Blockseminar zum Kinder bekommen: Der Geburtsvorbereitungskurs

Mein bisheriges Verhältnis zu Geburtsvorbereitungskursen war ungefähr das gleiche wie das zu Netzwerkpartys oder Makramee-Knüpfen. Es existierte nicht. Vor Kurzem hat sich das geändert – zumindest, was die Geburtsvorbereitung angeht. Unsere liebste Frau Heb selbst gibt keine Kurse, aber gute Empfehlungen. Und als sie uns fragte „Wollt ihr’s klinisch oder emotional?“ war zumindest mir sofort klar, wo die Reise hin gehen soll. Von all den Fakten, in welchen Abständen Wehen kommen können und sollen, und wie genau eine PDA gelegt wird, kann und will ich mir eh nichts merken. Außerdem bin ich ja doch ein bisschen Hippie im Herzen und war auf das von Frau Heb angekündigte „Wehen-Singen“ gespannt – und ziemlich skeptisch.

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Skepsis.
Arbeitszeittechnisch kommt es uns ganz gut zu pass, dass der Kurs kompakt an einem Wochenende stattfinden sollte – also zwei Mal sieben Stunden die Niederkunfts-Vollschelle, immer her damit! Die Stimmung in unserer Küche, bevor wir uns am Samstagmorgen auf den Weg machten: leicht angespannt und gereizt. Ich war müde und mein Mann anti. Das sind ja wohl die besten Voraussetzungen, wenns ans Thema Entbindung geht!

Wollsocken und 500 Hausgeburten

Mit fünf weiteren Pärchen – zu 99 Prozent in bunten Wollsocken (mein Mann hat das boykottiert und meine waren uni dunkelblau) – und einer Hebamme, die in der Realität gar nicht so sehr nach esoterischer Kräuterfrau aussieht, wie in meiner Fantasie, starten wir die obligatorische Begrüßungsrunde. Schnell registrierten wir: Soooo waaahnsinnig alternativ sind die anderen auch nicht unterwegs. Wir entspannen uns ein wenig. Unsere Kursleiterin – nennen wir sie Urigella (ihr Name klingt auch im wahren Leben wahnsinning magisch, soll aber echt sein) – ist die ungekrönte Königin der Hausgeburten. Mehr als 500 Kindern hat sie in den jeweils heimischen vier Wänden bereits auf die Welt geholfen. Obwohl ich mir selbst – zumindest vor diesem Kurs – nie hätte vorstellen können, zuhause zu entbinden, bin ich schwer beeindruckt.

Ich schätze Urigella auf um die 50 und sie hat vertrauenserweckende blaue Augen. Nicht die schlechteste Voraussetzung für ihren Job. Was mir total gut an ihr gefällt, dass sie mich und meine Zwillingsschwangerschaft vollkommen normal – und nicht wie ein seltsames Wesen aus dem All behandelt. Spontane Entbindung? Gar kein Problem, auch gerne mit den Füßen zuerst. Naja, letzteres ist wohl weniger mein Fall, aber so viel Zuversicht tut trotzdem gut.

Ein Gefühl von Machbarkeit

Die folgenden Stunden entspannen wir uns, atmen tief in den Bauch hinein (und wieder aus), freuen uns aufs Mittagessen (ich), erfahren, wie es einer Frau in den Wehen emotional geht und was sie und ihre Begleitung tun können, um das Event Geburt bestmöglich über die Bühne zu kriegen. Nämlich loslassen und körpereigene Potenziale nutzen. Ich weiß nicht genau wie, aber Urigella schafft es, mir meine schlimmsten Ängste zu nehmen, Bilder von Stunden voller pausenlosem Schmerz und Pein aus meinem Kopf zu tilgen und mich sogar irgendwie ein bisschen neugierig zu machen. Irgendwas in mir flüstert schließlich „Okay. Es ist machbar.“

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Wir entspannen uns.
Außerdem tut es gut, mit anderen werdenden Eltern zu plaudern und zu erfahren, dass viele von ihnen die gleiche Fahrt auf der emotionalen Achterbahn gebucht haben. Und auch Urigella versichert: „Das ist vollkommen normal. Es ist ein bisschen so, als werde die Frau in der Schwangerschaft ebenso empfindsam gemacht wie ihr Kind, damit dieses schon mal einen Verbündeten auf der Welt hat.“ Na prima, ich würde zwar auch so zu meinen Jungs halten (Ehrenwort!), aber gut…

Wehen-Singen für Einsteiger

Irgendwie sind wir bereits nach kurzer Zeit eine eingespielte Truppe. Kurz vor der ersten Mittagspause sind wir schließlich bereit, uns dem Wehen-Singen zu widmen. Angucken dürfen wir uns dabei nicht – akute Lachkrampf-Gefahr! Also werden die Fenster und Augen geschlossen und Urigella stimmt an. Eigentlich ist es im Endeffekt auch nur halb so peinlich wie angenommen. Wir atmen tief in den Bauch ein und mit einem leicht brummenden A, E, U oder O wieder aus.

Das Zwerchfell vibriert, die Zwillinge finden es super und liefern die Choreographie dazu. Ich muss zugeben, dass ich eher leise vor mich hinbrumme. Doch ich kann mir schon gut vorstellen, dass man innerlich und körperlich lockerer wird, wenn man in den unteren Tonkategorien Geräusche von sich gibt, als wenn man sich völlig zusammenreißt oder in nobler Scheu vor sich hin piepst.

Ende gut, alles gut?

Tag zwei gestaltet sich ganz ähnlich. Wir starten mit einer Massage (nach der ich leichte Ischias-Schmerzen habe), erfahren allerhand über mögliche Geburtspositionen, die verschiedenen Phasen der Entbindung und über die erste Zeit als Eltern. Am Ende sind der werdende Zwillingsvater und ich uns einig: Das wird das Abenteuer unseres Lebens. Aber: Wir können uns nun etwas besser vorstellen, was uns möglicherweise erwartet und welche Entscheidungen wir treffen möchten. Wir fühlen uns etwas mutiger. Und das ist doch ein großer Fortschritt!

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