Geschwisterstreit – wie viel Zoff ist noch normal?!

Geschwister streiten sich. Menschen streiten sich, aber Geschwister eben oft besonders. Ich weiß das. Und ich kenne es. Schließlich habe ich selbst drei Geschwister und insbesondere unter uns drei Mädels ging es quasi jahrzehntelang oft hoch her. Jetzt, wo ich selbst Mutter bin, frage ich mich, wie meine Eltern das nervlich durchgestanden haben. Das und andere Dinge.

Die Zwillinge streiten. Und das nicht zu knapp. Das gehört zu ihrer Entwicklung dazu. In der Kita sind sie die dicksten Freunde, kaum übertreten der Mann oder ich die Türschwelle beginnen die Auseinandersetzungen. In der Regel körperlich, denn so machen das Vierjährige. Die führen keine intellektuellen Debatten über die Konkurrenz um Ressourcen.

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Die wichtigste Ressource, die unsere Kinder teilen, ist wohl elterliche Aufmerksamkeit. Essen gibt’s reichlich – auch wenn man das trotzdem nicht als Streitgrund ungenutzt liegen lassen muss, die Kinder wissen immer ganz genau, wie voll das Glas des anderen wahr, dafür brauchen sie nicht mal eine Milliliter-Markierung.

Familie als Trainingslager für zwischenmenschliche Beziehungen

Ich weiß also verstandesgemäß, dass sich Geschwister streiten. Und dass das nicht unbedingt von Nachteil ist. Zumindest nicht für das Sozialverhalten, über die mütterlichen Nerven müssen wir an dieser Stelle nicht sprechen. Ihre Familie ist ihr geschützter Raum, ihr Trainingslager für zwischenmenschliche Beziehung, ihr Bootcamp für gesellschaftlich anerkannte Handlungsweisen.

Und trotzdem fliegen hier zuweilen dermaßen die Fetzen, dass mich leise Zweifel beschleichen. Wie viel Streit unter Geschwistern ist normal? Wie viel prügeln sich vierjährige Jungs gemeinhin? Wie viel „den anderen ärgern“ gehört dazu, bis dahinter eine andere Botschaft steckt?

Aber wie viel Streit ist normal?

Ganz ehrlich? Von alleine weiß ich das nicht. Ich kenne mich auch nicht immer aus nicht aus mit Vierjährigen, ehrlich! Das ist wie bei allem im Mamaleben learning by doing. Die Kinder sind jetzt vier, sie sind jetzt gerade in Situation xy, also muss ich mich jetzt über die Dinge schlau machen, die sich brauchen, die in ihnen ablaufen, die sich entwickeln.

Da ist er wieder, der Punkt mit der mütterlichen Intuition. Welche ist ihre Stimme? Die, die gerne schimpfend dazwischen gehen und Sanktionen auf fliegende Fäuste und Füße aussprechen würde? Die, die sagt, dass das alles vollkommen normal ist? Oder die, die fragt, ob hinter dem einen oder anderen Zwist vielleicht doch mehr steckt?

Gleichgeschlechtliche Geschwister streiten mehr

Gar nicht so leicht. Also tue ich das, was ich immer schon getan habe, seitdem ich des Lesens mächtig bin. Ich informiere mich. Ich erfahre, dass sich gleichgeschlechtliche Geschwister tendenziell häufiger und heftiger streiten, je geringer der Altersunterschied ist. Aha. Zwillingsbrüder. Sehr gleichgeschlechtlich, sehr gleich alt. Sie tun dies unter anderem, weil ihre Bedürfnisse so ähnlich sind.

Gemeinsam unterwegs?

Dennoch gibt es Phasen, in denen mir die Konflikte mehr erscheinen, in denen mich das Gefühl nicht loslässt, dass es auch etwas mit mir, mit uns Eltern zu tun haben könnte. Ich bin kein Fan davon, dass insbesondere wir Mamas uns für alles, was in unseren Familien geschieht, innerlich zerfleischen. Aber ich möchte hinschauen. Und wenn es etwas an meinem Verhalten gibt, das ich ändern und womit ich das Wohlbefinden und die Entwicklung meiner Söhne unterstützen kann, dann ist mir das wichtig.

Insbesondere bei einem meiner Söhne habe ich das Gefühl, dass er in manchen Situationen Frust und Druck kompensiert, indem er sich fetzt. Mit seinem Bruder, aber auch mit mir. Kinder sorgen eigentlich sehr gesund für inneren Druckausgleich, auch wenn es für uns Eltern dann unbequem wird. Natürlich zeigen sie nicht bewusst etwa provozierendes Verhalten – je nach Alter sind sie dazu auch noch gar nicht in der Lage. Aber sie setzen gelegentlich eben solche Signale, die unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen sollen. Die sagen: „Es geht mir gerade irgendwie nicht gut.“

Wie präsent sind wir?

Das sind Phasen, in denen der Mann und ich uns dann reflektieren. Wie präsent sind wir mit unserer Aufmerksamkeit? Insbesondere im ersten Trimester, als mich Schwangerschaftsübelkeit und Müdigkeit immer wieder niederstreckten, gab es hier viel brüderlichen Zoff. Vermutlich, weil sie deutlich gespürt haben, dass mir Kapazitäten fehlen.

Manchmal ist der Streit auch ein Schrei nach Aufmerksamkeit.

Auch dieser Tage, angesichts der immer näher rückenden Babyzeit bitten mich die Jungs anscheinend immer mal wieder durch ihr Verhalten um mehr Aufmerksamkeit. Denn ich habe gerade oft viele Projekte im Kopf, die ich vor der Geburt noch abschließen oder auf einen guten Weg bringen möchte. Da darf ich mich immer wieder im Fokussieren und Loslassen üben.

„Nein“ – führt zu Frust, führt zu Streit

Manchmal beobachten der Mann und ich auch, dass die Kinder an solchen Tagen streitlustiger werden, an denen sie viele Neins kassiert haben. An denen wir stark den Takt vorgeben. An denen zu wenig Raum für Selbstbestimmung ist. Sie passen sich an und kooperieren. Immer voll und ganz im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Irgendwann können sie schlichtweg nicht mehr – in der Regel passiert das abends. Dann müssen sie irgendwo hin mit sich und ihrem Frust. Dann rasseln wir aneinander und sie auch.

Natürlich, ein Stück weit müssen wir alle – also auch die Kinder – immer wieder derartige Phasen akzeptieren und annehmen. Wenn Mamas in der Schwangerschaft schlapper sind. Wenn Umbrüche stattfinden. Weil es oftmals nicht anders geht in unserer Gesellschaft, in unserem modernen Leben, in dem uns unser Dorf fehlt und damit Menschen, die solche Lücken auffangen, Hände, die Kinder halten, wenn Eltern gerade selbst keine frei haben.

Wir tragen die Verantwortung

Doch es liegt immer in der Verantwortung von uns Erwachsenen. Wir führen dieses Leben. Wir führen unsere Familien und uns. Wir treffen die Entscheidungen, die unseren Alltag prägen. Unsere Kinder wählen da nicht. Und deshalb liegt es auch in unserer Verantwortung, ihre Reaktionen darauf abzufangen, zu lesen und darauf zu antworten – so gut es eben geht.

Ich merke immer wieder, dass es nicht die großen Würfe erfordert, die schnell Verbesserung bringen. Ein bisschen mehr Zugewandtheit in kleinen Situationen. Kekse bringen, obwohl das Kind sie sich selbst holen könnte. Noch 120 Mal an der Schaukel Anschwung geben, obwohl ich keine Lust habe. Kleine Exklusivzeiten mit nur einem Kind – und wenn es nur zehn Minuten sind, in denen wir uns gemeinsam Tierbilder anschauen. Meine Kinder aussprechen lassen, wirklich Blickkontakt herstellen, sie sehen und hören, fragen, was sie möchten, erklären, dass ich in den letzten Tage viel im Kopf hatte, mich dafür entschuldigen, versprechen, es zu ändern und das auch einzulösen.

Lernen, dass niemand perfekt sein muss

Daraus lernen Kinder viel. Sie lernen, dass niemand perfekt sein muss. Dass Eltern Fehler machen und korrigieren. Und sie lernen, dass sie uns wichtig sind und wir uns ihnen immer wieder zuwenden. Es bleiben am Ende des Tages immer noch genug Geschwisterstreitigkeiten für das Training des Sozialverhaltens übrig. Und da bemühe ich mich, ruhig zu bleiben. Verletzungen zu verhindern, neutral zu bleiben, nicht zu schimpfen, mit den Kindern alternative Lösungswege zu finden.

Das ist oft hochgradig anstrengend. Abstrafende Konsequenzen wären da manchmal leichter – und glaube mir, so manches Mal wäre mir danach zu Mute! Aber es hilft mir, das langfristige Ziel im Auge zu behalten: Kinder, die zu Erwachsenen werden, die mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen in Kontakt stehen. Die sich selbst und andere sehen. Die sich nicht abwerten, sondern stark durchs Leben gehen.

 

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