Zwillingsmama Nadine

Zwillinge stillen: Vom schwierigen Start zum Ruhepol im Alltag – Nadine erzählt

Den steinigen Weg, bis die Zwillbos halbwegs entspannte „Stillinge“ waren, werde ich wohl niemals vergessen. Doch es ist möglich, man kann Zwillinge – durchaus auch nach eine, Kaiserschnitt – stillen. Diese Erfahrung hat auch Nadine gemacht. Heute teilt die Mutter eines Zwillingspärchens ihre Still-Erfahrung mit uns.

ACHTUNG: Falls du gerade schwanger sein solltest, möchte ich dich bitten abzuwägen, ob du diesen Beitrag jetzt schon liest. Ich möchte nicht, dass du dir aufgrund hier geschilderter individueller Erfahrungen unnötige Sorgen machst.

Alles Liebe,

Juli

 

„Unsere Zwillinge wurden im Dezember 2015 nach einer nicht ganz unbelasteten Schwangerschaft geboren. In der 29. Woche wurde ich nach meinem allerersten CTG ganz unerwartet direkt von der Frauenarztpraxis ins Krankenhaus gebracht. Mein Gebärmutterhals war verkürzt und ich hatte Wehen. Die fünf schlimmsten Tage der Schwangerschaft folgten – mit Ungewissheit darüber, ob die Wehensenker anschlagen würden und wie fit unsere beiden Kinder im Falle einer vorzeitigen Geburt sein würden.

Schließlich konnte ich mit weitestgehendem Bewegungsverbot und einer dicken Erkältung, die mich noch bis zum Ende meiner Schwangerschaft begleiten sollte, wieder entlassen werden. Das letzte Trimester war außerdem von starken Schmerzen und Schlafmangel geprägt. Als Weihnachtsgeschenk quasi, bekam ich vier Tage vor dem geplanten Kaiserschnitts – der führende Zwilling – befand sich in Beckenendlage – noch eine Magendarm-Grippe. Kurzum: Es ging mir echt dreckig.

Versuch angedacht

In der 28. Schwangerschaftswoche hatte ich zuvor meine Hebamme kennengelernt. Sie fragte mich, ob ich die Zwillinge stillen wollte, und ich antwortete damals wahrheitsgemäß, dass ich es versuchen wolle. Dass ich mir aber auch keinen Stress machen würde, falls es auf Anhieb nicht klappen würde.

Das war eine völlig emotionslose Standard-Antwort. Ich hatte mich mit dem Thema Stillen ehrlich gesagt gar nicht auseinandergesetzt. Ich hatte mich auch mit so gut wie gar nichts, was die Zeit nach der Geburt betraf, beschäft. Das mag sich naiv anhören, vielleicht war es das auch. Aber ich war aufgrund der oben beschriebenen Dinge mental gar nicht mehr in der Lage dazu. Ich hatte einfach keine Kapazität mehr, um mich mit etwas anderem auseinanderzusetzen als dem Hier und Jetzt.

Stillerfahrung aus zweiter Hand

Julis Berichten auf dem doppelkinder-Blog und den Erfahrungen meiner Schwägerin hatte ich es zu verdanken, dass ich über das Stillen überhaupt etwas wusste. Durch meine Schwägerin war mir bewusst, wie belastend es für eine Mutter sein kann, stillen zu wollen und nicht zu können. Sie hat bei ihrem Erstgeborenen wirklich alle Register gezogen, mit dem Ergebnis, dass am Ende Mutter und Kind total gestresst und gefrustet waren und nach 4 Wochen die Zufütterung nötig wurde.

Ich ahnte also,  Stillen würde nicht leicht sein, und die Wahrscheinlichkeit, gleich zwei Kinder stillen zu können, erschien mir sehr gering. Durch Juli wusste ich aber folgendes:

1. Man kann Zwillinge stillen.  

2. Es würde sehr wahrscheinlich weh tun.

Der 2. Punkt war in meinem Fall sehr wichtig. Ich konnte mich schon im Vorfeld darauf einstellen und wusste, dass Schmerzen völlig normal waren und nicht unbedingt auf einen persönlichen Fehler zurück zu führen sein würden. All das zu wissen, nahm schon viel Druck heraus.

Als die Zwillinge dann bei zu Beginn der 38 Schwangerschaftswoche zur Welt kamen, wurden sie mir von der betreuenden Hebamme einfach direkt angelegt, was ich sehr gut fand. Am Abend pumpte ich zum ersten Mal ab, ganze 13 Milliliter. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich darüber freute. Zwillinge kriegen? Ach, ein Klacks. 13 Milliliter Muttermilch? Der Wahnsinn!

Erstes Anlegen im Krankenhaus. Foto: Nadine

Ich hatte ganz allein Nahrung für meine Kinder produziert. Mein Ehrgeiz war geweckt. Und die ersten Tage lief es ganz gut. Die angekündigten Schmerzen waren da, vor allem von der sich zusammenziehenden Gebärmutter.  Aber sie waren auszuhalten. Leider verloren die Babys mehr an Gewicht als erwartet, so mussten wir schließlich Stillproben machen. Diese Praxis ist ja umstritten, aber in unserem Fall wirkte es sich motivierend aus. Es klappte, aber sehr schleppend.

Als wir nach fünf Tagen schließlich nach Hause durften, stellte mein Sohn das Trinken an der Brust allerdings vollständig ein. Mein Mann fuhr noch am selben Abend kurz vor Ladenschluss los, um Pre-Milch zu kaufen. Ich pumpte ab und versuchte, dem Baby etwas mit dem Löffel einzuflößen, aber es verweigerte jede Nahrungsaufnahme. Unser Sohn beschloss, erst mal ein achtstündiges Nickerchen zu machen, und ließ seine Eltern völlig verzweifelt zurück. Was machten wir nur falsch?

Gelassene Hebamme

Als unsere Hebamme am nächsten Tag kam, behielt sie völlig die Ruhe, wofür ich ihr noch heute sehr dankbar bin. „Alles total normal,“ lautete ihre gelassene Aussage, „der verhungert nicht freiwillig. Einfach immer wieder anbieten.“ Sie hatte Recht: Nach kurzer Zeit schon pendelte sich alles wieder ein. Ich konnte die Zwillinge schließlich sogar ohne Hilfe tandem stillen. Und so steht die Pre-Milch noch heute ungeöffnet in unserer Speisekammer.

Unsere Hebamme gab den Kindern auch für die Gewichtszunahme die Zeit, die sie brauchten und bestimmte diese nicht nur stur nach Tabelle. Die Schmerzen aber nahmen in den ersten drei bis vier Wochen immer weiter zu. Auch hier versorgte mich unsere Hebamme nicht nur mit guten Mittelchen und lieben Worten. Nach zwölfstündigem Clusterfeeding und einer Nacht, in der mein Mann mir die Kinder anlegen musste, weil ich nur noch heulend dasaß, gestattete sie mir Schmerzmittel zu nehmen, wenn es gar nicht mehr anders ging. Das änderte alles, danach ging es wirklich bergauf.

Es hat sich gelohnt

Meine aufgerissenen, wunden Brustwarzen heilten langsam ab und etwa acht Wochen nach der Geburt war ich beim Stillen schmerzfrei. Doch die ersten Wochen waren nicht nur wegen der Schmerzen schwierig. Ich konnte nur im Sitzen schlafen, weil ich noch nicht kräftig genug war, mich nachts ohne Hilfe zum Stillen im Bett aufzusetzen. Im Liegen zu stillen funktionierte bei mir leider gar nicht, obwohl ich es immer wieder versuchte. Und so quälte ich mich durch die ersten Wochen – doch ich finde, es hat sich gelohnt.

Als ich glaubte, wir hätten nun unseren Rhythmus gefunden, änderte sich nach etwa vier Monaten unsere Stillroutine. Die Kinder waren fürs Tandemstillen zu groß geworden. Für mich brachen dadurch wieder anstrengende Zeiten an. Die Beiden nur noch nacheinander in den Schlaf begleiten zu können, kostete mich sehr viel Kraft. Fast immer lag ein Zwilling tagsüber heulend neben mir, während ich den anderen stillte.

Müde Mama, satte Babys. Foto: Nadine

Ich stillte weiter nach Bedarf, auch nach der Beikosteinführung. Gerade unsere Tochter zeigte bis zum ersten Lebensjahr wenig Interesse an fester Nahrung, so dass sie teilweise einfach auf meine Milch angewiesen war.

Etwa mit einem Jahr änderte sich unsere Stillroutine erneut. Die Zwillinge waren nun mobil genug, um vor mir sitzend zu stillen. Als ich eines Tages noch oben ohne da saß, kam ein Zwilling an und bediente sich einfach. Zu der Zeit etwa wuchs auch der Druck von außen, die Kinder doch endlich abzustillen.

Druck von außen wächst

Es war interessant, den Wetterumschwung zu beobachten. Waren im ersten Jahr die Leute einfach nur beeindruckt, dass ich Zwillinge stillte, änderten sich die Meinungen mit Beginn des zweiten Lebensjahres radikal. Immer wieder kamen Fragen, ob ich immer noch stillte, wie lange ich noch stillen wollte und so weiter. Sogar unsere Kinderärztin riet zum Abstillen, der Zähne wegen. Auch, dass die Kinder noch nicht durchschliefen wurde ausschließlich aufs Stillen geschoben.

Aber wenn ich tagsüber beobachtete, wie autonom meine Kinder sich das Stillen einforderten und welchen glücklichen Gesichtsausdruck die Beiden danach hatten, stand für mich fest, dass ich sie nicht zwanghaft abstillen würde.

Als die Zwillinge 14 Monate alt waren, bekamen wir unser selbstgebautes Familienbett. Es war für uns alle die beste Entscheidung: Danach hatten wir endlich wieder entspannte Nächte. Mein Mann musste zwar lange dazu überredet werden, findet sich aber mittlerweile damit ab. Endlich waren die Kinder auch groß genug, um beide gleichzeitig im Liegen zu stillen. Das änderte unser Stillen erneut und machte alles deutlich entspannter.

Zwillinge kuscheln. Foto: Nadine

Vor Kurzem wurden unsere Zwillinge zwei Jahre alt, und wir stillen immer noch. Die beiden wachen nachts immer noch häufig auf, aber meistens bekomme ich es gar nicht mit. Die Kinder bedienen sich selbst und ich schlafe weiter. Ich vermeide es allerdings, in der Öffentlichkeit zu stillen. Erst durch meine Kinder wurde mir klar, wie sehr die Brust in unserer Gesellschaft sexualisiert wird. Selbst in meiner eigenen Familie stieß unsere Stillbeziehung nicht immer nur auf Akzeptanz. Oft genug habe ich erstaunte Blicke bis hin zum Angestarrt werden ertragen müssen.

War es das alles wert? Auf jeden Fall! Letztlich geht unsere Stillbeziehung nämlich nur unsere Kinder und mich etwas an. Mir ist unwichtig was die Leute denken, mir ist nur wichtig, was meine Kinder denken. Und solange die beiden ihr „Nununana“ einfordern, solange stille ich weiter.

Stillen – eine große Erleichterung

Ich wurde oft gefragt, ob mich das Stillen nicht belasten würde. Mein Mann hatte erst einmal nur einen Monat Elternzeit genommen (was waren wir naiv), und so war ich vier Wochen nach der Geburt mit den Zwillingen tagsüber fast immer allein. Mein Gehirn war nach der Schwangerschaft dermaßen im Ausnahmezustand, dass ich mir gar nicht vorstellen mag, wie es gewesen wäre, hätte ich allein den Überblick über Mischverhältnis, Trinkmenge, Aufbewahrungszeit und Sterilisator behalten müssen. Ich wäre ganz sicher kläglich gescheitert.

Sicherlich war das Stillen am Anfang sehr anstrengend, aber eben auch einfach. Und mit dem Beikoststart wandelte es sich von der reinen Nahrungsquelle zur Beruhigungsquelle. Auch heute kommen wir drei noch, wenn die Kinder durchdrehen, alles über uns zusammenbricht und die Welt einfach gemein ist, auf dem Sofa oder sonstwo zusammen und „stillaxen“ eine Runde. Ich kann also sagen, dass mich das Stillen im Alltag nicht belastet. Im Gegenteil, es verschafft den Kindern und mir kleine Ruhepausen, für die ich sehr dankbar bin.“

DANKE für deinen offenen Bericht, Nadine!

>>>>HIER findet ihr die übrigen Stillgeschichten der Blogparade „(Ab-)gestillt“…

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