ihnen zur Geburt ein kleines Geschenk zu machen. Jedoch gibt es dazu keine „Das hat euch der Bruder mitgebracht“-Geschichte. Ich würde mir dabei vorkommen, als würde ich die Intelligenz meiner Söhne beleidigen. Mit vier Jahren sind sie klug genug, sich und mich zu fragen, woher der Bruder im Bauch die Sachen bekommen hat. Ich käme mir dabei höchst bescheuert vor. Aber sie bekommen eine Kleinigkeit, weil wir mit ihnen feiern möchten, dass der kleine Mensch da ist. Und selbstverständlich auch, um sie ein bisschen positiv zu manipulieren, das gestehe ich ganz offen. Mit einem kleinen Augenzwinkern.

Es reicht, wenn sie einander mögen

Geschwister müssen einander nicht lieben. Es ist vollkommen ausreichend und schon ziemlich großartig, wenn sie einander mögen. So ähnlich habe ich bei Nicola Schmidt gelesen. Und es hat mir eine Last von den Schultern genommen. „Ganz genau!“, dachte ich mir und nickte innerlich heftig. Ich freue mich von ganzem Herzen, wenn meine Söhne einander lieben – keine Frage. Aber ich vermute, diese Liebe kann besser wachsen, wenn sie auf einen Boden ohne Zwang fällt und mit reichlich Freiraum und Freiwilligkeit gedüngt wird.

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