Falsche Wimpern vs. echte Hohlvene

Ich habe einen neuen Coup in Sachen Schwangerschaftserfahrung gelandet. Ja, es ist wahr! Wenn man mit Kugelbauch zu lange auf dem Rücken liegt, kann den dicken Käfer schon mal eine Ohnmacht anstoßen.

Mein Mann fand, es sei an der Zeit, dass ich mir als wandelnde Brutstation mal etwas gönne. Und zwar etwas, das nichts mit Babys zu tun hat. So überkam mich von jetzt auf gleich eine tollkühne Idee: Ich wollte Wimpern-Extansions! Auf sowas können ja nur Frauen kommen: Man lässt sich in stundeanlanger Friemelarbeit an die eigene, nur rudimentär ausgebildete Augenbehaarung künstliche Wimpern kleben. Obschon eine Instanz in meinem Kopf, die offenbar noch nicht komplett den Verstand verloren hatte, raunte „Das ist eine bescheuerte, überteuerte unnötige Idee“, machte ich mich umgehend im Netz auf die Suche nach einem einigermaßen vertrauenserweckendem Salon, der zügig einen Termin für mich frei hat. Am besten sofort, bevor die sinnentleerte Idee wieder uninteressant wird.

Wenn’s schnell geht, macht nix

Ich strich drei Afro-Shops in der Innenstadt von der Liste der infrage kommenden Dienstleister, da ich mir nicht ganz sicher war, ob ich mutig genug bin für Wimpernkleberei in verhältnismäßig exotischer und gleichwohl familiärer Atmosphäre. Für ein solches Unterfangen brauchte ich das Gefühl von professioneller Distanz und zwei der Läden kannte ich aus meiner Hochzeitsvorbereitungsphase, als ich mir unbedingt Clip-in-Extansions für die Wallemähne kaufen wollte (was ich übrigens dann doch gelassen habe). Ein Friseur-Salon blieb übrig, und die Inhaberin zitierte mich gleich für den nächsten Vormittag, an dem ich auch noch zuuuufälligerweise frei hatte, in ihr Geschäft.

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So betrat ich an einem frühlingshaften Donnerstag um 10.25 Uhr ein etwas in die Jahre gekommenes Friseurgeschäft in der Stadtmitte. Begrüßt wurde ich von einer blondierten Endvierzigerin, drei jungen gepiercten und tätowierten Mädels (ist das mittlerweile eigentlich eine Einstellungsvoraussetzung in der Branche?) und einem strubbeligen, kurz- und krummbeinigen Terrier-Mix. Professionelle Distanz hätte ich im Ganzen jetzt anders beschrieben, aber irgendwie fand ich die alle gut.

Nachdem die Chefin noch flux ’nen Kaffee gekippt und Terrier Murphy zur Räson und aus meiner Handtasche gerufen hatte, ging’s los. Ich platzierte meinen körpermittig runden Leib auf einer Liege. Noch während ich im Hinlegen begriffen war, zog eine Warnung, die ich in jüngster Zeit wiederholt gelesen habe, durch die frühvormittäglichen Nebelschwaden meines hormongefluteten Schwangerschaftsgehirns. Diese lautete in etwa so: „Wenn eine Schwangere längere Zeit auf dem Rücken liegt, drückt die Gebärmutter mit dem Kind auf die große Hohlvene. Durch den Druck fließt weniger Blut zum Herzen zurück. Die Folgen sind Schwindel, Atemnot oder kalter Schweiß.“ Konnte ich mir aber nicht vorstellen. So dick war mein Bauch ja noch nicht…und wie doll sollen zwei 400-Gramm-Zwerge schon drücken…?

Schweißausbruch und Schwindelgefühle

Etwa sieben Minuten später wusste ich, was für meinen speziellen Fall die Formulierung „längere Zeit“ bedeutet und wie doll 800 Gramm Kind plus Gebärmutter und Versorgungstrakt drücken können. Mir wurde es mit einem Mal ganz blümerant. Etwas verlegen fragte ich die Chef-Friseurin, ob man das ganze Prozedere – drei Wimpern klebten vermutlich schon – auch im Sitzen fortsetzen könne. „Aaaach, da machen wir einfach öfter mal Päußchen“, flötete das wasserstoffgebleichte Ruhrpott-Original. „Ich muss mich ganz dringend mal hinsetzen“, brachte ich noch über die Lippen, als mir schon schwindelig wurde, kalter Schweiß den Rücken runter lief und es anfing, in meinen Ohren zu rauschen. Vermutlich wurde mir auch schwarz vor Augen, aber die waren wegen der Verlängerungsaktion zugeklebt.

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Die Damen verfrachteten mich in den Stuhl vorm Waschbecken und ich befahl meiner Atmung und meinem Panikzentrum, Ruhe zu bewahren und meinem Schamgefühl, sich aus dem Laden zu scheren. Einatmen – ausatmen. Nicht an die Kundschaft im vorderen Teil des Geschäfts denken. Zum Glück begann mein Blut wieder zu zirkulieren, bevor ich mich auf den Boden warf und die Füße irgendwo hochlegte – aber schön war’s nicht.

Kinder wohlauf

Artig spulte mein Hirn eine weitere Schwangerschaftsweisheit ab: „Ihr Kind kommt bei einer Ohnmacht nicht zu Schaden, seine Blutversorgung wird zu Ihrem Nachteil aufrecht gehalten.“ Kurze Zeit später kam die Bestätigung aus dem Bauch. Die Gebrüder Scharno vollführten ein paar zackige Purzelbäume und mein Herz wurde etwas leichter. Den Rest der Klebe-Session verbrachte ich in unbequemer, halb sitzender Position im Sessel vor dem Haarwaschbecken.

Ohne mit den eigenen falschen Wimpern zu zucken, disponierte die Salon-Chefin um und schaffte das gesamte Equipment zu mir rüber. Spätestens alle zehn Minuten musste ich mich zwar wieder aufrecht hinsetzen, weil der Schwindel zurückkehrte, aber insgesamt haben wir das ganze gemeinschaftlich relativ würdevoll hinter uns gebracht. Vermutlich waren die Damen dennoch froh, als sie das Walross mit dem instabilen Kreislauf schließlich los waren. Sie haben es mich aber nicht spüren lassen. Ob ich das ganze in vier Wochen mit noch mehr Kind im Bauch allerdings erneut über mich ergehen lasse, weiß ich noch nicht.

Ich überlege übrigens seit dieser Grenzerfahrung, ob eine abgeklemmte Hohlvene in irgendeiner Verbindung zu hohlen Ideen steht…

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